Erleuchtung

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Sandro Botticelli, Augustinus am Schreibpult, um 1480, Florenz
Augustinus vertrat eine christliche Illuminationslehre, wobei Christus selbst der innere Lehrer („magister interior“) ist, der dem fragenden Menschen antwortet.

Die Erleuchtung oder Illumination (ahd. arliuhtan - Lehnübersetzung zu lat. illuminatio, von illuminare: „erhellen“, „erleuchten“; griech. φωτισμός photismos, oder auch ελλαμπσις ellampsis bzw. εκλαμπσις eklampsis „hervorleuchten“) bezeichnet jene Stufe der höheren geistigen Erkenntnis, bei der sich die Tätigkeit der durch Meditation ausgebildeten seelischen Organe im Ätherleib abzudrücken beginnt und dadurch das imaginative Bewusstsein aufleuchtet. Die geistige Welt wird dadurch in seelischen Bildern erlebt, die allerdings auf dieser Erkenntnisstufe im allg. noch nicht in ihrer wahren geistigen Bedeutung erfasst werden können. Dazu ist die noch höhere Stufe der Inspiration nötig. Der Begriff der Erleuchtung wurde auch von den antiken Kirchenvätern aufgegriffen, namentlich von Augustinus (354-430), der eine christliche Illuminationslehre vertrat.

Ausbildung der für die Erleuchtung nötigen Seelenorgane

„Wenn der Mensch im Tagesleben die Eindrücke der Sinne auf sich wirken läßt, so sind diese Eindrücke allerdings so, daß sie Früchte bringen für das gewöhnliche Leben auf dem physischen Plan. Diese Eindrücke setzen sich fort in den Astralleib des Menschen, und dieser überträgt sie erst auf das Ich. Aber diese Eindrücke sind nicht solche, daß der Mensch imstande ist, sie festzuhalten, wenn er in der Nacht mit seinem Astralleibe und Ich aus seinem physischen und ätherischen Leibe schlüpft. Was der Mensch so vom physischen Plane bekommt, dringt nicht so stark in ihn ein, daß er es als bleibenden Eindruck behalten kann. Dann aber, wenn der Mensch die Übungen der Meditation und Konzentration macht, dann sind diese so eingerichtet nach jahrtausendealter Erfahrung, daß der Astralleib sie nicht verliert, sondern behält, wenn er nachts aus dem physischen Leibe schlüpft. Dann bekommt der Astralleib dadurch plastische Eindrücke, die ihn gliedern und formen, so wie die physischen Organe gegliedert worden sind. So wird durch gewisse Zeiten hindurch durch diese Übungen an dem Astralleibe gearbeitet. Dadurch prägen sich die übersinnlichen Schauorgane dem Astralleibe ein. Es würde nun der Mensch doch noch lange nicht seine Schauorgane gebrauchen können, wenn sie sich nur dem Astralleibe einprägen würden. Es muß mehr geschehen, damit der Astralleib, wenn er in den Ätherleib zurückkehrt, dasjenige, was in ihm sich gebildet hat, eindrückt dem Ätherleibe wie Siegelabdrücke. Erst in dem Augenblick, wo in dem Ätherleibe sich abdrückt, was in dem Astralleibe sich gebildet hat, erst dann tritt auf die Erleuchtung, die erst möglich macht, daß der Mensch die geistige Welt sieht, wie er heute die physische Welt sieht.“ (Lit.:GA 106, S. 144)

