Druide

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Druiden mit Eichenblätter-Kränzen bei der Mistelernte; Joseph Martin Kronheim (1810–96)
Druiden feuern die Briten zum Widerstand gegen die Landung der Römer an - aus Cassell's History of England, Vol. I
Druidin, Ölgemälde von Alexandre Cabanel, 19. Jh.

Die Druiden wirkten als Eingeweihte in den Druiden-Mysterien und in den skandinavischen Mysterien, den sog. Drotten-Mysterien, und bildeten die geistige Elite der Kelten. Druidinnen wirkten als Seherinnen und Wahrsagerinnen. Der Ursprung des Namens ist umstritten. Plinius der Ältere leitet ihn von griech. δρυς (drys, „Eiche“) ab, da die auf den Eichen wachsenden Misteln für die Druiden von besonderer kultischer und heilkundlicher Bedeutung waren[1] . Auf Plinius geht auch das bekannte Bild der weiß gekleideten Druiden zurück, die mit ihrer goldenen Sichel Misteln von den Bäumen schneiden. Poseidonios (135–51 v. Chr.) charakterisiert die Druiden als weise Philosophen. Andere antike Autoren schildern allerdings auch, dass die Druiden grausame Opferzeremonien ausrichten[2], bei denen Menschen durch einen Dolchstich oberhalb des Zwerchfells getötet wurden, um aus ihren Todeszuckungen die Zukunft vorherzusagen[3] und Menschen in Weidegeflechten, die Abbilder von Göttern darstellen sollten, als Brandopfer dargebracht wurden. Nach Caesars Bericht im Gallischen Krieg[4] vertraten die Druiden die Wiedergeburtslehre. Die Kirchenväter Hippolyt von Rom und Clemens von Alexandria sahen einen Zusammenhang mit den Lehren des Pythagoras.

Die Druidenkultur und die spätere nordische Wotan-Kultur

"Wir sehen nur in einer richtigen Weise auf diese - wir können sie durchaus so nennen - Druidenkultur hin, wenn wir das Wesentliche in ihr in einer früheren Epoche sehen als derjenigen, aus welcher uns jene mythologischen Vorstellungen vom Norden herüberklingen, die sich an den Namen des Wotan oder Odin knüpfen. Was sich an den Namen des Wotan knüpft, ist im Grunde genommen der Zeit nach später gelegen als diese Blütezeit der Druidenkultur. Man muß in dem Weisheitskreise, möchte man sagen, der hinweist auf den Götternamen des Wotan oder Odin, etwas sehen, was zunächst vom Osten herübergekommen ist von einem Mysterienkreise, der in der Nähe des Schwarzen Meeres war, und der dann seinen geistigen Inhalt von dem Osten nach dem Westen ergossen hat, indem gewissermaßen koloniale Mysterienstätten vom Schwarzen Meer herüber nach dem Westen hin in der verschiedensten Weise gegründet worden sind." (Lit.: GA 228, S. 106)

Die Mysterienstätten der Druiden

Rudolf Steiner hat an verschiedenen Stellen ausführlicher über die geistigen Hintergründe dieser Mysterien gesprochen.

"Auch in Europa gab es Eingeweihte, die gegen Ende des besprochenen Zeitraumes Mysterienschulen ausbildeten: man nannte sie Druiden; Drys bedeutet Eiche. Die starke Eiche war das Symbol der uralten europäischen Gelehrtenpriester. Denn was im Norden die Völker beherrschte, war der Gedanke, daß diese ihre alte Kultur doch untergehen werde. Die Götterdämmerung wurde gelehrt, und die Zukunft des Christentums kam bei den nordischen Propheten großartig zum Ausdruck in dem, was später die Siegfried-Sage wurde. Vergleichen Sie diese mit der Achilleus-Sage.

Achill ist unverwundbar am ganzen Leibe, bis auf die Ferse, Siegfried bis auf die Stelle zwischen den Schultern. Unverwundbarsein in solcher Weise bedeutet Eingeweihtsein. In Achill haben Sie den Eingeweihten der vierten Unterrasse, welche im aufsteigenden Bogen der menschlichen Kulturentwickelung liegt; daher sind alle höchsten Teile des Achill unverwundbar, nur die Ferse, die niedere Natur ist verwundbar, ähnlich wie Hephaistos lahm ist. Der deutsche Siegfried war auch ein Held der vierten Unterrasse, aber verwundbar zwischen den Schulterblättern. Hier ist seine verwundbare Stelle, wo erst derjenige, der das Kreuz trägt, sich unverwundbar macht. In Siegfried geht da das Göttliche zugrunde, die nordischen Götter gingen dem Untergange entgegen (Götterdämmerung). Das gibt der nordischen Sage den tragischen Zug, daß sie nicht nur auf die Vergangenheit hinweist, sondern auf die Götterdämmerung, auf die Zeit, die kommen soll. Die Druiden gaben den Menschen die Lehre von den untergehenden nordischen Göttern. Daher wird noch symbolisch im Kampf des Bonifatius gegen die Eiche der Kampf gegen die alte Priesterschaft, die Druiden, dargestellt." (Lit.: GA 093a, S. 256)

"Wenn der Mensch die Dinge anschaut, muß sich bei ihm entweder Sympathie oder Antipathie regen. Diese wirken ein auf das Drüsensystem. Das kann man beobachten bei Schlemmern, denen beim Anblick von leckeren Speisen der Speichel im Mund zusammenläuft. Wenn der Mensch eine okkulte Entwicklung durchmachen will, so müssen nach und nach die Drüsen vertrocknen - jedenfalls ein Teil der Drüsentätigkeit - und auf höherer Stufe Neues auslösen. Es findet etwas Ähnliches statt wie beim Baum, der nur dadurch perennierend, dauernd sich gestalten kann, daß er im Gegensatz zur Pflanze einen Teil der inneren Säfte zur Rinde verhärtet. Mit tiefer Bedeutung nannten daher die Germanen ihre eingeweihten Priester Druiden oder Eichen, weil in ihnen ein Teil der Ewigkeit pulsierte, geschützt durch die Versiegung der Drüsen. - Der Mensch muß danach trachten, Sympathie und Antipathie zu harmonisieren, zur Reife zu bringen, nicht himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt zu sein." (Lit.: GA 266a, S. 347)

Charles William Heckethorn, dessen «Geheime Gesellschaften» (1900) auch Rudolf Steiner vielfach als Referenzquelle dienten, berichtet:

"Die Geheimlehren der Druiden ähnelten vielfach denen der morgenländischen Priester des Altertums und zerfielen in exoterische und esoterische. Sowohl in Gallien als auch in Britannien geübt, erlangten die druidischen Riten ihre gröfste Ausbildung in dem letzteren lande, wo die Insel Anglesey als ihr Hauptsitz gall Gewöhnlich wird das Wort „Druiden“ vom griechischen δρυς (= Eiche) abgeleitet, einem Baum, der als besonders heilig verehrt wurde; doch lässt es sich auch vom gälischen „druidh“ ableiten, das einen „weisen Mann“ oder „Zauberer“ bedeutet.

