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Ornament

Aus AnthroWiki
(Weitergeleitet von Ornamentik)
Eierstab-Ornament an einem Fries der Nikolaikirche Leipzig
Aufwändige Ornamentmalereien im Speyerer Dom, gefertigt von Joseph Schwarzmann um 1850; zerstört 1960

Ein Ornament (von lat. ornare „schmücken, zieren, ordnen, rüsten“) ist ein sich meist wiederholendes, oft abstraktes oder abstrahiertes Muster mit für sich genommen symbolischer Funktion. Ornamente finden sich auf Stoffen, Bauwerken, Tapeten. Der Begriff Ornament wird fälschlicherweise mit den Begriffen Verzierung oder Dekoration verwechselt, die eine in verschönernder Funktion verwendete Agglomeration von Schmuckelementen beschreiben. Ornamente sind jedoch oft Bestandteil oder Motive in der dekorativen Kunst, beispielsweise im Kunsthandwerk. Als einzelnes Schmuckmotiv ist es somit ein Teil der Dekoration.

Jedes Ornament weicht formal deutlich vom Hintergrundmuster ab und wird häufig farblich oder durch Erhebung abgegrenzt. Bereits in der Steinzeit finden sich Keramikgefäße, die mit Ornamenten verziert sind. Ornamente können gegenständlich aus Blumen- oder Fantasiemustern gebildet werden. Blumen und Blätterornamente sind häufig in Kirchen, Kathedralen, Kreuzgängen und anderen Bauwerken an Säulen oder Erkern sowie an Decken (Stuck) oder Hauseingängen. Ornamente können auch abstrakte Formen, etwa traditionelle Clan-Muster oder Stammeszeichen, enthalten, um die Zugehörigkeit des Trägers zu verdeutlichen. Besonders häufig kommen sie in der islamischen Kunst (wegen des dortigen Bilderverbots) als Arabeske vor.

Als Ornamentik bezeichnet man die Gesamtheit der Ornamente im Hinblick auf ihre innerhalb einer bestimmten Stilepoche oder für einen bestimmten Kunstgegenstand typischen Formen sowie auch die Kunst der Verzierung.[1] Die Ornamentik der klassischen Säulenarchitekturen nimmt dabei eine Sonderstellung ein, da sie in der Regel einer tektonischen Logik folgt. Die einzelnen Ornamente werden dabei als Reminiszenzen konstruktiver Elemente der frühen griechischen Holzarchitektur verstanden. Der angemessene Einsatz der einzelnen Ornamente ist somit kanonischen Bindungen unterworfen und ist ein bestimmendes Thema der frühneuzeitlichen Architekturtheorie.

Einführung

Ornamente grenzen sich von Bildern im klassischen Sinne dadurch ab, dass ihre narrative Funktion gegenüber der schmückenden in den Hintergrund tritt. Sie bauen weder zeitlich noch in der räumlichen Tiefe eine Illusion auf. Ornamente erzählen keine kontinuierliche Handlung und sind auf die Fläche beschränkt. Trotzdem können Ornamente naturalistisch und plastisch ausgeprägt sein oder einzelne Gegenstände wie Vasen werden ornamental verwendet, wenn sie als Hauptfunktion verzieren.

Gegenständliche und plastische Ornamente stehen den abstrakten oder stilisierten gegenüber. Die Stilisierung kann einzelne Elemente oder Formen betreffen oder wie in der Arabeske die Bewegungsführung. Je abstrakter ein Ornament ist, desto stärker erscheint der Grund als eigenständiges Muster. Neben ihrem Abstraktionsgrad unterscheiden sich Ornamente in ihrem Verhältnis zum Träger. Ornamente können akzentuieren (Rosetten), gliedern (Bänder, Leisten in der Architektur), füllen und rahmen. Der Träger kann das Ornament bestimmen oder umgekehrt vom Ornament beherrscht werden. Intensität und Dichte entscheiden zudem über die Beziehung zum Träger.

Ornamente werden nicht nur als Kunstgattung untersucht, sondern auch in ihrer stilgeschichtlichen Entwicklung und im Rahmen der menschlichen Wahrnehmung. Diese letztgenannte Herangehensweise versucht, dem Studium der Ornamentik Erkenntnisse der Psychologie zugrunde zu legen. Die Faszination des Menschen an einfachen geometrischen Elementarformen wird erklärt mit der Notwendigkeit, aus der Vielzahl der chaotischen Bildreize auszuwählen. Um ästhetisch zu erscheinen, müssen Ornamente nach diesem Ansatz außerdem eine gewisse Komplexität mitbringen. Ansonsten werden sie als erwartungskonform aussortiert.

