Weltenbaum

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Datei:Yggdrasil1.jpg Der Weltenbaum, auch kosmischer Baum genannt[1], gehört zur Mythologie vieler Völker und ist ein altes Symbol der kosmischen Ordnung. Er steht als Weltachse (axis mundis) im Zentrum der Welt. Seine Wurzeln reichen tief in die Erde und seine Wipfel berühren oder tragen den Himmel. Somit verbindet er die drei Ebenen Himmel, Erde und Unterwelt. Das ist die vertikale Form des Weltenbaums, der etwa auch der biblische Baum der Erkenntnis zuzurechnen ist. In der anderen, der horizontalen Form ist der Baum in die Mitte der Welt gepflanzt und bildet hier, bewacht von erhabenen geistigen Wesen, die Quelle allen Lebens, wie etwa der Baum des Lebens in der Bibel. Die beiden Paradiesesbäume erscheinen dadurch als zwei unterschiedliche Aspekte des einen Weltenbaumes.

Die mit ihren Kronen ineinander verschlungenen und so zusammengewachsenen Paradiesesbäume sind auch Gegenstand der Kreuzesholzlegende, von der in dem apokryphen Nikodemus-Evangelium (Acta Pilati) im Rahmen der Höllenfahrt Christi berichtet wird und die dann auch in der Legenda aurea des Jacobus de Voragine (um 1230–1298) überliefert ist. Den Inhalt und die okkulte Bedeutung dieser «Goldenen Legende», wie sie Steiner auch kurz nennt, erläutert er im Zusammenhang mit den beiden miteinander verbundenen „Blutbäumen“ im menschlichen Organismus, in denen das rote und blaue Blut fließt, sich im Herzen begegnet und immer wieder durch die Atmung erfrischt wird. Darin drückt sich die Ichheit des Menschen aus:

„Da wird uns erzählt, daß Seth in der Lage war, nach dem Paradies hinzuwandern, daß er von dem Cherub mit dem wirbelnden Schwert vorbeigelassen wurde und in das Paradies eintrat. Dort erlebte er eine Erscheinung, daß die zwei Bäume - der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis - mit ihren Kronen zusammengewachsen waren. Von diesem zusammengewachsenen Baum nahm Seth ein Samenkorn, und dies legte er seinem Vater Adam, als er gestorben war, in den Mund; daraus wuchs ein Baum heraus, der drei Stämme hatte, und die drei Stämme lieferten das Holz zu verschiedenem. Besonders wichtig aber ist, daß Seth sehen konnte, wie sich in den Zweigen eine Art von Flammenschrift bildete; da standen die Worte: «Ejeh, Ascher, Ejeh», die da heißen: «Ich bin, der da war, der da ist, der da sein wird.» Das Holz dieses Baumes wurde dann verwendet zu dem Stab, mit dem Moses seine Wundertaten verrichtete, das Holz wurde verwendet zu dem Aufbau des Salomonischen Tempels, dann zu einer Brücke über den Teich Bethesda, über die der Christus Jesus ging, und endlich wurde daraus auch das Holz zum Kreuze gezimmert. Was bedeuten überhaupt die zwei Symbole, der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis? Was bedeutet ihre Verschlingung? Was bedeutet der Baum, aus dem selbst das Kreuz noch gemacht wird?

Daß Seth eintreten konnte in das Paradies, heißt nichts anderes, als daß er zu einem Eingeweihten gemacht wurde, daß er in die Geheimnisse eindringen konnte, die für die andern verschlossen waren. Und nun fragen wir uns: Was bedeuten die Bäume, die er gesehen hat? - Das ist das, was sich in jeder Menschennatur findet, was bei jedem Einzelnen vorhanden ist.

