Aurea catena Homeri

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Aurea catena Homeri, Frankfurt und Leipzig 1723

Aurea catena Homeri. Oder: Eine Beschreibung von dem Ursprung der Natur und natürlichen Dingen ist der Titel einer 1723 anonym in Leipzig und Frankfurt bei Johann Georg Böhme erschienenen deutschsprachigen alchemistisch-hermetischen Schrift, die vor allem in pietistischen Kreisen viel gelesen wurde und auch unter dem Titel Annulus Platonis („Ring Platons“) bekannt ist. Als Verfasser bzw. Herausgeber gilt der Arzt und Rosenkreuzer Anton Josef Kirchweger († 1746).[1] 1738, 1757 und 1781 folgten weitere deutsche Ausgaben, 1762 auch eine in Frankfurt verlegte lateinische Fassung. Die 1757 in Jena von Christian Heinrich Cuno verlegte Ausgabe vermehrte die Schrift um einen „ächten“ dritten Teil, der der Transmutation der Metalle bzw. dem Lapis philosophorum gewidmet ist. Ende des 18. Jahrhunderts übersetzte Sigismund Bacstrom Teile des Werks in die englische Sprache. Auszüge dieser Übersetzung wurden 1891 in der theosophischen Zeitschrift Lucifer veröffentlicht.

„Im 17. und 18. Jahrhundert drangen Lehren heraus aus kleinen Gesellschaften, die aber aus wohlerwogenen Gründen nicht von den Urhebern, sondern von andern Menschen aufgeschrieben wurden. Es sind nur spärliche Nachrichten, die aus den damaligen Geheimschulen herausdrangen. So findet man zum Beispiel noch heute Bücher, in deren vergilbten Blättern - vergilbt dem Äußeren nach - ganz wunderbare Dinge stehen. Ein solches Buch ist das von Goethe erwähnte «Aurea Catena Homeri». Was darinnen steht, wird von den heutigen Menschen, am meisten natürlich von den Aufgeklärtesten, für Phantasterei und Unsinn gehalten. Geht man aber mit den Mitteln der Geisteswissenschaft an diesen «Unsinn» heran, so steht da etwas ganz anderes. Da enthüllen sich dem, der sich hineinvertieft, die größten Geheimnisse. Früher konnten nur wenige, nur einzelne bis zu dieser Geheimwissenschaft vordringen, jetzt gibt es eine unbegrenzte Möglichkeit für alle, welche durch die Sehnsucht ihres Herzens dahin geführt werden.“ (Lit.:GA 118, S. 161)

Titel

Annulus Platonis (Jena 1757)
Erklärung der Aurea catena Homeri oder der güldenen Kette des Homeri.
Erklärung der Aurea catena Homeri (Fortsetzung)

Der vollständige Titel der Erstausgabe 1723 lautet:

AUREA CATENA HOMERI. Oder: Eine Beschreibung von dem Ursprung der Natur und natürlichen Dingen / Wie und woraus sie geboren und gezeuget/auch wie sie in ihr uranfänglich Wesen zerstöret werden, auch was das Ding sey / welches alles gebäret und wieder zerstöret / nach der Natur selbst eigener Anleitung und Ordnung auf das einfältigste gezeiget / und mit seinen schönsten rationibus und Ursachen überall illustriret.
Wenn ihr nicht verstehet / was irdisch ist:
Wie wollet ihr denn verstehen / was himmlisch ist?

Die Bezeichnung als „goldene Kette Homers“ leitet sich möglichweise vom Beginn des 8. Gesangs von Homers «Ilias» ab, wo Zeus als Führer der olympischen Götter den anderen Göttern verbietet, auf der einen oder anderen Seite in den Kampf um Troja einzugreifen. Und sollten sie auch eine goldene Kette am Himmel befestigten und sich alle daran hängen, nie gelänge es ihnen, ihn - Zeus - auf die Erde herabzuziehen; doch mühelos zöge er sie empor, selbst mit der Erde Erde und selbst mit dem Meer:

10 Wen ich jetzt von den Göttern gesondertes Sinnes erkenne,
Daß er geht, und Troer begünstiget, oder Achaier;
Schmählich geschlagen fürwahr kehrt solcher mir heim zum Olympos!
Oder ich fass' und schwing' ihn hinab in des Tartaros Dunkel,
Ferne, wo tief sich öffnet der Abgrund unter der Erde:
15 Den die eiserne Pforte verschleußt und die eherne Schwelle,
So weit unter dem Aïs, wie über der Erd' ist der Himmel!
Dann vernimmt er, wie weit ich der Mächtigste sei vor den Göttern!
Auf wohlan, ihr Götter, versucht's, daß ihr all' es erkennet,
Eine goldene Kette befestigend oben am Himmel;
20 Hängt dann all' ihr Götter euch an, und ihr Göttinnen alle:
Dennoch zögt ihr nie vom Himmel herab auf den Boden
Zeus den Ordner der Welt, wie sehr ihr rängt in der Arbeit!
Aber sobald auch mir im Ernst es gefiele zu ziehen;
Selbst mit der Erd' euch zög' ich empor, und selbst mit dem Meere;
25 Und die Kette darauf um das Felsenhaupt des Olympos
Bänd' ich fest, daß schwebend das Weltall hing' in der Höhe!
So weit rag' ich vor Göttern an Macht, so weit vor den Menschen![2]

Annulus Platonis

Die erste Abbildung der Ausgabe von 1857 zeigt 10 ineinander verschlungene Ringe - daher wohl auch der Name „Annulus Platonis“. Man mag darin auch ein Sinnbild der neun Engelhierarchien sehen, denen sich der Mensch unten als zehnte Hierarchie angliedert. Der Weg führt vom Chaos confusum, dem Urstoff der Schöpfung, der prima materia, über verschiedene Zwischenstufen, wie etwa das Tier-, Pflanzen- und Mineralreich, hinab bis zur Perfectio consummata, der Quintessenz, durch die die mit dem Sündenfall verlorenen Kräfte vom Baum des Lebens wieder zugänglich werden. Der Baum des Lebens (hebr. עץ חיים Ez Chajim) spiegelt sich auch im Sephirothbaum der Kabbala wieder, der oft in Form konzentrischer Kreise (hebr. עִגּוּלים Igulim) dargestellt wird.

Der Weg zum Baum des Lebens wurde durch das Mysterium von Golgatha und die Auferstehung des Christus bereitet, durch die auch der Mensch der Auferstehung teilhaftig werden soll. Die Vergeistigung der Leibeshüllen bis hinab zum physischen Leib war das eigentliche Streben der Alchemisten, das seinen Höhepunkt im Opus Magnum, in der Bereitung des Steins der Weisen, der ultima materia, fand.

Inhalt

Das nachstehende Inhaltsverzeichnis folgt der neuen, um den „ächten“ dritten Teil vermehrten Ausgabe, die 1857 bei Christian Heinrich Cuno in Jena verlegt wurde. Der vollständige Titel lautet:

Aurea Catena Homeri. Das ist: Eine Beschreibung von dem Ursprung der Natur und natürlichen Dinge, wie und woraus sie gebohren und gezeuget, auch wie sie erhalten und wiederum in ihr uranfängliches Wesen zerstöret werden, auch was das Ding sey, welches alles gebähret und wieder zerstöret, ganz simpliciter nach der Natur selbst eigner Anleitung und Ordnung mit seinen schönsten natürlichen rationibus und Ursachen überall illustriret. Neue Auflage, welche nach einem accuraten und vollständigen Manuscript fast auf allen Blättern verbessert, und an sehr vielen Orten um ein grosses auch nunmehro mit dem ächten Dritten Theil vermehret ist.

Der erste Theil - De Generatione rerum

Von der Zeugung und Geburt der natürlichen Dinge.