Die Stilgeschichte des Ornaments beschäftigt sich mit der zeitlichen Entwicklung verzierender Motive und ihrer Ausgestaltung und wurde von Alois Riegl Ende des 19. Jahrhunderts begründet. Wenn eine andere Kultur ein Motiv übernimmt, so dass es seine ursprüngliche Bedeutung verliert oder verändert, oder wenn Trägermedium oder Fertigungstechnik wechseln, etwa durch massenhafte und automatisierte Produktion, entwickeln sich Motive weiter. Verschiedene Kulturen oder örtliche Strömungen stehen in einem Wechselspiel und beeinflussen sich gegenseitig. Manchmal sind bestimmte Ausprägungen eines Ornaments so typisch für eine Epoche, einen Ort oder einen einzelnen Künstler, dass sie zur Bestimmung der Herkunft herangezogen werden.

Die Diskussion um Ornamente wurde immer wieder bestimmt durch das Prinzip des Decorum, das angewendet auf die Ornamentik aussagt, ob etwa der Ort oder die Ausgestaltung passen. Dazu gehört, ob ein Ornament als kitschig oder überladen aufgefasst wird. Was eine Gesellschaft als passend empfindet, hängt stark von ihren Normen ab. Da Verzierungen den vielleicht geringen Wert oder die Funktionalität ihres Trägers überdecken können, wurde in der Geschichte im Namen natürlicher Schönheit und Anmut häufig eine nüchterne, sozusagen klassische Ornamentik gefordert.

Neben der Kunst tritt das Ornament in der Musik als eventuell frei improvisierte Verzierung auf oder in der Rhetorik, wo darunter eine übertrieben bildhafte oder rhythmische Sprache verstanden wird. Darüber hinaus tauchen ornamentale Elemente in der klassischen Malerei auf, etwa im rhythmischen Faltenwurf von Stoff oder in der gewundenen Darstellung von Figuren.

Epochenüberblick

Ornament aus dem 16. und 17. Jahrhundert

Altertum

Alter Orient

Im Nahen Osten reichen einfache geometrische Verzierungen bis zu 10.000 Jahre zurück, erhalten auf Werkzeugen, Tongefäßen oder Höhlenwänden. Palmette und Rosette, Spiral- und Linienmuster werden schon mehrere Jahrtausende v. Chr. zur Verzierung verwendet. Zwei in Altägypten weit verbreitete Pflanzenmotive sind der Lotus in seinen Ausprägungen als Blatt, Knospe oder als Blüte und der Papyrus als Blüte. Daneben umfasst die ornamentale Motivik in Altägypten auch Tiere (wie Bukranien), Menschen, Schriftzeichen und geometrische Muster. Die Motive werden gereiht, alterniert oder mit Linien (wie Spirallinien) verbunden. Zu weiteren Motiven, die schon vor der klassischen Antike Verbreitung finden, gehören Pinienzapfen und Granatäpfel. Die Triplespirale und die Triskele sind Motive der Vorzeit. Das Wirbelrad eine Abwandlung des Swastika kommt später hinzu.

In der Architektur werden Ornamente meist verwendet, um einzelne Bauglieder zu kennzeichnen oder Flächen zu rahmen. Geometrische Muster können aber auch flächig oder in Registern angeordnet ganze Fassaden überziehen. Besonders reiche Dekorationen finden sich in der phrygischen Baukunst, insbesondere bei den Felsfassaden der Midasstadt. Einflüsse altorientalischer Ornamentik finden sich u. a. in der griechischen Kunst und Architektur wieder.

Klassische Antike

Im antiken Griechenland werden insbesondere für den Tempelbau zahlreiche neue Bauformen geschaffen und den bei Vitruv beschriebenen Säulenordnungen zugewiesen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Gestaltung der Kapitelle. Bildliche Darstellungen finden sich, meist als Relief, insbesondere in Friesen oder Tempelgiebeln.

