Pistis Sophia

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Die Pistis Sophia (griech. Πίστις Σοφία; von πίστις: Glaube und σοφία: Weisheit) ist einer der wichtigsten koptisch-gnostischen Texte. Er gibt Lehrgespräche wieder, die der Christus nach seiner Auferstehung mit den Jüngern gehalten haben soll.

Quellen

Die der Neuzeit überlieferten fünf Abschriften dieses Textes sind auf einen Zeitraum von 200 bis 300 nach Christus datierbar. Zu diesen zählen neben dem Papyrus Berolinensis 8502, der in Berlin aufbewahrt wird, und dem Codex Brucianus auch der bekannte Codex Askewianus, den das British Museum 1795 erwarb. Die Pistis Sophia bekam ihren Namen fälschlicherweise von Karl Gottfried Woide, der den Codex zuerst untersuchen konnte. Die späteren Autoren behielten den Namen aber gewohnheitsmäßig bei, so schlug Carl Schmidt als bessere Überschrift Τεύχη του Σωτῆρος vor, d. h. „Bücher des Heilands“ oder „Bücher des Retters“.[1] Die Entstehung des ursprünglichen Werkes ist auf einen Zeitraum vom zweiten bis dritten Jahrhundert datierbar.[2] Eine besondere Bedeutung erhält die Schrift dadurch, dass sie, neben den Nag-Hammadi-Schriften, eines der wenigen Zeugnisse über den antiken Gnostizismus ist, das nicht aus patristischen Anklageschriften gegen die als Häretiker verdammten Gnostiker stammt.

Autor

Woide hat diese Schrift dem christlich-gnostischen Lehrer Valentinus zugeschrieben[3], dem die älteren Gelehrten folgten, so La Croze, Schwartze und Amélineau, auch Mead.[4][5] Die spätere, vor allem die deutsche Forschung nach Karl Reinhold von Köstlin steht dieser Auffassung skeptisch bis ablehnend gegenüber und bringt die Schrift eher mit der ophitischen Gnostik in Verbindung, so auch Adolf von Harnack.

Inhalt

Maria Magdalena mit dem auferstandenen Christus.

Die Pistis Sophia behauptet, dass Jesus Christus noch elf Jahre nach der Auferstehung auf Erden gewirkt habe, und seine Jünger dabei die erste Stufe der Mysterien lehren konnte. Zu seinen auserwählten Schülern zählen auch Maria, Martha und Maria Magdalena, der in der Pistis Sophia eine hervorragende Rolle als Fragestellerin und Auslegerin des Christus-Wortes zukommt. Der Text beginnt mit einer imaginativen Schilderung von Tod, Auferstehung und Himmelfahrt Christi, die zugleich den Auf- und Abstieg der Seele beschreibt. Später werden die wichtigsten Gestalten der gnostischen Kosmologie behandelt und 32 fleischliche Begierden aufgezählt, die überwunden werden müssen, um Erlösung zu erlangen.

„Es geschah aber, nachdem Jesus von den Toten auferstanden war, da verbrachte er 11 Jahre, indem er sich mit seinen Jüngern unterredete und sie nur bis zu den Örtern des ersten Gebotes belehrte und bis zu den Örtern des ersten Mysteriums, das innerhalb des Vorhanges, das (? der) innerhalb des ersten Gebotes, welches ist das 24ste Mysterium aussen und unten, — diese (sc. 24 Myst.), welche sich im zweiten Raume des ersten Mysteriums befinden, das vor allen Mysterien, — der Vater in Taubengestalt. Und Jesus sagte zu seinen Jüngern: »Ich bin herausgegangen aus jenem ersten Mysterium, welches ist das letzte Mysterium, d. h. das 24ste«, — und nicht haben die Jünger gewusst und begriffen, dass etwas innerhalb jenes Mysteriums existire, sondern sie dachten von jenem Mysterium, dass es das Haupt des Alls sei und das Haupt alles Seienden, und sie dachten, dass es die Vollendung aller Vollendungen sei, weil Jesus zu ihnen inbetreff jenes Mysteriums gesagt hatte, dass es das erste Gebot umgebe und die fünf Einschnitte und das grosse Licht und die fünf Helfer und den ganzen Lichtschatz. Und ferner hatte Jesus seinen Jüngern nicht die gesamte Ausbreitung aller Örter des grossen Unsichtbaren gesagt und der drei Dreimalgewaltigen und der 24 Unsichtbaren und alle ihre Örter und ihre Aeonen und alle ihre Ordnungen, wie sie ausgebreitet sind, — diese, welche die Emanationen des grossen Unsichtbaren sind, — und ihre Ungezeugten und ihre Selbstgezeugten und ihre Gezeugten und ihre Sterne und ihre Ungepaarten und ihre Archonten und ihre Gewalten und ihre Herren und ihre Erzengel und ihre Engel und ihre Dekane und ihre Liturgen und alle Wohnungen ihrer Sphaeren und alle Ordnungen eines jeden von ihnen...“

