Schamanentrommel

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Schematische Zeichnung einer Schamanentrommel mit der darauf dargestellten Grundsymbolik der tengristischen Drei-Welten-Kosmologie. Der senkrechte Pfeil symbolisiert den Weltenbaum, der in der Mitte der Welt steht und Unterwelt, irdische Welt und Himmel miteinander verbindet. Die oben vom Horizont nach unten weisenden kleinen Striche symbolisieren die Erd- und Wassergeister.

Die Schamanentrommel (norwegisch runebomme, südsamisch gievrie, nordsamisch gobdas, finnisch kannus, eskimoisch und auf Inuktitut qilaat, im Altai tüngür, tibetisch po’i rNga) – veraltet auch „Zaubertrommel“ – ist ein Hilfsmittel für die magischen Praktiken der Schamanen verschiedener Kulturen, besonders im strenger als anderswo praktizierten Schamanismus der einstigen Jäger und Sammler und Nomaden in Zentralasien und Sibirien. Dort gehört der Schamanismus zur traditionellen Religion der Turkvölker, der Mongolen und der uralischen Völker. Die schamanische Zeremonialtrommel ist darüber hinaus ein kulturelles Symbol.

Wesentlich für die Trommel der sibirischen Völker ist die Vorstellung, dass das Holz des Rahmens aus einem heiligen Baum gefertigt sein muss, der zugleich den Weltenbaum, die Achse der Welt, repräsentiert. Der Schamane verwendet die Trommel in erster Linie als symbolisches Reittier während seiner mystischen Himmelsreise, ferner als Werkzeug beim Orakel und zum Herbeirufen der Geister bei Krankenheilungen. Rituell benutzte Trommeln der Samen aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind in großer Zahl in Museen erhalten, bei den Eskimos sind sie mit der Christianisierung verschwunden, während sie in Nordasien mancherorts noch heute auf traditionelle Weise zum Einsatz kommen. Ebenso bis in die Gegenwart spielen die südamerikanischen Mapuche das kultrún.

Schamanentrommel ist eine funktionelle Bezeichnung unabhängig von der Bauart. Am weitesten verbreitet waren kreisrunde, einfellige Rahmentrommeln aus einem gebogenen Holzspan und ovale oder anders gerundete Rahmentrommeln. Die Samen besaßen außerdem flache, schalenförmige Trommeln, die aus einem Holzstück geschnitzt wurden. Sie gehören nach ihrer Form zu den Kesseltrommeln, besitzen jedoch mehrere Öffnungen am Boden. Der Durchmesser der Trommeln beträgt zwischen 30 und 100 Zentimetern bei einem 3 bis 20 Zentimeter hohen Rahmen. Viele, aber nicht alle Schamanentrommeln sind auf der Membran mit Mustern und Figuren dekoriert, die häufig eine „mythische Weltkarte“ darstellen – mit dem Weltenbaum in der Mitte, der von Tieren, Geistern und menschlichen Figuren umgeben ist.

Allgemeine Funktion der Schamanentrommeln

Die magisch-religiöse Funktion des Schamanen ist, zugunsten der Gemeinschaft eine Beziehung zwischen den Menschen und den übernatürlichen Geistern und Gottheiten herzustellen. Er erlebt in seiner Trance eine ekstatische Reise in den Himmel, wohin er durch den Aufstieg entlang des Weltenbaums gelangt. Er denkt sich die Trommel aus dem Holz des Weltenbaums gefertigt und erklärt so ihre magische Kraft, die ihn beim Trommeln zum Zentrum der Welt geleitet, um von dort in den Himmel aufzusteigen. Eine symbolisch aufgestellte Birke mit Kerben im Stamm oder eine Sprossenleiter, in deren Umkreis der Schamane agiert, repräsentieren in seiner Vorstellung den Weltenbaum und dienen ihm auf dieselbe Weise als Hilfsmittel wie die geschlagene Trommel als Fortbewegungsmittel. Die Trommel als Reisegefährt trägt folglich bei den Jakuten und Burjaten, falls die Membran aus Pferdehaut angefertigt wurde, den Beinamen „Pferd des Schamanen“, bei den Tuwinern und Tofalaren in Südsibirien heißt die mit Rehhaut bespannte Trommel „Reh des Schamanen“. In vielen alten kosmogonischen Vorstellungen Nordasiens spannt sich ein siebenschichtiger Himmel über dem zentralen Weltenberg und der Schamane gelangt mit der Trommel in der Hand durch eine Öffnung in der Mitte jeder Schicht, die man sich wie den Rauchabzug eines Zeltes vorstellt, zur nächsthöheren Himmelsschicht.[1]

Weitere Tätigkeiten des Schamanen sind die Kontaktaufnahme mit der Geisterwelt, bei der sich sein Körper entweder in die jenseitige Welt begibt oder er einen Geist in sich eindringen lässt. In diesem direkten Kontakt mit der jenseitigen Welt spricht der Geist durch den Mund des Schamanen über Dinge, die der Schamane selbst nicht kennt, in Sätzen, die eine zuhörende Person interpretieren und den Anwesenden verständlich machen muss. Daneben kann der Schamane als Wahrsager, der Tierorakel deutet, und als Heiler fungieren. Körperliche und psychische Erkrankungen sind in Nordasien der häufigste Anlass, weshalb ein Schamane gerufen wird. Er erkennt die aus dem Körper gewichene Schattenseele (im Altai körmös) als Krankheitsursache und versucht sie wieder in den Körper des Patienten zurückzubringen.[2] In all diesen Fällen sorgt die Schamanentrommel in erster Linie dafür, dass der Schamane einen ekstatischen Zustand erreicht.