Die Tempel, in denen die Druiden ihr heiliges Feuer aufbewahrten, standen zumeist auf Anhöhen und in dichten Eichenhainen. Ihre Bauart war entweder kreuzförmig, weil das Kreuz als das Sinnbild der Wiedergeburt betrachtet wurde, oder kreisrund, weil der Kreis das Weltall bedeutete, oder flügelförmig, um die Bewegung des göttlichen Geistes anzudeuten, oder schlangenartig, weil die Schlange das Symbol des druidischen OsirisHu - bildete, oder eirund, um an das Welt-Ei zu erinnern, aus dem nach der Überlieferung vieler Völker das Weltall, nach anderen Überlieferungen das erste Menschenpaar hervorging. Der Bau wurde aus unbehauenen Steinen aufgeführt, deren Zahl sich nach gewissen astronomischen Berechnungen richtete. Der Mittelstein war größer als alle übrigen und genoss als Vertreter der Gottheit hohe Ehren. Besonders hervorragend waren die Steintempel von Stonehenge, Abury und Shap in England." (Lit.: Heckethorn, S 59 [1])

"Das, was hinter der Sinnenwelt verborgen ist wie die Sonne hinter den Wolkenschleiern, die verborgenen geistigen Wesen nannte man hier «Hu»; «Ceridwen» aber war die suchende Seele. Und alle die Vorgänge der Einweihung waren so, daß dem Schüler gezeigt wurde: Der Tod ist ein Vorgang im Leben wie andere auch. Er ändert nichts am inneren Lebenskern des Menschen. Wo sich die Druidenmysterien dem Namen nach erhalten haben - Druide bedeutet Eingeweihter im dritten Grade -, wurde der Einzuweihende in einen todähnlichen Zustand gebracht, so daß er mit den Sinnen nichts wahrnahm. Sein Verstand schwieg. Wer nur in seinem Leibe lebt und nur mit seinem physischen Verstände wahrnehmen kann, dessen Werkzeug das Gehirn ist, der hat gar kein Bewußtsein in einem solchen Zustande, wo die Sinne schweigen. Das ist eben die Einweihung, daß die Sinne, das Gefühl, Gehör und so weiter schweigen, und daß dennoch, auch wenn das Gehirn schweigt, der Schüler Erlebnisse hat und Beobachtungen macht. Was da in uns Beobachtungen macht, das wurde die Seele, Ceridwen, genannt. Und was ihr entgegenkam wie dem äußeren Auge und Ohre Licht und Ton, die Welt der geistigen Tatsachen, das wurde Hu genannt. Die Ehe zwischen Ceridwen und Hu erlebten die Eingeweihten.

Solche Erlebnisse sind in den Mythen beschrieben. Wenn uns heute erzählt wird, daß die Alten verehrt hätten einen Gott Hu und eine Göttin Ceridwen, so ist das nur eine Umschreibung der Einweihung. Das ist der Grund der wirklichen Mythe. Es ist nur leere Rederei, wenn man sagt, solche Mythen hätten astronomische Bedeutung, Ceridwen sei der Mond und Hu die Sonne. Solche Mythen konnten nur entstehen dadurch, daß man sich bewußt war eines inneren Zusammenhanges zwischen der Seele, die sich erhebt, und dem Geiste der Sonne, nicht der physischen Sonne. Die Mysterien von Hu und Ceridwen, das waren diejenigen, in welche die Menschen in diesen Gegenden hier eingeweiht wurden." (Lit.: GA 057, S. 425f)

"Der alte Druidenweise mußte so sprechen, daß er den Menschen sagte: So sieht man die Sache. - Die Menschen hatten ja noch das astrale Hellsehen, und so konnte er ihnen noch schildern, was er auf dem astralen Plane sah. Daher lehrte er: Was im Menschen entstanden ist und heute in ihm lebt - die Ich-Persönlichkeit - , entspringt aus drei Quellen. Das Ich, das früher schon da war, aber jetzt erst zum Bewußtsein gekommen ist, stammt aus Niflheim. Es ist aber eine Schlange da, die fortwährend an der Wurzel nagt, die aus dieser Quelle stammt, Niddhögr ist ihr Name. Hellseherisch kann man tatsächlich diese Schlange nagen sehen. Die Ausschreitungen des Geschlechtsprinzipes, das nicht im Zaume gehalten wird, nagen an dieser Wurzel des Menschen.

Die zweite Wurzel ist das Herz. Aus ihm stammt das neue Leben des Menschen. Alles, was der Mensch tut, tut er unter dem Antrieb des Herzens. Er fühlt, was ihn glücklich oder unglücklich macht. Er fühlt die Gegenwart, er fühlt aber auch dasjenige, mit dem er in die Zukunft hineinwächst; das eigentliche Schicksal des Menschen wird vom Herzen empfunden. Darum sagten die Priesterweisen: An der Quelle, aus der diese Wurzel stammt, sitzen drei Nornen und spinnen die Fäden des Schicksals. Die Nornen sind Urd, die Herrin des Vergangenen, Verdhandi, die um die Gegenwart, um das Seiende und Werdende weiß, und Skuld, die kennt, was in der Zukunft sein soll. «Skuld» ist dasselbe Wort wie «Schuld». Die Zukunft entsteht dadurch, daß aus der Gegenwart etwas weiter hinausgeht, das abgetragen werden muß.

An der dritten Wurzel ist Mimirs Quelle, Mimir, der den Weisheitstrank trinkt. Das ist dasjenige, was sich als Sprache ausdrückt. Und oben ragen die Wipfel des Baumes ins Geisterland hinein, und aus dem Geistigen herunter kommen Tropfen des befruchtenden Nervenfluidums. Das drückten die Priesterweisen so aus, daß sie sagten: Da oben in den Wipfeln der Weltesche weidet eine Ziege, von deren Geweih es fortwährend heruntertropft. - So wird das Untere fortwährend von dem Oberen befruchtet. Und ein Eichhörnchen läuft von oben nach unten und von unten nach oben und trägt Zankesworte hin und her: der Kampf der niederen gegen die höhere Natur.