Pistis Sophia: Kapitel 1[6]

Im 2. und 3. Kapitel wird geschildert, wie die Jünger die Himmelfahrt Christi erlebten:

„Es geschah aber am 15ten des Mondes im Monat Tybi, welches ist der Tag, an welchem der Mond voll wird, an jenem Tage nun, als die Sonne auf ihrer Bahn herausgekommen war, kam hinter ihr eine große Lichtkraft heraus, gar sehr leuchtend, ohne daß war ein Maß für das ihr anhaftende Licht Denn sie ist gekommen aus dem Lichte der Lichter, und sie ist gekommen aus dem letzten Mysterium , welches ist das 24ste Mysterium von innen bis außen, — diese, welche sich in den Ordnungen des zweiten Raumes des ersten Mysteriums befinden. Sie aber, jene Lichtkraft kam herab auf Jesus und umgab ihn ganz, während er entfernt von seinen Jüngern saß, und er hatte geleuchtet gar sehr, ohne daß ein Maß war für das Licht, welches an ihm war. Und nicht hatten die Jünger Jesus gesehen infolge des großen Lichtes, in welchem er sich befand, oder welches an ihm war, denn ihre Angen waren verdunkelt infolge des großen Lichtes, in dem er sich befand, sondern sie sahen nur das Licht, das viele Lichtstrahlen aussandte. Und nicht waren die Lichtstrahlen einander gleich, und das Licht war von verschiedener Art, und es war von verschiedener Form von unten bis oben, indem der eine (sc. Strahl) unendlich viele Male vorzüglicher war als der andere in einem großen unermeßlichen Lichtglanze; es reichte von unten der Erde bis hinauf zum Himmel. — Und als die Jünger jenes Licht sahen, gerieten sie in große Furcht und große Aufregung.“

Pistis Sophia: Kapitel 2[7]

„Es geschah nun, als jene Lichtkraft auf Jesus herabgekommen war, umgab sie ihn allmählich ganz; da fuhr Jesus auf oder flog in die Höhe, indem er gar sehr leuchtend geworden war in einem unermeßlichen Lichte. Und die Jünger blickten ihm nach, ohne daß jemand von ihnen sprach, bis daß er zum Himmel gelangt war, sondern sie alle verhielten sich in großem Schweigen. Dieses nun ist geschehen am löten des Mondes, an dem Tage, an welchem er im Monat Tybi voll wird.

Es geschah nun, als Jesus nach oben gelangt war, nach (Verlauf von) drei Stunden, da gerieten alle Kräfte der Himmel in Aufregung und alle bewegten sich widereinander, sie und alle ihre Aeonen und alle ihre Örter und alle ihre Ordnungen, und die ganze Erde bewegte sich (bebte) und alle, die auf ihr wohnen. Und es gerieten alle Menschen, die in der Welt, in Aufregung und auch die Jünger, und sie alle dachten: Vielleicht wird die Welt zusammengerollt werden. Und nicht hatten alle in den Himmeln befindlichen Kräfte von ihrer Aufregung abgelassen, sie und die ganze Welt, und sie bewegten sich alle gegeneinander von der dritten Stunde des 15ten des Mondes (im Monat) Tybi bis zur neunten Stunde des folgenden Tages. Und alle Engel und ihre Erzengel und alle Kräfte der Höhe priesen sämtlich den Innern der Inneren, so daß die ganze Welt ihre Stimme hörte, ohne daß sie abgelassen haben bis zur neunten Stunde des folgenden Tages.“

Pistis Sophia: Kapitel 3[8]

Am folgenden Tag, zur neunten Stunde, steigt Christus in noch leuchtenderer Gestalt aus den himmlischen Sphären wieder herab und belehrt die Jünger offen und unverhüllt über die Mysterien.

