Gehörsinn

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Hörbereich des Menschen

Der Gehörsinn oder Tonsinn ist einer der zwölf Sinne, durch die der Mensch nach der Sinneslehre Rudolf Steiners die sinnliche Welt wahrnimmt. Es dient der auditiven Wahrnehmung, dem Hören von Tönen, Klängen und Geräuschen. Die Wahrnehmung der Sprache - als Sprache und nicht bloß als unverstandenes Geräusch - bedarf darüber hinaus des Sprachsinns. Das Hörorgan umfasst insgesamt die beiden Ohren, die Hörnerven (Nervi cochleares) und die auditiven Hirnrinde.

Das musikalische Erlebnis

"Nun, verstehen, empfindend verstehen kann man diese Dinge eigentlich nur, wenn man sich darüber klar wird, daß das musikalische Erlebnis zunächst nicht jene Beziehung zum Ohr hat, die man gewöhnlich annimmt. Das musikalische Erlebnis betrifft nämlich den ganzen Menschen, und das Ohr hat eine ganz andere Funktion im musikalischen Erlebnis, als man gewöhnlich annimmt. Nichts ist falscher, als einfach zu sagen: Ich höre den Ton, oder ich höre eine Melodie mit dem Ohr. - Das ist ganz falsch. Der Ton oder eine Melodie oder irgendeine Harmonie wird eigentlich mit dem ganzen Menschen erlebt. Und dieses Erlebnis kommt mit dem Ohr auf eine ganz eigentümliche Weise zum Bewußtsein. Nicht wahr, die Töne, mit denen wir gewöhnlich rechnen, die haben ja zu ihrem Medium die Luft. Auch wenn wir irgendein anderes Instrument verwenden als gerade ein Blasinstrument, so ist doch dasjenige, als Element, worin der Ton lebt, die Luft. Aber das, was wir im Ton erleben, hat nämlich gar nichts mehr zu tun mit der Luft. Und die Sache ist diese, daß das Ohr dasjenige Organ ist, welches erst vor einem Tonerlebnis das Luftartige vom Ton absondert, so daß wir den Ton, indem wir ihn erleben als solchen, eigentlich empfangen als Resonanz, als Reflexion. Das Ohr ist eigentlich dasjenige Organ, das uns den in der Luft lebenden Ton ins Innere unseres Menschen zurückwirft, aber so, daß das Luftelement abgesondert ist, und dann der Ton, indem wir ihn hören, im Ätherelemente lebt. Also das Ohr ist eigentlich dazu da, um, wenn ich mich so ausdrücken darf, das Tönen des Tones in der Luft zu überwinden und uns das reine Äthererlebnis des Tones ins Innere zurückzuwerfen. Es ist ein Reflexionsapparat für das Tonempfinden.

Nun handelt es sich darum, tiefer zu verstehen, wie das ganze Tonerlebnis im Menschen geartet ist. Es ist so geartet, ich muß es noch einmal sagen, daß eigentlich dem Tonerlebnis gegenüber alle Begriffe in Verwirrung kommen. Nicht wahr, wir reden so hin: Der Mensch ist ein dreigliedriges Wesen, Nerven-Sinnesmensch, rhythmischer Mensch, Gliedmaßen-Stoffwechselmensch. - Ja, das ist für alle übrigen Verhältnisse eigentlich so wahr als irgend möglich. Aber für das Tonerlebnis, für das musikalische Erlebnis ist es nämlich nicht ganz richtig. Für das musikalische Erlebnis ist eigentlich nicht in demselben Sinne das Sinneserlebnis vorhanden wie für die anderen Erlebnisse. Das Sinneserlebnis ist beim musikalischen Erlebnis schon ein wesentlich verinnerlichteres als für die anderen Erlebnisse, weil für das musikalische Erlebnis das Ohr eigentlich nur Reflexionsorgan ist, das Ohr eigentlich nicht in derselben Weise den Menschen mit der Außenwelt in Zusammenhang bringt wie zum Beispiel das Auge. Das Auge bringt den Menschen in Zusammenhang mit der Außenwelt für alle Formen des Sehbaren, auch für die künstlerischen Formen des Sehbaren. Das Auge kommt auch für den Maler in Betracht, nicht bloß für den die Natur Schauenden. Das Ohr kommt für den Musiker nur insofern in Betracht, als es in der Lage ist, zu erleben, ohne mit der Außenwelt in solcher Verbindung zu stehen wie zum Beispiel das Auge. Das Ohr kommt für das Musikalische dadurch in Betracht, daß es lediglich ein Reflexionsapparat ist. So daß wir eigentlich sagen müssen: Für das musikalische Erlebnis müssen wir den Menschen betrachten zunächst als Nervenmenschen. Denn es kommt nicht das Ohr als unmittelbares Sinnesorgan in Betracht, sondern nur als Vermittler nach innen, nicht als Verbinder mit der Außenwelt - das Wahrnehmen der Instrumentalmusik ist ein sehr komplizierter Vorgang, über den werden wir noch zu sprechen haben - , aber als Sinnesorgan kommt das Ohr nicht unmittelbar in Betracht, sondern als Reflexionsorgan." (Lit.: GA 283, S. 121f)