So stellt es die germanische Sage dar. Sie sagt: Der neue Mensch in der neuen Welt gleicht einem Baum, einer Esche, die drei Wurzeln hat. Die erste Wurzel geht nach Niflheim, in das eiskalte düstere Urland. Inmitten von Niflheim war der unausschöpfhche Brunnen Hwergelmir; zwölf Ströme entsprangen aus ihm, sie flössen durch die ganze Welt. Die zweite Wurzel ging zum Brunnen der Nornen Urd, Verdhandi und Skuld; sie saßen an seinen Ufern und spannen die Fäden des Schicksals. Die dritte Wurzel ging zu Mimirs Brunnen. Yggdrasil nannte man die Weltesche, in der sich die Weltenkräfte zusammengezogen hatten. Ein Mensch wird abgebildet in dem Moment, wo er sich seines Ich bewußt werden soll, wo aus seinem Innern heraustönen soll das Wort «Ich». «Yggdrasil» ist soviel wie «Ich-Träger». Ich-Träger ist dieser Baum. «Ygg» ist «Ich» und «drasil» ist derselbe Wortstamm wie «tragen»." (Lit.: GA 101, S. 25f)

Die skandinavischen Drotten-Mysterien

In einem am 30. September 1904 in Berlin gehaltenen Vortrag, von dem allerdings nur Hörer-Notizen erhalten sind, hat Rudolf Steiner ausführlicher über die Bedeutung der Drotten-Mysterien gesprochen.

"Das geistige Leben [Europas] ging aus von einer Zentralloge in Skandinavien. Drottenloge, Druiden = Eiche. Deshalb spricht man äußerlich, daß die alten Deutschen unter Eichen ihre Weisungen empfingen.

Drotten oder Druiden waren uralte germanische Eingeweihte. In England bestanden sie bis zu Zeiten der Königin Elisabeth. Alles was wir in der Edda lesen können und in der uralten germanischen Sagenwelt finden können, geht zurück bis in die Tempel der Drotten oder Druiden." (Lit.: GA 093, S. 42)

Rudolf Steiner hat bei seiner Darstellung auch auf der Ausführungen Heckethorns zurückgegriffen, der allerding ein zunächst sehr düsteres Bild der Drotten-Mysterien entwirft:

"Die altskandinavische Priesterschaft hieß die „Drotten" und wurde von Sigge ins Leben gerufen, einem skythischen Prinzen, der nach der Legende später den Namen Odin angenommen haben soll. Diese Körperschaft bestand aus zwölf Personen, die übrigens auch das Richteramt versahen; hierin ist der Ursprung der zuerst in England, später in vielen anderen Ländern aufgekommenen zwölfgliedrigen Geschwomengerichte zu suchen. Ihre Macht war so groß, dass sie die zur Opferung bestimmten Menschen nach Belieben auswählen durften - sogar den Herrscher, wenn es ihnen passte. Hieraus ergab sich das allseitige Bestreben, sich mit diesen allmächtigen Priestern auf guten Fuß zu stellen; und da der Orden auf eine einzige Familie beschränkt blieb, wurde er ungeheuer reich. Seine Willkürwirtschaft überstieg schließlich alle Grenzen und nur darum, weil es derselben ein Ende zu machen versprach, wurde das Christentum in Skandinavien mit großer Begeisterung aufgenommen. Vom Durst · nach Rache für die angehäufte Unbill, die sie erlitten, angetrieben, tötete die Bevölkerung die Drotten, riss ihre Paläste und Tempel· nieder, zerbrach die Standbilder ihrer Götzen und zerstörte alles drum und dran des gotischen Aberglaubens. Nur was der Vernichtung durch Menschenhand widerstand, blieb bestehen: einige Kromlechs, einige großartige Rohstein-Denkmäler, mehrere in Naturfelsen gehauene Höhlenreihen und eine kleine Anzahl natürlicher Grotten, welche Einweihungszwecken gedient hatten.

Das ganze Rituale hatte eine astronomische Bedeutung. Die Einweihungsstätten waren, wie bei den meisten übrigen Mysterien, natürliche oder auch künstliche Höhlen und der Aufnahmebewerber musste sich den schrecklichsten Erprobungen unterziehen; diese recht grausam zu gestalten, ließen sich die Priester angelegen sein. Der Kandidat hatte aber im Gegensatz zu den morgenländischen Mysterien - nicht sieben, sondern neun (neun ist die Quadratzahl der geheimnisvollen Dreizahl) unterirdische Räume zu durchwandern. Er empfing die Weisung, den Leichnam Baldrs, des skandinavischen Osiris, zu suchen, der von Loki, dem Fürsten der Finsternis, getötet worden war; und er hatte die Aufgabe, den toten Sonnengott mit Aufbietung aller Mittel ins Leben zurückzurufen. Dies gelang ihm denn auch gewöhnlich, worauf er im Allerheiligsten auf ein nacktes Schwert einen feierlichen Verschwiegenheitseid leisten und denselben durch das Trinken von Met aus einem Menschenschädel bekräftigen musste. Schließlich wurde ihm das auch von den Skandinaviern heiliggehaltene Kreuzzeichen aufgedrückt und ein Zauberring - das Geschenk Baldrs des Guten - übergeben." (Lit.: Heckethorn, 63ff [2])

Rudolf Steiner hat die tieferen geistigen Hintergründe dieser Mysterien enthüllt.

"Wir sehen, wie zum Beispiel in jenen wenig bekannten, geheimnisvollen Mysterien des europäischen Nordens, in den Drotten-Mysterien, vor der Erscheinung des Christentums ein irdisches Symbolum von dem geistigen Tatbestand der Loge der zwölf Bodhisattvas geschaffen wurde. In den Drotten-Mysterien gehörte in den alten Zeiten Europas immer zu denjenigen, die innerhalb der geistigen Entwickelung die Lehrer waren, eine Gemeinschaft von Zwölf. Die hatten zu verkündigen. Und einen Dreizehnten hatten sie, der nicht lehrte, sondern der durch seine bloße Gegenwart die Weisheit ausstrahlte, welche die anderen empfingen. Das war das Bild auf der Erde von einem himmlischen, geistigen Tatbestand." (Lit.: GA 114, S. 144f)