Wodurch ist der Mensch ein Erkennender geworden? Das hängt zusammen mit der Einatmung der Luft durch die Lungen, wo das verbrauchte blaue Blut zum roten Blut verwandelt wird. Dadurch konnte er den Odem Gottes in sich aufnehmen. Das ist seine Ich- Werdung: unter dem Einströmen des Odems Gottes, wodurch der Mensch eine erkennende Seele wurde. Ein wirklicher Baum ist im Menschen eingegliedert, den Sie heute noch sehen können, wenn Sie den Menschen erforschen: der Blutbaum, den Sie sehen können in der Hauptschlagader und der sich über den ganzen Menschen verästelt. Kein Wesen in der Welt kann ein erkennendes Wesen werden, wenn es nicht wie der Mensch aus der Luft den Sauerstoff aufnehmen kann, der notwendig ist, um rotes Blut zu bilden, so daß der Mensch durch das rote Blut den Erkenntnisbaum in sich aufnehmen kann. Der andere Baum der blauen Blutadern ist in bezug auf die Herrschaftsausübung dem Menschen entrissen. Er enthält das verbrauchte blaue Blut, das ein Todesstoff ist. Bevor der Mensch heruntergestiegen ist aus dem Schöße der Gottheit, war das der Baum des Lebens. Dadurch, daß der Mensch ein irdisches Wesen geworden ist, teilte er sich in zwei Teile, in das rote und das blaue Blutgefäßsystem. Das blaue Blut strömt hinauf zum Herzen und muß sich mit dem verbinden, was die Pflanzen geben. Der Mensch atmet Kohlensäure aus; die Pflanzen atmen Kohlensäure ein und atmen Sauerstoff aus. So ist das menschliche Atmen, das sich in seiner eigentlichen Ichheit ausdrückt, ein Verschlingen des roten und blauen Blutbaumes. Das ist aber nur möglich, wenn der Mensch ein Werkzeug hat, und das ist die Pflanze, ohne die der Mensch nicht leben könnte; das ist das, wodurch wir den blauen mit dem roten Blutbaum verschlingen können.

Das ist die Alchemie der Menschennatur, daß der Mensch in der Zukunft innerhalb seines eigenen Bewußtseins das leisten kann, was heute die Pflanze für ihn tut. Was heute außerhalb des Menschen ist, wird innerhalb seines physischen Leibes sich verschlingen, wenn er die ganze Pflanzenwelt in sich aufgenommen hat, wenn er sein Bewußtsein über die ganze Pflanzenwelt ausgedehnt hat. Das ist der Zukunftszustand der Menschheit. Dann wird auch äußerlich in der uns umgebenden Natur etwas ganz anderes dasein.

Mit uns ändert sich auch unser ganzer Kosmos. Frühere Zustände kehren in einer höheren Stufe wieder. Es gab eine Zeit, wo Erde und Sonne miteinander vereinigt waren. Da war der Mensch innerhalb der Sonnennatur, aber es war der Zustand der Marsnatur, den der Mensch verlassen hat, indem er in den physischen Leib eingetreten ist, den er aber wieder erreichen wird. Damals waren der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis miteinander verschlungen; damals bedurfte der Mensch keines äußeren Werkzeuges. Das wird aber wieder in der Zukunft der Fall sein. Was die Menschheit dann erreicht haben wird, wird immer angedeutet, indem man die Sonne aufzeichnet und dann andeutet die höher entwickelte Erde mit der höher entwickelten Menschennatur, und das, was den Menschen dahin bringt, ist die Vereinigung seines roten und blauen Blutstromes durch das erweiterte Bewußtsein. Das wird angedeutet mit zwei metallenen Säulen - das sind die zwei Blutströme - , und die Sonne ist das, was sein wird, wenn die . . . [Lücke in der Nachschrift.] Dann wird der blaue Blutbaum nicht mehr ein Baum des Todes sein. Diesen Zustand muß der Seher in den astralen Zeichen sehen.

Schildert der Apokalyptiker diesen Zustand, so muß er dies bildlich andeuten: «Und ich sah einen andern starken Engel vom Himmel herabkommen; der war mit einer Wolke bekleidet, und ein Regenbogen auf seinem Haupt, und sein Antlitz wie die Sonne, und seine Füße wie Feuerpfeiler.» (Offb 10,1 LUT)“ (Lit.:GA 104a, S. 55ff)

„Sie sehen also, daß es sich in dieser Legende um etwas handelt, was mit der Entstehung und Entwickelung des Menschengeschlechts zusammenhängt. Adams Sohn Seth soll jenen Sproß dem Baum des Lebens entnommen haben, der dann drei Sprosse trieb. Diese drei Sprosse symbolisieren die drei Prinzipien, die drei ewigen Mächte der Natur, Atma, Buddhi, Manas, die zusammengewachsen sind und jene Dreiheit bilden, die die Grundlage von allem Werden und aller Entwickelung ist. Sehr charakteristisch ist es, daß Seth, jener Sohn Adams, der an die Stelle des von Kain getöteten Abel getreten ist, diesen Sproß in die Erde einpflanzt.