„Was hat nun zu geschehen, damit diese höheren Sinne entwickelt werden? Der Mensch ist für die Geisteswissenschaft nicht nur äußerer physischer Leib, sondern er hat für das höhere Schauen auch noch den sonst unsichtbaren Ätherleib und den Astralleib, den Träger von Lust und Leid. Sie wissen, was der Schlaf für die Geistesforschung darstellt. Da sind der physische und der Ätherleib im Bett liegen geblieben, während der astralische Leib und das Ich von außen auf den physischen Leib wirken. Beim Erwachen kehrt der astralische Leib in den physischen und ätherischen Leib zurück, und die Sinneswelt taucht von neuem auf. So ist der Schlaf ein Heraustreten von Astralleib und Ich aus dem physischen Leib. Wodurch kann nun der Mensch die Sinneswelt hören und sehen? Mit Augen und Ohren, sonst wäre die Welt farblos, lichtlos, tonlos. Tritt der astralische Leib aus dem physischen Leib heraus, so ist er wohl in der geistigen Welt, besitzt aber keine Organe. Hätte er solche Organe, so könnte er die geistige Umwelt wahrnehmen, wie er im Physischen seine Umgebung wahrnimmt. Soll der Mensch also die geistige Welt wahrnehmen, so müssen ihm geistige Sinne erwachsen. Das geschieht durch jene methodische Schulung des Seelenlebens. Wenn bei einem solchen, nach geistigen Methoden geschulten Menschen der Astralleib herausgeht, so ist dieser in einer ganz anderen Lage als unter gewöhnlichen Umständen. Es ist so, als ob das, was vorher eine chaotische Masse im Astralleib war, sich gliedert und Organe bildet. Was früher nebelhafte, rauchige Masse war, wird schön geformt. Das dauert lange. Seit alten Zeiten nennt man diesen Vorgang Katharsis, die Reinigung oder Läuterung. Das Innere des Mensehen ist dann gereinigt von Trieben, Begierden und Leidenschaften. Das ist die erste Stufe.

An diese erste schließt sich eine zweite Stufe an. Kehrt der Mensch am Morgen in seine physisch-ätherische Hülle zurück, so haben die äußeren Organe die stärkeren Kräfte, sie übertönen die feinen neuen Töne in den inneren Organen. Diese sind zwar immer vorhanden, aber so lange schwach, als sie von den Kräften des Ätherleibes in den Sinnesorganen übertönt werden. Später lernt der Mensch die inneren Organe handhaben, so daß er neben den Sinneswahrnehmungen auch die Geisteswahrnehmungen erblickt. Diesen Vorgang nennt man die Erleuchtung, Photismos.“ (Lit.:GA 125, S. 188f)

„Man kann die einzelnen sich bildenden geistig-seelischen Organe vergleichsweise «Lotusblumen» nennen, entsprechend der Form, die sich das übersinnliche Bewußtsein von ihnen (imaginativ) machen muß. (Selbstverständlich muß man sich klar sein darüber, daß solche Bezeichnung mit der Sache nicht mehr zu tun hat als der Ausdruck «Flügel», wenn man von «Lungenflügeln» spricht.) Durch ganz bestimmte Arten von innerer Versenkung wird auf den Astralleib so gewirkt, daß sich das eine oder andere geistig-seelische Organ, die eine oder die andere «Lotusblume» bildet. Es sollte, nach allem in diesem Buche Ausgeführten, überflüssig sein, zu betonen, daß man sich diese «Beobachtungsorgane» nicht wie etwas vorzustellen hat, das in der Vorstellung seines sinnlichen Bildes ein Abdruck seiner Wirklichkeit ist Diese «Organe» sind eben übersinnlich und bestehen in einer bestimmt geformten Seelenbetätigung; und sie bestehen nur insofern und so lange, als diese Seelenbetätigung geübt wird. Etwas, was sich als Sinnenfalliges anschauen läßt, ist mit diesen Organen so wenig am Menschen, als irgendein «Dunst» um ihn ist, wenn er denkt. Wer sich das Übersinnliche durchaus sinnlich vorstellen will, gerät eben in Mißverständnisse. Trotz des Überflüssigen dieser Bemerkung mag sie hier stehen, weil es immer wieder Bekenner des Übersinnlichen gibt, die in ihren Vorstellungen nur ein Sinnliches haben wollen; und weil es immer wieder Gegner der übersinnlichen Erkenntnis gibt, die glauben, der Geistesforscher spreche von «Lotusblumen» wie von feineren sinnfälligen Gebilden. Jede regelrechte Meditation, die im Hinblick auf die imaginative Erkenntnis gemacht wird, hat ihre Wirkung auf das eine oder das andere Organ. (In meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» sind einzelne von den Methoden der Meditation und des Übens angegeben, welche auf das eine oder andere Organ wirken.) Eine regelrechte Schulung richtet die einzelnen Übungen des Geistesschülers so ein und läßt sie so aufeinander folgen, daß die Organe sich einzeln mit- oder nacheinander entsprechend ausbilden können. Zu dieser Ausbildung gehört bei dem Geistesschüler viel Geduld und Ausdauer. Wer nur ein solches Maß von Geduld hat, wie es die gewöhnlichen Lebensverhältnisse dem Menschen in der Regel geben, der wird damit nicht ausreichen. Denn es dauert lange, oft sehr, sehr lange, bis die Organe so weit sind, daß der Geistesschüler sie zu Wahrnehmungen in der höheren Welt gebrauchen kann. In diesem Momente tritt für ihn das ein, was man Erleuchtung nennt, im Gegensatz zur Vorbereitung oder Reinigung, die in den Übungen für die Ausbildung der Organe besteht (Von «Reinigung» wird gesprochen, weil durch die entsprechenden Übungen sich der Schüler von all dem für ein gewisses Gebiet inneren Lebens reinigt, was nur aus der sinnlichen Beobachtungswelt kommt.)“ (Lit.:GA 13, S. 345f)