"Mehr im Norden, in Skandinavien und im nördlichen Rußland, finden wir die Drottenmysterien, gegründet von dem ursprünglichen Eingeweihten Sieg, Siegfried oderSigge. Alle Sagen über Siegfried gehen auf ihn zurück. Gerade in diesen Mysterien sehen wir etwas, was im Grunde allen Mysterien zugrunde liegt, was hier aber zuerst besonders deutlich hervortritt. Wir wollen von einem Vergleich zur eigentlichen Tatsache aufsteigen. Um es uns klarzumachen, gehen wir aus von dem Menschen, wie er uns im Leben entgegentritt, mit Kopf, Händen, Füßen und so weiter. Denken wir eines dieser Glieder weg, so kann der Mensch nicht mehr ein voller, ganzer Mensch sein. Nehmen wir die wichtigsten Glieder: Herz, Magen, die jedes einzeln ein gewisses Teil beitragen zum menschlichen Leben und ihren Dienst tun müssen. Nur durch das Zusammenarbeiten dieser Glieder ist die Möglichkeit gegeben, daß in dem menschlichen Leib eine Seele lebt und sich entwickelt. Die Seele lebt in einem physischen Leibe, der eine Versammlung ist von vielen Gliedern. Daraus gewinnen wir die Anschauung, daß überall da, wo die Menschenseele oder ein höheres Wesen leben soll, einzelne Glieder zusammenwirken müssen, von denen jedes einzelne seinen Dienst tun muß. So finden wir schon in den nordischen Mysterien die Anschauung, daß man innerhalb der Menschenwelt dieses zum Ausdruck bringen kann, daß man eine Versammlung von Menschen bilden kann, so daß jeder einzelne eine gewisse Aufgabe übernimmt. Sagen wir zum Beispiel, ein Mensch übernimmt es, in sich besonders die Denkfähigkeit, ein anderer die Gefühlskraft, ein dritter die Willenskraft auszubilden. Es sind hier auch wieder Unterabteilungen möglich.

Nun ging man davon aus, daß, wenn man einen Kreis von Menschen zusammenbringt, in dem jeder eine besondere Aufgabe übernimmt, und die doch im ganzen zusammenwirken, daß dann unsichtbar in ihnen etwas wirkt wie die Seele im Menschen. Wenn die Menschen sich so versammeln und jeder das Seine tut, dann bilden sie etwas wie einen höheren Organismus, einen höheren Leib, und dadurch machen sie es für ein höheres geistiges Wesen möglich, unter ihnen zu wohnen. Sieg bildete so einen Kreis von zwölf Menschen, von denen jeder auf eine ganz besondere Weise seine Seele entwickelte. Wenn dann diese alle zusammenwirkten, alles zusammenfloß bei ihren heiligen Versammlungen, dann waren sie sich klar, daß unter ihnen eine höhere geistige Wesenheit wohnte, wie die Seele im menschlichen Leibe, daß die Seelen die Glieder sind eines höheren Leibes. Der Dreizehnte wohnte so unter den Zwölf. Sie wußten: Wir sind zwölf, und unter uns wohnt der Dreizehnte. Oder man nahm einen Dreizehnten, der dann im Kreise der Zwölf das Anziehungsband bildete für das, was sich heruntersenken sollte. So war dieser Dreizehnte ein solcher, den man einen Stellvertreter der Gottheit in den Einweihungsstätten nannte. Und weil alles mit der heiligen Dreizahl zusammengebracht wurde, so nannte man den, der das auf die Dreizahl bezügliche Wesen in sich vereinigte, den Vertreter der heiligen Dreizahl, und um ihn herum waren die Zwölf, die ganz bestimmte Funktionen hatten, wie die Glieder eines Organismus.

So war man sich klar: wenn so zwölf Menschen vereinigt waren, die in sich die Kraft entwickelten, ein Höheres unter sich zu haben, dann erhob man sich aus der physischen in die geistige Welt; zu seinem Gott erhob man sich. Sie betrachteten sich als die zwölf Attribute, die zwölf Eigenschaften des Gottes. Das alles bildete sich ab als die zwölf germanischen Götter in den nordischen Göttersagen. Derjenige, der in diesem erlauchten Kreise ein Glied sein wollte, hatte zur Aufgabe das Aufsuchen Baldurs. Das war die Einweihung. Wer war Baidur in Wirklichkeit? Baidur ist dasjenige im Menschen, was sein geistiges Teil ist, was die Seele sucht, was sie findet in der Einweihung, was ihr da entgegentritt. Wer hat Baidur getötet? Die haben Baidur getötet, die das Hellseherische am Menschen getötet haben, die das Physische zusammengefügt haben, die dem Menschen das sinnliche Schauen gegeben haben, die das Physische zu schnell mißbrauchen konnten: Loki, die Feuerkraft, und ihr Ausdruck Hödur, der Blinde, der darstellt die menschliche Sinnlichkeit, die unfähig ist, in das Höhere, in die geistige Welt hineinzuschauen. Das ist der Ausdruck für die Einweihungsprozeduren, die durchgemacht wurden. Die Sinnlichkeit hat den Menschen blind gemacht, durch die Einweihung findet er wieder den Zugang zu den höheren Welten. So haben wir gleichsam sich erhebend über dem allgemeinen Hellsehen das geschulte Hellsehen der Eingeweihten in der alten entsprechenden Form. Druiden- und Drottenmysterien waren das, woraus die europäische Kultur im vorchristlichen Zeitalter hervorgegangen ist." (Lit.: GA 057, S. 426ff)

"Wir kennen die Sage Baldurs, wissen, daß Baldur die Hoffnung der Götter ist, daß er vom Gotte Loki getötet wird mit dem Mistelzweig. Der Gott des Lichtes getötet! Diese ganze Erzählung hat tiefen Mysteriensinn, den jeder, der eingeweiht wurde, nicht nur lernte, sondern zu erleben hatte.

Mysterien. Einweihung: Der erste Akt war benannt das Aufsuchen des Leichnams Baldurs. Es wurde gedacht, daß Baldur immer lebendig ist. Das Aufsuchen bestand in einer völligen Aufklärung über die Natur des Menschen. Denn Baldur war der Mensch, wie er verlorengegangen ist. Einstmals lebte nicht der Mensch von heute, sondern ein anderer, der nicht differenziert war, nicht hinuntergedrückt bis zum Erleben der Leidenschaften, in einer feineren flüchtigen Materie. Baldur, der leuchtende Mensch. - Bei wirklichem Verständnis sind die Dinge, die uns als Symbol erscheinen, in höherem Sinne zu nehmen. Dieser Mensch, der nicht untergetaucht ist in das, was wir heute Materie nennen, ist Baldur. Er wohnt in einem jeden von uns. Der Druidenpriester mußte in sich selbst diesen höheren Menschen suchen." (Lit.: GA 093, S. 42f)

Die Einweihung erfolgte nun in konsequent aufeinander folgenden Stufen:

"Die erste war, daß man vor den sogenannten Thron der Notwendigkeit geführt wurde. Man stand vor dem Abgrund; erfuhr wirklich an dem eigenen Leibe, wie es sich in den niederen Naturreichen lebt. Der Mensch ist Mineral und Pflanze, aber erfahren kann der gegenwärtige Mensch heute nicht, kann nicht erleben, was die elementaren Stoffe erleben, und doch rührt das Eherne, Zwingende in der Welt davon her, daß wir auch Mineralien, Pflanzen sind.

