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Selbstlosigkeit
Selbstlosigkeit ist eine der grundlegenden immanenten Eigenschaften des Ich, der geistigen Individualität, denn das Wesen des Geistes besteht darin, sich zu verschenken. Das Ich wird dadurch nicht ärmer, sondern reicher und kräftiger, und verschenkt es sich nicht, löscht es sich aus. Und je höher entwickelt das Ich ist, desto reicher kann es sich verschenken und umso wertvoller ist sein Geschenk und umso mehr bereichert es die Welt. Darum ist das Ich auch die Quelle der Liebe, die in ihrem höchsten und eigentlichsten Sinn stets selbstlos ist. Im Gegensatz dazu ist das Ego, das im Egoismus verhärtete und sich vor der Welt verschließende niedere Selbst des Menschen, der Quellort aller Selbstsucht. Da unser Ich aber noch lange nicht vollkommen entwickelt ist, sondern von uns erst noch in seinem vollen Umfang gesucht werden muss, ist Selbstsucht ein notwendiger Bestandteil unseres Daseins.
Selbstsucht und Selbstlosigkeit
„Da kann man zum Beispiel immer und immer wieder hören: Du musst selbstlos sein, du musst deine Persönlichkeit opfern dem All! - Das ist eine tiefe Wahrheit, wenn es wirklich verstanden wird; es kann aber die absurdeste Phrase sein, wenn diese Wahrheit ohne Verständnis hingestellt wird. Der Egoismus ist von einer weisen Weltenlenkung nicht umsonst dem Menschen gegeben; er ist ein Erziehungsmittel, er macht den Menschen reicher und voller; durch ihn wird mancher Mensch abgehalten, etwas zu tun, was ihm schaden kann. Er ist eine gesunde Kraft, er füllt die Persönlichkeit an mit Kraft und Energie, er ist etwas Gesundes! Wenn man sagt, man solle ihn abstreifen, so ist es eine krankhafte Phrase. Trotzdem ist es aber wahr, dass ein Hinopfern der Persönlichkeit nötig ist, wenn wir den Weg finden wollen in die höheren Welten hinauf.“ (Lit.: GA 68a, S. 409)
„Sie wissen ja vielleicht, und Sie werden es noch mehr sich überlegen können, wenn Sie das Buch, das demnächst erscheinen wird[1], lesen werden, daß denjenigen Geistern, die den neueren Weltanschauungsidealismus gepflegt haben, es hauptsächlich darauf angekommen ist, das Ich zu erleben, im Ich zu leben. Das muß so sein nach dem Mysterium von Golgatha. Aber die orientalische Weisheit ging darauf hinaus, das Ich nur ja nicht zu erleben, sondern es zu überwinden, auszulöschen. Und nun erneuert Omar al Raschid Bey[2], der Deutsche, nicht der Türke, diese alte indische Weisheit, indem er sagt:
«Wer sein Heil im Ich sucht, dem ist Selbstsucht Gebot, dem ist Selbstsucht Gottheit.»
Ja, meine lieben Freunde, wer sein Heil im Ich sucht, dem ist Selbstsucht Gebot, dem ist Selbstsucht Gottheit. Die Selbstsucht, die Ichsucht, liegt nämlich vor dem Finden des Ich. Solange man sucht das Ich, solange entwickelt man die Selbstsucht, und von der Selbstsucht befreit nur die Findung, das Finden des Ichs. Hat man es gefunden, dann kann man nicht mehr von der Selbstsucht, von der Ichsucht gequält werden. In dem Finden des Ich liegt die einzig wirkliche Überwindung der Selbstsucht. Und wer heute, nach dem Mysterium von Golgatha, noch fliehen will das Ich, wer heute noch dasselbe sagt, wie man im alten Indien gesagt hat, der wird zurückgeworfen aus dem Ich in die Sucht nach dem Ich, der pflegt gerade die Selbstsucht. Daher machen solche Bücher heute auf uns einen so selbstsüchtigen Eindruck, einen Eindruck, der uns zeigt, wie die Betreffenden sich von der Welt zurückziehen, nicht das Unsterbliche, das Geistige der Wirklichkeit suchen wollen, sondern vor der Wirklichkeit zurückzucken, um in ihren Träumen selbstsüchtig nach einer Erkenntnis zu suchen. Das ist die Selbstsucht der Erkenntnis. Und diese Selbstsucht der Erkenntnis, die sich selbst nicht bemerkt, das ist die schlimmste Selbstsucht. Daher ist das ganze Buch ein selbstsüchtiges Buch. Solange das Ich nicht eingezogen war in die Entwickelung der Menschheit, das heißt vor dem Mysterium von Golgatha, mußte man die Ichsucht veredeln. Da war die orientalische Weisheit am Platze. Heute so zu sprechen, heißt: scheinbar vorn vor sich wegzustoßen das Ich, und hinten packt einen Luzifer und stößt einen erst recht in die Selbstsucht hinein; und das merkt man nicht!“ (Lit.: GA 167, S. 281f)
Wollust und Selbstlosigkeit im schöpferischen Tun
„Wie beim physischen Befruchtungsakt sich zwei Prinzipien vereinigen, ein männliches und ein weibliches, so auch bei der Hervorbringung, die durch den genialen Menschen bewirkt wird. Der Künstler, der Philosoph: sie nehmen ihren Stoff von außen auf und bringen aus sich die künstlerische, die philosophische Gestaltung, die Form hinzu. Ich glaube mit diesem Satze nicht bloß ein Bild ausgesprochen zu haben, sondern etwas, was im Zusammenhang der Naturerscheinungen seine gute Begründung hat. Die monistische Wissenschaft wird einst die Brücke schlagen von den Beobachtungen, die Hertwig auf Korsika über die Befruchtungsvorgänge der Lebewesen gemacht hat, zu den Erscheinungen, die dem Psychologen das Problem des Genies vorweist.
