Formel

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Eine Formel ist eine nach genormten Regeln systematisch aufgebaute Folge von Buchstaben, Zahlen, Symbolen oder Worten als Formelzeichen zur verkürzten und präzisen Darstellung wissenschaftlich erforschter Tatsachen oder vermuteter Sachverhalte, wie sie etwa in der Logik, Mathematik, Physik oder Chemie gebräuchlich ist.

„Und da entsteht die große Frage: Gibt es Möglichkeiten, sich noch in anderer Art der Wirklichkeit gegenüberzustellen, als dadurch, daß man nach dem Muster der mathematischen Entwicklung sein Seelenleben ausgestaltet und es dann auf die empirische Wirklichkeit anwendet? Da ist es eben, wo die hier gemeinte anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft einsetzt mit ihrer Methodologie, wo sie einsetzt so, daß sie fragt: Ist es nur möglich, aus dem Innern des Menschen heraus das zu gewinnen, was sich in den anerkannten mathematischen Formeln ausdrückt? Oder ist es möglich, noch ganz anderes aus dem Innern des Menschen heraus zu gewinnen als dasjenige, was der Inhalt der heutigen Mathematik ist? - Das ist eben das erste methodologische Ergebnis anthroposophischer Geisteswissenschaft, daß man nicht nur Mathematik herausgestalten kann aus der menschlichen Seele, sondern noch andere Seelenerlebnisse. Und von diesen anderen Seelenerlebnissen unterscheidet die anthroposophische Geisteswissenschaft drei Stufen. Dasjenige, was mathematische Gebilde sind, ist im Grunde genommen, insbesondere seiner Qualität nach, eigentlich schon Geisteswissenschaft; man erkennt sie nur nicht als solche. Was dann folgt, ist das, was ich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» genannt habe die Imagination. Damit ist nicht ein phantastischer Inhalt gemeint, sondern das Herausgestalten eines Seeleninhaltes, der genau in derselben Weise rein innerlich aus der menschlichen Seele gewonnen ist wie der mathematische Gehalt, der aber nun nicht bloß formal ist wie der mathematische, sondern der selber inhaltsvoll ist, der in einer anderen Weise sich zur Wirklichkeit stellt als der mathematische Inhalt.

Ich nenne das, was da gewissermaßen als eine höhere Stufe, als eine inhaltsvollere Mathematik aus dem Innern der Seele gewonnen wird, aus dem Grunde Imagination, weil, wenn man sich in den mathematischen Inhalt vertieft, man im Mathematischen keinen Seinsgehalt hat; der Seinsgehalt muß den mathematischen Formeln von der Empirie, von außen her gegeben werden. In demjenigen, was in unserem Bewußtsein präsent ist mit den mathematischen Formeln, hat man keinen Seinsgehalt. Das hat für das gewöhnliche Leben und für die gewöhnliche Wissenschaft seine tiefe Berechtigung. Wenn wir in der mathematisch-empirischen Betrachtungsweise den Seinsgehalt schon vom Innern her dieser Außenwelt, die uns in der sinnlichen Beobachtung vorliegt, entgegenbringen würden, dann würden wir diese Außenwelt nicht erleben können. Wir würden sie nicht durchsichtig finden. Dieses Sein, das wir der Außenwelt zuschreiben, das ist uns nur dadurch gegeben, daß wir in dem, was wir methodisch dieser Außenwelt ent-gegenbringen, keinen Seinsgehalt haben, sondern daß wir uns bewußt sind, daß wir ihr nur einen Bildinhalt entgegenbringen. Wer sich einmal klar ist gerade über diesen Bildcharakter des Mathematischen, der wird in ihm das besonders Charakteristische finden in der naturwissenschaftlichen Methode der Gegenwart.

In dem Augenblick, wo an die Geisteswissenschaft herangetreten wird, bleibt man nicht stehen bei der besonderen Seelenverfassung, die man durch Vererbung, durch Erziehung sich errungen hat und die man dann auch in der gewöhnlichen Wissenschaft anwendet. Man schreitet weiter in der Entwicklung der Seele. Man holt aus der Seele die in ihr latenten Kräfte heraus. Der ganze Vorgang ist subjektiv kein anderer als derjenige, der sich ergibt, wenn man in dem Zeitpunkte, in dem man noch nichts von irgendeiner mathematischen Anschauung in der Seele hat, übergeht zu demjenigen, wo sich die Seele erfüllt mit mathematischen Anschauungen, mit Verhältnissen von Figuren und so weiter. Rein innerlich, qualitativ genommen ist diese Seelenentwicklung, die durch die hier gemeinte anthroposophisch orientierte mit Geisteswissenschaft angestrebt wird, eben durchaus nichts anderes als eine Weiterführung des Prozesses, der sich vollzieht, wenn man aus dem nicht mit Mathematik erfüllten Bewußtsein in das mathematikerfüllte Bewußtsein übergeht. Dieser Prozeß wird fortgebildet.