Relativ früh kommt das Efeublatt, später das Akanthusblatt als Ornament auf, Letzteres insbesondere am korinthischen Kapitell. Daneben entwickeln sich vielseitiger einsetzbare Ornamente, wie Rankwerke und Palmetten, zu ihren klassischen Formen. Es entstehen Ausprägungen wie Halbpalmette und umschriebene Palmette, sowie als verbindendes Element die freie Wellenranke, die sich später räumlich entfaltet. In allen Kunstgattungen besonders verbreitet findet sich der Mäander in seinen verschiedenen Varianten.

Im Gegensatz zur altägyptischen Ornamentik werden die Motive nicht nur streng rechtwinklig geordnet, sondern können – beispielsweise an Giebeln – auch diagonal verlaufen. Ornamente werden in ihrem Verhältnis zum Inhalt gesehen, beispielsweise als Rahmen für Darstellungen auf Vasen.

Im Hellenismus und der römischen Antike zeigen sich v. a. im Westen räumlich-naturalistische Tendenzen in der Ornamentik; es häufen sich Menschen- und Tierdarstellungen (Putten, Phantasiewesen oder Vögel). Die Spätantike führt einerseits zu einer weiteren Naturalisierung und üppigen Flächenfüllung, was v. a. der Darstellung von Reichtum dienen soll. Jedoch werden die Motive oft relativ frei, fast stilisiert verwendet. Beispielsweise kommt das unfreie Akanthusblatt auf, dessen verbindende Ranke sich an seiner Spitze fortsetzt. Besonders im Osten entwickelt sich ein eher abstrakter Stil. Weitere für die römische Antike typische Motive sind Lorbeer, Weintrauben und -blätter. Die Säule verliert ihre ausschließlich lasttragende Funktion und wird ornamental eingesetzt.

Europa

Mittelalter

Die Karolingische Kunst übernahm um 800 aus der nur wenige Jahrhunderte zurückliegenden Spätantike die Palmette und den Akanthus. Daneben hielt sich der aus keltischer und germanischer Tradition stammende Tier- und Flechtbanddekor. Beide Einflüsse waren noch in der Romanik wirksam. Das Blattwerk des Kapitellschmucks bediente sich des mehr oder weniger klassischen Akanthus. Die Bauornamentik bevorzugte geometrische Formen, wie Zahnschnitt, Zackenband oder Rundbogenfries. In den Bordüren und Initialen der Buchmalerei sind überwiegend vegetabile, aus Palmette und Akanthus entwickelte Elemente anzutreffen, die aber – im Unterschied zur Gotik – noch durch Feldertrennungen und -rahmen begrenzt werden.

Gänzlich unabhängig von antiken Vorbildern entwickelt sich mit dem Maßwerk die wichtigste Ornamentgattung der Gotik. Entstanden als Architekturelement zur Gliederung und statischen Bewältigung großer Glasfensterflächen, verselbständigten sich diese in ihrer Linearität leicht übertragbaren Motive zu schmuckhaft angereicherten Dekorationselementen wie an geschnitzten Retabeln, vergoldeten Monstranzen oder gemalten Buchseiten. Die vertikale Gerichtetheit des Maßwerks findet eine Variante in den radial angeordneten Spitzbögen der Fensterrose. Im Gegensatz zu dieser geometrischen und abstrakten Charakteristik des Maßwerks steht in der Gotik eine fast naturalistische Pflanzenornamentik. Am Kapitell variiert sie zunächst und verdrängt dann den klassischen Akanthus, ersetzt ihn durch Weinlaub und das Blattwerk einheimischer Pflanzen. Typisch für das mitteleuropäische Laubwerkornament in Mitteleuropa sind im 14. Jahrhundert gebuckelte Blätter und dann, im späten 15. Jahrhundert, distelartiges Rankenwerk.[2] So, wie dessen Verschlingungen immer komplexer werden, nimmt auch das Maßwerk an Bewegtheit zu, die Spitzbögen werden flammenförmig ("flamboyant") gebogen, wie es auch der aus drei Fischblasen zusammengesetzte Dreischneuß zeigt.

