Idee

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Das Wort Idee (griech.: εἶδος (eidos) / ἰδέα (idea) = „Vorstellung, Bild, Musterbild, Vorbild oder Urbild, Idee“) wird erstmals von Platon in philosophischen Zusammenhängen gebraucht, um das Was der Dinge, ihr Wesen, ihr An sich, zu bezeichnen und leitet sich vom griechischen Wort für „sehen, erblicken, erkennen“ (idein)[1] her und bedeutet demnach: das Gesehene. Die Idee bezeichnet dabei zunächst ganz allgemein eine geistige Vorstellung, einen Gedanken bzw. Begriff.

„Ideen sind qualitativ von Begriffen nicht verschieden. Sie sind nur inhaltsvollere, gesättigtere und umfangreichere Begriffe.“ (Lit.:GA 4, S. 57)

Ideen erfassen das Allgemeine, die Universalien, im Gegensatz zu dem sinnlich erscheinenden Einzelnen. Im Sinne der platonischen Ideenlehre könnte man also sagen: Immer wenn wir sehen, idealisieren wir - und nur dadurch erkennen wir die Dinge als das, was sie sind, d.h. wir heben in unserem Bewusstsein durch Idealisierung aus der gegebenen Realität deren eigentliches Wesen heraus. Im Geiste geben wir den chaotischen Sinnesdaten eine ideale Gestalt, durch die sich erst ihre wahre, geistige Wirklichkeit kundgibt, dergegenüber die bloße Sinnenwelt nur schattenhaft anmutet. Platon hat darüber in seiner «Politeia» in dem berühmten Höhlengleichnis ausführlich gesprochen. Dem Philosophieren liege eine geistiges „Sehen“, eine übersinnliche „Schau“ der reinen Ideen, eine Ideenschau, zugrunde. Die urbildhaften Ideen existieren unabhängig von den sinnlich fassbaren Dingen, die ihr Sein und Wesen nur der Teilhabe (methexis) an den unwandelbaren ewigen Ideen verdanken; sie sind nur eine vergängliche Nachahmung (mimesis) ihrer unvergänglichen geistigen Urbilder. Nach Aristoteles ist das menschliche Erkenntnisvermögen allerdings so begrenzt, dass die weitaus meisten Ideen nur in bzw. an den vielfältigen sinnlichen Dingen erfahren und daraus durch Abstraktion herausgehoben werden können. Nur die obersten und allgemeinsten Ideen, etwa die der Mathematik, können rein geistig erfasst werden. Thomas von Aquin unterschied später die vor allen Einzeldingen in der göttlichen Vernuft lebenden universalia ante rem von den in den Dingen wirkenden universalia in re und den als Begriffe im Verstand des Menschen gebildeten universalia post rem.

„Was man Idee nennt: das, was immer zur Erscheinung kommt und daher als Gesetz aller Erscheinungen uns entgegentritt.“ (Lit.: Goethe: Maximen und Reflexionen[2])

Die Ideenwelt

Ideen werden wie Begriffe durch das Denken gebildet, wobei Rudolf Steiner umfangreichere Begriffe als Ideen bezeichnet. Das Insgesamt aller Ideen bildet die Ideenwelt bzw. Gedankenwelt.

"Durch das Denken entstehen Begriffe und Ideen. Was ein Begriff ist, kann nicht mit Worten gesagt werden. Worte können nur den Menschen darauf aufmerksam machen, dass er Begriffe habe. Wenn jemand einen Baum sieht, so reagiert sein Denken auf seine Beobachtung; zu dem Gegenstande tritt ein ideelles Gegenstück hinzu, und er betrachtet den Gegenstand und das ideelle Gegenstück als zusammengehörig. Wenn der Gegenstand aus seinem Beobachtungsfelde verschwindet, so bleibt nur das ideelle Gegenstück davon zurück. Das letztere ist der Begriff des Gegenstandes. Je mehr sich unsere Erfahrung erweitert, desto größer wird die Summe unserer Begriffe. Die Begriffe stehen aber durchaus nicht vereinzelt da. Sie schließen sich zu einem gesetzmäßigen Ganzen zusammen. Der Begriff «Organismus» schließt sich zum Beispiel an die andern: «gesetzmäßige Entwicklung, Wachstum» an. Andere an Einzeldingen gebildete Begriffe fallen völlig in eins zusammen. Alle Begriffe, die ich mir von Löwen bilde, fallen in den Gesamtbegriff «Löwe» zusammen. Auf diese Weise verbinden sich die einzelnen Begriffe zu einem geschlossenen Begriffssystem, in dem jeder seine besondere Stelle hat. Ideen sind qualitativ von Begriffen nicht verschieden. Sie sind nur inhaltsvollere, gesättigtere und umfangreichere Begriffe...