Aber wenn man diesen Prozeß fortbildet, dann stellt sich etwas sehr Gewichtiges ein. Man erkennt: Nur in diesen eigentümlichen Gebilden, die wir als Mathematik im weitesten Sinne zusammenfassen können, ist es möglich, rein formal zu erleben. Es gibt kein anderes Gebiet innerhalb dessen, was unser gewöhnliches Bewußtsein erreichen kann, wo wir rein formal erleben können, als die Mathematik. Wenn daher dieser Prozeß weitergebildet wird über die Mathematik hinaus zu demjenigen, was ich die erste höhere Stufe der Erkenntnis nenne, dann tritt das ein, daß wir nicht mehr bloß formal, nicht mehr bloß bildhaft erleben, sondern daß wir in dem Erleben selber Seinsgehalt haben, wie wir Seinsgehalt haben, wenn wir Hunger oder Durst spüren oder wenn wir einen Willensimpuls, der auch verknüpft ist mit irgendeinem organischen Vorgang, in uns entwickeln. Wir können also nicht den Prozeß in der Entstehung mathematischer Gebilde über dieses Entstehen mathematischer Gebilde hinaus ausdehnen, ohne daß wir in das Sein eintreten. Dann aber vollzieht sich in polarischer Weise das, daß wir in demselben Maße, in dem wir im innerlichen Leben in das Sein hineingehen, im Bewußtsein präsent von diesem Sein nur Bilder haben. Deshalb nenne ich dieses Bewußtsein das imaginative Bewußtsein.

Wenn wir uns mathematisch zur Umwelt verhalten, so ist, möchte ich sagen, ein völliges Gleichgewicht vorhanden zwischen dem, was uns von außen als Sein entgegentritt, und dem, was im Innern als bloßes Bild auftritt. Und es ist sogar in dem besonderen Verhalten des Hin- und Hergehens zwischen der äußeren Anschauung und der inneren Konstruktion, in diesem Hin- und Hergehen zwischen der Empfindung der Außenwelt und ihrem Durchgeistigen mit den konstruierten mathematischen Gebilden, etwas wie ein geistiger Prozeß, etwas von Systole und Diastole vorhanden. Dasjenige, was uns von außen entgegentritt, das bringt uns das Sein. Was von innen aus der Außenwelt entgegengebracht wird, das bringt uns die lichtvolle Durchdringung des Seins. Und wir würden auf diesem Gebiete - das ergibt eine einfache Überlegung über den Erkenntnisvorgang - das Gefühl bekommen, wir umfaßten nicht das Sein, wenn wir von innen mit den mathematisch erzeugten Gebilden selber ein Sein in die Welt hinaustragen würden. Es würde gewissermaßen Sein von innen mit Sein von außen zusammenschlagen, und das gäbe etwas, was dem Bewußtsein dunkel bliebe. Es würde sich nicht der volle Gehalt der Außenwelt mathematisch lichtvoll durchdringen lassen.

In demselben Moment, wo wir aufsteigen zu einer höheren Erkenntnis, erleben wir allerdings das Sein im Innern. Dafür wird demjenigen, was im Bewußtsein präsent wird, Bildcharakter aufgedrückt. Aber wir erleben eben das Sein im Innern. Wir wissen, daß die Bilder, die wir erleben, durchaus objektiv sind, weil wir jetzt zwar das Sein nicht als äußeren Inhalt der Bilder unmittelbar erleben und deshalb wissen, daß unsere Bilder nicht Träume, nicht Phantasien sind, sondern daß sie der adäquate Ausdruck einer Wirklichkeit sind, die wir nur seelenhaft erleben können. Das heißt, wir erheben uns, indem wir eine solche Fortsetzung unseres inneren Seelenprozesses durchmachen, von der Betrachtung der sinnlichen Welt zur Anschauung der übersinnlichen Welt. Wir kommen in der Tat auf diese Weise in eine Welt hinein, die wir auf keine andere Art vor unser Bewußtsein hinstellen können.“ (Lit.:GA 73a, S. 257)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Fachwissenschaften und Anthroposophie, GA 73a (2005), ISBN 3-7274-0735-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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