Evidenzbasierte Medizin

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Evidenzbasierte Medizin (EbM, von englisch evidence-based medicine (EBM), „auf Beweismaterial gestützte Heilkunde“, nicht zu verwechseln mit dem dt. Wort Evidenz im Sinn von Offensichtlichkeit) ist gegenwärtig eine Hauptrichtung der Medizin, namentlich der Schulmedizin, die darauf abzielt, Entscheidungen über ein anzuwendendes Heilverfahren - in Absprache mit dem Patienten - nur auf Basis einer möglichst breit wissenschaftlich-empirisch nachgewiesenen Wirksamkeit zu treffen.

Begriff und Methode

Der Begriff wurde erst Anfang der 1990er Jahre an der McMaster University, Hamilton, Kanada, im Department of Clinical Epidemiology and Biostatistics geprägt.[1] Grundlage der evidenzbasierten Medizin ist vor allem die statistische Auswertung umfangreicher klinischer Studien. Wie weit derart verallgemeinernde Studien der Individualität des Patentienten gerecht werden, bleibt zu hinterfragen. Dennoch gibt es derzeit starke Bestrebungen, möglichst die gesamte gesetzlich anerkannte Heilkunde, unter Ausschluss anderer Heilverfahren, auf evidenzbasierte Medizin zu gründen.

Kritik

Scharfe Kritik am zeitgenössischen Wissenschaftsbetrieb und insbesondere an einer einseitig evidenzbasierten Medizin kommt von dem anthroposophischen Wissenschaftstheoretiker und Mediziner Helmut Kiene. Er schließt dabei an die schon in den 1970er-Jahren geäußerte Methodenkritik von Gerhard Kienle an. Kienle hatte mit seinen Publikationen „Arzneimittelsicherheit und Gesellschaft“ (1974) und „Kritischen Überprüfung der Voraussetzungen für ein neues Arzneimittelrecht“ (1975) die Ausgestaltung des deutschen Arzneimittelgesetzes von 1976 maßgeblich geprägt und damit eine eine ausschließlich an randomisierten Studien ausgerichtete Arzneimittelzulassung verhindert. Auf Kienles Anregungen wurden jeweils eigene Kommissionen für Phytotherapie, Homöopathie und anthroposophische Medizin eingerichtet.

In seinem Buch „Grundlinien einer essentialen Wissenschaftstheorie“ zeigte Helmut Kienle die fundamentale Bedeutung einer Wesenserkenntnis, d.h. einer essentialen Erkenntnis auf, die im heutigen Wissenschaftsbetrieb mit seiner fast durchgehend anti-essentialen Grundhaltung völlig vernachlässigt wird. Ihre Grundlagen sieht Kiene in der Erkenntnistheorie Rudolf Steiners gegeben. Kiene fordert eine Aufwertung der ärztlichen Erfahrung und kritisiert die Einseitigkeiten der evidenzbasierten Medizin, die mit ihren statistisch ausgewerteten randomisierten Doppelblindstudien die Individualität des Patienten aus den Augen verliere. Er entwickelte eine „Cognition-based Medicine“, die als komplementäre Methodik des nicht-statistischen Nachweises der therapeutischen Wirksamkeit am individuellen Patienten diesen Mangel ausgleichen soll. Dabei greift er u.a. auch auf die Arbeiten des Gestaltpsychologen Karl Duncker zurück[2].

Siehe auch

Literatur

  • G. Guyatt, J. Cairns, D. Churchill, u. a. („Evidence-Based Medicine Working Group“): Evidence-based Medicine. A New Approach to Teaching the Practice of Medicine. In: Journal of the American Medical Association. 268, 1992, S. 2420–2425. PMID 1404801
  • G. H. Guyatt, D. Rennie: User’s Guides to the Medical Literature. In: Journal of the American Medical Association. 270, 1993, S. 2096–2097.
  • R. Kunz, G. Ollenschläger, H. Raspe, G. Jonitz, N. Donner-Banzhoff (Hrsg.): Lehrbuch Evidenzbasierte Medizin in Klinik und Praxis. 2. Auflage. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln 2007, ISBN 978-3-7691-0538-4 (Die Grundlagen der ‚EbM‘ – erstmals Schritt für Schritt an Fallbeispielen aus der Versorgungspraxis im deutschsprachigen Raum).
  • G. S. Kienle: Evidenzbasierte Medizin und ärztliche Therapiefreiheit. In: Deutsches Ärzteblatt. Jg. 105, Heft 25, 20. Juni 2008, S. 1381–1384. (aerzteblatt.de)
  • Heinrich Weßling: Theorie der klinischen Evidenz. Versuch einer Kritik der Evidenzbasierten Medizin. (= Naturwissenschaft – Philosophie – Geschichte. Band 26). Lit Verlag, Wien 2011, ISBN 978-3-643-90065-4 (Diss. Münster).
  • Definitionen und Instrumente des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin

Anthroposophische Medizin

  •  Matthias Girke: Innere Medizin: Grundlagen und therapeutische Konzepte der Anthroposophischen Medizin. 2. Auflage. salumed, Berlin 2012, ISBN 978-3928914291, S. 1168.
  •  Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland.; Freie Hochschule für Geisteswissenschaft (Dornach). Medizinische Sektion. (Hrsg.): Vademecum Anthroposophische Arzneimittel. In: Der Merkurstab. 3. Auflage. Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland, Filderstadt 2013.
  •  Michaela Glöckler (Hrsg.): Anthroposophische Arzneitherapie für Ärzte und Apotheker. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2005, ISBN 3-8047-2102-8.
  • Michaela Glöckler/Jürgen Schürholz/Martin Walker (Hg.): Anthroposophische Medizin. Ein Weg zum Patienten - Beiträge aus der Praxis, Vlg. Freies Geistesleben, Stuttgart 1993
  •  Volker Fintelmann: Intuitive Medizin: Theorie und Praxis der Anthroposophischen Medizin. 6. überarb. Auflage. Hippokrates Verlag, Stuttgart 2016, ISBN 978-3132400795.
  • Volker Fintelmann: Die Wiedergewinnung des Heilens: Wege zu einer christlichen Medizin, Info3-Verlag 2017, ISBN 978-3957790521
  • Volker Fintelmann: Lehrbuch Phytotherapie, 12. Auflage, Verlag Karl F. Haug 2009, ISBN 978-3830454182
  •  Peter Heusser: Anthroposophische Medizin und Wissenschaft. Schattauer, Stuttgart 2011, ISBN 978-3-7945-2807-3.
  • Henning Schramm: Heilmittel der anthroposophischen Medizin. Grundlagen - Arzneimittelporträts - Anwendung, Urban & Fischer/Elsevier, München 2009
  •  Armin J. Husemann: Form, Leben, Bewusstsein. Grundlagen der Anthroposophischen Medizin. Freies Geistesleben, Stuttgart 2015, ISBN 978-3772517020.
  • Henning Schramm: Heilmittel der anthroposophischen Medizin, Grundlagen - Arzneimittelporträits - Anwendung, Elsevier/Urban & Fischer, München 2009
  • Friedwart Husemann: Anthroposophische Medizin: Ein Weg zu den heilenden Kräften, 2. erweiterte Auflage, Verlag am Goetheanum 2011, ISBN 978-3723514184
  • Gerhard Kienle: Arzneimittelsicherheit und Gesellschaft. Eine kritische Untersuchung. Schattauer, Stuttgart New York 1974, ISBN 978-3794503735
  • Gerhard Kienle: Kritische Überprüfung der Voraussetzungen für eine neues Arzneimittelrecht. Herdecke 1975 (unveröffentlicht)
  • Gerhard Kienle, Rainer Burkhardt: Der Wirksamkeitsnachweis von Arzneimitteln – Analyse einer Illusion, Urachhaus Verlag, Stuttgart 1983, ISBN 978-3878389514
  • Helmut Kiene: Grundlinien einer essentialen Wissenschaftstheorie. Die Erkenntnistheorie Rudolf Steiners im Spannungsfeld moderner Wissenschaftstheorien, Urachhaus Vlg., Stuttgart 1984, ISBN 3-87838-950-7
  • Helmut Kiene: Komplementärmedizin - Schulmedizin. Der Wissenschaftsstreit am Ende des 20. Jahrhunderts, Schattauer, Stuttgart 1994, ISBN 978-3794515929
  • Helmut Kiene: Komplementäre Methodenlehre der klinischen Forschung: Cognition-based Medicine, Springer Vlg., Heidelberg/New York 2001, ISBN 978-3540410225, pdf
  • Peter Heusser: Anthroposophie und Wissenschaft: Eine Einführung. Erkenntniswissenschaft, Physik, Chemie, Genetik, Biologie, Neurobiologie, Psychologie, Philosophie des Geistes, Anthropologie, Anthroposophie, Medizin, Verlag am Goetheanum, Dornach 2016, ISBN 978-3723515686

Einzelnachweise

  1. Are Doctors Just Playing Hunches? Das Time Magazine über EbM (15. Februar 2007)
  2. Karl Duncker: Zur Psychologie des produktiven Denkens. 1935