Architekturtheorie und Bauornamentik in der Renaissance

Mit der Wiederentdeckung der Schriften Vitruvs setzt im 15. Jahrhundert in Italien eine intensive Auseinandersetzung mit antiker Kunst und Architektur ein, deren Formen und Ornamentik bald die mittelalterlichen Formen verdrängt. Insbesondere der Bauschmuck römischer Ruinen wird von zeitgenössischen Architekten studiert, kopiert und in Traktaten verbreitet.[3] Weitere Vorbilder für Kunst am Bau liefern römische Wandmalereien, insbesondere die Grotesken. Hilfreich für die Verbreitung der antiken Bauformen und Ornamentik ist der ebenfalls in dieser Zeit etablierte Buchdruck, dessen zunehmende Qualität ab dem frühen 16. Jahrhundert auch Illustrationen und (später auch farbige) Tafeln zulässt.

Im Zentrum der neuen architekturtheoretischen Diskurse standen, neben den Säulenordnungen, auch allgemeine Entwurfs- und Gestaltungsprinzipien, die bald schon über die Vitruv’schen Lehren hinausgingen. Für Leon Battista Alberti spielt das Ornament eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit der Definition des Begriffes Schönheit (pulcritudo). Die Schönheit, so Alberti, ist ein idealer Zustand, in dem dem Gebäude nichts entfernt oder hinzugefügt werden kann, ohne dass die Schönheit dadurch gemindert würde. Da dieser Zustand in der Wirklichkeit nicht erreicht wird, wird das Ornament von außen auf das Gebäude aufgebracht, um die Vorzüge des Gebäudes zu unterstreichen und die Mängel zu verbergen (Alberti: de re aedificatoria, Venedig 1485, Buch VI, Kap. 2). Die wichtigste Anwendung dieses dualistischen Schemas von Schönheit und Ornament findet sich im Theatermotiv, das in der Renaissance zum wichtigsten Gliederungsschema für Gebäudeaufrisse wurde.

16. und 17. Jahrhundert

Die als Vorlagen für Kunsthandwerker in Einzelblättern und in Buchform publizierten Ornamentstiche geben seit der frühen Neuzeit ein gutes Bild von der Entwicklung des Ornamentstils nördlich der Alpen. Stärker noch als im Mittelalter entstehen jetzt Ornamente als Umformungen und Nachbildungen antiker Elemente wie Palmetten, Festons, Vasen, Baluster, Kandelaber und andere Architekturelemente. Wichtigstes pflanzliches Motiv ist fortan der mehr oder weniger rankende, im Lauf der Zeit mal filigrane, mal dickblättrig flächendeckende Akanthus.

Auch die Arabeske erwacht in der Renaissance zu neuem Leben, aber anders als die folgenden Motive kennzeichnet sie keine zeitlich eng begrenzbare Dekorationsweise, sondern bleibt ein wiederholt in verschiedenen Stilen bis über die Barockzeit hinaus aufgegriffenes Motiv.

In der italienischen Renaissance erlebt die Groteske (Ornament) eine besondere Blüte, tritt aber auch später in ganz Europa als großflächige Wanddekoration gelegentlich noch auf. Auch die Maureske gehört in diese Epoche. Die von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts vorherrschenden Variationen des Rollwerk-, Beschlagwerk- und Knorpelstils, sind teils zu den Grotesken zu rechnen, wenn sie ihren fragilen, gitterartig komponierten, schwebenden Charakter behalten, sich aber davon entfernen, wenn sie als Relief auftreten oder auch in der Fläche dreidimensionale Wirkungen anstreben. Im Einzelnen: Kennzeichen des Rollwerks (ab 1520) sind verschränkte und aufgerollte, durchgesteckte und mehrschichtige Bandformen, die besonders an Rahmungen und Kartuschen vorkommen. Abgeleitet davon, oft mit ihm auch kombiniert zeigt sich das Beschlagwerk (um 1550—1630) mit seinen wie aus Metall geometrisch geschnittenen und "genieteten" Formen. Wo dieses Ornament zerfließt und in Bewegung kommt, im Schweifwerk (um 1580—1630), entstehen schwellende, in Voluten oder keulenartige Gebilde auslaufende Formen. Die Tendenz zum Amorphen dieses Ornamentstils wird noch gesteigert in den Varianten Knorpelwerk, Teigwerk und Ohrmuschelstil (1570–1660), die untereinander kaum abgrenzbare Übergänge zeigen und auch synonym gebraucht werden. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gewinnt das jetzt oft lückenlos die Flächen überziehende Akanthusblattwerk wieder die Oberhand.

