Buch der Jubiläen

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Das Buch der Jubiläen, Jubiläenbuch, (hebr. ספר היובלים), manchmal auch Kleine Genesis (Leptogenesis) genannt, ist eine religiöse Schrift des jüdisch-christlichen Kulturkreises. Es bietet eine Nacherzählung der Genesis und von Teilen des Exodus, die durch Einschübe und die Verarbeitung exegetischer Traditionen ergänzt wird. Die Juden rechnen das Werk heute zu den Midraschim, die meisten christlichen Denominationen indes zu den Apokryphen des Alten Testaments.

Inhalt

Das Buch der Jubiläen erzählt die gesamte Geschichte der Welt zwischen ihrer Erschaffung und der Übergabe der Gesetzestafeln am Sinai neu, schmückt sie mit in der Tora selbst nicht enthaltenen Details aus und versucht, jedes Ereignis minutiös nach „Jubiläen“, Jahren, Wochen und Tag zu datieren – gemäß einer Einteilung, die Moses unmittelbar am Berge Sinai geoffenbart worden sein soll und in der die Zahl „7“ eine große Rolle spielt. Die Verführung Evas durch die Schlange etwa soll „nach Ablauf der sieben Jahre (…) und zwar im 2. Monat, am 17. Tage“ stattgefunden haben. Adam starb „am Ende des 19. Jubiläums, in der 7. Jahrwoche, in ihrem 6. Jahre“. Auch enthält das Werk zahlreiche Speise- und Reinheitsvorschriften. Eine Jahrwoche besteht aus sieben Jahren und ein Jubiläum aus sieben Jahrwochen; ein Jubiläum umfasst somit 49 Jahre. Diese Zahl ergibt sich aus dem ungefähren Ausgleich der Differenz zwischen dem Sonnenjahr (ca. 365 1/4 Tage) und dem Mondjahr (ca. 354 3/8 Tage), auf dem der Jüdische Kalender aufbaut:

"Die alten Hebräer hatten als Kirchenjahr, also als dasjenige Jahr, auf das es ankam, ein Mondenjahr, 354 3/8 Tage. Nun, das ist etwas kürzer als das Sonnenjahr; so daß immer, wenn man Mondenjahre zählt - denn das Mondenjahr füllt das Sonnenjahr nicht aus-, gewisse Tage übrigbleiben. Nach einer bestimmten Zeit bleiben immer mehr und mehr Tage übrig. Nun wurden Ausgleiche geschaffen. Aber diese Ausgleiche zwischen Monden- und Sonnenjahr wurden im hebräischen Altertum auf eine ganz besondere Art geschaffen. Ich will diese Art nur andeuten, denn es kommt uns heute weniger darauf an, diese Sache im einzelnen kennenzulernen, als den ganzen Geist und Sinn dieser Sache einmal vor unsere Seele zu führen. Es gab unter den alten hebräischen Gebräuchen das sogenannte Jubeljahr. Nach 49 Sonnenjahren nämlich - das ist etwas mehr als 50 Mondenjahre - wurde ein Jahr eingefügt, welches ein allgemeines Versöhnungs-, Aussöhnungsjahr war. In solchem Aussöhnungsjahr wurden gewisse Dinge vergeben, die der eine dem anderen vorzuwerfen hatte. Wer Schulden gemacht hatte, dem konnten oder sollten sie erlassen werden, wer sein Eigentum verloren hatte, sollte es zurückbekommen, und ähnliches. Es war ein Jahr des Ausgleiches, ein Jahr der Versöhnung nach 7 mal 7 Sonnenjahren, nach 49 Sonnenjahren oder 50 Mondenjahren - 50 1/2 eigentlich, aber 50 kann man sagen, weil ja das Jahr eine Zeitlang dauert und man daher den Anfang nehmen kann. 50 mal 354 Tage also dauerte die Jubelperiode, die Periode, in der sich allerlei anhäufen konnte, was dann ausgesöhnt wurde. - Wenn man in Betracht zieht, daß ein Ausgleich geschaffen werden sollte zwischen dem Monden- und Sonnenjahr, und dadurch 7 mal 7 gleich 49 Sonnenjahre in 50 Mondenjahren kommt, so kann man sagen, daß dieses Jubeljahr nach der Zahl Sieben geordnet ist. Also es lag eine gewisse Anschauung von der Bedeutung der Siebenheit diesem Jubeljahr zugrunde." (Lit.: GA 170, S. 31f)

Großen Raum nehmen auch die Engel ein. Erwähnt werden vier Klassen: „Engel des Angesichts“, „Engel der Heiligung“, „Engel der Natur“ und „Schutzengel“. Berichtet wird u. a. die Erschaffung der Engel am ersten Schöpfungstag, aber auch die sündhafte Verbindung abtrünniger Engel mit Menschentöchtern, aus der das später bei der Sintflut vernichtete Riesengeschlecht der Nephilim hervorging. (In der äthiopischen Fassung wird allerdings gesagt, dass in diesem Fall mit „Engeln“ die Nachkommen Seths und mit „Menschen“ die Nachkommen Kains gemeint sind.)

Nach Auffassung des Autors der Jubiläen war Hebräisch die Sprache, die ursprünglich von aller Kreatur, Menschen wie Tieren, und auch im Himmel gesprochen worden sein soll. Nach der Zerstörung des Turmes zu Babel sei sie aber in Vergessenheit geraten, ehe sie Abraham wieder von den Engeln gelehrt worden sei. Enoch sei der erste Mensch gewesen, den sie in der Kunst der Schrift unterwiesen hätten, worauf er alle Geheimnisse der Astronomie, der Zeitmessung und der Weltgeschichte niedergeschrieben habe.