Läuterung von Denken, Fühlen und Wollen

Jeder geistige Entwicklungsweg erfordert, dass der Geistesschüler seine persönlichen Sympathien und Antipathien überwindet und Denken, Fühlen und Wollen zu völlig eigenständigen, frei vom Ich beherrschten Seelenkräften werden. Bildhaft hat Goethe das bereits in seinem «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilie» durch die drei Könige angedeutet, die dem Jüngling, der nach der schönen Lilie strebt, ihre Gaben überreichen, während der vierte König, der gemischte, in sich zusammensinken muss. Der goldene König entspricht dem Denken, der silberne dem Fühlen und der eherne dem Wollen. Die Erleuchtung hängt dabei insbesonders mit der rechten Läuterung des Gefühls zusammen.

„Wir könnten auch, wenn wir auf dem Gebiete des Vorstellungslebens Umschau halten, mit Recht Unterschiede finden. Es gibt weite Gebiete des Vorstellungslebens, die uns vollständig objektive Wahrheiten liefern, Wahrheiten, die die Menschen als solche erkannt haben, ganz unabhängig von der äußeren Erfahrung, wobei es ganz gleich ist, ob eine Million Menschen anders darüber urteilt. Wer die Gründe dafür in sich erlebt hat, der vermag die Wahrheit zu behaupten, auch wenn eine Million Menschen anderes meint. Jeder kann zum Beispiel bei solchen Wahrheiten, die sich auf Zahl- und Raumgrößen beziehen, das Gesagte bestätigt finden. Daß 3 mal 3 = 9 sind, kann jeder begreifen und erleben, und es ist richtig, selbst wenn eine Million Menschen dem widersprächen. Warum ist das so der Fall? Weil in bezug auf solche Wahrheiten, wie die mathematisehen es sind, die meisten Menschen es dazu gebracht haben, ihre Vorliebe und Abneigung, ihre Sympathie und Antipathie, kurz, das Persönliche auszuschalten und nur die Sache für sich sprechen zu lassen. Man hat die Ausschaltung von allem Persönlichen in bezug auf das Denken und auf das Vorstellungsvermögen immer die Läuterung der menschlichen Seele genannt, und man betrachtete diese Läuterung als die erste Stufe auf dem Wege der Einweihung oder Initiation, oder, wie man auch sagen könnte, auf dem Wege zur höheren Erkenntnis.

Der Mensch, der in diesen Dingen bewandert ist, sagt sich: Nicht nur in bezug auf das Gefühl und auf den Willen sind die Menschen noch nicht so weit, daß da kein Persönliches mehr hineinspielt, daß sie Objektivität bewahren können, sondern auch in bezug auf das Denken sind die meisten noch nicht so weit, daß sie sich an das rein hingeben konnten, was ihnen die Dinge, die Ideen der Dinge selbst sagen, so wie es alle Menschen bei den mathematischen Dingen können. Aber es gibt Methoden, das Denken so weit zu läutern, daß wir nicht mehr persönlich denken, sondern die Gedanken in uns denken lassen, so wie wir die mathematischen Gedanken in uns denken lassen. Wenn wir also die Gedanken gereinigt haben von den Einflüssen der Persönlichkeit, dann sprechen wir von der Läuterung oder Katharsis, wie dies in den alten Eleusinischen Mysterien genannt wurde. Es muß also der Mensch dahin kommen, das Denken zu läutern, das ihm dann die Möglichkeit gibt, die Dinge gedanklich objektiv zu erfassen.

