Verfluchung des Feigenbaums

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James Tissot: Der verfluchte Feigenbaum (zwischen 1886 und 1894)

Die Verfluchung des Feigenbaums in Bethphage (griech. Βηθφαγή; aramäisch בית פגי „Haus der (unreifen) Feigen“) durch den Christus am Morgen nach dem Palmsonntag, also am Karmontag, wird in den Evangelien nach Matthäus und Markus geschildert. Bei Markus umrahmt die Erzählung die Tempelaustreibung, die nach Matthäus bereits am Vortag stattgefunden hatte.

Matthäusevangelium

Die Tempelreinigung
12 Jesus ging in den Tempel und trieb alle Händler und Käufer aus dem Tempel hinaus; er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um 13 und sagte: In der Schrift steht: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber macht daraus eine Räuberhöhle. 14 Im Tempel kamen Lahme und Blinde zu ihm und er heilte sie. 15 Als nun die Hohenpriester und die Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder im Tempel rufen hörten: Hosanna dem Sohn Davids!, da wurden sie ärgerlich 16 und sagten zu ihm: Hörst du, was sie rufen? Jesus antwortete ihnen: Ja, ich höre es. Habt ihr nie gelesen: Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob ? 17 Und er ließ sie stehen und ging aus der Stadt hinaus nach Betanien; dort übernachtete er.
Die Verfluchung eines Feigenbaums
18 Als er am Morgen in die Stadt zurückkehrte, hatte er Hunger. 19 Da sah er am Weg einen Feigenbaum und ging auf ihn zu, fand aber nur Blätter daran. Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll keine Frucht mehr an dir wachsen. Und der Feigenbaum verdorrte auf der Stelle.“

Matthäusevangelium: 21,12-19 EU

Markusevangelium

Die Verfluchung eines Feigenbaums
12 Als sie am nächsten Tag Betanien verließen, hatte er Hunger. 13 Da sah er von weitem einen Feigenbaum mit Blättern und ging hin, um nach Früchten zu suchen. Aber er fand an dem Baum nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit der Feigenernte. 14 Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll niemand mehr eine Frucht von dir essen. Und seine Jünger hörten es.
Die Tempelreinigung
15 Dann kamen sie nach Jerusalem. Jesus ging in den Tempel und begann, die Händler und Käufer aus dem Tempel hinauszutreiben; er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um 16 und ließ nicht zu, dass jemand irgendetwas durch den Tempelbezirk trug. 17 Er belehrte sie und sagte: Heißt es nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker sein? Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht. 18 Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten hörten davon und suchten nach einer Möglichkeit, ihn umzubringen. Denn sie fürchteten ihn, weil alle Leute von seiner Lehre sehr beeindruckt waren. 19 Als es Abend wurde, verließ Jesus mit seinen Jüngern die Stadt.
Vom Glauben
20 Als sie am nächsten Morgen an dem Feigenbaum vorbeikamen, sahen sie, dass er bis zu den Wurzeln verdorrt war. 21 Da erinnerte sich Petrus und sagte zu Jesus: Rabbi, sieh doch, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt.“

Markusevangelium: 11,12-21 EU

Geistiger Hintergrund

Nach Rudolf Steiner ist der Feigenbaum ein Symbol für das alte naturhafte Hellsehen, ebenso wie auch der verwandte Bodhibaum, unter dem der Buddha seine Erleuchtung erfuhr, der allerdings eine andere Feigenart, nämlich den Pappel-Feigen (Ficus religiosa) angehört. Das alte naturhafte Hellsehen, das verschwinden muss, um neuen bewussteren Kräften der geistigen Erkenntnis Platz zu machen, wurde durch die selben reinen Ätherkräfte gespeist, die auch der Fortpflanzung zugrunde liegen. Diese Kräfte werden durch den Feigenbaum bzw. durch das Feigenblatt angedeutet. Spätestens seit der Antike wurden daher die die Feigen, in denen, wie in allen Früchten, neben den Ätherkräften auch astrale Kräfte wirksam werden, immer wieder als Aphrodisiakum angesehen. Die Eingeweihten der vorchristlichen Zeit konnten sich für die Geistesschau der reinen Ätherkräfte bedienen. Das wird auch im Johannes-Evangelium durch das Gespräch des Christus mit Nathanael angedeutet:

„47 Jesus sah Nathanael kommen und sagt von ihm: Siehe, ein rechter Israelit, in dem kein Falsch ist. 48 Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich. 49 Nathanael antwortete ihm: Rabbi, du bist Gottes Sohn, du bist der König von Israel! 50 Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir gesagt habe, dass ich dich gesehen habe unter dem Feigenbaum. Du wirst noch Größeres als das sehen. 51 Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren über dem Menschensohn.“

Johannesevangelium: Joh 1,47-51 LUT

Emil Bock, einer der Mitbegründer der Christengemeinschaft, schreibt dazu:

„Haben wir, von Jerusalem kommend, den Gipfel des Olbergs überquert und schreiten wir langsam auf der anderen Seite wieder talwärts, wo uns aus den Tiefen der Wüste Juda der unterirdische Zauberspiegel des Toten Meeres entgegengleißt, so kommen wir auf halbem Wege zwischen Olberg und Bethanien an einen Ort, der in hohe Mauern eingefaßt ist. Schwarze Zypressen ragen über die Mauern hinaus und weisen wie ernste feierliche Zeichen zum Himmel empor. Hier befand sich zur Zeit Jesu eine kleine Siedlung: Bethphage, »das Haus der Feigen«. Wir dürfen uns diese Siedlung nicht vorstellen als ein Dorf wie andere Dörfer. Die Gruppe von Menschen, die ihr gemeinsames Leben hierher verlegt hatten, wurde durch ein besonderes geistig-religiöses Streben zusammengehalten. Die schlichten Hütten, die dort gestanden haben mögen, waren von einem Hain von Feigenbäumen umgeben, nach denen der Ort seinen Namen trug. Diese Feigenbäume waren aber mehr als Nutzpflanzen, sie waren den Menschen, die dort wohnten, heilige Bäume, sichtbare Zeichen ihres geistigen Strebens. Es handelte sich um Menschen, die in ihrem Kreise das Geistgeheimnis der alten Menschheit zu bewahren trachteten, das in der Nathanael-Geschichte auch einmal innerhalb des Neuen Testamentes auftaucht. Die Leute von Bethphage pflegten das »Sitzen unter dem Feigenbaum«, den Zustand des übersinnlichen Schauens, der durch teils körperliche, teils versenkungsartige Übungen erzielt wurde.

Bethphage, das Haus der Feigen, war eine Stätte, an der das alte Schauen gepflegt wurde. Von hier ließ Jesus in der Frühe des Palms: nntags durch Petrus und Johannes die Eselin und das Eselsfüllen holen. Wie es dort heilige Bäume gab, so gab es dort auch heilige Tiere. Die Esel, die dort gehalten wurden, waren keine Nutztiere. Auch sie drückten innerhalb dieses Menschenkreises ein Geheimnis aus. Erinnerte man sich doch in der alttestamentlichen Strömung noch recht deutlich jenes Magiers, der einmal aus Babylonien herbeigerufen worden war, um durch seinen Fluch dem israelitischen Volk den Einzug in das Land der Verheißung zu verwehren. Bileam wurde als auf einer Eselin reitend vorgestellt. Aber man wußte: das Reiten auf der Eselin bedeutete nicht bloß die Art des Sichfortbewegens. Man sah auch darin den Ausdruck eines ganz bestimmten Entrückungszustandes, nämlich jener somnambulen Seelenverfassung, in welcher einst der babylonische Magier zu sprechen begann, nicht aus seinem menschlichen Bewußtsein, sondern wie aus einer geistigen Besessenheit heraus, nur daß, als er den magischen Fluch gegen Israel schleudern wollte, ohne daß er wußte, wie ihm geschah, ein Segen daraus wurde. Die heiligen Tiere von Bethphage lassen erkennen, daß das dort gepflegte Schauen unwacher Natur und an die physische Leiblichkeit gebunden war; ist doch bis in die Volksmärchen der neueren Zeit hinein der Esel der imaginative Bildausdruck des physischen Menschenleibes.“ (Lit.: Bock, S. 328f)

Literatur