Sie wissen, daß wir es einerseits zu tun haben mit der Kainsströmung und andererseits mit der Strömung der Abel-Seth-Nachkommen. Die Kainssöhne, die die äußere Welt bearbeiten, pflegen vorzüglich die Wissenschaften, die Künste. Sie sind es, die aus der äußeren Welt die Bausteine zu dem Tempel herbeitragen. Durch ihre Kunst sollte der Tempel gebaut werden. Die Nachkommen aus dem Geschlechte von Abel-Seth sind die sogenannten Gottessöhne, die das eigentliche Spirituelle der Menschennatur pflegen. Diese beiden Strömungen waren immer in einer Art Gegensatz. Auf der einen Seite haben wir das weltliche Treiben der Menschen, das Ausgestalten jener Wissenschaften, die der menschlichen Behaglichkeit oder dem äußeren Leben überhaupt dienen; auf der anderen Seite stehen die Gottessöhne, die sich mit der Ausgestaltung der höheren Attribute der Menschen beschäftigen.

Wir müssen uns dabei klarmachen, daß diejenige Anschauung, aus der die heilige Kreuzeslegende hervorgegangen ist, streng unterscheidet zwischen dem, was durch Wissenschaft und Technik bloß äußeres Bauen am Weltentempel ist, und dem, was als religiöse Durchtränkung, als religiöser Einschlag für die Heiligung des ganzen Menschheitstempels wirkt. Erst dadurch, daß dieser Menschheitstempel eine höhere Aufgabe erhält, daß sozusagen das äußere Gebäude, das nur einer bloßen Nützlichkeit dient, sich zum Ausdruck des Gotteshauses gestaltet, wird das äußere Gebäude eine Umhüllung für das spirituelle Innere, in dem die höheren Aufgaben der Menschheit gepflegt werden. Erst dadurch, daß die Stärke zum Streben zur göttlichen Tugend, daß die äußere Form zu der Schönheit, daß das Wort, das dem äußeren Verkehr der Menschen dient, in den Dienst der göttlichen Weisheit gestellt wird, also erst dadurch, daß das Weltliche zum Göttlichen umgeformt wird, erreicht es seine Vollendung. Sind die drei Tugenden Weisheit, Schönheit und Stärke die Hüllen des Göttlichen, dann wird der Tempel der Menschheit vollendet sein. So stellte sich die Anschauung, welche im Sinne dieser Legende wirkt, die Sache vor.“ (Lit.:GA 93, S. 155f)

Alle Welten wurden durch den vertikalen Weltenbaum miteinander verbunden. Unterschiedlich war jedoch die Vorstellung, wieviele es davon gibt. Von drei (Himmel, Erde, Unterwelt) bis hin zu beispielsweise neun Welten (Germanen). Manche Völker stellten sich auch vor, dass seine Spitze bis zum Polarstern reicht. In verschiedenen Kulturen wurden unterschiedliche Baumarten mit dem Weltenbaum verbunden, z.B. Birke, Eiche oder Esche.

In der Regel bevölkern mythische Tiere den Weltenbaum. Bei indogermanischen Völkern sitzt häufig ein Adler in der Krone und eine Schlange befindet sich unten am Baum. In der indischen, germanischen und slawischen Mythologie herrscht Streit zwischen diesen beiden Tieren.

In den meisten alten Kulturen und Religionen wurden Bäume oder Haine als Sitz der Götter oder anderer übernatürlicher Wesen verehrt. So spielt der Baum in der Mythologie auch als Lebensbaum (z.B. die Maulbeer-Feige (Sykomore) bei den Ägyptern oder der Baum des Lebens in der jüdischen Mythologie), als Baum der Unsterblichkeit (der Pfirsischbaum in China) oder als Symbol des Erwachens im Buddhismus (der Bodhibaum) eine Rolle. In der babylonischen Mythologie erstreckt Xixum seine Zweige bis in den Himmel, während seine Wurzeln tief in der Unterwelt sind. Sein Stamm symbolisiert die Verbindung der Sphären.

Im Schamanismus spielt der Weltenbaum eine große Rolle. Zum einen ist er das Zentrum der Welt und als solches das Zentrum der Schöpfung, zum anderen verbindet er die reale Welt mit den anderen Welten. Über den Weltenbaum kann der Schamane mit dem Schöpfungszentrum Verbindung aufnehmen und in die Reiche der Geister und Götter reisen. Zuweilen wird diese Verbindung zwischen den Welten auch durch einen Fluss gekennzeichnet. Dann reist der Schamane bei seinem Seelenflug in einem Boot über diesen Fluss in die Geisterwelt. Der Weltenbaum dient auch als Ruhestätte verstorbener Schamanen, von der aus die Seele den Körper verlässt, um in das Reich der Geister zu gelangen.

Weltenbäume der Völker

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
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Einzelnachweise

  1. Britannica, The Editors of Encyclopaedia. "World tree". Encyclopedia Britannica. Abgerufen am 14. Juli 2021.


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