„Die Jünger saßen aber beieinander, seiend in Furcht, und sie waren gar sehr aufgeregt geworden; sie fürchteten sich aber wegen des großen Erdbebens, welches stattfand, und weinten miteinander, indem sie sprachen: »Was wird denn geschehen? Vielleicht wird der Erlöser alle Örter zerstören«.

Während sie nun dieses sagten und gegeneinander weinten, da taten sich die Himmel um die neunte Stande des folgenden Tages auf, und sie sahen Jesus herabkommen, gar sehr leuchtend, ohne daß ein Maß war für sein Licht, in welchem er sich befand. Denn er leuchtete mehr als zu der Stunde, da er zu den Himmeln hinaufgegangen war, so daß die Bewohner der Welt das Licht, welches an ihm war, nicht beschreiben konnten, und es sandte Lichtstrahlen sehr viele aus, ohne daß ein Maß war für seine Strahlen. Und sein Licht war nicht untereinander gleich, sondern es war von verschiedener Art und von verschiedener Form, indem einige (sc. Strahlen) unendlich viele Male vorzüglicher als andere waren; und das ganze Licht war beieinander, es war von dreierlei Art, und die eine (sc. Art) war unendlich viele Male vorzüglicher als die andere; die zweite, welche in der Mitte, war vorzüglicher als die erste, welche unterhalb, und die dritte, welche oberhalb von ihnen allen, war vorzüglicher als die beiden, welche unterhalb; und der erste Strahl, befindlich unterhalb von ihnen allen, war ähnlich dem Lichte, welches auf Jesus gekommen war, bevor er hinaufgegangen war zu den Himmeln, und war gleich allein mit ihm in seinem Lichte. Und die drei Lichtweisen waren von verschiedener Lichtart und sie waren « von verschiedener Form (rwrog), indem einige unendlich viele Male vorzüglicher als andere waren.“

Pistis Sophia: Kapitel 4[9]

„Es geschah aber, als die Jünger dieses gesehen hatten, fürchteten sie sich sehr und gerieten in Aufregung. Jesus nun, der Barmherzige und Mildherzige, als er seine Jünger sah, daß sie in großer Aufregung sich befanden (wörtl.: aufgeregt waren), sprach er mit ihnen, indem er sagte: »Habt Mut; ich bin es, fürchtet euch nicht.«“

Pistis Sophia: Kapitel 5[10]

Bei einer Fragenbeantwortung zur Pistis Sophia sagte Rudolf Steiner:

„Dieses Buch ist in koptischer Sprache verfaßt und enthält viel von den Reden Christi bei der Einweihung seiner Jünger, viele innere Auslegungen der Gleichnisse. Am bedeutsamsten ist das 13. Kapitel. Die αἱμαρμένη (Haimarmene) ist Devachan. Die ganze übersinnliche Welt wird eingeteilt in zwölf Äonen. Dies sind die sieben Abteilungen des Astralplanes und die fünf untersten Abteilungen des Devachan. Vom Devachan aus können abgeirrte Geister gereinigt werden. Der Lichtreiniger vor Christus ist Melchisedek. Er ist gemeint, wenn vom ἐπίσκοπος (Episkopos)[11] des Lichts die Rede ist.

Unter ἄρχοντες (Archontes) sind die bösen Mächte zu verstehen.“ (Lit.:GA 95, S. 162)

Christus berichtet den Jüngern von seinem Aufstieg durch die himmlischen Sphären. Im 13. Kapitel heißt es:

„Und ich ließ jenen Ort hinter mir und kam zu dem Tore der zweiten Sphaera, welches ist die Heimarmene. Es gerieten aber alle ihre Tore in Aufregung und öffneten sich von selbst, und ich trat ein in die Häuser der Heimarmene, gar sehr leuchtend, ohne daß ein Maß war für das Licht, welches an mir war; denn ich war leuchtend in der Heimarmene 49 mal mehr als in der Sphaera. Und alle Archonten und alle, die sich in der Heimarmene befinden, gerieten in Aufregung und fielen aufeinander und waren in sehr großer Furcht, da sie das große Licht, welches an mir war, sahen, und sie schauten mein Lichtkleid und sie sahen das Mysterium ihres Namens auf meinem Kleide und gerieten in noch größere Aufregung, und sie waren in großer Furcht, indem sie sagten: »Wie hat der Herr des Alls uns durchwandert, ohne daß wir es wußten ?« Und es lösten sich alle Bande ihrer Örter und ihrer Ordnungen und ihrer Häuser; sie kamen alle zugleich, fielen nieder, beteten vor mir an und priesen alle zugleich den Innern der Inneren, indem sie in großer Furcht und in großer Aufregung sich befanden.“

