Yosher

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Die 10 Sefirot und die 22 sie verbindenden Pfade des kabbalistischen Lebensbaums. Bezieht man dieses Diagramm auf den irdischen Menschen, so entspricht die rechte Seite der rechten Körperhälfte, die linke Seite der linken Körperhälfte - es ist also ein Bild des Menschen, wie es von hinten bzw. aus der Eigenperspektive gesehen wird. In freimaurerischen und rosenkreuzerischen Darstellungen wird der Mensch meist von vorne betrachtet und im Diagramm erscheinen dann die linke und rechte Seite vertauscht.

Yosher (auch Josher, hebr. ישר), die Gerade, ist in der Kabbala nach der Lehre Isaak Lurias neben dem Kreis (hebr. עִגּוּל igul) das zweite bestimmende geometrische Gestaltungselement des Schöpfungsprozesses. Durch den Zimzum, den Rückzug der Gottheit, hatte sich in dem unendlich-unbegrenzten Ain Soph (hebr. אין סוף nicht endlich) ein kreisförmiger Leerraum gebildet. In diesen fiel ein feiner Strahl göttlichen Lichts und brachte die Schöpfung in Gang. Zuerst wurde Adam Kadmon, der himmlische Mensch, aus diesem reinen göttlichen Licht geschaffen. Aus Mund, Augen und Stirn des Adam Kadmon traten dann die Lichter hervor, aus denen die 10 Sephiroth geschaffen und in geeignete Gefäße gefasst wurden.

Kreis und Gerade finden sich wieder in den beiden üblichen Darstellungsformen des Sephiroth-Baums. Sein erstes bzw. zweites Entwicklungsstadium, in dem es zum Bruch der Gefäße kommt, wird durch ein System konzentrischer Kreise dargestellt. Im dritten Stadium, dem der Wiederherstellung, erscheint der Sephiroth-Baum in aufgerichteter Gestalt mit drei tragenden Säulen. Hier ist die Gerade das bestimmende Gestaltelement. Diese Form entspricht dem aufgerichteten, moralisch aufrechten Menschen (hebr. אדם ישר adam jashar). Gerade, die nach den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets benannt sind, verbinden hier die Sephirot miteinander und vereinigen sie zu einem harmonisch zusammenwirkenden Ganzen.

Im Kreis-Stadium wirkt das Licht gestaltend von der Peripherie herein. Im Geraden-Stadium strahlt die Gestaltungskraft vom Zentrum des Kreises aus. Beide Kräfte wirken nicht (nur) zeitlich nacheinander, sondern wirken (auch) unmittelbar zusammen. Genau in diesem Sinn hat Rudolf Steiner den bekannten Begriff des Tohuwabohu (hebr. תֹהוּ וָבֹהוּ) erklärt. Die hebräische Überlieferung gibt noch ein genaueres und lebendigeres Bild dieses Urchaos, aus dem die Welt entstanden ist, und dieses Bild lässt sich aus dem gestaltenden Charakter der Laute der Hebräischen Sprache nachempfinden. Steiner gibt dazu folgende Anregung:

"Der Laut, der da unserem T sich vergleichen läßt, der regt an ein Bild des Auseinanderkraftens von einem Mittelpunkt nach allen Seiten des Raumes, nach allen Richtungen des Raumes. Also in dem Augenblick, wo man den T-Laut anschlägt, wird angeregt das Bild von einem aus dem Mittelpunkt nach allen Richtungen des Raumes Auseinanderkraften, ins Unbegrenzte hin Auseinanderkraften. So daß wir uns also vorzustellen haben das Ineinandergewobensein der Elemente Wärme, Luft und Wasser und da drinnen ein Auseinanderkraften wie von einem Mittelpunkt aus nach allen Seiten, und wir würden dieses Auseinanderkraften haben, wenn nur der erste Teil des Lautgefüges da wäre, tohu.

Der zweite Teil, was soll er ergeben? Er ergibt nun genau das Entgegengesetzte von dem, was ich eben gesagt habe. Der regt an durch seinen Lautcharakter — durch alles das, was wach wird in der Seele bei dem Buchstaben, der sich mit unserem B vergleichen läßt, Bet —, der regt an alles das, was Sie im Bilde bekommen, wenn Sie sich eine mächtig große Kugel, eine Hohlkugel denken, sich selbst im Inneren vorstellen und nun von allen Punkten, von allen inneren Punkten dieser Hohlkugel wiederum Strahlen nach innen sich denken, nach dem Mittelpunkt hereinstrahlend. Also Sie denken sich dieses Bild, einen Punkt inmitten des Raumes, von da aus Kräfte nach allen Richtungen des Raumes ausstrahlend, tohu; diese Strahlen sich gleichsam an einem äußeren Kugelgehäuse verfangend, zurückstrahlend in sich selber, von allen Richtungen des Raumes wieder zurück, dann haben Sie das bohu." (Lit.: GA 122, S. 47)

Indem diese beiden Kräfte zusammenwirken, die eine, die mit dem tóhu zentrifugal auflösend nach außen strahlt, und die andere, die mit dem bóhu, zentripedal verfestigend nach innen strebt, beginnt sich die Schöpfung zu formen. Das ist das Urgeheimnis aller Formentstehung; in ihr wirken die physischen Zentralkräfte zusammen mit den ätherischen Kräften, die aus dem kosmischen Umkreis hereinstrahlen. Jede lebendige Form bildet sich aus dem Zusammenströmen dieser beiden Kräfte, jede lebendige Form bildet sich aus dem tóhu-wa-vóhu. Insbesondere gilt das für die Gestalt des menschlichen Leibes, den die Elohim nach ihrem gemeinsamen Bilde so formen, dass er zum Gefäß, zum leiblichen Träger des menschlichen Ich werden kann. Im vóhu wirken von der Peripherie her alle Kräfte des Tierkreises, die in ihrer Gesamtheit den makrokosmischen Menschen, den Adam Kadmon, bilden, der in der nordischen Mythologie als Riese Ymir bezeichnet wird. Dem entgegen wirken die vom Mittelpunkt der Erde ausstrahlenden Kräfte des tóhu, in denen, angedeutet durch das T, der schöpferische Funke des menschlichen Ich gezündet wurde. Und dieses Ich hat, entsprechend der Siebenheit der Elohim, zunächst einen siebenfältigen Charakter (siehe dazu auch GA 026, S. 224ff).

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
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