Die nächste Stufe führte den Menschen vor alles das, was im Tierreich lebt. Alles, was an Leidenschaften, Begierden lebt, mußte man durcheinanderwogen und -wirbeln sehen... Das ist ein besonderer Moment: der Priester wurde gewahr, daß sie [die Hüllen] eingedämmt hatten Triebe, die, wenn sie losgelassen würden, furchtbar wären.

Die dritte Stufe führte zur Anschauung der großen Natur. Das ist eine Stufe, die der Mensch ohne Vorbereitung noch sehr schwer begreiflich findet. Daß da okkulte gewaltige Mächte ruhen und in diesen Naturkräften sich die Weltenleidenschaften ausdrücken, das ist etwas, was den Menschen aufmerksam macht, daß es Kräfte gibt, die er nicht einmal so erlebt wie sein eigenes Leid.

Die nächste Prüfung nennt man die Übergabe der Schlange durch den Hierophanten. Man kann dies nur durch die Wirkungen erklären, die von hier ausgehen. Die Tantalussage erklärt sie uns. Die Gunst, im Rate der Götter zu sitzen, kann mißbraucht werden. Es bedeutet eine Wirklichkeit, die den Menschen gewiß über sich selbst hinaushebt, aber an Gefahren bindet, die nicht übertrieben sind im Tantalidenfluch. In der Regel sagt der Mensch, er vermag nichts gegen die Naturgesetze. Diese sind Gedanken. Mit dem Gedanken, der nur ein schattenhafter Gehirngedanke ist, kann man nichts machen; mit dem schaffenden Gedanken, der die Weltendinge baut und konstruiert, dem produktiven, fruchtbaren, haben wir anstelle des passiven denjenigen, der durchsetzt ist mit spiritueller, geistiger Kraft...

Auf dieser Stufe erhält der Okkultist eine gewisse Macht, durch die er selbst höhere Wesenheiten zu täuschen in der Lage ist. Er muß Wahrheiten nicht nur nachsprechen, sondern erfahren; entscheiden, ob etwas wahr oder falsch ist. Das heißt: die Übergabe der Schlange durch den Hierophanten. [Sie bedeutet auf geistigem Gebiet dasselbe, was im Physischen der Ansatz eines Rückenmarks bedeutet. In der Tierheit kommen wir durch die Fische, Amphibien und so weiter hinauf bis zum Gehirn der Wirbeltiere und des Menschen. Vgl. unter Hinweise.] Im Geistigen gibt es ebenso ein Rückgrat, wo es sich entscheidet, ob man ein geistiges Gehirn bekommt. Diesen Prozeß macht der Mensch durch auf dieser Stufe der Entwickelung. Er wird hinausgehoben aus Kama und versehen mit dem geistigen Rückgrat, um in die Wirbel des geistigen Gehirns gehoben zu werden. Die Windungen des Labyrinths sind auf dem geistigen Plan dasselbe, was die Windungen des Gehirns sind. Der Mensch erhält Einlaß in das Labyrinth, in die Windungen innerhalb der höheren Plane.

Dann mußte er Verschwiegenheit schwören, ein blankes Schwert lag vor ihm und den stärksten Eid mußte er schwören. Das hieß, daß der Mensch nunmehr schweigen würde über seine Erlebnisse gegenüber dem, der nicht eingeweiht war wie er. Diese eigentlichen Geheimnisse können unmöglich ohne weiteres mitgeteilt werden. Er [der Eingeweihte] hatte aber die Möglichkeit, die Sagen so zu gestalten, daß sie der Ausdruck des Ewigen sind. Konnte man in dieser Weise sich aussprechen, hatte man natürlich über seine Mitmenschen eine große Gewalt. Wer eine solche Sage formt, prägt etwas in den menschlichen Geist ein...

Nachdem er [der Druidenpriester] seinen Schwur auf das Schwert abgelegt hatte, mußte er ein bestimmtes Getränk trinken, und zwar aus einem Menschenschädel. Dies hatte die Bedeutung, daß der Mensch hinausgewachsen war über das Menschliche. Dieses Gefühl mußte der Druidenpriester gegenüber dem niederen Leibe haben. Was in dem Leibe lebte, mußte er so objektiv, so kalt empfinden, daß er ihn nur als ein Gefäß betrachtete. Dann wurde er eingeweiht in die höheren Geheimnisse und wie er wieder hinaufstieg in die höheren Welten. Baldur ... [Lücke]. Er wurde in einen Riesenpalast geführt, der überdeckt war mit funkelnden Schwertern. Ein Mann trat ihm entgegen, der sieben Blumen hinauswarf. Himmelsraum, Cherubim, Demiurg. - So wurde er ein wirklicher Sonnenpriester...

Eine ungeheure Macht lag in den Händen der alten Drottenpriester, über Leben und Tod. Es ist eine Wahrheit, daß alles im Laufe der Zeiten korrumpiert wird. Es war einst das Höchste, Heiligste. In den Zeiten, wo das Christentum sich ausbreitete, war vieles ausgeartet und es gab viele schwarze Magier, so daß das Christentum wie eine Erlösung war." (Lit.: GA 093, S. 43ff)

Cromlechs als Einweihungsstätten

Cromlech von Stonehenge

Das Allerheiligste der Mysterien nannte man einen Kromlech oder Dolmen. Es wurde als Pastos (Ort der Einweihung oder Wiedergeburt) benutzt und bestand aus drei aufrecht stehenden Steinen; auf denen ein flacher Querstein lag, so dafs eine Art Zelle entstand. Doch bildeten diese Kromlechs oder Dolmens nur einen kleinen Teil der ausgedehnten Räume, die zum Einweihungsapparat notwendig waren. Der Gesamtsitz der Mysterien hieß Coer Sidi und umfafste eine lange Reihe von an den eigentlichen Tempel angebauten Gebäuden mit zahlreichen Gemächern, Zellen, Gewölben, Bädern, kunstvollen Gängen u. s. w., die mit den in allen Mysterien üblichen Vorrichtungen zur Erschreckung und Erprobung der Einweihungskandidaten versehen und in der Reget unterirdisch waren.