Pistis Sophia: Kapitel 13[12]

Die geistige Grundlage der Pistis-Sophia wurde aus einem tieferen Erleben des Atmungsprozesses geschöpft:

„In alten Zeiten also, da nahm der Mensch wahr, wie sich das Eingeatmete, das für ihn ein Berauschen war, ins Haupt fortsetzte und sich dort verband mit den Sinneseindrücken. Das war später nicht mehr der Fall Später verliert der Mensch das, was in seinem Brustorganismus vorgeht, aus seinem Bewußtsein. Er nimmt nicht mehr dieses Heraufströmen des Atmens wahr, weil die Sinneseindrücke stärker werden. Sie löschen aus, was im Atem heraufkommt. Wenn Sie heute sehen oder hören, dann ist in dem Vorgang des Sehens und auch in dem Vorgang des Hörens der Atmungsvorgang drinnen. Beim alten Menschen lebte das Atmen stark im Hören und Sehen, bei dem heutigen Menschen lebt das Sehen und Hören so stark, daß der Atem ganz abgedämpft wird. So daß wir sagen können, jetzt lebt nicht mehr das, was da berauschend, den Kopf durchströmend, von dem Alten im Atmungsprozeß in seinem Innern wahrgenommen worden ist, so daß er sagte: Ah, die Nymphen! Ah, die Gnomen! Nymphen, die wurlen im Kopfe so, Gnomen, die hämmern im Kopfe so, Undinen, die wellen im Kopfe so! - Heute wird dieses Hämmern, Wellen, Wurlen übertönt von dem, was vom Sehen, vom Hören herkommt und was heute den Kopf erfüllt.

Es gab also einstmals eine Zeit, in der der Mensch stärker wahrnahm dieses Heraufströmen des Atmens in sein Haupt. Das ging über in die Zeit, in der der Mensch noch durcheinander wahrnahm, in der er noch etwas von den Nachwirkungen des gnomigen Hämmerns, des undinenhaften Wellens, des nymphenhaften Wurlens, indem er noch etwas wahrnahm von dem Zusammenhang dieser Nachwirkungen mit den Ton-, Licht- und Farben Wahrnehmungen. Dann aber verlor sich alles das, was er vom Atmungsprozeß noch wahrnahm. Und von denjenigen Menschen, die noch eine Spur von Bewußtsein hatten, daß einmal das Atmen das Geistig-Seelische der Welt in den Menschen hereinführte, wurde das, was da nun blieb, was sich festsetzte aus der Sinneswahrnehmung im Zusammenhang mit dem Atmen, «Sophia» genannt. Aber das Atmen nahm man nicht mehr wahr. Also der geistige Atmensinhalt wurde abgetötet, besser gesagt, abgelähmt durch die Sinneswahrnehmung.

Dieses wurde insbesondere von den Griechen empfunden. Die Griechen hatten gar nicht die Idee von einer solchen Wissenschaft, wie wir heute. Wenn man den Griechen erzählt hätte von einer Wissenschaft, wie sie heute an unseren Hochschulen gelehrt wird, es wäre ihnen das so vorgekommen, wie wenn ihnen jemand mit kleinen Stecknadeln das Gehirn fortwährend durchstochen hätte. Sie hätten gar nicht begriffen, daß das einem Menschen eine Befriedigung geben kann. Wenn sie solche Wissenschaft, wie wir sie heute haben, hätten aufnehmen sollen, dann hätten sie gesagt: Das macht das Gehirn wund, das verwundet das Gehirn, das sticht. - Denn sie wollten noch etwas wahrnehmen von jenem wohligen Ausbreiten des berauschenden Atems, in den sich, hineinströmend, das Gehörte, das Gesehene ergießt. Es war also bei den Griechen ein Wahrnehmen eines inneren Lebens im Haupte vorhanden, solch eines inneren Lebens, wie ich es Ihnen jetzt schildere. Und dieses innere Leben, das nannten sie Sophia. Und diejenigen, die es liebten, diese Sophia in sich zu entwickeln, die eine besondere Neigung hatten, sich hinzugeben an diese Sophia, die nannten sich Philosophen. Das Wort Philosophie deutet durchaus auf ein inneres Erleben. Jene greulich pedantische Aufnahme von Philosophie, wobei man Philosophie eben «ochst» - wie man es im Studentenleben nennt - , jenes Sich-bekannt-Machen mit dieser Wissenschaft, das kannte man in Griechenland nicht. Aber das innere Erlebnis des «Ich liebe Sophia», das ist es, was sich in dem Worte Philosophie zum Ausdrucke bringt.