20. Jahrhundert

Ornamentik an der Pauluskirche in Bern

Die Wiener Avantgarde formulierte in der Phase der Vor- oder Frühmoderne zwischen Jahrhundertwende und dem Ersten Weltkrieg als erstes heftige Kritik am Ornament. Vor allem Adolf Loos formulierte dies in seinem Aufsatz Ornament und Verbrechen von 1908 und mit seinem Loos-Haus am Michaelerplatz und Otto Wagner mit seiner Postsparkasse entwarfen zwei Bauten, die nahezu völlig auf ornamentale Verzierung verzichteten. Ähnliche Tendenzen gab es beim Loos-Freund Arnold Schönberg, der die klassische Musik von allem Redundanten und Überflüssigen befreien wollte, und ebenso bei den Gemälden von Egon Schiele, nackt und reduziert im Vergleich zu vor goldenen Verzierungen überquellenden Werken von Gustav Klimt. Die Kritik der Wiener Avantgarde am Ornament, die nach dem Ersten Weltkrieg großen Einfluss auf die Weimarer Moderne und damit das Bauhaus ausübte, ist vor allem unter den speziellen Umständen der österreichischen Hauptstadt als Mittelpunkt eines zerbrechenden Vielvölkerstaates zu verstehen. Die aufgesetzte Oberflächlichkeit der repräsentativen, prächtigen Ringstraßenfassaden geriet in den Fokus der Kritik einer Vielzahl junger Gestalter, da sie mit einer großen Zahl von Missständen im Land gleichgesetzt wurde: mit der im Lande herrschende katholischer Doppelmoral, dem von der Industrialisierung profitierenden, neureichen Bürgertum und einem überalterten Kaisertum.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich durch die Emigration von Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe nach Amerika und über die dortige Neugründung als New Bauhaus die Lehren des Bauhauses von den USA aus weltweit als Internationaler Stil durchsetzte, Stuck, Tapete und Fassadenhaftigkeit mit einem Bannspruch belegt wurden und der Ulmer Schule und der Schweizer Typografie im Bereich von Produktdesign und Grafik ähnliches gelang, verschwand das Ornament für nahezu 40 Jahre fast vollständig als Gestaltungsmittel aus dem Bewusstsein der Gestalter. Erst seit der Postmoderne und schließlich mit der digitalen Revolution spielt das Ornament in aktuellen Designentwicklungen wieder eine größere Rolle.

Als anthropologische Konstante ist es im Rahmen der Globalisierung von Kommunikationsprozessen als kulturübergreifend nutzbares, grafisches Element in die Moderne zurückgekehrt. Als Protagonisten einer Wiederbelebung des Ornaments im Kommunikationsdesign Anfang des 21. Jahrhunderts gilt die Pixel-Art -orientierte Welt von eboy, das Corporate Design des Berliner Direktorenhaus Berlin durch Apfel Zet, das in Hong Kong von Jonathan NG gestaltete Magazin Idn, Webapplikationen von Yugo Nakamura, Tokyo, oder das Erscheinungsbild der Weltleitmesse Tendence Lifestyle / Messe Frankfurt von Heine/Lenz/Zizka (Frankfurt am Main). In der Architektur gibt es jedoch nach wie vor große Vorbehalte, das Ornament einzusetzen.

Kritik am Ornament

In der Architektur und dem Produktdesign der Moderne entwickelte sich eine weitverbreitete Skepsis und Ablehnung gegenüber dem Ornament. Propagiert wurde stattdessen die Formel „form follows function“. Besonders populär wurde die 1908 erschienene Schrift von Adolf Loos Ornament und Verbrechen, in der er die Verwendung von Ornament und Dekor geißelte und als überflüssig bezeichnete.

Für den Mediziner Hans Martin Sutermeister stellte das Ornament eine Erholungsregression dar: Das „Zauberische am Ornament“ beruhe „auf seiner sich durch Wiederholung summierenden affektiven resp. suggestiven Wirkung, die dadurch bedingt ist, daß […] rhythmische Außenreize vermehrt auf [die] Tiefenschichten unserer Psyche einzuwirken pflegen.“[4] Das Ornament kann somit, ähnlich wie bei rhythmischer Musik, benutzt werden, um den Betrachter (oder Hörer) zu beeinflussen.