  1. Was die Natur sey. S. 1
  2. Woraus alles geboren worden und wie es entstanden. S. 2
  3. Wie alles geboren und produzieret worden. S. 6
  4. Auf was Weise der Universal-Same gezeuget und geboren worden. S. 11
  5. Wie das zertheilte und zertrennte chaotische hylealische Wasser regenerieret und zu einem Universal-general-Samen aller Dinge wird, welcher insgemein Anima feu Spriritus mundi heisset. S. 16.
  6. Von dem Himmel und seinem Einfluß. S. 20
  7. Von der Luft und ihrem Einfluß. S. 25
  8. Von dem Wasser und seinem Einfluß. S. 29
  9. Von der Erden und ihrem Ausfluß. S. 32
  10. Entdeckung des wahren Universal-Samens oder regenerirten Chaos, Spiritus feu Animae mundi, des berühmten Welt-Geistes. S. 45
  11. Daß das Nitrum und Sal in der Luft und in allen Dingen in der Welt seyn, klare Probe. S. 62
  12. Daß das Nitrum und Sal in allen Wassern und Erden zu finden seyn. S. 68
  13. Daß das Nitrum und Sal in den Animalien zu finden, und daß solche aus diesen beyden gemacht, auch wieder dahin resolviret werden. S. 69
  14. Daß das Nitrum und Sal in den Vegetabilien zu finden, und daß solche aus diesen beyden gemacht, auch wieder dahin resolviret werden. S. 72
  15. Daß das Nitrum und Sal in den Mineralien zu finden, und daß solche aus diesen beyden gemacht, auch wieder dahin resoviret werden. S. 75
  16. Von der Haupt-Pforten und Schlüssel der Natur, als ein Urheber aller Gebährung und Zerstörung der natürlichen Dinge, Putrefaction genannt. S. 84
  17. Was die Putrefactio eigentlich sey, und worinnen sie bestehe. S. 86
  18. Was durch die Puterfaction entstehet und zuwege gebracht wird. S.91
  19. Wie aus dem Volatili ein Acidum und aus dem Acido ein Alcali werde, und e contra, wie aus dem Alcasli ein Acidum, und aus diesem ein Volatile werde. S. 95
  20. Was das Universal- und Particular-Volatile, Acidum und Alcali sey. S. 122
  21. Was die Geburt der Animalien sey, und aus vor Principiis solche bestehen, und worein sie wieder resolviret werden. S. 126
  22. Was die Geburt der Vegetabilien sey, und aus was für Principiis solche bestehen, und worein sie wieder resolvieret werden. S. 134
  23. Was die Geburt der Mineralien sey, und aus was für Principiis solche bestehen, und worein sie wieder resolvieret werden. S. 171

Der andere Theil - De Generatione Rerum und Anatomin earum

Von der Zerstörung und Zerlegung der natürlichen Dinge.

  1. Wie die Natur die alterirte Principia chaotica hylealia in primum reducire, als da ist Nitrum und Sal, das ist, wie sie solche wiederum zu Dampf mache. S. 227
  2. Wie die Natur die Animalia zerstöre. S. 228
  3. Wie die Natur die Vegetabilia zerstöre. S. 230
  4. Wie die Natur die Mineralia zerstöre, corrumpire und alterire. S. 235
  5. De Anatomia feu Separatione & Conjunctione & Regeneratione Aquae Chaoticae in Quintam Essentiam. S. 248
  6. Was aus dem vorhergehenden langen Capitel endlich zu schliessen. S. 317
  7. Anatomia Animalium. S. 324
  8. Anatomia Vegetabilium. S. 341
  9. Anatomia Mineralium. S. 349
  10. Arbor Dulcificationis. S. 369
  11. & ult. Vom Alkahest, was er sey. S. 402

Der dritte Theil - De Transmutatione metallorum

Darinnen insbesondere vom Lapide philosophorum gehandelt wird.

  1. Was unsere Materia eigentlich sey, und wie die Ausziehung des Salis, Sulphuris & Mercurii geschehe. S. 409
  2. Von der Conjunction der Principiorum, als Salis, Sulphuris & Mercurii. S. 424
  3. Von dem andern Wege der Alten in der Nach-Arbeit. S. 427
  4. Von dem kurzen Wege der Alten in der Nach-Arbeit. S. 434
  5. Von der Tinctur auf weiß, in kurzem Wege. S. 438
  6. Von der Augmentation und Multiplication unsers dreyfachen Mercurii, auf unterschiedene Art. S. 444
  7. Von dem langen Wege der Alten. S. 447
  8. Von der geheimen Resolution unserer Materie. S. 460
  9. Von einer Tinctur auf weiß, aus einer andern Materie. S. 467
  10. Wie aus dem primordialischen Chaos das hylealische Salz kan gefunden werden. S. 475

Goethe und die goldene Kette Homers

Die Figur Abyssi Duplicatae oder Des doppelt flüchtig und fixen Abgrundes aus der Aurea catena Homeri (1723), auf die Rudolf Steiner im nebenstehenden Text Bezug nimmt. Zur Erläuterung findet sich folgender Spruch:

Ein Abgrund den andern ruft heraus,
Sie machen zusammen einen harten Strauß:
Das Flüchtige ganz fix soll werden,
Wasser und Dampf sich kehren in Erden.
Der Himmel selbst muß irdisch sein,
Sonst kommt ins Erdreich kein Leben ein.
Das Oberste soll das Unterste sein,
Das Unterste wird das Oberste fein.
Das Fixe soll ganz flüchtig werden,
Ein Wasser und Dampf soll sein die Erden.
Die Erde muß höchst zum Himmel auffliegen,
Der Himmel ins Zentrum der Erde einkriechen.
So muß verkehrt sein Himmel und Erden,
Soll das Unterste zum Obersten werden.
Der flüchtige Drach den fixeren tötet,
Der fixe zum Tode den flüchtigen nötet.
Also muß offenbar kommen an Tag,
Die Quint-Essenz, und was sie vermag.