Aber ebenso, wie im Haupte von den Sinneswahrnehmungen aufgenommen wird der in den Leib einlaufende Atmungsprozeß, so wird von dem übrigen Leib das aufgenommen, was ausströmt als ausgeatmete Luft. Im Gliedmaßen-Stoffwechsel-Organismus strömen ebenso, wie sonst die Sinneswahrnehmungen durch das Gehörte, wie das Gesehene in das Berauschende der eingeatmeten Luft in das Haupt hineinströmt, die körperlichen Gefühle, die Erlebnisse mit der ausgeatmeten Luft zusammen. Das Ernüchternde der ausgeatmeten Luft, das Auslöschende für die Wahrnehmung, das floß zusammen mit den körperlichen Gefühlen, die im Gehen, im Arbeiten erregt wurden. Das Tätigsein, das Tun war mit dem Ausatmen verknüpft. Und indem der Mensch sich betätigte, indem er etwas tat, fühlte er gewissermaßen, wie von ihm fortging das Geistig-Seelische. So daß er fühlte, wenn er irgend etwas tat, irgend etwas arbeitete, wie wenn er das Geistig- Seelische einströmen ließe in die Dinge hinein. Ich nehme auf das Geistig-Seelische: es berauscht mein Haupt, es verbindet sich mit dem Gesehenen, mit dem Gehörten. Ich tue etwas, ich atme aus. Das Geistig- Seelische geht fort. Es geht hinein in das, was ich hämmere, es geht hinein in das, was ich ergreife, es geht hinein in alles das, was ich arbeite. Ich entlasse das Geistig-Seelische aus mir. Ich übertrage es, indem ich zum Beispiel die Milch sprudele, indem ich irgend etwas äußerlich mache, ich lasse einströmen das Geistig-Seelische in die Dinge. - Das war das Gefühl, das war die Empfindung. So war es also in den alten Zeiten.

Aber dieses Wahrnehmen des Ausatmungsprozesses, dieses Wahrnehmen der Ernüchterung hörte eben auf, und es war nur noch eine Spur vorhanden in der Griechenzeit. In der Griechenzeit fühlten die Menschen noch etwas, wie wenn sie, indem sie sich betätigten, noch etwas Geistiges den Dingen übergaben. Aber dann wurde doch alles das, was da im Atmungsprozeß war, abgelähmt von dem Körpergefühl, von dem Gefühl der Anstrengung, der Ermüdung im Arbeiten. Ebenso wie der Einatmungsprozeß nach dem Haupte abgelähmt wurde, so wurde der Ausatmungsprozeß nach dem übrigen Organismus abgelähmt. Dieser geistige Ausatmungsprozeß war abgelähmt durch das Körpergefühl, also durch das Gefühl der Anstrengung, des Erhitztwerdens und so weiter, durch das, was im Menschen lebte, so daß er seine eigene Stärke fühlte, die er anwendete, indem er sich betätigte, indem er etwas tat. Er fühlte in sich jetzt nicht den Ausatmungsprozeß als Ermüdung, er fühlte in sich eine Kraftwirkung, er fühlte den Körper durchdrungen mit Energie, mit Kraft.

Diese Kraft, die da im Innern des Menschen lebte, das war Pistis, der Glaube, das Fühlen des Göttlichen, der göttlichen Kraft, die einen arbeiten läßt: Pistis, der Glaube.