Der Druidismus umfasste alle zu seiner Zeit in jenen Undern bekannten religiösen und· philosophischen Studien. Die Riten bezogen sich unzweifelhaft auf astronomische Thatsachen. Die Hauptgottheiten lassen sich in zwei zusammenfassen: eine männliche und eine weibliche, den großen Vater und die große Mutter: Hu und Ceridwen, die in jeder Hinsicht Osiris und Isis oder Bacchus und Ceres etc. entsprechen. Die Einweihungsfeierlichkeiten fanden vierteljährlich statt; die genaue Zeit hing vom Lauf der Sonne ab, namentlich vom Eintritt der Wenden und der Gleichen. Das Jahresfest wurde am Vorabend des 1. Mai[5] ab· gehalten und mit dem Anzünden von Freudenfeuern auf sämtlichen Steinhügeln und Kromlechs des ganzen Landes eingeleitet. Dieselben brannten die Nacht hindurch und um sie herum wurden zu Ehren der Sonne, die damals vermeintlich aus dem Grabe stieg, Tänze mit Chorgesang aufgeführt. Das ausgelassene Fest fand seine Fortsetzung bis zur Mittagszeit des ersten Mai; sobald das Tagesgestirn im Zenith stand, zogen sich Priester und Publikum in die Wälder zurück, um sich den schlimmsten Orgien hinzugeben.

Die feierliche Einweihung von Kandidaten erfolgte um Mitternacht und umfafste drei Grade: die Eubaten, die Barden und die Druiden. Der Aufnahmebewerber wurde in einen Sarg gelegt, womit der Tod Hu's - d. h. der Sonne - angedeutet werden sollte, während seine Auferstehung im dritten Grade das Wiedererscheinen der Sonne versinnbildlichte. Die Erprobungen seines Mutes ähnelten den bei den anderen Mysterien des Altertums übligt gewesenen.

Das Fest des 25. Dezember wurde mit dem Anzünden großer Hügelfeuer behufs Verkündigung des Geburtstages des Sonnengottes gefeiert. An diesem Tage - so glaubte man begann er, nach der vermuteten Wintersonnwende, zu wachsen und allmählich aufzusteigen. Dieses Fest begingen nicht nur die Druiden, sondern die ganze alte Welt. Die Feuer stellten die Kraft und Glut der Sonne dar, wlhrend das benutzte Immergrün die Einwirkung der erneuten Macht des Tagesgestirns auf die Vegetation darstellte. Die Feier der Sommersonnwende fand am 24. Juni statt. Auch die christliche Kirche hat diese heidnischen. Festtage übernommen, den einen als Weihnachtstag, den· andern als Sankt-Johannistag, nur dass an die Stelle der einstigen astronomischen Bedeutung eine theologische getreten ist Der Gebrauch von Immergrün in christlichen Kirchen zur Weihnachtszeit bildet eine Fortsetzung der gleichen Sitte der Druiden." (Lit.: Heckethorn, S 60f [3])

"Da standen dann diese alten Kultusstätten. Heute sind sie ein Trümmerhaufen von Steinen, aber man sieht noch ganz deutlich, wie sie ausgesehen haben. Die kleineren bestehen aus Steinen, die wahrscheinlich vom Eis einmal an die betreffende Stelle hingetragen worden sind, aber außerdem an die Stelle geschleppt worden sind, wo man sie verwenden wollte. Diese Steine stellte man so auf, daß sie eine Art Viereck bilden, so nebeneinander (siehe folgende Zeichnung). Wenn ich von der Seite

Tafel 23

daraufschaue, so schaut es dann so aus: Da ist ein Deckstein, der deckt

Tafel 23

das Ganze da oben zu. Das sind die kleinen. Die großen Kultstätten, die bestehen dann aus Steinen so ähnlicher Art (Zeichnung unten), die im

Tafel 23

Kreis ringsherum gestellt sind, und zwar gerade zwölf. Das ist ein Kultus, der wahrscheinlich in seiner Blütezeit drei bis vier Jahrtausende hinter unserer Zeit dort getrieben worden ist, in einer Zeit, als die Bevölkerung dort eine wenig dichte war, eine sehr dünne Bevölkerung, in einer Zeit außerdem, in der es kaum etwas anderes gab als etwas Ackerbau und Viehzucht. In dieser Bevölkerung war das Schreiben und Lesen in der Blütezeit, als dieser Kultus getrieben worden ist, ganz unbekannt [...]

Wenn Sie sich einen solchen Kreis oben auf dem Berg anschauen, dann können Sie sich denken: Die Sonne geht scheinbar - wir wissen ja, sie steht still, aber nicht wahr, man kann davon reden, weil die Sachen ja trotzdem so sind -, die Sonne geht also im Kreis ringsherum im Weltenraume. Dadurch wirft sie von diesen Steinen aus immer einen anderen Schatten, und diesen Schatten, den kann man verfolgen den Tag Tafd 23 hindurch. Man kann sagen: Wenn die Sonne morgens aufgeht, so ist da der Schatten, jetzt geht sie etwas weiter, so ist da der Schatten und so weiter. - Aber der Schatten ändert sich auch im Laufe eines Jahres, weil die Sonne da jedesmal an einem anderen Punkte aufgeht. Dadurch ändert sich der Schatten. Er ist im März 50 geworden, etwas später 50 geworden. Und die Weisheit des Gelehrten oder Priesters, wie Sie wollen, des Druidenpriesters, der dazumal aufgestellt war zur Beobachtung dieser Dinge, bestand darinnen, daß er diesen Schatten beurteilen konnte, daß er also wissen konnte: Wenn der Schatten, sagen wir zum Beispiel auf diesen Punkt da auffällt, dann muß dieses oder jenes im Frühling vorgenommen werden auf den Ackern. - Das konnte er den Leuten sagen. Er konnte das nach dem Sonnenstand sehen. Oder wenn der Schatten, sagen wir, an diesen Punkt fiel, dann mußte der Stier herumgeführt werden, mußten die Tiere begattet werden, weil das an einem bestimmten Tag des Jahres sein mußte. Also der Priester las von diesen Dingen ab, was im ganzen Jahre zu geschehen hatte.