Der junge Goethe lernte die „Goldene Kette Homers“ durch Susanne von Klettenberg kennen, als er sich in Frankfurt von seiner schweren Erkrankung erholte, die er sich als Student in Leipzig zugezogen hatte. Er fand darin manche Anregungen für seine Faust-Dichtung.

„Da finden wir zum Beispiel den Studenten Goethe an der Leipziger Universität. Er soll eigentlich Jurist werden, aber das beschäftigt ihn nur untergeordnet. Ein unbesieglicher Drang nach den Geheimnissen der Welt, nach dem Geistigen, lebte schon dazumal in dem jungen Studenten. Deshalb tut er sich um in all dem, was Leipzig darbietet an Naturerkenntnis. Er sucht abzulauschen, was die Natur uns in ihren Erscheinungen zu sagen hat, abzulauschen der Welt die Rätsel ihres Daseins. Aber Goethe brauchte, um das, was die Naturwissenschaft ihm darbieten konnte, umzuprägen, umzuschmelzen in seiner Seele zu jenem alle Kraft seines Inneren durchlebenden und durchwebenden Drange, der nicht nach abstrakter Erkenntnis sucht, sondern nach warmer Herzenserkenntnis, ein großes Erlebnis, ein Erlebnis, das den Menschen wirklich zu jener Erkenntnis führt, die das Tor ist, zu dem wir ahnend hinschauen, das Tor, das zuschließt für den heutigen normalen Menschen das Unsichtbare, das Übersinnliche: das Tor des Todes. Der Tod ging am Ende seiner Leipziger Studentenzeit an ihm vorbei. Eine schwere Krankheit hatte ihn niedergeworfen, dem Tode nahegebracht. Stunden, Tage hatte er durchlebt, wo er sich sagen mußte, es könne jeden Augenblick jene geheimnisvolle Pforte durchschritten werden. Und der geheimnisvolle, ungestüme Drang des Erkennens erforderte höchsten Ernst des Erkenntnisstrebens. Mit der so ausgebildeten Erkenntnisstimmung kehrte Goethe in seine Vaterstadt Frankfurt zurück. Da fand er einen Kreis von Leuten, an deren Spitze eine Frau stand von großer, tiefer Begabung: Susanne von Klettenberg. Goethe hat ihr ein wundersames Denkmal gesetzt in den «Bekenntnissen einer schönen Seele». Er hat gezeigt, wie in der Persönlichkeit, der er dazumal geistig so nahegetreten ist, etwas lebte, was man nicht anders zu bezeichnen vermag als dadurch, daß man sagt: In Susanne von Klettenberg lebte eine Seele, welche suchte, das Göttliche in sich zu fassen, um durch das Göttliche in sich das die Welt durchlebende Geistige zu finden. - Goethe wurde dazumal eingeführt durch den Kreis, dem diese Dame angehörte, in Studien, die, wenn man sie heute als so recht moderner Mensch auf sich wirken läßt, einem verrückt erscheinen. Mittelalterliche Schriften waren es, in die sich Goethe hineinlebte. Derjenige, der sie heute in die Hand nimmt, kann nichts damit anfangen. Wenn man die merkwürdigen Zeichen sieht, die darin sind, fragt man sich: Was soll das gegenüber dem heutigen Wahrheitsstreben der Wissenschaft? - Da wirkte ein Buch: «Aurea catena Homeri», «Die goldene Kette des Homer». Wenn man es aufschlägt, findet man eine merkwürdige symbolische Abbildung: einen Drachen oben im Halbkreis, einen Drachen voller Leben, der angrenzt an einen andern Drachen, einen verdorrenden, in sich selber absterbenden Drachen. Allerlei Zeichen sind damit verknüpft: symbolische Schlüssel, zwei ineinander verschlungene Dreiecke und die Planetenzeichen. Das ist für unsere Zeitgenossen eine Phantasterei, gegenüber der heutigen Wissenschaft ist es eine Phantasterei, weil man nicht weiß, was man mit diesen Zeichen anfangen soll. Goethe spürt in seiner Ahnung, daß sie etwas ausdrücken, daß man etwas damit anfangen kann, wenn man sie betrachtet. Sie drücken nicht unmittelbar etwas aus, was man da oder dort finden kann in der Welt. Wenn man aber diese Zeichen auf