Der Begriff kann nicht aus der Beobachtung gewonnen werden. Das geht schon aus dem Umstande hervor, dass der heranwachsende Mensch sich langsam und allmählich erst die Begriffe zu den Gegenständen bildet, die ihn umgeben. Die Begriffe werden zu der Beobachtung hinzugefügt." (Lit.: GA 4, S. 57)

Im höchsten Sinn ist die Idee ewig und einzig, wie es schon Goethe ausgedrückt hat. Sie gliedert die Vielzahl der einzelnen Begriffe der unteilbaren Ganzheit der kosmischen Ordnung ein.

„Die Idee ist ewig und einzig; daß wir auch den Plural brauchen, ist nicht wohlgetan. Alles, was wir gewahr werden und wovon wir reden können, sind nur Manifestationen der Idee; Begriffe sprechen wir aus, und insofern ist die Idee selbst ein Begriff.“

Goethe: Maximen und Reflexionen[3]

Dass die „Ideen“ weder im platonischen Sinn als gleichsam freischwebende, körperlose Entitäten noch im aristotelisch-thomistischen Sinn als in den Dingen wirksame Kräfte misszuverstehen sind, hat Rudolf Steiner nachdrücklich betont. Sie sind vielmehr ein freies schöpferisches Erzeugnis des menschlichen Geistes, das nirgendwo existieren würde, wenn es nicht der Mensch durch seine Erkenntnistätigkeit in seinem Bewusstsein zur Erscheinung brächte. Nur diese „creatio ex nihilo“, das „Schaffen aus dem Nichts“ ist dem Geist angemessen, der in keiner Weise als irgendwo in der Welt vorhandenes „Seiendes“ anzusehen ist. Ganz deutlich betonte Rudolf Steiner diesen schöpferischen Charakter des Erkennens auch in dem Ausblick, mit dem seine 1900 veröffentlichen „Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert“ ausklingen, die später zu „Die Rätsel der Philosophie in ihrer Geschichte als Umriss dargestellt“ (GA 18) erweitert wurden:

„Wenn ich mit meinen Gedanken die Dinge durchdringe, so füge ich also ein seinem Wesen nach in mir Erlebtes zu den Dingen hinzu. Das Wesen der Dinge kommt mir nicht aus ihnen, sondern ich füge es zu ihnen hinzu. Ich erschaffe eine Ideenwelt, die mir als Wesen der Dinge gilt. Die Dinge erhalten durch mich ihr Wesen. Es ist also unmöglich, nach dem Wesen des Seins zu fragen. Im Erkennen der Ideen enthüllt sich mir gar nichts, was in den Dingen einen Bestand hat. Die Ideenwelt ist mein Erlebnis. Sie ist in keiner anderen Form vorhanden als in der von mir erlebten.“ (Lit.: Rudolf Steiner: Welt- und Lebensanschauungen im neunzehnten Jahrhundert, Berlin 1900, S. 188)

Der Geist wirkt in allen Dingen, aber nur im Menschen tritt er durch dessen kreatives Denken als „Idee“ in Erscheinung. Die Wahrheit ist nichts fertig in der Welt „Vorhandenes“, sondern etwas frei und individuell durch das Ich zu Schaffendes - diesen Standpunkt hatte Rudolf Steiner schon in seinem philosophischen Grundlagenwerk «Wahrheit und Wissenschaft» (1892) vertreten:

„Das Resultat dieser Untersuchungen ist, dass die Wahrheit nicht, wie man gewöhnlich annimmt, die ideelle Abspiegelung von irgendeinem Realen ist, sondern ein freies Erzeugnis des Menschengeistes, das überhaupt nirgends existierte, wenn wir es nicht selbst hervorbrächten. Die Aufgabe der Erkenntnis ist nicht: etwas schon anderwärts Vorhandenes in begrifflicher Form zu wiederholen, sondern die: ein ganz neues Gebiet zu schaffen, das mit der sinnenfällig gegebenen Welt zusammen erst die volle Wirklichkeit ergibt. Damit ist die höchste Tätigkeit des Menschen, sein geistiges Schaffen, organisch dem allgemeinen Weltgeschehen eingegliedert. Ohne diese Tätigkeit wäre das Weltgeschehen gar nicht als in sich abgeschlossene Ganzheit zu denken. Der Mensch ist dem Weltlauf gegenüber nicht ein müßiger Zuschauer, der innerhalb seines Geistes das bildlich wiederholt, was sich ohne sein Zutun im Kosmos vollzieht, sondern der tätige Mitschöpfer des Weltprozesses; und das Erkennen ist das vollendetste Glied im Organismus des Universums.“ (Lit.:GA 3, S. 11f)

Subjektivität und Objektivität der Ideenwelt

Dass die Ideenwelt, die der Mensch tätig durch das Denken in seinem Bewusstsein zur Erscheinung bringt, nicht nur subjektive Geltung hat, sondern die sich selbst tragende, Subjekt und Objekt übergreifende Grundlage der Welt bildet, hat Rudolf Steiner schon um 1886 in seinem «Credo. Der Einzelne und das All.» betont:

„Die Ideenwelt ist der Urquell und das Prinzip alles Seins. In ihr ist unendliche Harmonie und selige Ruhe. Das Sein, das sie mit ihrem Lichte nicht beleuchtete, wäre ein totes, wesenloses, das keinen Teil hätte an dem Leben des Weltganzen. Nur, was sein Dasein von der Idee herleitet, das bedeutet etwas am Schöpfungsbaume des Universums. Die Idee ist der in sich klare, in sich selbst und mit sich selbst sich genügende Geist. Das Einzelne muß den Geist in sich haben, sonst fällt es ab, wie ein dürres Blatt von jenem Baume, und war umsonst da...“ (Lit.:GA 40, S. 15)

In «Goethes Weltanschauung» bemerkt er dazu später (1897):

„Wenn es dem Menschen wirklich gelingt, sich zu der Idee zu erheben, und von der Idee aus die Einzelheiten der Wahrnehmung zu begreifen, so vollbringt er dasselbe, was die Natur vollbringt, indem sie ihre Geschöpfe aus dem geheimnisvollen Ganzen hervorgehen lässt. Solange der Mensch das Wirken und Schaffen der Idee nicht fühlt, bleibt sein Denken von der lebendigen Natur abgesondert. Er muss das Denken als eine bloß subjektive Tätigkeit ansehen, die ein abstraktes Bild von der Natur entwerfen kann. Sobald er aber fühlt, wie die Idee in seinem Innern lebt und tätig ist, betrachtet er sich und die Natur als ein Ganzes, und was als Subjektives in seinem Innern erscheint, das gilt ihm zugleich als objektiv; er weiß, dass er der Natur nicht mehr als Fremder gegenübersteht, sondern er fühlt sich verwachsen mit dem Ganzen derselben. Das Subjektive ist objektiv geworden; das Objektive von dem Geiste ganz durchdrungen. Goethe ist der Meinung, der Grundirrtum Kants bestehe darin, dass dieser «das subjektive Erkenntnisvermögen nun selbst als Objekt betrachtet und den Punkt, wo subjektiv und objektiv zusammentreffen, zwar scharf aber nicht ganz richtig sondert.» (Sophien-Ausgabe, 2. Abteilung, Bd. XI, S.376.) Das Erkenntnisvermögen erscheint dem Menschen nur so lange als subjektiv, als er nicht beachtet, dass die Natur selbst es ist, die durch dasselbe spricht. Subjektiv und objektiv treffen zusammen, wenn die objektive Ideenwelt im Subjekte auflebt, und in dem Geiste des Menschen dasjenige lebt, was in der Natur selbst tätig ist. Wenn das der Fall ist, dann hört aller Gegensatz von subjektiv und objektiv auf. Dieser Gegensatz hat nur eine Bedeutung, solange der Mensch ihn künstlich aufrecht erhält, solange er die Ideen als seine Gedanken betrachtet, durch die das Wesen der Natur abgebildet wird, in denen es aber nicht selbst wirksam ist. Kant und die Kantianer hatten keine Ahnung davon, dass in den Ideen der Vernunft das Wesen, das Ansich der Dinge unmittelbar erlebt wird. Für sie ist alles Ideelle ein bloß Subjektives.“ (Lit.:GA 6, S. 54f)

