Feuerprobe

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Die Jünglinge im Feuerofen (Dan 3,1-97 LUT) in typischer Orantenhaltung, Wandmalerei in den Priscilla-Katakomben, Rom (2. Jh.)

Die Feuerprobe ist die erste Probe, die der Geistesschüler auf dem geistigen Schulungsweg bestehen muss. Das geistige Feuer „verbrennt“ nun den Schleier der sinnlichen Welt und die geistigen Urbilder der äußeren Welt leuchten für den imaginativen Blick auf. Das ist eben nur möglich, wenn zuvor durch die Katharsis auch die letzten Reste der sinnlichen Begierden abgestreift wurden – denn eben diese weben den Sinnesschleier. Ein Prozess, den jeder Mensch nach dem Tod im „Fegefeuer“ (Kamaloka) durchmachen muss.

Rudolf Steiner schildert die Feuerprobe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» (GA 10) so:

"Die erste «Probe» besteht darinnen, daß er eine wahrere Anschauung erlangt von den leiblichen Eigenschaften der leblosen Körper, dann der Pflanzen, der Tiere und des Menschen, als sie der Durchschnittsmensch besitzt. Damit ist aber nicht das gemeint, was man heute wissenschaftliche Erkenntnis nennt. Denn nicht um Wissenschaft, sondern um Anschauung handelt es sich. - In der Regel ist der Vorgang so, daß der Einzuweihende erkennen lernt, wie sich die Naturdinge und Lebewesen für das geistige Ohr und geistige Auge kundgeben. In einer gewissen Weise stehen diese Dinge dann unverhüllt - nackt - vor dem Beschauer. Dem sinnlichen Auge und dem sinnlichen Ohre verbergen sich die Eigenschaften, die man da hört und sieht. Sie sind für dieses sinnliche Anschauen wie mit einem Schleier verhüllt. Daß dieser Schleier für den Einzuweihenden wegfällt, beruht auf einem Vorgang, den man als «geistigen Verbrennungsprozeß» bezeichnet. Deshalb wird diese erste Probe die «Feuerprobe» genannt.

Für manche Menschen ist das gewöhnliche Leben selbst schon ein mehr oder weniger unbewußter Einweihungsprozeß durch die Feuerprobe. Es sind das diejenigen, welche durch reiche Erfahrungen von solcher Art durchgehen, daß ihr Selbstvertrauen, ihr Mut und ihre Standhaftigkeit in gesunder Weise groß werden und daß sie Leid, Enttäuschung, Mißlingen von Unternehmungen mit Seelengröße und namentlich mit Ruhe und in ungebrochener Kraft ertragen lernen. Wer Erfahrungen in dieser Art durchgemacht hat, der ist oft schon, ohne daß er es deutlich weiß, ein Eingeweihter; und es bedarf dann nur eines wenigen, um ihm geistige Ohren und Augen zu öffnen, so daß er ein Hellsehender wird. Denn das ist festzuhalten: es handelt sich bei einer wahren «Feuerprobe» nicht darum, daß die Neugierde des Kandidaten befriedigt werde. Gewiß, er lernt außergewöhnliche Tatsachen kennen, von denen andere Menschen keine Ahnung haben. Aber dieses Kennenlernen ist nicht das Ziel, sondern nur das Mittel zum Ziel. Das Ziel aber ist, daß sich der Kandidat durch die Erkenntnis der höheren Welten größeres und wahreres Selbstvertrauen, höheren Mut und eine ganz andere Seelengröße und Ausdauer erwerbe, als sie in der Regel innerhalb der niederen Welt erlangt werden können.

Nach der «Feuerprobe» kann jeder Kandidat noch umkehren. Er wird gestärkt in physischer und seelischer Beziehung dann sein Leben fortsetzen und wohl erst in einer nächsten Verkörperung die Einweihung fortsetzen. In seiner gegenwärtigen aber wird er ein brauchbareres Glied der menschlichen Gesellschaft sein, als er vorher war. In welcher Lage er sich auch befinden mag: seine Festigkeit, seine Umsicht, sein günstiger Einfluß auf seine Mitmenschen, seine Entschlossenheit werden zugenommen haben." (Lit.: GA 10, S. 76ff)

Nach bestandener Feuerprobe muss der Geistesschüler das Lesen der Okkulte Schrift erlernen. Er steigt dadurch zur Erkenntnisstufe der Inspiration auf und lernt dadurch das geistig Geschaute zu verstehen. Er wird dadurch reif, sich der nachfolgenden Wasserprobe zu stellen.

