Geheimnis des Abgrunds

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Die Figur Abyssi Duplicatae oder Des doppelt flüchtig und fixen Abgrundes aus der Aurea catena Homeri (1723). Zur Erläuterung findet sich folgender Spruch:

Ein Abgrund den andern ruft heraus,
Sie machen zusammen einen harten Strauß:
Das Flüchtige ganz fix soll werden,
Wasser und Dampf sich kehren in Erden.
Der Himmel selbst muß irdisch sein,
Sonst kommt ins Erdreich kein Leben ein.
Das Oberste soll das Unterste sein,
Das Unterste wird das Oberste fein.
Das Fixe soll ganz flüchtig werden,
Ein Wasser und Dampf soll sein die Erden.
Die Erde muß höchst zum Himmel auffliegen,
Der Himmel ins Zentrum der Erde einkriechen.
So muß verkehrt sein Himmel und Erden,
Soll das Unterste zum Obersten werden.
Der flüchtige Drach den fixeren tötet,
Der fixe zum Tode den flüchtigen nötet.
Also muß offenbar kommen an Tag,
Die Quint-Essenz, und was sie vermag.

Das Geheimnis des Abgrunds ist das erste der sieben Lebensgeheimnisse.

„Eingetreten ist der Mensch in die Entwicklung als ein Allwesen. Er wird dann ein Sonderwesen. Zunächst sonderte er sich als einzelne Kugel von einer allgemeinen Kugel ab. Diese einzelnen Menschenkugeln gingen durch die verschiedenen Verwandlungen hindurch. Aus einer der späteren Verwandlungen entstand der sogenannte Äther-Doppelkörper. Man nennt dieses Stadium des ersten Sich-Absonderns von dem Allwesen das «Versinken des Bewußtseins in den Abgrund». Dieses wird bei dem physischen Stadium des ersten Planeten erreicht. Es gehen 24 Stadien voraus und es folgen 24 Stadien. Das mittlere, das 25. Stadium, ist das dichteste. Die physische Anlage entstand als derbe physische Kugel. Die Erde glich damals unserem Äther oder der Lichtmaterie unserer jetzigen Erde und hatte nach dem Sturz des Bewußtseins in den Abgrund die Form einer Art Maulbeere.“ (Lit.:GA 89, S. 144ff)

Gnosis

Bythos (griech. βυθός), Tiefe oder Abgrund, nennen manche gnostische Schulen, insbesonders die Valentinianer, den unsichtbaren, unfassbaren, unnennbaren Uranfang, den «unbekannten Gott», den Urgrund allen Seins, den vollkommenen Aion (griech. αἰώνÄon“), von dem die Welt ihren Ursprung genommen hat[1]. Andere gnostische Schulen gebrauchen dafür Ausdrücke wie Proarché (προαρχή, „vor dem Anfang“) oder ähnlich.

Der Abgrund als Erlebnis des Geistesschülers

„Wer da kein Bewußtsein davon erwirbt, daß zwischen dem Aufenthalt in den Sinnesfeldern, mit denen wir leben müssen während unseres Erdendaseins zwischen der Geburt und dem Tode, daß zwischen dem Aufenthalt in den Sinnesfeldern und demjenigen, was in den Geistesfeldern ist, ein gähnender Abgrund waltet, wer darüber sich nicht ein gebührendes Bewußtsein erwirbt, kann nicht wahrhaftige, wirkliche Erkenntnis erwerben. Denn allein mit diesem Bewußtsein kann der Mensch eintreten in wahrhaftige, wirkliche Erkenntnis. Nicht hellsehend braucht er zu werden, obzwar aus wahrer Hellsichtigkeit die Erkenntnisse aus der Geisteswelt kommen, aber ein Bewußtsein muß er sich erwerben von demjenigen, was da vorhanden ist als Mahnung am gähnenden Abgrunde der Geheimnisse des Raumes, der Geheimnisse der Zeit, der Geheimnisse des Menschenherzens selber. Denn ob wir hinausgehen in die Raumesweiten, der Abgrund steht da; ob wir hinauswandeln in die Zeitenwenden, der Abgrund steht da; ob wir hineingehen in das eigene Herz, der Abgrund steht da.

Und diese drei Abgründe, sie sind nicht drei Abgründe, sie sind ein einziger Abgrund.“ (Lit.:GA 270a, S. 9)

„Gerade wenn der Mensch so recht fühlt die Schönheit, Größe und Erhabenheit der physisch-sinnlichen Welt und fühlt, daß er sich da mit dem Besten, was er selber ist, nicht finden kann, dann wird er immer mehr und mehr gedrängt hin nach demjenigen, wovon eigentlich alle esoterische Betrachtung ausgehen muß: Er wird gedrängt nach jenem Abgrund, jenseits dessen das erst liegen kann, woraus der Mensch seinen Urstand, Ursprung, Urquell hat; er wird gedrängt an jenen Abgrund, wo er wirklich die Grenze erblicken muß zwischen der Sinneswelt und der Geisteswelt; er wird gedrängt an jenen Abgrund, der ihm an einer bestimmten Stelle etwas zeigt wie eine Brücke, die hinüberführt in eine ganz andere Welt, an deren Ausgangspunkt die Schwelle der Erkenntnis und der geistigen Welt erst liegt.