Und in den «Einleitungen zu Goethes Naturwissenschaftlichen Schriften» heißt es:

„Wer dem Denken seine über die Sinnesauffassung hinausgehende Wahrnehmungsfähigkeit zuerkennt, der muss ihm notgedrungen auch Objekte zuerkennen, die über die bloße sinnenfällige Wirklichkeit hinaus liegen. Die Objekte des Denkens sind aber die Ideen. Indem sich das Denken der Idee bemächtigt, verschmilzt es mit dem Urgrunde des Weltendaseins; das, was außen wirkt, tritt in den Geist des Menschen ein: er wird mit der objektiven Wirklichkeit auf ihrer höchsten Potenz eins. Das Gewahrwerden der Idee in der Wirklichkeit ist die wahre Kommunion des Menschen.

Das Denken hat den Ideen gegenüber dieselbe Bedeutung wie das Auge dem Lichte, das Ohr dem Ton gegenüber. Es ist Organ der Auffassung.“ (Lit.:GA 1, S. 125f)

„Wer weiß, daß der Mensch bei jedem Gedanken einen göttlichen Strom in sich einströmen läßt, wer sich dessen bewußt ist, der erhält als Folgeerscheinung die Gabe der höheren Erkenntnis. Wer weiß, daß Erkenntnis Kommunion ist, der weiß auch, daß sie nichts anderes ist, als dasjenige, was sich symbolisiert in dem Abendmahl.“ (Lit.:GA 266a, S. 48)

Naturgesetze als in der Welt wirksame Ideen

Hauptartikel: Naturgesetz

Naturgesetze beschreiben die einseitig räumliche und zeiliche Ordnung des kosmischen Geschehens, die nur eine schattenhafte Offenbarung der viel umfassenderen geistigen Weltordnung ist, die auch eine moralische Dimension mit umfasst. Beispiele elementarer Naturgesetze sind das Trägheitsgesetz, das Gravitationsgesetz, die Maxwellschen Gleichungen der Elektrodynamik, die Relativitätstheorie, die Quantentheorie usw.

Die Naturgesetze sind keineswegs abgesondert von der Natur vorhanden, sondern bilden mit dieser zusammen ein untrennbares Ganzes. Sie sind unmittelbar in der physischen Welt wirksame Ideen. Es liegt nur an der Natur des Menschen selbst, dass wir sie auf getrennten Wegen erfahren: Die Naturerscheinungen durch qualitative sinnliche Wahrnehmung bzw. durch quantitative messtechnische Registrierung einerseits und die Naturgesetze, indem wir den Zusammenhang der Erscheinungen denkend erfassen, andererseits.

„Die Naturgesetze sind Geist, nur daß der Mensch in der gewöhnlichen Anschauung diesen Geist nur in dem schattenhaften Abglanz der Gedanken wahrnimmt.“ (Lit.:GA 52, S. 208)

Diesen geistigen Charakter der Naturgesetze betonen auch viele Physiker. So schreibt z.B. der Quantenchemiker Walter Heitler:

„Ein mathematisch formuliertes Gesetz ist etwas Geistiges. Wir können es so nennen, weil es menschlicher Geist ist, der es erkennt. Der Ausdruck Geist mag heute, wo ein überbordender Materialismus und Positivismus seine zum Teil recht üblen Blüten treibt, nicht sehr populär sein. Aber eben deshalb müssen wir uns darüber klar werden, was Naturgesetz und Naturerkenntnis ist. Die Natur folgt also diesem nicht-materiellen geistigen Element, dem Gesetz. Folglich sind auch geistige Elemente in der Natur selbst verankert. Zu diesen gehört die Mathematik, die zur Formulierung des Gesetzes nötig ist, sogar hohe und höchste Mathematik. Anderseits ist der Forscher der begnadet ist, eine Entdeckung zu machen in der Lage, eben dieses die Natur durchdringende geistige Element zu durchdringen. Und hier zeigt sich die Verbindung zwischen dem menschlichen, erkennenden Geist und den in der Natur existierenden transzendenten Elementen. Am besten sehen wir die Sache, wenn wir uns der Platonischen Ausdrucksweise bedienen, obwohl Plato diese Art von Naturgesetz noch nicht kannte. Demnach wäre das Naturgesetz ein Urbild, eine «Idee» - im Sinne des griechischen Wortes Eidea - dem die Natur folgt und die der Mensch wahrnehmen kann. Das ist es dann, was man den Einfall nennt. Durch dieses Urbild ist der Mensch mit der Natur verbunden. Der Mensch, der es erkennen kann, die Natur, die ihm als Gesetz folgt.“

Walter Heitler: Naturwissenschaft ist Geisteswissenschaft, S. 14f.