Dadurch wurde aber überhaupt das ganze Leben eigentlich nach dem Sonnenumgange bestimmt. Heute denken eben, wie ich Ihnen sagte, die Leute nicht daran, daß sie das ja selber auch tun, weil sie die Sache im Kalender finden. Aber dazumal mußte man an die Quellen selber gehen, mußte sozusagen vom Weltenall die Sache ablesen. Zu einer ganz bestimmten Zeit, sagen wir zum Beispiel im Herbst, wurde genau bestimmt, was mit den Äckern zu geschehen hatte; da wurde auch zu einer bestimmten Zeit des Jahres das sogenannte Stierfest festgesetzt aus den Angaben dieser Leute. Da wurde dann der Stier herumgeführt; sonst wurde er weggehalten von dem Vieh und so weiter. Nach diesen Dingen wurden auch die alten Feste eingerichtet, die aber durchaus im Zusammenhange mit solchen Dingen stehen. - So eine Anordnung nennt man heute Druidenzirkel, Druidenkreis. Dieses dahier (es wird auf die Zeichnung verwiesen) ist ein Dolmen oder Kromlech. Das ist das Eigentümliche, daß die Steine so stehen und oben bedeckt sind, daß drinnen im Inneren Schatten ist. Nun, sehen Sie, meine Herren, die Menschen, die wissen ungefähr, daß das Sonnenlicht manchmal stärker, manchmal schwächer ist, weil sie das spüren an der Art, wie sie schwitzen oder frieren. Aber was die Leute nicht wissen, das ist das, daß der Schatten geradeso wie das Licht verschieden ist. Je nachdem das Licht verschieden ist, ist der Schatten verschieden. Aber die Leute haben es sich heute abgewöhnt, die Verschiedenheit des Schattens zu bestimmen. Die alten Menschen haben sich zunächst einmal die Fähigkeit angeeignet, die Unterschiede des Schattens zu bestimmen. Im Schatten drinnen aber sieht man das Geistige. Die Sonnenstrahlen haben nicht nur ein Physisches, sondern sie haben ein Geistiges. Und da drinnen hat der Druidenpriester die Geistigkeit der Sonnenstrahlen beobachtet, von der wiederum abgehangen hat, ob man in einem bestimmten Lande besser diese oder jene Pflanze anbaut, denn das hängt von der Geistigkeit ab, die von der Sonne zu der Erde heruntergetragen wird. Und außerdem waren in diesem Schatten außerordentlich gut die Mondenwirkungen zu beobachten. Die Mondenwirkungen haben zum Beispiel wiederum einen großen Einfluß gerade auf die Begattung des Viehs, und das wurde zu Hilfe genommen, um die Zeit der Begattung zu bestimmen. So daß eigentlich das ganze Jahr nach diesen Sonnenbeobachtungen eingeteilt worden ist.

Wenn man nun hineingraben würde unter einem solchen Kromlech, dann würde man außerdem finden, daß er noch nebenbei eine Grabstätte war. Man hat namentlich da, wo man zugleich die Menschen begraben hat, diese Dinge aufgestellt. Das hat wiederum die Bedeutung, daß tatsächlich, wenn auch der Mensch seinen Leib verlassen hat, dieser Leib eine andere Zusammensetzung hat als irgend etwas anderes. Die Seele, der Geist hat die ganze Lebenszeit in dem Körper gewohnt. Wenn sich der Leib auflöst, dann hat er andere Kräfte als diejenigen, die in der übrigen Gebirgsgegend sind. Und diese Kräfte namentlich haben gefördert, wenn sie da hinaufströmten, daß man im Schatten drinnen richtig sehen konnte. Diese Leute haben eben noch ganz andere Naturkräfte gekannt, als man später gekannt hat.

Und wenn man an mancher Bergstätte - das ist übrigens dann weiter ausgeprägt über das Land, das sah ich in Ilkley, wo der erste Kursus stattfand während der englischen Reise - so einzelne Steine sieht hoch oben, aber so, daß der Platz gut ausgewählt ist - man konnte von solchen hoch oben weithin das ganze Land übersehen - , dann findet man solche Zeichen, Hakenkreuze, Swastiken, mit denen heute in Deutschland so viel Unfug getrieben wird. Dieses Hakenkreuz wird getragen

Tafel 23

von Leuten, die keine Ahnung mehr davon haben, daß dieses einmal ein Zeichen war, wodurch angegeben werden sollte für den, der von weither kam: Da sind Leute, die verstehen diese Dinge, die sehen nicht nur mit den physischen Augen, die sehen auch mit den geistigen Augen - ich habe diese geistigen Augen in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» als Lotusblumen beschrieben - und sie wollten aufmerksam darauf machen: Wir können sehen mit diesen Lotusblumen." (Lit.: GA 350, S. 271ff, vgl. auch GA 228, S. 86)

"Man muß sich nur einen solchen Kromlech anschauen: er schließt auf eine primitive Weise einen gewissen Raum ab, der zugedeckt war. Wenn Sie nun das Sonnenlicht betrachten, so haben Sie zunächst das physische Sonnenlicht. Dieses physische Sonnenlicht ist aber durchaus überall durchdrungen von den geistigen Wirkungen der Sonne. Und bloß von dem physischen Sonnenlicht so zu sprechen, wie das der Physiker heute macht, wäre genau so, wie wenn man mit Bezug auf einen Menschen bloß sprechen wollte von seinen Muskeln, seinen Knochen, seinem Blut und so weiter, und keine Rücksicht nehmen würde auf das in ihm waltende Seelisch-Geistige...

Wenn nun der Druidenpriester sich in diese Grabstätte stellte - die Kromlechs waren zumeist, wie andere alte Kultstätten auch, über Gräbern errichtet -, dann stellte er diese Vorrichtung hin, die in einer gewissen Weise undurchlässig war für die physischen Sonnenstrahlen. Aber die geistigen Sonnenwirkungen gingen durch sie durch, und der Druidenpriester war dafür besonders geschult, die geistigen Sonnenwirkungen wahrzunehmen. Und so sah er durch die besonders ausgewählten Steine - sie waren immer besonders ausgewählt - in jenen Raum hinein, wohin die geistigen Sonnen Wirkungen kamen, die physische Sonnenwirkung aber ausgeschlossen war. Und nun hatte er seine Anschauung intim geschult. Denn das, was man da sieht in einer solchen primitiv hergestellten Dunkelkammer, das ist anders im Februar, anders im Juli oder August, anders im Dezember. Im Juli ist es so, daß es einen leicht gelblichen Anflug hat, im Dezember dagegen ist es so, daß es eine leicht bläuliche Innerlichkeit hat. Wer das beobachten kann, schaut in den qualitativen Veränderungen, die in einer solchen Dunkelkammer dieses abgeschlossene Schattengebilde im Laufe des Jahres annimmt, den ganzen Lauf des Jahres in den Wirkungen des Geistig-Seelischen der Sonnenstrahlung. Und wiederum in diesen Sonnenzirkeln stehen die Vorrichtungen so, daß sie wie die Zeichen des Tierkreises in der Zwölfzahl angeordnet sind...