Und dasjenige, was ich Ihnen mitzuteilen habe, meine lieben Freunde, das sind die Mitteilungen jener Gestalt, die man in aller Esoterik bezeichnet als Hüter der Schwelle [...]

Warum steht dieser Hüter der Schwelle da? Dieser Hüter der Schwelle steht da aus dem Grunde, weil wirkliche Erkenntnis sich nur dann erlangen läßt, wenn wir mit der richtigen, guten Vorbereitung, verinnerlichten Gesinnung und wahrem Erkenntnisstreben herantreten. Wahres Erkenntnisstreben ist nichts Theoretisches. Wahres Erkenntnisstreben wird erst erlangt, wenn die Seele sich hinauferhebt über dasjenige, was die Sinnenwelt bietet.

Derjenige, der zu früh, unvorbereitet, das heißt, nicht mit der rechten Gesinnung sich an diese Erkenntnis heranmacht, wird diese Erkenntnis nicht in richtiger Weise erlangen. Er wird sich und die Welt schädigende Wirkungen hervorbringen.“ (Lit.:GA 270c, S. 163f)

Der Abgrund zwischen Ätherleib und physischem Leib

Im Moment des Aufwachens, wenn Ich und Astralleib wieder in den blebten Leib eintauschen, überschreiten wir den Abgrund zwischen dem Ätherleib und dem physischen Leib. Dieses Erlebnis unterscheidet sich deutlich von dem mit Lebensreminiszenzen erfülltem Traum-Bewusstsein.

„Das bloße Träumen spielt sich so ab, daß es erfüllt ist von Lebensreminiszenzen. Was sich da abspielt im Momente des Aufwachens, das sind nicht Lebensreminiszenzen. Sie sind sehr gut zu unterscheiden von Lebensreminiszenzen, diese flutenden Gedanken. Man kann sie sich in die Sprache des gewöhnlichen Bewußtseins übersetzen, aber es sind im Grunde genommen fremdartige Gedanken, Gedanken, die wir sonst nicht erfahren können, wenn wir sie nicht in dem Momente, der entweder durch geisteswissenschaftliche Schulung in uns möglich gemacht ist, oder eben in diesem Momente des Aufwachens erfassen.

Was erfassen wir da eigentlich? Nun, wir sind mit unserem Ich und unserem astralischen Leibe eingedrungen in den Ätherleib und in den physischen Leib. Was im Ätherleibe erlebt wird, wird allerdings so erlebt, daß es traumhaft ist. Und man lernt, indem man dieses, wie ich es angedeutet habe, subtil in Geistesgegenwart beobachten lernt, man lernt wohl unterscheiden dieses Hindurchgehen durch den Ätherleib, in dem die Lebensreminiszenzen traumhaft auftreten, und dann, vor dem vollen Erwachen, vor den Eindrücken, die die Sinne nun haben nach dem Erwachen, das Hineingestelltsein in eine Welt, die durchaus eine Welt von webenden Gedanken ist, die aber nicht so erlebt wird wie die Traumgedanken, bei denen man genau weiß, man hat sie subjektiv in sich. Die Gedanken, die ich jetzt meine, sie stellen sich wie ganz objektiv dar gegenüber dem eindringenden Ich und astralischen Menschen, und man merkt ganz genau: man muß passieren den Ätherleib; denn solange man den Ätherleib passiert, bleibt alles traumhaft. Man muß aber auch passieren den Abgrund, den Zwischenraum - möchte ich sagen, wenn ich mich recht uneigentlich, aber dadurch vielleicht deutlicher ausdrücke -, den Zwischenraum zwischen Ätherleib und physischem Leib, und schlüpft dann in das volle Ätherisch-Physische hinein, indem man aufwacht und die äußeren physischen Eindrücke der Sinne da sind. Sobald man in den physischen Leib hineingeschlüpft ist, sind eben die äußeren physischen Sinneseindrücke da. Was wir da an Gedankenweben objektiver Art erleben, spielt sich also durchaus zwischen dem Ätherleib und dem physischen Leib ab. Wir müssen in ihm also sehen eine Wechselwirkung des Ätherleibes und des physischen Leibes. So daß wir sagen können, wenn wir schematisch zeichnen: Wenn etwa das den physischen Leib darstellt (orange), das den Ätherleib (grün), so haben wir das lebendige Weben von physischem Leib und Ätherleib in den Gedanken, die wir da erfassen, und man kommt dann auf dem Wege einer solchen Beobachtung zu der Erkenntnis, daß

Zeichnung aus GA 207, S. 51

sich zwischen unserem physischen und unserem Ätherleib, gleichgültig ob wir wachen, ob wir schlafen, immerzu Vorgänge abspielen, die eigentlich im webenden Gedankensein bestehen, die webendes Gedankensein zwischen unserem physischen Leib und unserem Ätherleib sind (gelb). So daß wir jetzt das erste Element des seelischen Lebens verobjektiviert erfaßt haben. Wir sehen in ihm ein Weben zwischen dem Ätherleib und dem physischen Leib.

Dieses webende Gedankenleben kommt eigentlich so, wie es ist, im Wachzustande nicht zu unserem Bewußtsein. Es muß eben auf die Art, wie ich es geschildert habe, erfaßt werden.“ (Lit.:GA 207, S. 50f)

Siehe auch

Literatur

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Einzelnachweise

  1. Rudolph, S 71