Liste von Ornamenten

Friesornamente

Bild Name Vorkommen, Beschreibung
Eierstab Ionische Ordnung: als Kymation oder im Kapitell, zwischen den Voluten.
Laufender Hund Klassische Architektur.
Mäander Klassische Architektur.
Perlstab (Astragal) Ionische Ordnung: zwischen Säulenschaft und Kapitell. Endlose Abfolge von jeweils einer runden „Perle“ und dann zwei abgeflachten.

Flächenhafte und sonstige Ornamente

Bild Name Vorkommen, Beschreibung
Akanthusblatt Seit der griechischen Antike z. B. in den Kapitellen korinthischer Säulen; Pflanzenornament (Akanthus).
Arabeske
Bandelwerk
Baum des Lebens
Beschlagwerk
Bukranion
Feston
Flechtband
Fleuron
Groteske
Keltische Knoten
Knorpelwerk
Gitterwerk
Labyrinth
Maureske
Millefleurs
Palmette
Pinienzapfen Seit der römischen Antike; stilisierte Darstellung der Frucht einer Pinie, oft als Skulptur oder Abhängling.
Rocaille Renaissance, Rokoko; ein oft übertreibend ausgestaltetes muschelförmiges Ornament, oft in Verbindung mit Blatt- und Rankendekorationen.
Rollwerk Manierismus, Frühbarock; plastisch wirkende Bandformen, die zum Teil verschränkt, durchgesteckt und aufgerollt sind.
Schweifwerk
Teigwerk

Siehe auch

Literatur

  • Markus Brüderlin: Ornament und Abstraktion – Kunst der Kulturen, Moderne und Gegenwart im Dialog, Deutsche und englische Ausgaben, DuMont Köln, 2001, ISBN 3770158253.
  • Frank-Lothar Kroll. Das Ornament in der Kunsttheorie des 19. Jahrhunderts. Georg Olms Verlag, 1987, ISBN 9783487078366.
  • Franz Sales Meyer: Handbuch der Ornamentik. Seemann, Leipzig 1927, Nachdruck: Seemann, Leipzig 1986. (Erste Auflage unter dem Titel Systematisch geordnetes Handbuch der Ornamentik: Zum Gebrauche für Musterzeichner, Architekten, Schulen und Gewerbetreibende sowie zum Studium im Allgemeinen. Seemanns Kunsthandbücher Bd. 1. Seemann, Leipzig 1888).
  • María Ocón Fernández: Ornament und Moderne. Theoriebildung und Ornamentdebatte im deutschen Architekturdiskurs (1850–1930). Berlin: Dietrich Reimer Verlag, 2004, ISBN 3-496-01284-6.
  • Claudia Weil, Thomas Weil: Ornament in Architektur, Kunst und Design. Callwey Verlag, München 2006, ISBN 3-7667-1619-0.
  • Edgar Lein: Seemanns Lexikon der Ornamente. Herkunft, Entwicklung, Bedeutung. E. A. Seemann Verlag, Leipzig 2006, ISBN 978-3-86502-085-7
  • Elke Wagner: Stilgeschichte der Ornamente – von der Antike bis zur Alltagskultur der 1980er Jahre. iF Design Media, Diplomica Verlag Hamburg 2013, ISBN 978-3-8428-9793-9
  • Günter Irmscher: Ornament in Europa 1400–2000, Köln 2005, mit gründlichem Literaturverzeichnis
  • Alois Riegl: Stilfragen, Grundlegungen zu einer Geschichte der Ornamentik, Berlin 1893 (Digitalisat)
  • Günther Binding, Architektonische Formenlehre, Darmstadt 1980, 2. Auflage Darmstadt 1987, 3. Unveränderte Auflage Darmstadt 1995.

Weblinks

Commons: Ornament (Bildende Kunst) – Weitere Bilder oder Audiodateien zum Thema
 Wikisource: Ornament – Quellen und Volltexte
 Wiktionary: Ornament – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

  1. Duden | Ornamentik | Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Herkunft. Abgerufen am 7. November 2019.
  2. Hans Weigert: Blatt, Blattwerk, in: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte, Bd. II (1941), Sp. 834–855; in: RDK Labor (abgerufen am 23. Juli 2019)
  3. Hanno-Walter Kruft: Geschichte der Architekturtheorie, C.H.Beck-Verlag, München 2013, S. 20–30.
  4. Hans Martin Sutermeister. Das Ornament. In: Von Tanz, Musik und andern schönen Dingen: Psychologische Plaudereien. Verlag Hans Huber, Bern 1944. S. 59.
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