So, wie das möglich ist, ist es nun auch möglich, aus dem Gefühl alles Persönliche auszuschalten, so daß dann auch dasjenige, was von den Dingen das Gefühl anregt, nicht mehr zur Persönlichkeit spricht, nichts mehr zu tun hat mit Person, Sympathie und Antipathie, sondern einzig und allein das Wesen des Dinges aufruft, insofern es nicht zum bloßen Vorstellungsvermögen sprechen kann. Erlebnisse in unserer Seele, die in unserem Gefühlsleben wurzeln oder urständen, und die dadurch zu innerer Erkenntnis führen, daß sie tiefer in das Wesen eines Dinges hineinführen, die aber auch noch zu anderen Seiten der Seele als zum bloßen Intellektualismus sprechen, können ebenso vom Persönlichen gereinigt werden wie das Denken, so daß das Gefühl dann eben solche Objektivität vermittelt, wie sie das Denken oder das Vorstellungsvermögen vermitteln kann. Diese Reinigung oder Entwicklung des Gefühls nennt man in aller esoterischen Erkenntnislehre die Erleuchtung.

Jeder Mensch, der entwickelungsfähig ist und nicht in beliebiger Weise, wie es in den Intentionen der Persönlichkeit liegt, seine Entwicklung anstrebt, muß sich dahin bemühen, daß er sich nur durch das, was im Wesen des Dinges liegt, anregen läßt. Wenn er dahin gekommen ist, daß das Ding in ihm persönlich keine Sympathie oder Antipathie erweckt, daß er lediglich das Wesen der Dinge sprechen läßt, so daß er sagt: Was ich auch für Sympathien oder Antipathien habe, ist gleichgültig und darf nicht in Betracht kommen -, dann liegt es im Wesen des Dinges, daß das Denken und Handeln des Menschen diese oder jene Richtung annimmt, dann ist das eine Aussage des innersten Wesens des Dinges. In der esoterischen Erkenntnislehre hat man diese Entwickelung des Willens die Vollendung genannt.

Wenn der Mensch auf dem Boden der Geisteswissenschaft steht, so sagt er sich also: Wenn ich ein Ding vor mir habe, so lebt in diesem Ding ein Geistiges, und ich kann mein Vorstellungsvermögen so anregen, daß das Wesen der Dinge durch meine Begriffe und Vorstellungen objektiv repräsentiert wird. So ist gleichsam, was draußen arbeitet, in mir gegenwärtig geworden, und ich habe das Wesen des Dinges durch das Vorstellungsvermögen erkannt. Aber das, was ich erkannt habe, ist nur ein Teil des Wesens. Es gibt in den Dingen etwas, das überhaupt nicht zur Vorstellung, sondern nur zum Gefühl, und zwar zum geläuterten oder objektiv gewordenen Gefühl sprechen kann. - Der, welcher nicht schon in einer solchen Kultur des Gefühls einen derartigen Teil des Wesens in sich entwickelt hat, der kann das Wesen in dieser Richtung nicht erkennen. Für einen aber, der sich sagt, das Gefühl kann ebenso die Grundlage für die Erkenntnis geben wie das Vorstellungsvermögen - das Gefühl, nicht wie es ist, sondern wie es durch wohlbegründete Methoden der Erkenntnislehre werden kann - für einen solchen wird es nach und nach klar, daß es Dinge gibt, die tiefer sind als das Vorstellungsvermögen, Dinge, die zu der seelischen Natur und zu dem Gefühl sprechen. Ebenso gibt es Dinge, die sogar bis zum Willen hinabreichen.

Nun war sich Goethe ganz besonders darüber klar, daß dies sich wirklich so verhält, daß der Mensch diese Entwickelungsmöglichkeiten hat. Er stand ganz auf dem Boden des Initiationsprinzips, und er hat uns die Einweihung des Menschen, die ihm durch die Entwicklung seiner Seele, durch die Entwickelung der drei Grundkräfte: Wille, Gefühl und Vorstellungsvermögen, werden kann, dadurch dargestellt, daß er in seinem Märchen die Repräsentanten dieser drei Einweihungen des Menschen auftreten läßt.