Man muß sich der Idee erlebend gegenüberstellen können

Mit abstrakten Ideen lässt sich die Wirklichkeit nicht erfassen. Lebendige Ideen entstehen aus einem konkreten künstlerisch-schöpferischen Gestaltungsprozess. Stellt man sich ihnen erlebend gegenüber und erfasst sie in ihrer unerschöpflichen Gestaltungsfähigkeit, so bleibt dabei im Denken die volle menschliche Freiheit gewahrt, während abgestorbene Ideen mit zwingender Notwendigkeit wirken.

"Alle wirklichen Philosophen waren Begriffskünstler. Für sie wurden die menschlichen Ideen zum Kunstmateriale und die wissenschaftliche Methode zur künstlerischen Technik. Das abstrakte Denken gewinnt dadurch konkretes, individuelles Leben. Die Ideen werden Lebensmächte. Wir haben dann nicht bloß ein Wissen von den Dingen, sondern wir haben das Wissen zum realen, sich selbst beherrschenden Organismus gemacht; unser wirkliches, tätiges Bewußtsein hat sich über ein bloß passives Aufnehmen von Wahrheiten gestellt.

Wie sich die Philosophie als Kunst zur Freiheit des Menschen verhält, was die letztere ist, und ob wir ihrer teilhaftig sind oder es werden können: das ist die Hauptfrage meiner Schrift. Alle anderen wissenschaftlichen Ausführungen stehen hier nur, weil sie zuletzt Aufklärung geben über jene, meiner Meinung nach, den Menschen am nächsten liegenden Fragen. Eine «Philosophie der Freiheit» soll in diesen Blättern gegeben werden.

Alle Wissenschaft wäre nur Befriedigung müßiger Neugierde, wenn sie nicht auf die Erhöhung des Daseinswertes der menschlichen Persönlichkeit hinstrebte. Den wahren Wert erhalten die Wissenschaften erst durch eine Darstellung der menschlichen Bedeutung ihrer Resultate. Nicht die Veredlung eines einzelnen Seelenvermögens kann Endzweck des Individuums sein, sondern die Entwicklung aller in uns schlummernden Fähigkeiten. Das Wissen hat nur dadurch Wert, daß es einen Beitrag liefert zur allseitigen Entfaltung der ganzen Menschennatur.

Diese Schrift faßt deshalb die Beziehung zwischen Wissenschaft und Leben nicht so auf, daß der Mensch sich der Idee zu beugen hat und seine Kräfte ihrem Dienst weihen soll, sondern in dem Sinne, daß er sich der Ideenwelt bemächtigt, um sie zu seinen menschlichen Zielen, die über die bloß wissenschaftlichen hinausgehen, zu gebrauchen.

Man muß sich der Idee erlebend gegenüberstellen können; sonst gerät man unter ihre Knechtschaft." (Lit.: GA 4, S. 270f)

