Selbstlosigkeit

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Selbstlosigkeit ist eine der grundlegenden immanenten Eigenschaften des Ich, der geistigen Individualität, denn das Wesen des Geistes besteht darin, sich zu verschenken. Das Ich wird dadurch nicht ärmer, sondern reicher und kräftiger, und verschenkt es sich nicht, löscht es sich aus. Und je höher entwickelt das Ich ist, desto reicher kann es sich verschenken und umso wertvoller ist sein Geschenk und umso mehr bereichert es die Welt. Darum ist das Ich auch die Quelle der Liebe, die in ihrem höchsten und eigentlichsten Sinn stets selbstlos ist. Im Gegensatz dazu ist das Ego, das im Egoismus verhärtete und sich vor der Welt verschließende niedere Selbst des Menschen, der Quellort aller Selbstsucht. Da unser Ich aber noch lange nicht vollkommen entwickelt ist, sondern von uns erst noch in seinem vollen Umfang gesucht werden muss, ist Selbstsucht ein notwendiger Bestandteil unseres Daseins.

"Sie wissen ja vielleicht, und Sie werden es noch mehr sich überlegen können, wenn Sie das Buch, das demnächst erscheinen wird[1], lesen werden, daß denjenigen Geistern, die den neueren Weltanschauungsidealismus gepflegt haben, es hauptsächlich darauf angekommen ist, das Ich zu erleben, im Ich zu leben. Das muß so sein nach dem Mysterium von Golgatha. Aber die orientalische Weisheit ging darauf hinaus, das Ich nur ja nicht zu erleben, sondern es zu überwinden, auszulöschen. Und nun erneuert Omar al Raschid Bey[2], der Deutsche, nicht der Türke, diese alte indische Weisheit, indem er sagt:

«Wer sein Heil im Ich sucht, dem ist Selbstsucht Gebot, dem ist Selbstsucht Gottheit.»

Ja, meine lieben Freunde, wer sein Heil im Ich sucht, dem ist Selbstsucht Gebot, dem ist Selbstsucht Gottheit. Die Selbstsucht, die Ichsucht, liegt nämlich vor dem Finden des Ich. Solange man sucht das Ich, solange entwickelt man die Selbstsucht, und von der Selbstsucht befreit nur die Findung, das Finden des Ichs. Hat man es gefunden, dann kann man nicht mehr von der Selbstsucht, von der Ichsucht gequält werden. In dem Finden des Ich liegt die einzig wirkliche Überwindung der Selbstsucht. Und wer heute, nach dem Mysterium von Golgatha, noch fliehen will das Ich, wer heute noch dasselbe sagt, wie man im alten Indien gesagt hat, der wird zurückgeworfen aus dem Ich in die Sucht nach dem Ich, der pflegt gerade die Selbstsucht. Daher machen solche Bücher heute auf uns einen so selbstsüchtigen Eindruck, einen Eindruck, der uns zeigt, wie die Betreffenden sich von der Welt zurückziehen, nicht das Unsterbliche, das Geistige der Wirklichkeit suchen wollen, sondern vor der Wirklichkeit zurückzucken, um in ihren Träumen selbstsüchtig nach einer Erkenntnis zu suchen. Das ist die Selbstsucht der Erkenntnis. Und diese Selbstsucht der Erkenntnis, die sich selbst nicht bemerkt, das ist die schlimmste Selbstsucht. Daher ist das ganze Buch ein selbstsüchtiges Buch. Solange das Ich nicht eingezogen war in die Entwickelung der Menschheit, das heißt vor dem Mysterium von Golgatha, mußte man die Ichsucht veredeln. Da war die orientalische Weisheit am Platze. Heute so zu sprechen, heißt: scheinbar vorn vor sich wegzustoßen das Ich, und hinten packt einen Luzifer und stößt einen erst recht in die Selbstsucht hinein; und das merkt man nicht!" (Lit.: GA 167, S. 281f)

Rudolf Steiner gab uns ein Mantram zur Überwindung der Selbstsucht, zur Erlangung der Selbstlosigkeit:


"Sieghafter Geist
Durchflamme die Ohnmacht
Zaghafter Seelen.
Verbrenne die Ichsucht,
Entzünde das Mitleid,
Dass Selbstlosigkeit,
Der Lebensstrom der Menschheit,
Wallt als Quelle
Der geistigen Wiedergeburt"

(Lit.: GA 268, S. 73)

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.

Einzelnachweise

  1. Rudolf Steiner: Vom Menschenrätsel. Ausgesprochenes und Unausgesprochenes im Denken, Schauen, Sinnen einer Reihe deutscher und österreichischer Persönlichkeiten., GA 20 (1984), ISBN 3-7274-0200-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Omar al Raschid Bey: Das hohe Ziel der Erkenntnis. Aranada Upanishad, München 1912