Das Märchen von der klugen Katze

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Das Märchen von der klugen Katze wurde von Rudolf Steiner bei eine Betrachtung zu seinem zweiten Mysteriendrama «Die Prüfung der Seele» erzählt, nachdem zuvor «Das Märchen vom Quellwunder» aus dem 5. Bild dieses Dramas rezitiert worden war. Das Märchen von der klugen Katze soll in bildhafter Gestalt die Bedeutung der Märchenstimmung für die Seele zeigen:

"Es war einmal ein armer Bursche. Der hatte eine kluge Katze. Und die kluge Katze verhalf dem armen Burschen, der nichts hatte außer ihr selber, zu einem großen Besitz. Sie bewirkte es nämlich, daß man dem Könige hinterbrachte, der arme Bursche hätte einen großen, wunderschönen, merkwürdigen Besitz, den sogar ein König mit Neugierde betrachten könnte. Und die kluge Katze brachte es dahin, daß der König sich aufmachte und durch allerlei höchst merkwürdige Gegenden fuhr. Überall wurde dem König weisgemacht, durch die Veranstaltungen der klugen Katze, daß der weite Besitz von Gefilden und von allerlei Baulichkeiten höchst merkwürdigster Art diesem Burschen gehöre. Da kam der König zuletzt auch noch zu einem großen zauberhaften Schloß. Aber er kam für die Verhältnisse, die im Märchen spielen, etwas spät. Denn schon war die Zeit herangerückt, wo der große Riese oder Troll nach Hause heimkehrte von der Weltenwanderung und wieder hineingehen wollte in den Palast, der eigentlich diesem Riesen gehörte. Der König war eben in dem Palast und wollte sich alles Zauberhafte und Wundersame anschauen. Da legte sich denn die kluge Katze vor die Tür hin, damit der König nicht merke, daß das alles dem Riesen gehöre, dem Troll. Da der Riese heimkehrte gegen die Morgenstunde, begann die Katze dem Riesen eine Geschichte zu erzählen, von der sie ihm klarmachte, daß er sie anhören müßte. Und sie erzählte ihm mit großer Geschwätzigkeit, wie der Bauer sein Feld pflügt, wie er seinen Acker düngt, wie er dann wieder umpflügen muß, wie er dann die Samen holt, die er in den Acker streuen will, wie er dann die Samen in den Acker bringt. Kurz, sie erzählte ihm eine so lange Geschichte, daß es Morgen wurde und die Sonne aufging. Und da sagte die kluge Katze, jetzt müsse der Riese, der doch noch niemals die goldene Jungfrau im Osten gesehen hat, bleiben und sich die goldene Jungfrau ansehen, müsse sich die Sonne ansehen. Aber - so ist es nach einem Gesetz, dem die Riesen unterstehen - als der Riese sich umdrehte und die Sonne ansah, da zerplatzte er. Und die Folge war, daß jetzt tatsächlich durch die Hintanhaltung des Riesen der Palast dem armen Burschen zugefallen war. Und er hatte nicht nur durch die Machinationen der klugen Katze all den Besitz, den sie ihm vorher nur zugesprochen hatte, sondern er besaß jetzt wirklich den Riesenpalast und alles, was dazugehörte." (Lit.: GA 127, S. 198f)

Rudolf Steiner gibt dazu folgende Erläuterung: Seit wir die lebendige Beziehung zum Geistigen verloren haben, sind wir alle "arme Burschen" - aber wir haben auch alle eine kluge Katze, nämlich unseren Verstand. Er läßt den Riesen, der die Kräfte das alten unterbewussten Hellsehens repräsentiert, zerplatzen. Vor dem hellen Tagesbewusstsein können diese Kräfte nicht bestehen, dafür aber können wir den Riesenpalast der Phantasie in Besitz nehmen. Und die kluge Katze kann den König in uns, unser höheres Selbst, überzeugen, dass diese Phantasie nun wahrer Menschenbesitz ist. Aus ihr fließen die Märchenbilder, die zwar nicht mehr unmittelbar Imaginationen sind, aber doch durch deren geistigen Gehalt geprägt sind und darum die Seele erfrischen können. In den Mysteriendramen Steiners schöpft Professor Capesius neue Seelenkraft aus den Märchen, die Frau Balde erzählt. Das Märchen vom Quellwunder bereitet ihn derart auf die Rückschau in seine frühere Inkarnation zur Zeit des Spätmittelalters vor.

"Daher scheint es mir eine richtige Psychologie des Capesius zu sein, der so ganz aus der Ideenwelt der Gegenwart herausgewachsen ist, daß er aus einer allerdings vergeistigteren Auffassung der gegenwärtigen Welt in die Welt der Märchen hineinkommt, die sich als ein Neues, als eine wirkliche Beziehung zur okkulten Welt ihm erschließen soll. So muß denn auch so etwas wie ein Märchen hingestellt werden an der Stelle, die den Übergang bilden soll zwischen dem Stehen des Capesius in der Welt der äußeren Wirklichkeit und der Welt, in die er untertauchen soll, um sich selber in einer früheren Inkarnation zu schauen." (Lit.: GA 127, S. 201f)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die Mission der neuen Geistesoffenbarung, GA 127 (1989), ISBN 3-7274-1270-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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