Der psychische Effekt rhythmischer Trommelschläge auf das Zentralnervensystem wurde mehrfach untersucht. Andrew Neher (1962) zitiert die Schilderung einer Schamanensitzung bei den Tungusen von 1935. Das leise und langsame Trommeln zu Beginn sollte die Aufmerksamkeit des Publikums erregen und dem Schamanen helfen, sich zu konzentrieren. Mit der Ankunft der herbeigerufenen Geister steigerte sich das Tempo der Trommel allmählich, bis der in Ekstase geratene Schamane die Trommel einem Assistenten weitergab, der im selben Rhythmus weitertrommelte, um den erreichten Erregungszustand von Schamane und Publikum aufrechtzuerhalten. Neher fand heraus, dass Trommelschläge unter anderem das Schmerzempfinden herabsenken und Krämpfe auslösen können.[3] Er wurde dafür kritisiert, dass er zwar die körperlichen Symptome und den Kontrollverlust des Schamanen beschrieb, wie er auch durch Hyperventilation erreichbar ist, jedoch kulturelle Faktoren vernachlässigte.[4] Die Schamanentrommeln produzieren tiefe und laute Töne mit nicht klar bestimmbarer Tonhöhe und veränderlichem Klang. Unabhängig von der kulturellen Prägung bewirken solche Trommelschläge mit einer Frequenz von 4–8 Hz Schläfrigkeit und leichten Schlaf mit Traumbildern, denn sie verstärken die Theta-Wellen, die bei diesem Zustand im Gehirn messbar sind.[5] Neben dem Schlagen der Trommel versetzt sich der Schamane in zweiter Linie durch Gesang und Tanz in Ekstase.

Manche Schamanen sahen den Zweck des Trommelns darin, die Geister herbeizurufen, von denen sie Hilfe erwarteten und deren Antworten sie angeblich empfingen und an die Zuhörer weitergaben. In anderen Situationen wurden Trommeln zum Vertreiben böser Geister verwendet. Die Trommel ist aber kein typisches Instrument für einen solchen apotropäischen Lärmzauber, denn die Magie ihrer Musik stand wohl stets im Vordergrund. Bei manchen altaischen Völkern wurde anstelle der Trommel ein einsaitiger Musikbogen gespielt, der jedoch nie mit einem Pfeil als Waffe zur Geisterabwehr verwendet wurde. Mircea Eliade bestreitet damit die Aussage Ernst Emsheimers, der mit Verweis auf gleichlautende Wörter für Trommel oder Teile der Trommel und Jagdbogen von einer solchen Funktion ausgegangen war.[6] Der Schamane (baksi) in Kirgistan begleitet sich statt mit einer Trommel mit der Langhalslaute kopuz.[7] In Nordamerika verwendete der Schamane häufig eine Rassel anstelle der Trommel. Seltenere Begleitinstrumente der Schamanen waren Maultrommeln (qopuz, chomus oder chuur) unter anderem bei den Tungusen oder die Leiern der Obugrisch sprechenden Völkern in Westsibirien.

Siehe auch

Literatur

  • Tore Ahlbäck, Jan Bergmann (Hrsg.): The Saami Shaman Drum. Based on Papers read at the Symposium on the Saami Shaman Drum held at Åbo, Finland on the 19th–20th of August 1988. Donner Institute for Research in Religious and Cultural History, Åbo 1991.
  • Mircea Eliade: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Suhrkamp, Frankfurt/Main 1980, S. 168–176.
  • Ernst Emsheimer: Schamanentrommel. In: Ludwig Finscher (Hrsg.): Die Musik in Geschichte und Gegenwart. (MGG) 2. Auflage, Sachteil 8, 1998, Sp. 1030–1034.
  • Maren Goltz: Die Meininger „Zaubertrommel“. Zur Geschichte, Bedeutung und Funktion der Samen-Trommel. (PDF; 176 kB). In: Jahrbuch des Hennebergisch-Fränkischen Geschichtsvereins 21. 2006, S. 171–196.
  • Uno Harva: Die religiösen Vorstellungen der altaischen Völker. FF Communications No. 125. Suomalainen Tiedeakatemia, Helsinki 1938.
  • Ernst Manker: Die lappische Zaubertrommel. Eine ethnologische Monographie.
    • Band 1. Die Trommel als Denkmal materieller Kultur. (Acta Lapponica 1) Bokförlags Aktiebolaget Thule, Stockholm 1938.
    • Band 2. Die Trommel als Urkunde geistigen Lebens. Stockholm 1950.

Weblinks

Commons-logo.png Commons: Sámi-Trommeln - Weitere Bilder oder Audiodateien zum Thema

Einzelnachweise

  1. Uno Harva, S. 51, 53.
  2. Uno Harva, S. 543.
  3. Andrew Neher: A Physiological Explanation of Unusual Behavior in Ceremonies Involving Drums. In: Human Biology. Vol. 34, No. 2. Wayne State University Press, Mai 1962, S. 151–160.
  4. Åke Hultkrantz: The Drum in Shamanism. Some Reflections. In: Ahlbäck, Bergmann, S. 11.
  5. Rolf Kristoffersson: The Sound Picture of the Saami Shamanic Drum. In: Ahlbäck, Bergmann (Hrsg.), S. 170 f.
  6. Ernst Emsheimer: Schamanentrommel. In: MGG, Sp. 1034.
  7. Mircea Eliade, S. 172.


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