„Ideen sind nicht nur ein Segen, sie können ebenso eine große Gefahr für die Entwicklung des Menschen darstellen. Sie haben die Neigung, den Geist des Menschen einzuschläfern. Das Trügerische ist, dass der Mensch meint, indem er bestimmten Ideen folgt, handele er selbständig, obwohl er sich ihnen längst untergeordnet und ihnen seine Freiheit geopfert hat. Damit verwandeln sich die Ideen aber in eine Lüge. Jede Idee wird zu einer Lüge, wenn der, der sie vertritt, sich ihr unterordnet. Nicht der Mensch bestimmt mehr, sondern eine Vorstellung, ein Gedankenfeld, das nicht von ihm stammt und das er nur reproduziert. Damit opfert er der Idee aber gerade sein Heiligstes: sein schöpferisches Potenzial. Jeder Idee gegenüber, sie mag noch so wahr und überzeugend sein, muss er sich seine Autonomie bewahren. Gerade heute, wo die Ideen eine sehr beherrschende, geradezu magische Wirkung auf die Menschheit ausüben, ist es entscheidend, dass der Einzelne den Ideen gegenüber schöpferisch bleibt. Es ist unerlässlich, dass er die Ideen, die für ihn bestimmend sein sollen, immer wieder neu hervorbringt und prüft. Wird das vernachlässigt, verwandelt sich jede Wahrheit unbemerkt in eine Lüge. Man kann tatsächlich davon ausgehen, dass Ideen die Neigung haben, den Menschen zu vereinnahmen und ihm seine Autonomie zu rauben; sie sind für ihn deshalb sehr unangenehme Gegner, weil sich ihre Macht oft nur schleichend bemerkbar macht. Sie haben den Vorteil der Tauschung auf ihrer Seite, denn es geht ein geheimnisvoller Wunsch nach Identifikation von ihnen aus, mit dem sie den Einzelnen allzu schnell einfangen und überzeugen. Selbst die hehrsten und tugendhaftesten Ideen sind nicht davor gefeit, ein Gift zu entwickeln, das den Einzelnen so betört, dass er eins mit ihnen wird und seine Kritikfähigkeit, seinen gesunden Eigensinn fahrenlässt. Er wird zum Anhänger einer Idee, sein Denken erstarrt, wird einseitig und intolerant.“ (Lit.: Massei, S. 89f)

Die Ideen als uranfängliche Ursachen

Johannes Scottus Eriugena hat im 9. Jahrhundert die platonische Ideenlehre im christlichen Sinn so gedeutet, dass der Vater die Ideen als Ur- oder Musterbilder im und durch den Sohn erschuf und durch den Heiligen Geist verteilt und vervielfältig:

„Die uranfänglichen Ursachen werden, wie ich bereits früher sagte, bei den Griechen Ideen genannt und darunter die ewigen Arten und Formen und unveränderlichen Gründe verstanden, nach welchen und in welchen die sichtbare und unsichtbare Welt gebildet wird. Darum verdienen sie bei den griechischen Weisen Ur- oder Musterbilder genannt zu werden, welche der Vater im Sohne schuf und durch den h. Geist in ihre Wirkungen vertheilt und vervielfältigt. Auch werden sie Vorherbestimmungen genannt, sofern in ihnen zugleich und auf einmal und unveränderlich vorherbestimmt ist, was durch göttliche Klugheit geschieht und geschehen ist und geschehen wird. Denn nichts in der sichtbaren und unsichtbaren Creatur entsteht auf natürliche Weise, außer was in ihr vornämlich und vorzeitlich im Voraus festgestellt und geordnet ist. Auch göttliche Willensbestimmungen pflegen sie genannt zu werden, weil Gott Alles, was er thun wollte, in ihnen uranfänglich und ursächlich that und auch alles noch Zukünftige in ihnen von Ewigkeit her geschehen ist. Darum heissen sie die Anfänge von Allem, weil Alles, was in der sichtbaren oder unsichtbaren Creatur wahrgenommen oder gedacht wird, durch die Theilnahme an ihnen besteht. Sie selber aber sind Theilhabungen der Einen All-Ursache, der höchsten und heiligen Dreiheit, und gelten darum als solche, die durch sich sind, weil zwischen ihnen und der Einen All-Ursache keine Creatur in der Mitte liegt.“

Johannes Scottus Eriugena: Über die Einteilung der Natur[4]

Literatur

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Weblinks

  1. Idee - Artikel in Rudolf Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe (1904)
  2. Idee - Artikel in Friedrich Kirchner, Carl Michaëlis: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe (1907)
  3. Thomas Blume: „Idee“ - Artikel im UTB-Online-Wörterbuch Philosophie

Einzelnachweise

  1. vgl. z.B. Pierre Chantraine: Dictionnaire étymologique de la langue grecque. Histoire des mots, Paris 2009, S. 438;
    Hjalmar Frisk: Griechisches etymologisches Wörterbuch, Band 1, Heidelberg 1960, S. 708.
  2. Goethe-BA Bd. 18, S. 642
  3. Goethe-BA Bd. 18, S. 528
  4. Johannes Scotus Erigena, Ludwig Noack (Übers.): Über die Eintheilung der Natur, Verlag von L. Heimann, Berlin 1870, Erste Abtheilung, S. 240 [1]