Der goldene König ist Repräsentant der Einweihung für das Vorstellungsvermögen, der silberne König ist der Repräsentant für die Einweihung mit dem Erkenntnisvermögen des objektiven Gefühls, der eherne König ist der Repräsentant der Einweihung für das Erkenntnisvermögen des Willens.“ (Lit.:GA 57, S. 60ff)

Seelenübungen

Rudolf Steiner hat eine Reihe von Seelenübungen gegeben, die den Geistesschüler zur Erleuchtung führen können. Grundlegendes dazu beschreibt er in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»:

„Die Erleuchtung geht von sehr einfachen Vorgängen aus. Auch dabei handelt es sich darum, gewisse Gefühle und Gedanken zu entwickeln, die in jedem Menschen schlummern und die erwachen müssen. Nur wer mit voller Geduld, streng und anhaltend die einfachen Vorgänge durchnimmt, den können sie zur Wahrnehmung der inneren Lichterscheinungen führen. Der erste Anfang wird damit gemacht, in einer bestimmten Art verschiedene Naturwesen zu betrachten, und zwar zum Beispiele: einen durchsichtigen, schön geformten Stein (Kristall), eine Pflanze und ein Tier. Man suche zuerst seine ganze Aufmerksamkeit auf einen Vergleich des Steines mit dem Tier in folgender Art zu lenken. Die Gedanken, die hier angeführt werden, müssen, von lebhaften Gefühlen begleitet, durch die Seele ziehen. Und kein anderer Gedanke, kein anderes Gefühl dürfen sich einmischen und die intensiv aufmerksame Betrachtung stören. Man sage sich: «Der Stein hat eine Gestalt; das Tier hat auch Gestalt. Der Stein bleibt ruhig an seinem Ort. Das Tier verändert seinen Ort. Es ist der Trieb (die Begierde), welcher das Tier veranlaßt, seinen Ort zu ändern. Und die Triebe sind es auch, denen die Gestalt des Tieres dient. Seine Organe, seine Werkzeuge sind diesen Trieben gemäß ausgebildet. Die Gestalt des Steins ist nicht nach Begierden, sondern durch begierdelose Kraft gebildet.»[1] Wenn man sich intensiv in diese Gedanken versenkt und dabei mit gespannter Aufmerksamkeit Stein und Tier betrachtet: dann leben in der Seele zwei ganz verschiedene Gefühlsarten auf. Aus dem Stein strömt die eine Art des Gefühls, aus dem Tiere die andere Art in unsere Seele. Die Sache wird wahrscheinlich im Anfange nicht gelingen: aber nach und nach, bei wirklicher geduldiger Übung, werden sich diese Gefühle einstellen. Man muß nur immerfort und fort üben. Erst sind die Gefühle nur so lange vorhanden, als die Betrachtung dauert, später wirken sie nach. Und dann werden sie zu etwas, was in der Seele lebendig bleibt. Der Mensch braucht sich dann nur zu besinnen: und die beiden Gefühle steigen immer, auch ohne Betrachtung eines äußeren Gegenstandes, auf. - Aus diesen Gefühlen und den mit ihnen verbundenen Gedanken bilden sich Hellseherorgane, - Tritt dann in der Betrachtung noch die Pflanze hinzu, so wird man bemerken, daß das von ihr ausgehende Gefühl, seiner Beschaffenheit und auch seinem Grade nach, in der Mitte liegt zwischen dem vom Stein und dem vom Tier ausströmenden. Die Organe, welche sich auf solche Art bilden, sind Geistesaugen. Man lernt mit ihnen allmählich etwas wie seelische und geistige Farben zu sehen. Solange man nur das sich angeeignet hat, was als «Vorbereitung» beschrieben worden ist, bleibt die geistige Welt mit ihren Linien und Figuren dunkel; durch die Erleuchtung wird sie hell. - Auch hier muß bemerkt werden, daß die Worte «dunkel» und «hell» sowie die anderen gebrauchten Ausdrücke nur annähernd aussprechen, was gemeint ist. Will man sich aber der gebräuchlichen Sprache bedienen, so ist nichts anderes möglich. Diese Sprache ist ja nur für die physischen Verhältnisse geschaffen. - Die Geheimwissenschaft bezeichnet nun das, was für das Hellseherorgan vom Stein ausströmt, als «blau» oder «blaurot». Dasjenige, was vom Tier empfunden wird, als «rot» oder «rotgelb». In der Tat sind es Farben «geistiger Art», die da gesehen werden. Die von der Pflanze ausgehende Farbe ist «grün», das nach und nach in ein helles ätherisches Rosarot übergeht. Die Pflanze ist nämlich dasjenige Naturwesen, welches in höheren Welten in einer gewissen Beziehung ihrer Beschaffenheit in der physischen Welt gleicht. Nicht dasselbe ist aber bei Stein und Tier der Fall. - Nun muß man sich klar sein, daß mit den oben genannten Farben nur die Hauptschattierungen des Stein-, Pflanzen- und Tierreiches angegeben sind. In Wirklichkeit sind alle möglichen Zwischenschattierungen vorhanden. Jeder Stein, jede Pflanze, jedes Tier hat seine ganz bestimmte Farbennuance. Dazu kommen die Wesen der höheren Welten, die niemals sich physisch verkörpern, mit ihren oft wundervollen, oft auch gräßlichen Farben. In der Tat ist der Farbenreichtum in diesen höheren Welten unermeßlich viel größer als in der physischen Welt.