Manuskripte

Vollständig überliefert ist das Jubiläenbuch nur in äthiopischen Texten aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Ferner gibt es bruchstückhafte, auf ein Werk des Epiphanius zurückgehende griechische Texte sowie einige lateinische Fragmente, deren textkritischer Wert gewöhnlich hoch eingeschätzt wird. Ein zusätzliches syrisches Fragment im Britischen Museum mit dem Titel Namen der Patriarchengattinen gemäß dem Hebräischen Buch der Jubiläen legt nahe, dass auch eine syrische Fassung existiert haben muss.

Hebräische Fragmente wurden unter den Schriftrollen vom Toten Meer gefunden.

Entstehungsgeschichte

Die Entstehungszeit des Jubiläenbuches ist nicht sicher anzugeben. Während besonders in der älteren Forschung eine Datierung in die Zeit des Hasmonäers Johannes Hyrkanos I. (135-104 v. Chr.) gelegentlich vertreten wurde, ist heute eine Mehrheit von Forschern der Ansicht, das Buch sei in vorhasmonäischer Zeit entstanden. Entsprechende Datierungen fallen ins frühe 2. oder sogar ins 3. Jahrhundert v. Chr. Die wichtigsten Argumente für eine Datierung in die Hasmonäerzeit sind vermeintliche Aussagen innerhalb des Buches, die auf Ereignisse um den Makkabäeraufstand Bezug nehmen (etwa Kap. 15 zur Verweigerung der Beschneidung durch hellenisierende Kreise in Jerusalem, oder die Behandlung Esaus als Reflex der Eroberung Idumäas unter Hyrkanos I.). Solche Deutungen sind aber unsicher. Für die Frühdatierung wird der Status des Jubiläenbuches in den Qumranschriften angeführt. Es wird dort (d.h. im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr.) als autoritative Schrift zitiert, was eine deutlich frühere Entstehung wahrscheinlich macht. Zudem wird aufgrund inhaltlicher Übereinstimmungen besonders mit der Tempelrolle (die wiederum als einer der ältesten Qumrantexte gilt) eine inhaltliche Entwicklung angenommen, an deren relativem Beginn das Jubiläenbuch steht. Das älteste Manuskript des hebräischen Originals stammt aus Qumran und wird paläographisch auf 125-100 v. Chr. datiert. Damit sind einige Spätdatierungen fragwürdig geworden, da das Jubiläenbuch wohl nicht in Qumran entstanden ist und also schon einige Zeit vorher in Umlauf gewesen sein muss. Da in Qumran nur Fragmente gefunden wurden, bleibt allerdings die Möglichkeit bestehen, dass bestimmte Kapitel des Jubiläenbuches sekundär sind.

Über den Verfasser ist nichts bekannt; ältere Thesen zu pharisäischer Autorschaft sind heute überholt. Gewöhnlich wird heute eine Randgruppe des Judentums als Entstehungskontext angenommen, die gelegentlich auch als „proto-qumranisch“ oder „proto-essenisch“ bezeichnet wird.

Wirkungsgeschichte

Unter den Schriftrollen von Qumran ist das Jubiläenbuch in zahlreichen Handschriften belegt, hatte demnach hohe Bedeutung für die hinter den Texten stehende Gruppierung. In den jüdischen Kanon wurde das Jubiläenbuch gleichwohl nicht aufgenommen. Ähnliches gilt für das Christentum. Zwar stand das Buch auch bei den Kirchenvätern in hohem Ansehen, dennoch wurde es kein Teil des Kanons der Reichskirche. Dass das Buch überhaupt die Zeiten überdauert hat, ist daher allein den Orientalisch-Orthodoxen Kirchen, dabei vor allem der äthiopischen Kirche, sowie den Schriftrollen vom Toten Meer zu verdanken. Beeinflusst durch den Gebrauch in Äthiopien gelangte das Buch in neuerer Zeit auch in Teilen der jamaikanischen Rastafari-Bewegung zu einigem Ansehen.

Literatur

  • Klaus Berger: Das Buch der Jubiläen. In: Werner Georg Kümmel; Hermann Lichtenberger (Hg.): Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit. Bd. 2: Unterweisung in erzählender Form. Gütersloh 1973-1999, 273-575.
  • Paul Rießler: Altjüdische Schriften außerhalb der Bibel. Augsburg 1928. (Übersetzung des Jubiläenbuchs S. 539-666.)
  • James C. VanderKam: The Jubilees Fragments from Qumran Cave 4. In: Julio Trebolle Barrera; Luis Vegas Montaner(Hg.): The Madrid Qumran Congress. Proceedings of the International Congress on the Dead Sea Scrolls, Madrid 18-21 March 1991. Leiden, New York, Köln, Madrid 1992 (Studies on the Texts of the Desert of Judah, 11), S. 635–648.
  • Cana Werman: Jubilees in the Hellenistic Context. In: Lynn LiDonnici; Andrea Lieber (Hg.): Heavenly Tablets. Interpretation, Identity and Tradition in Ancient Judaism. Leiden, Boston 2007 (Supplements to the Journal for the Study of Judaism, 119), S. 133–158.
  • Eyal Regev: Jubilees, Qumran, and the Essenes. In: Gabriele Boccaccini; Giovanni Ibba (Hg.): Enoch and the Mosaic Torah: The Evidence of Jubilees. Grand Rapids 2009, 426-440.
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Weblinks


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