Der alte Druidenpriester hatte sich dafür geschult, daß er dem, was er da vor seiner Seele hatte, es ansah, wie zu jeder Tageszeit, aber auch zu jeder Jahreszeit, der Schatten der Sonne anders fiel. Er konnte diese Schattengestaltungen verfolgen und aus ihnen heraus genau angeben: jetzt ist diese Märzzeit, jetzt ist diese Oktoberzeit. Er stand in der Wahrnehmung, die ihm dadurch vermittelt wurde, drinnen in dem, was im Kosmos vorging, aber auch in dem, was vom Kosmos aus Bedeutung für das Erdenleben hatte... Was der Druidenpriester aus seiner Sonnenbeobachtung heraus sagen konnte, war, was man über den Zusammenhang des Himmels mit der Erde wußte. Und wie der Druidenpriester sagte: Jetzt steht die Sonne so, daß der Weizen gesät werden sollte - oder: Jetzt steht die Sonne so, daß der Zuchtstier durch die Herde geführt werden muß -, so geschah es...

Das aber ging bis in die Intimitäten des sozialen Lebens hinein. Der Druidenpriester gab aus dem, was er aus dem Weltenall ablas, an, was man an diesem oder jenem Tage des Jahres so zu machen habe, daß es in einem günstigen Zusammenhange im ganzen Weltenall drinnensteht. Das war ein Kultus, durch den tatsächlich das ganze Leben eine Art Gottesdienst war... Und als Mensch auf der Erde führte man das aus, was man aus solchen Einrichtungen, wie sie die Druiden hatten, als den Willen der Götter in der Sternenschrift ablas. Aber diese Sternenschrift mußte man erst lesen. Es ist etwas ungeheuer Ergreifendes, gerade dort an Ort und Stelle sich so ganz zurückversetzen zu können in das, was einmal in der Blütezeit der Druidenkultur so gewirkt hat, wie ich es jetzt geschildert habe. Und man findet in jenen Gegenden - auch noch in andern Gegenden bis nach Norwegen hinüber - überall solche Überreste der alten druidischen Kultur." (Lit.: GA 223, S. 132ff)

"Diese Druidenweisheit war tatsächlich ein unbewußter Nachklang, etwas wie eine unbewußte Erinnerung an alles das, was die Erde von Sonne und Mond her hatte, bevor sich Sonne und Mond von der Erde getrennt hatten. Die Initiation in den Druidenmysterien war im wesentlichen eine Sonneninitiation, verbunden mit dem, was dann Mondenweisheit durch die Sonneninitiation werden konnte. Worauf waren denn diese Kromlechs, diese Druidenzirkel eigentlich berechnet? Aus der gestrigen Darstellung wird Ihnen hervorgehen, daß sie im wesentlichen darauf berechnet waren, in einer geistigen Art das Verhältnis von Erde und Sonne zu betrachten. Wenn wir auf die einzelnen Dolmen hinschauen, dann finden wir ja, daß in ihnen eigentlich etwas wie Instrumente vorhanden sind, durch welche die äußeren physischen Sonnenwirkungen ausgeschlossen sind, so daß der mit der Sehergabe begabte Initiat dasjenige, was dann von Sonnenwirkungen im dunklen Räume bleibt, eben beobachten kann. Die inneren Qualitäten des Sonnenhaften, wie sie die Erde durchdringen, und wie sie wiederum von der Erde rückstrahlen in den Weltenraum, das hat der Druidenpriester beobachtet durch die einzelnen Kromlechs. Also, ich möchte sagen: Das physische Wesen des Sonnenlichtes war abgehalten. Ein dunkler Raum, sagte ich Ihnen gestern, war geschaffen durch die in die Erde gefügten Steine, die oben von einem Deckstein gedeckt waren, und in diesem dunklen Raum, durch die Kraft des Durchschauens der Steine, war es eben möglich, das Geistig-Wesenhafte des Sonnenlichtes zu beobachten.

So daß sich also eigentlich der Druidenpriester, vor seinem Kultaltare stehend, mit den inneren Qualitäten des Sonnenhaften beschäftigte, sofern er das brauchte, was da in ihn weisheitsvoll einströmte - aber so einströmte, daß die Weisheit noch wie eine Naturkraft war - , sofern er das brauchte, um seine Gemeinde zu regieren." (Lit.: GA 228, S. 106)

Anmerkungen

  1. Plinius: Naturalis historia 16, 249.
  2. Entgegen der verbreiteter Überlieferung, dass die Druiden die Opfer ausführten, benutzt Cäsar explizit das Wort procurare („ausrichten“) und nicht facere („ausführen“). Diese bewusst moderate Wortwahl findet sich auch bei Plinius, Poseidonios, Diodor und Strabon.
  3. Diodor: Bibliotheca historica, 5, 31; Strabon: Geographika, 4, 4, 5
  4. Cäsar: Commentarii de bello Gallico 6, 13-14.
  5. der späteren Walpurgisnacht.

Literatur

  1. Charles William Heckethorn: Geheime Gesellschaften, Geheimbünde und Geheimlehren, Autorisierte deutsche Ausgabe, bearbeitet von Leopold Katscher, Leipzig, Rengersche Verlagsbuchhandlung 1900 (neu verlegt im Anaconda Verlag, Köln 2007, ISBN 978-3-86647-087-3) [4]
  2. Rudolf Steiner: Wo und wie findet man den Geist?, GA 57 (1984), ISBN 3-7274-0570-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Die Tempellegende und die Goldene Legende , GA 93 (1991), ISBN 3-7274-0930-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Grundelemente der Esoterik, GA 93a (1987), ISBN 3-7274-0935-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  5. Rudolf Steiner: Mythen und Sagen. Okkulte Zeichen und Symbole, GA 101 (1992), ISBN 3-7274-1010-8 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  6. Rudolf Steiner: Das Lukas-Evangelium, GA 114 (2001), ISBN 3-7274-1140-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  7. Rudolf Steiner: Der Jahreskreislauf als Atmungsvorgang der Erde und die vier großen Festeszeiten, GA 223 (1990), ISBN 3-7274-2231-9 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  8. Rudolf Steiner: Initiationswissenschaft und Sternenerkenntnis, GA 228 (2002), ISBN 3-7274-2280-7 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  9. Rudolf Steiner: Aus den Inhalten der esoterischen Stunden, Band I: 1904 – 1909, GA 266/1 (1995), ISBN 3-7274-2661-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  10. Rudolf Steiner: Rhythmen im Kosmos und im Menschenwesen. Wie kommt man zum Schauen der geistigen Welt?, GA 350 (1991), ISBN 3-7274-3500-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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