Hat der Mensch einmal die Fähigkeit erworben, mit «Geistesaugen» zu sehen, so begegnet er auch, über kurz oder lang, den genannten höheren, zum Teil auch tieferen Wesen, als der Mensch ist, die niemals die physische Wirklichkeit betreten.

Hat der Mensch es so weit gebracht, wie hier beschrieben ist, so stehen ihm die Wege zu vielem offen. Aber es ist keinem anzuraten, noch weiter zu gehen ohne sorgfältige Beachtung des vom Geistesforscher Gesagten oder sonst von ihm Mitgeteilten. Und auch für das schon Gesagte ist eine Beachtung solcher kundigen Führerschaft das Allerbeste. Hat übrigens der Mensch in sich die Kraft und Ausdauer, es so weit zu bringen, wie es den angegebenen elementaren Stufen der Erleuchtung entspricht, so wird er ganz gewiß auch die rechte Führung suchen und finden.

Eine Vorsicht ist aber unter allen Umständen notwendig, und wer sie nicht anwenden will, der soll am besten alle Schritte in die Geheimwissenschaft unterlassen. Es ist notwendig, daß der Mensch, der Geheimschüler wird, nichts verliere von seinen Eigenschaften als edler, guter und für alles physisch Wirkliche empfänglicher Mensch. Er muß im Gegenteile seine moralische Kraft, seine innere Lauterkeit, seine Beobachtungsgabe während der Geheimschülerschaft fortwährend steigern. Um ein Einzelnes zu erwähnen: Während der elementaren Erleuchtungsübungen muß der Geheimschüler dafür sorgen, daß er sein Mitgefühl für die Menschen- und Tierwelt, seinen Sinn für Schönheit der Natur immerfort vergrößere. Sorgt er nicht dafür, so stumpfen sich jenes Gefühl und dieser Sinn durch solche Übungen fortwährend ab. Das Herz würde hart, der Sinn stumpf. Und das müßte zu gefährlichen Ergebnissen führen.

Wie sich die Erleuchtung gestaltet, wenn man im Sinne der obigen Übungen über Stein, Pflanze und Tier zum Menschen heraufsteigt, und wie, nach der Erleuchtung, der Zusammenschluß der Seele mit der geistigen Welt unter allen Umständen sich einmal einstellt und zur Einweihung hingeleitet: davon wird in den nächsten Abschnitten gesprochen werden, soweit das sein kann.

Es wird in unserer Zeit von vielen Menschen der Weg zur Geheimwissenschaft gesucht. Auf mancherlei Art wird das getan; und viele gefährliche, ja verwerfliche Prozeduren werden probiert. Deshalb sollen diejenigen, die etwas Wahrhaftes von diesen Dingen zu wissen meinen, anderen die Möglichkeit geben, einiges aus der Geheimschulung kennenzulernen. Nur soviel ist hier mitgeteilt worden, als solcher Möglichkeit entspricht. Es ist notwendig, daß etwas von dem Wahren bekannt werde, damit nicht das Irrtümliche großen Schaden anrichte. Durch die hier vorgezeichneten Wege kann niemand Schaden nehmen, der nichts forciert. Nur das eine muß beobachtet werden: niemand darf mehr Zeit und Kraft auf solche Übungen verwenden, als ihm nach seiner Lebensstellung, nach seinen Pflichten zur Verfügung stehen. Niemand darf durch den Geheimpfad irgend etwas in seinen äußeren Lebensverhältnissen augenblicklich ändern. Will man wirkliche Ergebnisse, dann muß man Geduld haben; man muß nach wenigen Minuten der Übung aufhören können und ruhig seiner Tagesarbeit nachgehen. Und nichts darf sich von Gedanken an die Übungen in die Tagesarbeit mischen. Wer nicht im höchsten und besten Sinne warten gelernt hat, der taugt nicht zum Geheimschüler und wird auch niemals zu Ergebnissen kommen, die einen erheblichen Wert haben.“ (Lit.:GA 10, S. 53ff)