Simeon Solomon: Schadrach, Meschach und Abed-Nego (1863)

Eine alttestamentarische Schilderung der Feuerprobe ist die Geschichte der Jünglinge im Feuerofen im Buch Daniel 3,1-97 LUT. Der König neubabylonische Nebukadnezar II. (* um 640 v. Chr.; † 562 v. Chr.) ließ ein goldenes Standbild errichten, das alle Amtsträger seines Reiches anbeten sollten. Nachdem auf Befehl des Königs eine Musik zu spielen begonnen hatte, sollten sich alle vor dem Götzenbild niederwerfen. Doch Daniels Gefährten Hananja, Mischaël und Asarja, denen die Babylonier die Namen Schadrach (hebr. שׁדרך „Gebot Akus“), Meschach (hebr. מישׁך „Wer ist wie Aku“) und Abed-Nego (hebr. עבד נגוא „Diener Nabus) gegeben hatten, weigerten sich, da sie JHWH treu bleiben wollten. Da ließ sie der König zur Strafe in den glühenden Feuerofen werfen. Doch die drei Jünglinge werden durch einen Engel errettet, den auch Nebukadnezar als vierte Gestalt im Feuer erkennt. Die Jünglinge singen einen Hymnus zu Gottes Lob und entsteigen unversehrt dem Feuerofen. Erschüttert durch dieses Erlebnis gebietet Nebukadnezar die Anbetung JHWHs als einzigen Gott.

William Blake: Dante betritt das Feuer

Auch Dante Alighieri (1265-1321) schildert die Feuerprobe in seiner «Göttlichen Komödie». Nachdem er auf dem Läuterungsberg bis zum 7. Kreis aufgestiegen ist, wo die Wollüstigen im Feuer büßen, soll er selbst durch die Flammen schreiten, um in das irdische Paradies, den Garten Eden, zu gelangen. Außerhalb der Flammen naht ein Engel mit den Worten „Beati mundo corde“ („Selig, die reinen Herzens sind.“ Mt 5,8) und fordert die Wanderer auf, die Feuerwand zu durchschreiten. Starr vor Schauer bleibt Dante stehen. Erst als ihm sein Führer Vergil erzürnt klarmacht, dass nur der Weg durch die Flammen zu Beatrice führt, die in der Bildsprache Dantes ein Sinnbild für den geläuterten und zum Geistselbst verwandelten Astralleib ist, der in der christlichen Terminologie auch als Jungfrau Sophia bezeichnet wird, tritt Dante mit Vergil und Statius ein. Die Stimme des Engels ertönt aus dem hellen Licht: „O benedicti Patris mei, venite!“ („Kommet her, ihr Gesegneten meines Vaters.“ Mt 25,34 EU).

1 Wie wenn der erste Strahl vom jungen Tage[1]
Im Lande glänzt, benetzt von Gottes Blut,
Wenn Ebro hinfließt unter hoher Waage,
4 Und Mittagshitz’ erwärmt des Ganges Flut,
So stand die Sonn’ itzt, drob der Tag entflohe,
Als uns ein Engel glänzt’ in heitrer Glut.
7 Er sang am Felsrand, außerhalb der Lohe:
„Beglückt, die reines Herzens sind!“ – und mehr[2]
Als menschlich war sein Ton, der mächt’ge, frohe.
10 Drauf: „Weiter nicht, ihr Heil’gen, bis vorher
Die Glut euch nagte! Tretet in die Flammen,
Und seid nicht taub dem Sang von dortenher!“
13 Dies Wort ertönte jetzt, da wir zusammen
Uns ihm genaht, so schrecklich in mein Ohr,
Als hört’ ich mich zum schwersten Tod verdammen.
16 Ich sank auf die gefalt’nen Hände vor,[3]
Ins Feuer schauend, – wen ich brennen sehen,
Deß Bild stieg itzt vor meinem Geist empor.
19 Die Führer nahten sich, mir beizustehen,
Und tröstend sprach zu mir Virgil: „Mein Sohn,
Du kannst zur Qual hier, nicht zum Tode gehen.
22 Gedenk’, gedenke, – konnt’ ich früher schon
Dich sicher auf Geryons Rücken führen,[4]
Wie jetzt, viel näher hier bei Gottes Thron!
25 Wär’ auch die Glut noch loher anzuschüren,[5]
Und stündest du auch tausend Jahre drin,
Doch dürfte sie dir nicht ein Haar berühren.
28 Glaubst du, daß ich nicht treu der Wahrheit bin,
So nahe dich und halt’, um selbst zu schauen,
Des Kleides Saum mit deinen Händen hin.
31 Leg’ ab, mein Sohn, leg’ ab hier jedes Grauen,
Dorthin sei sicher jetzt dein Fuß gewandt!“
Doch säumt’ ich, wider besseres Vertrauen.
34 Er, sehend, daß ich starr und stille stand,
Sprach, fast unwillig: „Wie, Sohn, noch verdrossen?[6]
Von Beatricen trennt dich diese Wand!“
37 Wie sterbend Pyramus den Blick erschlossen,[7]
Da’s: Thisbe! klang, gekehrt zum theuren Bild,
Als blut’ges Roth die Maulbeer’ übergossen;
40 So kehrt’ ich, nicht mehr hart, nein, sanft und mild,
Zum Führer mich, sobald der Nam’ erschollen,
Der ewig frisch in meinem Herzen quillt.
43 Drob schüttelt’ er das Haupt und sagte: „Sollen[8]
Wir diesseits bleiben?“ lächelnd, denn ich that
Wie Knaben, die, besiegt vom Apfel, wollen.
46 Drauf trat er vor mir in die Flamm’ und bat
Den Statius, uns folgend nachzukommen,
Der uns vorher getrennt den langen Pfad.
49 Ich folgt’ und hätt’, um Kühlung zu bekommen,
Mich in geschmolz’nes Glas gestürzt, so war
Im höchsten Uebermaß die Flamm’ entglommen.
52 Doch bot mir Trost mein süßer Vater dar,
Sprechend von Ihr, und half mir weiter dringen,
Und sprach: „Ich seh im Geist ihr Augenpaar!“
55 Wir hörten jenseits eine Stimme singen,
Und dieser folgten wir, ihr horchend, nach,
Indem wir, wo man stieg, der Flamm’ entgingen.[9]
58 „Gesegnete des Vaters, kommt!“ so sprach
Die Stimm’ aus einem Licht, dort aufgegangen,
Bei dessen Anschau’n mir das Auge brach.
61 „Die Sonne geht, der Abend kommt!“ so klangen
Die Töne fort – „nicht weilt, beeilt den Lauf,
Bevor den Westen dunkles Grau umfangen.“
                                     (Purgatorio 27, 1 - 61)