Im Befruchtungsvorgang folgt das Lebewesen einem physischen Trieb. Dennoch besorgt es sozusagen nicht seine eigenen selbstsüchtigen Geschäfte, sondern diejenigen der Gesamtnatur, es geht mit seinem Tun über die Sphäre seines Selbsterhaltungstriebes hinaus. Wenn wir bildlich sprechen dürfen, so können wir sagen: im Befruchtungsvorgang gebraucht die Natur eine List. Sie setzt in den Menschen einen Trieb, durch den eine selbstlose, unegoistische Handlung dennoch aus eigennütziger Begierde vollzogen wird. Die Wollust des Befruchtungsvorganges ist die selbstsüchtige Befriedigung an einer Handlung, die nicht auf das Selbst, sondern auf die ganze Welt geht. Ein Ähnliches bemerken wir auch am Genie. Durch sein Schaffen befriedigt es im höchsten Grade sich selbst. In diesem Schaffen liegt die höchste geistige Wollust. Dennoch liegt das Ziel dieses Schaffens nicht in der Beförderung des eigenen Selbst, sondern in der Mitwirkung an den großen Daseinsnotwendigkeiten der Weltordnung. Auf dieser höchsten Daseinsstufe des Menschen, im genialen Wirken, ist er aus Selbstsucht selbstlos. Hier fallen Egoismus und Altruismus zusammen, in einer höheren Einheit.“ (Lit.: GA 30, S. 427)
Ein Mantram zur Erlangung der Selbstlosigkeit
Rudolf Steiner gab folgendes Mantram zur Überwindung der Selbstsucht, zur Erlangung der Selbstlosigkeit:
Sieghafter Geist
Durchflamme die Ohnmacht
Zaghafter Seelen.
Verbrenne die Ichsucht,
Entzünde das Mitleid,
Dass Selbstlosigkeit,
Der Lebensstrom der Menschheit,
Wallt als Quelle
Der geistigen Wiedergeburt
(Lit.: GA 268, S. 73)
Literatur
- Rudolf Steiner: Methodische Grundlagen der Anthroposophie, GA 30 (1989), ISBN 3-7274-0300-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org English: rsarchive.org
- Rudolf Steiner: Über das Wesen des Christentums, GA 68a (2020), ISBN 978-3-7274-0680-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org English: rsarchive.org
- Rudolf Steiner: Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste, GA 167 (1962), ISBN 3-7274-1670-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org English: rsarchive.org
- Rudolf Steiner: Mantrische Sprüche. Seelenübungen Band II, 1903 – 1925, 1. Auflage, GA 268 (1999), ISBN 3-7274-2680-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org English: rsarchive.org
- Rudolf Steiner: Mantrische Sprüche. Seelenübungen Band II, 1903 – 1925, 3., korrigierte Auflage, GA 268 (2025), ISBN 978-3-7274-2681-0
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Einzelnachweise
- ↑ Rudolf Steiner: Vom Menschenrätsel. Ausgesprochenes und Unausgesprochenes im Denken, Schauen, Sinnen einer Reihe deutscher und österreichischer Persönlichkeiten., GA 20 (1984), ISBN 3-7274-0200-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org English: rsarchive.org
- ↑ Omar al Raschid Bey: Das hohe Ziel der Erkenntnis. Aranada Upanishad, München 1912