Erleuchtung und christliche Esoterik

„Zweierlei ist dazu nötig: daß der Mensch sich präpariert durch Katharsis und Erleuchtung, dann aber sein Inneres frei öffnet der geistigen Welt. Das Innere des Menschen dürfen wir in diesem Erkenntniszusammenhang vergleichen mit dem Weiblichen, das Äußere mit dem Männlichen. Das Innere muß für die Aufnahme des höheren Selbstes empfänglich gemacht werden. Ist es empfänglich, dann strömt aus der geistigen Welt des Menschen höheres Selbst in den Menschen ein. Denn wo ist des Menschen höheres Selbst? Ist es da drinnen im persönlichen Menschen? Nein! Auf Saturn, Sonne und Mond war das höhere Selbst ausgegossen über den ganzen Kosmos. Damals war das Ich des Kosmos ausgegossen über den Menschen, und dieses Ich muß der Mensch auf sich wirken lassen. Er muß dieses Ich wirken lassen auf sein vorher präpariertes Inneres. Das heißt: Geläutert und gereinigt, veredelt, der Katharsis unterworfen werden muß des Menschen Inneres, mit anderen Worten, sein Astralleib. Dann kann er erwarten, daß das äußere Geistige zu seiner Erleuchtung in ihn einströmt. Das geschieht, wenn der Mensch so weit vorbereitet ist, daß er seinen Astralleib der Katharsis unterworfen und dadurch seine inneren Erkenntnisorgane ausgebildet hat. Dann ist der Astralleib, wenn er jetzt untertaucht in den Ätherleib und physischen Leib, unter allen Umständen so weit, daß die Erleuchtung, der Photismos, erfolgt. Das, was wirklich eintritt, ist eben, daß der Astralleib seine Organe abdruckt im Ätherleibe, wodurch dann bewirkt wird, daß der Mensch um sich herum eine geistige Welt wahrnimmt, daß also sein Inneres, der astralische Leib, empfängt, was ihm der Ätherleib zu bieten vermag, was ihm der Ätherleib heraussaugt aus dem ganzen Kosmos, aus dem kosmischen Ich.

Die christliche Esoterik nannte diesen gereinigten, geläuterten astralischen Leib, der in dem Augenblick, wo er der Erleuchtung unterworfen ist, nichts von den unreinen Eindrücken der physischen Welt in sich enthält, sondern nur die Erkenntnisorgane der geistigen Welt, die «reine, keusche, weise Jungfrau Sophia». Durch alles das, was der Mensch aufnimmt in der Katharsis, reinigt und läutert er seinen astralischen Leib zur «Jungfrau Sophia». Und der «Jungfrau Sophia » kommt entgegen das kosmische Ich, das Welten-Ich, das die Erleuchtung bewirkt, das also macht, daß der Mensch Licht um sich herum hat, geistiges Licht. Dieses Zweite, das zur «Jungfrau Sophia» hinzukommt, nannte die christliche Esoterik - und nennt es auch heute noch - den «Heiligen Geist». So daß man im christlich-esoterischen Sinne ganz richtig spricht, wenn man sagt: Der christliche Esoteriker erreicht durch seine Einweihungsvorgänge die Reinigung und Läuterung seines astralischen Leibes; er macht seinen astralischen Leib zur «Jungfrau Sophia » und wird überleuchtet - wenn Sie wollen, können Sie es überschattet nennen - von dem «Heiligen Geiste», von dem kosmischen Welten-Ich. Und der, der also erleuchtet ist, der mit anderen Worten im Sinne der christlichen Esoterik den «Heiligen Geist» in sich aufgenommen hat, redet fortan dann in einem anderen Sinne. Wie redet er? Er redet so, daß es nicht seine Meinung ist, wenn er über Saturn, Sonne, Mond redet, über die verschiedenen Glieder der menschlichen Wesenheit, über die Vorgänge der Weltentwickelung. Seine Ansichten kommen dabei ganz und gar nicht in Betracht. Wenn ein solcher über den Saturn redet, redet der Saturn aus ihm. Wenn er über die Sonne redet, redet die geistige Wesenheit der Sonne aus ihm. Er ist das Instrument; sein Ich ist untergegangen, das heißt für solche Augenblicke unpersönlich geworden, und das kosmische Welten-Ich ist es, das sich seiner als Werkzeug bedient, um durch ihn zu sprechen. Daher darf man bei den wirklichen esoterischen Lehren, die aus der christlichen Esoterik herauskommen, nicht von Ansichten oder Meinungen reden. Das ist im höchsten Sinne des Wortes nicht richtig. Die gibt es da nicht. Derjenige, der im Sinne der christlichen Esoterik mit der richtigen Gesinnung von der Welt spricht, sagt sich: Nicht darauf kommt es an, daß ich den Leuten sage, da waren zwei Pferde draußen, das eine gefällt mir weniger gut, ich glaube, daß das ein faules Pferd ist. Worauf es ankommt, ist, daß ich den anderen die Pferde beschreibe und die Tatsachen wiedergebe! Darum handelt es sich, daß mit Ausschluß jeder persönlichen Meinung das Beobachtete aus der geistigen Welt erzählt wird. In jedem geisteswissenschaftlichen Lehrsystem muß einfach die Tatsachenfolge erzählt werden; das darf mit den Ansichten desjenigen, der da erzählt, gar nichts zu tun haben.