Sophia = der geistige Atmungsinhalt, abgelähmt durch die Sinneswahrnehmung
Pistis
(Glaube)
= der geistige Ausatmungsprozeß, abgelähmt durch das Körpergefühl

So floß im Menschen zusammen die Weisheit und der Glaube. Die Weisheit strömte nach dem Haupte, der Glaube lebte im ganzen Menschen. Es war die Weisheit nur eben der Ideeninhalt. Und es war der Glaube die Kraft dieses Ideeninhaltes. Beide gehörten zusammen. Daher auch diese einzige gnostische Schrift, die erhalten ist aus dem Altertum, die Pistis-Sophia-Schrift. So daß man in der Sophia eine Verdünnung der Einatmung, in dem Glauben eine Verdichtung der Ausatmung hatte.“ (Lit.:GA 211, S. 65ff)

Anmerkungen

  1. Carl Schmidt, Koptisch-gnostische Schriften S. XIV Digitalisat
  2. Carl Schmidt, Koptisch-gnostische Schriften S. XVII Digitalisat
  3. Carl Schmidt, Koptisch-gnostische Schriften S. XIII Digitalisat
  4. Carl Schmidt, Koptisch-gnostische Schriften S. XVII Digitalisat
  5. Mead Pistis Sophia, a gnostic Gospel S. XXX.Digitalisat
  6. C. Schmidt: Die Pistis Sophia, S 1f
  7. C. Schmidt: Die Pistis Sophia, S 3f
  8. C. Schmidt: Die Pistis Sophia, S 4f
  9. C. Schmidt: Die Pistis Sophia, S 5f
  10. C. Schmidt: Die Pistis Sophia, S 5f
  11. Bischof (von griech. ἐπίσκοπος epískopos ‚Aufseher‘, ‚Hüter‘, ‚Schützer‘)
  12. C. Schmidt: Die Pistis Sophia, S 15f

Literatur

  • Moritz Gotthilf Schwartze, Pistis Sophia, opus gnosticum Valentino adiudicatum e codico manuscripto coptico Londinensi. Descripsit et latine vertit M. G. Schwartze, edidit J. H. Petermann, Ferd. Dümmler´s Buchhandlung, Berlin 1851. Erstausgabe des Textes in Koptisch und Latein. Die Arbeit von Schwartze wurde postum herausgegeben von Julius Heinrich Petermann.
  • Karl Reinhold Köstlin: Das gnostische System des Buches Pistis Sophia. Tübingen 1854. In: Theologische Jahrbücher Hrg. von Ferdinand Christian Baur, E. Zeller. Bd 13, Jg. 1854, S. 1–105; 137–196.
  • Carl Schmidt (Hrsg.): Koptisch-gnostische Schriften. Bd. I. Die Pistis Sophia. Die beiden Bücher des Jeû. Unbekanntes altgnostisches Werk, Leipzig 1905. 4., um d. Vorw. erw. Auflage, Berlin 1981 (Koptisch-gnostische Schriften; Bd. 1: Die griechischen christlichen Schriftsteller der ersten Jahrhunderte). Erste deutsche Übersetzung.
  • Carl Schmidt: Pistis Sophia neu herausgegeben mit Einleitung nebst griechischem und koptischem Wort- und Namenregister. Gyldendalsk Boghandel-Nordisk Forlag, Hauniae 1925. (deutsches Vorwort, koptischer Text)
  • G.R.S. Mead: Pistis Sophia, a Gnostic gospel (with extracts from the books of the Saviour appended) originally tr. from Greek into Coptic and now for the first time Englished from Schwartze's Latin version of the only known Coptic ms. and checked by Amélineau's French version with an introduction by G.R.S. Mead ... Published 1896 by The Theosophical publishing society [etc., etc.] in London, New York. Englische Erstausgabe.
  • G. R. S. Mead: Pistis Sophia : a Gnostic miscellany : being for the most part extracts from the books of the Saviour, to which are added excerpts from a cognate literature ; englished (with an introduction and annotated bibliography), Watkins, London 1921.
  • Philip Jenkins: Le Jésus des sectes: Comment le Christ ésotérique devint le Christ des universitaires. Conférence par Philip Jenkins (Colloque CESNUR 2000 - Riga, Lettonie)
  • Marcello Craveri: I Vangeli apocrifi, Einaudi tascabili – Classici.
  • Luigi Moraldi: Testi Gnostici, Classici U.T.E.T. editore.
  • Konrad Dietzfelbringer: Erlösung durch Erkenntnis - Die Gnosis, Königsdorfer-Verlag, Königsdorf 2008, ISBN 978-3938156124
  • Valentinus: Das Evangelium der Pistis Sophia, Bad Teinach-Zavelstein 1987, ISBN 3-925072-03-9
  • Rudolf Steiner: Vor dem Tore der Theosophie, GA 95 (1990), ISBN 3-7274-0952-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  • Rudolf Steiner: Das Sonnenmysterium und das Mysterium von Tod und Auferstehung, GA 211 (1986), ISBN 3-7274-2110-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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