sich wirken läßt, indem man sie sich so einprägt, daß man gleichsam taub und blind wird gegenüber seiner physischen Umgebung, nur diese Zeichen in sich wirken läßt, dann erlebt man etwas höchst Eigentümliches, dann erlebt man, daß die Seele in sich selber wie etwas verspürt, was früher geschlummert hat, wie ein geistiges Auge, das aufgeht. Und wenn man genügende Ausdauer hat, so ergreift man das, was man Meditation, Konzentration nennen kann, wodurch man seine Seele so zur Entwickelung bringt, daß man tatsächlich so etwas wie eine geistige Augenoperation durchmacht, durch die sich eine neue Welt erschließt. Für Goethe hat sich damals noch nicht eine neue Welt erschließen können, so weit war er noch nicht. Aber was in seiner Seele auflebte, war die Ahnung, daß es Schlüssel gibt für diese geistige Welt, daß man eindringen kann in diese geistige Welt. Diese Stimmung muß man sich vergegenwärtigen; die lebendige Empfindung, das lebendige Gefühl: da wird etwas in mir rege gemacht, wird etwas lebendig; es muß etwas geben, was in die geistige Welt hineinführt. Aber zu gleicher Zeit spürt er: er kann noch nicht hinein. Wäre Goethe jemals in seinem Leben identisch gewesen mit Faust, so würden wir sagen: Goethe war in derselben Lage, in der uns Faust entgegentritt im Anfang des ersten Teiles, da, wo Faust, nachdem er studiert hat die verschiedensten Gebiete menschlicher Wissenschaft, Bücher aufschlägt, worin solche Zeichen sind, und sich von einer geistigen Welt umgeben fühlt, aber nicht hinein kann in die geistige Welt. So fühlte sich Goethe niemals identisch mit diesem Faust: ein Teil von ihm war der Faust, er selber wuchs hinaus über das, was nur ein Teil von ihm selber war. Und so wuchs das, was in Goethe über den Faust hinausging, wuchs dadurch, daß er, keine Unbequemlichkeit scheuend, immer weiter und weiter strebte und sich sagte: Hinter die Geheimnisse des Daseins kommt man nicht im Sprung, nicht durch Beschwörungen und Formeln, sondern indem man Schritt für Schritt in geduldiger, energischer Erkenntnis das, was immer in der physischen Welt einem entgegentritt, nach und nach wirklich geistigseelisch durchdringt. - Es ist leicht zu sagen: Es muß aufgehen in der Seele, was eine höhere Erkenntnis ist. - Aufgehen muß diese höhere Erkenntnis in der Seele, aber sie geht in wahrer Gestalt erst dann auf, wenn wir in Geduld und Ausdauer bestrebt sind, von Stufe zu Stufe kennenzulernen die wirklichen Erscheinungen der physischen Welt und dann hinter diesen Erscheinungen der physischen Welt das Geistige zu suchen. Mit dem aber, was Goethe mitnahm aus seiner Frankfurter Zeit, konnte er alles andere zusammenfassen, konnte er alles in anderem Lichte sehen.“ (Lit.:GA 272, S. 22ff)

„... man darf nicht verkennen, daß Goethe aus der Tiefe seines Erkenntnisstrebens heraus ein ahnungsvoller Geist war. Und da mußte es ihn, wenn er aufschlug die «Aurea Catena Homeri» und gleich die erste Seite erblickte, sonderbar anmuten, wenn er da ein tief auf die Seele wirkendes Zeichen sah: zwei ineinander verschlungene Dreiecke, an den Ecken in wunderbarer Weise gezeichnet die Zeichen der Planeten, herumgewunden im Kreise ein fliegender Drache und unten ein merkwürdig festgewordener, sich in sich selbst verfestigender Drache - und wenn er dann die Worte las, die da zu finden waren auf der ersten Seite, wie der flüchtige Drache die Strömung symbolisiert, die da immer dem festen Drachen jene Kräfte einflößt, die vom Weltenall herunterströmen, oder wie Himmel und Erde zusammenhängen, mit andern Worten, wie es dort heißt: «Wie des Himmels Geisteskräfte sich ergießen in der Erde Zentrum.»