Sprachverständnis

Das Verständnis der Sprache führt schon über den bloßen Gehörsinn hinaus; Rudolf Steiner spricht daher von einem eigenen Sprachsinn. Und erst durch den Denksinn erleben wir das Wort als Träger des Gedankens.

Dass wir ein Wort, das wir hören, auch verstehen, kommt nach Steiner so zustande:

"Mit dem Ohre lernen wir hören, mit dem Kehlkopf und den Organen, die gegen den Mund zu liegen bis zum Munde hin, lernen wir sprechen und singen.

Sie hören, sagen wir, irgendein Wort: «Baum.» Sie können selbst das Wort «Baum» sprechen, verbinden damit einen Sinn. Was heißt das: Sie hören das Wort «Baum»? Das heißt, es lebt in Ihrem Ohre auf die Art, wie ich es jetzt geschildert habe, in Organen, die himmlischen Tätigkeiten nachgebildet sind, dasjenige, was Sie in dem einfachen Wort «Baum» aussprechen. Sie können das Wort «Baum» sagen. Was bedeutet das, Sie können das Wort «Baum» sagen? Das bedeutet, die irdische Luft wird durch den Kehlkopf und die Werkzeuge Ihres Mundes und so weiter in eine solche Formation gebracht, daß das Wort «Baum» zur Offenbarung kommt. Aber das ist das zweite Ohr gegenüber dem Hören. Das dritte ist aber etwas anderes, das nur nicht genügend wahrgenommen wird. Wenn Sie das Wort «Baum» hören, dann sprechen Sie mit Ihrem ätherischen Leibe leise - nicht mit ihrem physischen Leibe, aber mit ihrem ätherischen Leibe -, leise auch «Baum». Und durch die sogenannte eustachische Trompete, die vom Munde in das Ohr geht, tönt ätherisch das Wort «Baum» dem von außen kommenden Wort «Baum» entgegen. Die zwei begegnen sich und dadurch verstehen Sie das Wort «Baum». Sonst würden Sie das hören, und es wäre irgend etwas. Verstehen tun Sie es dadurch, daß Sie dasjenige, was von außen kommt, durch die eustachische Trompete zurücksagen. Und indem so die Schwingungen von außen sich begegnen mit den Schwingungen von innen und sich ineinanderlegen, versteht der innere Mensch dasjenige, was von außen kommt." (Lit.: GA 218, S. 320)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Geistige Zusammenhänge in der Gestaltung des menschlichen Organismus, GA 218 (1992), ISBN 3-7274-2180-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Das Wesen des Musikalischen und das Tonerlebnis im Menschen, GA 283 (1989), ISBN 3-7274-2831-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Armin J. Husemann: Der hörende Mensch und die Wirklichkeit der Musik, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2010, ISBN 978-3772517013
  4. Armin J. Husemann: Der musikalische Bau des Menschen: Entwurf einer plastisch-musikalischen Menschenkunde (Menschenwesen und Heilkunst), Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2003, ISBN 978-3772501173


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