Anmerkungen

  1. XXVII. 1–5. Auf dem Berge des Fegefeuers wurde es Abend; folglich mußte es in Jerusalem Morgen werden. Als die Gränzen der beiden Hemisphären betrachtet der Dichter östlich von Jerusalem den Ganges, westlich Spanien oder dessen Hauptfluß, den Ebro. Von beiden setzt er voraus, daß sie 90 Grade von Jerusalem entfernt sind. Da nun die Sonne in 24 Stunden 360 Grade folglich 90 Grade in 6 Stunden durchläuft, so ist es, wenn es in Jerusalem zur Aequinoctialzeit Tag wird, 90 Grade weiter östlich bereits Mittag, 90 Grade aber westlich Mitternacht.
  2. [8. Passender Gesang beim Austritt aus dem siebenten Kreise und damit aus dem Fegefeuer überhaupt.]
  3. 16. Durch obige Verse wird zugleich das Vorbeugen des Oberleibes und das Vorstrecken der gefalteten Hände höchst plastisch ausgedrückt, eine Geberde der Angst und der ablehnenden Bitte.
  4. 23. Auf Geryon’s Rücken etc., s. den siebenzehnten Gesang der Hölle.
  5. 25. Die heilige Glut, die uns läutert, kann zwar quälen, aber nie vernichten.
  6. [35. Das persönliche Ziel, der poetisch-allegorische Grundgedanke der ganzen göttl. Kom. wird uns hier auf eine dichterisch-schöne Weise in Erinnerung gebracht – Beatrice!]
  7. 37. Pyramus, im Wahn, daß die Geliebte vom Löwen verschlungen sei, durchstieß sich mit seinem Dolche. Aber Thisbe hatte sich gerettet und kehrte zurück als ihr Geliebter im Sterben lag. Beim Laute ihres Namens, den sie verzweifelnd ausrief, öffnete er noch einmal die Augen, um sie für immer zu schließen. Thisbe vereinigte sich durch denselben Dolch, der ihr den Geliebten entrissen hatte, mit ihm auf ewig. Der mit dem Blute bespritzte Maulbeerbaum trug seitdem rothe Früchte.
  8. 43. Virgil schüttelt das Haupt, weil seinen Zögling nur der Lohn antreibt, das zu thun, was die Vernunft verlangt, weil er wie ein Kind ist, dessen Nichtwollen durch die versprochene Frucht besiegt wird.
  9. [57. „Wo man stieg“ „ove si montava“ = wo die Treppe war.]

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, GA 10 (1993), ISBN 3-7274-0100-1; Tb 600, ISBN 978-3-7274-6001-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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