Tief mußten auf Goethe solche geheimnisvolle Zeichen und Worte wirken. Jene zum Beispiel, die den ganzen Werdegang der Welt darstellten, wie man sagte «vom Chaos bis zu dem, was man nennt die universale Quintessenz» - ein merkwürdiger Übergang in sonderbar ineinandergreifenden Zeichen von der chaotischen Materie, die noch unterschiedlos ist, durch das mineralische, pflanzliche und tierische Reich hindurch —, bis hinauf zum Menschen und zu jenen Perspektiven, zu denen sich der Mensch hinentwickelt, in immer weiterer Verfeinerung.“ (Lit.:GA 57, S. 305f)

„Wenn wir den ersten Monolog des Faust betrachten, sehen wir im vollsten Sinne des Wortes, was wir im Eingange der heutigen Betrachtung charakterisiert haben: Wir sehen den Mann, der sich im vollsten Sinne in der äußeren Wissenschaft umgetan hat, der verzweifelt, und der nahe daran ist, am Leben völlig zugrunde zu gehen, am Erkenntnisdrang zu zerschellen. Wir sehen, wie er die alten Bücher ergreift. Goethe nennt es das Buch des Nostradamus, aber wer bewandert ist in der Literatur der Magie, die Goethe damals auch kannte, der wird leicht wiedererkennen, was Goethe mit dem Buche meinte, in welchem Faust das Zeichen des Makrokosmos erblickt. Sagen läßt er ihn darüber:

Wie Himmelskräfte auf- und niedersteigen
Und sich die goldnen Eimer reichen!
Mit segenduftenden Schwingen
Vom Himmel durch die Erde dringen,
Harmonisch all das All durchklingen!

Und dann das, was sich wie eine Gefühlsschilderung angliedert an diese Worte, daß es ihn wie mit Wonne durchzieht beim Anblick dieses Blattes, in diesem allem erkennen wir, was auf Goethe in der damaligen Zeit gewirkt hat. Solche Stimmungen und Vorstellungen konnten sich in Goethes Seele ergießen, und er konnte sie wiederum in solcher Wahrheit hinschreiben, wenn er etwa stand vor jenem merkwürdigen Zeichen der zwei ineinandergeschlungenen Dreiecke, und der zwei Drachen, des oberen geistigen und des unteren physischen, wo an den Ecken der verschlungenen Dreiecke die Zeichen der Planeten stehen, deren Kräfte sich durchdringen, so daß man wirklich die goldglänzenden Planeten vor sich hat wie goldene Eimer, zwischen denen die Kräfte fließen, die harmonisch das All durchklingen.“ (S. 313f)

„Wir können nicht tief genug gerade von diesem Gesichtspunkte aus Goethes Leben betrachten, und wir sehen, wie nachklingt die Stimmung, die Goethe selber hat empfinden können der «Aurea Catena Homeri», der «goldenen Kette Homers» gegenüber; wir sehen sie ausgedrückt, wenn er in die Worte des Faust ausbricht: «Welch Schauspiel!» Ja, es ist ein gewaltiges Schauspiel, wenn sich die Seele vertieft in diese Bilder, ohne auch nur eine Ahnung davon zu haben, was sie weiter sind. Es ist ein Schauspiel. Aber bleibt es bei der Ahnung?

Dann kommen notwendig nach die Worte: «Aber ach! ein Schauspiel nur!» Verstanden hat Goethe diese tiefen Worte damals noch nicht; aber empfindungsgemäß lebte damals schon in seiner Seele jenes: «Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis!» Und wie im Schmerz mochte er sich sagen, wenn er die merkwürdigen Figuren vor sich hatte: Wenn man auch noch so künstliche Figuren zeichnet, sie sind doch äußere Symbole!

Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur!
Wo faß ich dich, unendliche Natur?“ (S. 314f)

Werkausgaben

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
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Weblinks

Einzelnachweise

  1. Kopp, S. 38
  2. Homer: Ilias. Odyssee. Gesang. Übersetzt von Johann Heinrich Voss. Insel Taschenbuch, ISBN 3-458-32904-8, 8. Gesang auf projekt-gutenberg.org