So haben wir zwei Begriffe zunächst in ihrer geistigen Bedeutung kennengelernt. Wir haben kennengelernt das Wesen der «Jungfrau Sophia», das der geläuterte Astralleib ist, und kennengelernt haben wir das Wesen des «Heiligen Geistes», des kosmischen Welten-Ichs, das von der «Jungfrau Sophia » empfangen wird und aus dem betreffenden astralischen Leib heraus dann sprechen kann.“ (Lit.:GA 103, S. 201f)

Illuminationslehre

Hauptartikel: Illuminationslehre

Die Illuminationslehre, wie sie in der christlichen Philosophie und Theologie vor allem von Augustinus vertreten und in der Scholastik von Bonaventura systematisch ausgearbeitet wurde, hat ihren Ursprung in der Ideenlehre Platons, wie sie dieser in seiner Politeia in dem berühmten Höhlengleichnis und vorbereitend schon in dem Sonnengleichnis veranschaulicht hat. Die Erkenntnis der Wahrheit ist demnach nur möglich durch das höchste geistige Licht des Guten, das die Seele erleuchtet, so wie die sinnlichen Dinge nur durch das Licht der Sonne sichtbar werden. Gott selbst ist die ewige Wahrheit, in dessen Geist die ewigen Ideen leben, aus denen er die sichtbare und unsichtbare Welt geschaffen hat. Das von Gott in die Seele des Menschen gestrahlte Licht ist ewig unwandelbar und wahrhaftig und gibt damit der Erkenntnis absolute Gewissheit, wenn es die der Seele eingeborenen, ebenso ewigen unveränderlichen Wahrheiten beleuchtet und dadurch ins Bewusstsein hebt. Der im Menschen wohnende Christus selbst ist dabei der innere Lehrer („magister interior“), der dem fragenden Menschen antwortet[2].

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, GA 10 (1993), ISBN 3-7274-0100-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Die Geheimwissenschaft im Umriß, GA 13 (1989), ISBN 3-7274-0130-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Wo und wie findet man den Geist?, GA 57 (1984), ISBN 3-7274-0570-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Das Johannes-Evangelium, GA 103 (1995), ISBN 3-7274-1030-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Ägyptische Mythen und Mysterien, GA 106 (1992), ISBN 3-7274-1060-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  6. Rudolf Steiner: Wege und Ziele des geistigen Menschen. Lebensfragen im Lichte der Geisteswissenschaft., GA 125 (1992), ISBN 3-7274-1250-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  7. Joachim Stiller: Die Ätherisation des Blutes - Über den Initiations- und Einweihungsweg PDF
Steiner big.jpg
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Einzelnachweise

  1. Die hier gemeinte Tatsache, insofern sie sich auf Kristallbeobachtung bezieht, ist von solchen, die nur in äußerlicher Weise (exoterisch) davon gehört haben, in mancherlei Art verdreht worden, woraus Verrichtungen wie «Kristallsehen» usw. entstanden sind. Derlei Manipulationen beruhen auf Mißverständnissen. Sie sind in vielen Büchern beschrieben worden. Aber sie bilden niemals den Gegenstand wahren (esoterischen) Geheimunterrichtes.
  2. Augustinus: De Magistro 11,38