Ehrfurcht

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Ehrfurcht, als höchster Grad der Ehrerbietung und Hingabe an das, was man höher schätzt als sich selbst, ist die Grundlage aller echten Herzensbildung und stärkt das individuelle Ich und macht es zum freien souveränen Herrscher über sein Ego, das es zu seinem treuen Gehilfen erzieht und damit den Doppelgänger in uns nach und nach in eine lichtvolle Gestalt verwandelt. Ehrfurch für alles, was uns umgibt, ist eine notwendige Voraussetzung für jeden geistigen Schulungsweg und öffnet den geistigen Blick für den wahren Wert und den innersten Kern der Wesen, die uns begegnen. Ehrfurcht hat nichts mit Unterwerfung zu tun, wohl aber mit der Liebe zu den Wesen, die uns das Schicksal - d. h. unser höheres Ich - zuführt. Ehrfurcht stärkt die Erkenntnis und den moralischen Willen gleichermaßen und ist damit die Basis für eine auf moralische Intuition gegründete Ethik, wie sie Rudolf Steiner in seiner «Philosophie der Freiheit» beschrieben hat.

Goethe spricht in seinem Erziehungsroman «Wilhelm Meister» von der Ehrfurcht in dreifältiger bzw. vierfältiger Gestalt: Ehrfurcht vor den himmlischen Mächten über uns, vor den Naturwesen unter uns und vor dem was uns gleich ist, nämlich den anderen Menschen - und daraus resultierend: Ehrfurcht vor sich selbst!

„Da wird uns insbesondere schön gezeigt, wie Wilhelm Meister seinen Sohn nach einer ganz merkwürdigen Erziehungsanstalt bringt. Wiederum haben Philister ein ganz absprechendes Urteil über diese Erziehungsanstalt gefällt. Sie haben gar nicht daran gedacht, daß Goethe diese Anstalt nicht da oder dort in Wirklichkeit umsetzen wollte, sondern daß er, wie symbolisch, eine Art Anschauung über das Erziehungswesen in seiner «pädagogischen Provinz» geben wollte. Da fällt denen, die dieser Anstalt nähertreten, gleich auf, wie in gewissen Gebärden sich auslebt, was in des Menschen Seele ist. Da ist eine Gebärde, wo die Hände auf der Brust zusammengeschlagen werden und die Zöglinge nach oben blicken. Sodann sieht man eine Gebärde, wo die Hände auf dem Rücken zusammengenommen werden, wenn der Mensch neben den Menschen sich stellt. Aber etwas ganz Besonderes gibt es, wo das Seelische durch die Gebärde des sich zur Erde Neigens zum Ausdruck kommt. Auf die Frage, was das alles für eine Bedeutung habe, wird erklärt, daß die Knaben in der Seele, in ihrem Ich erwachen lassen sollen, was man die «drei Ehrfurchten» nennt, und wodurch der Mensch seine Seele immer höher und höher hinaufentwickeln kann. Sie werden als das wichtigste Erziehungsprinzip vor den Menschen hingestellt. Zuerst soll der Mensch in Ehrfurcht aufschauen lernen zu dem, was über ihm ist; dann soll er Ehrfurcht lernen vor dem, was unter ihm ist, damit er in entsprechender Weise weiß, wie er aus dem, was unter ihm ist, wiederum herausgewachsen ist; dann soll er lernen Ehrfurcht haben vor dem, was neben ihm ist, was gleichwertig ist als Mensch neben Mensch; denn dadurch erst kann der Mensch die rechte Ehrfurcht vor dem eigenen Ich haben. Dadurch kommt er in die richtige Harmonie zur Umwelt, wenn er die richtige Ehrfurcht hat gegen das, was über ihm ist, gegen das, was unter ihm ist und gegen das, was neben ihm ist. Dadurch wird auch sein Ego in der richtigen Weise entwickelt, und der Egoismus kann nicht irregehen.“ (Lit.:GA 58, S. 250f)

Winfried Noack schreibt dazu:

„So lehrte uns vor allem die Klassik, dass das Herz dann gebildet ist, wenn ihm sein Innerstes bewusst ist und er es pflegt, wenn das Göttliche in ihm wohnt und der Mensch auf die Stimme Gottes in ihm hört und ihr folgt. Mag diese Stimme auch individuell sein und in jedem Herzen anders sprechen, so ist sie doch die eine göttliche Stimme, die in jedem Individuum universal spricht. Herzensbildung setzt also voraus, dass es das Herz als Sitz des Göttlichen und einer universalen Humanität gibt. Und als Innenwelterweckung führt sie zum Existenzbewusstsein. Wenn ich als Mensch aber in meiner Freiheit weiß, wer ich bin und in dem Maße, in dem ich selbst werde, taucht parallel zum Existenzbewusstsein das Gottesbewusstsein in mir auf als ein Offenbarwerden Gottes ...“ (Lit.: Winfried Noack in: Hartlapp, S. 118)

Goethe hat dazu auch aus tiefem geistigen Empfinden drei Gesten angegeben, die diese Entwicklung fördern:

„Sie können das in seinem «Wilhelm Meister» nachlesen —, daß die Erziehung so geleitet werde, daß der Mensch in einer gewissen Symbolik aufwachse. Goethe will, daß der Mensch etwas lerne, was eigentlich alle Menschen lernen sollten statt manchen Firlefanzes, den sie in den heutigen Gymnasien lernen, er will, daß die Menschen in einer gewissen Symbolik aufwachsen. Er will, daß sie da vor allen Dingen in den Symbolen das lernen, was er nennt die «vier Ehrfurchten» des Menschen: die Ehrfurcht vor der geistigen Welt; die Ehrfurcht vor der physischen Welt; die Ehrfurcht vor jeglicher Seele; und die Ehrfurcht, die dann erst sich aufbauen kann auf diesen drei Ehrfurchten: vor sich selber. Die letztere würden ja die meisten heutigen aufgeklärten Menschen zur Not gleich von Anfang an verstehen, nicht wahr; aber nach Goethes Anschauung soll diese Ehrfurcht, welche diejenige ist, die, ich möchte sagen, mit den größten Gefahren verknüpft ist, erst auf Grundlage der drei anderen Ehrfurchten sich aufbauen.

Wie will Goethe, daß zunächst die Ehrfurcht vor dem Geistigen, das oben ist, in den Menschen sich einwächst? Er will, daß die Menschen eine gewisse Gebärde lernen: gekreuzte Arme über der Brust, den Blick nach oben gewendet. Und in dieser Stellung sollen sie sich aneignen Ehrfurcht vor dem, was als Geistiges auf den Menschen Einfluß haben könne. In einem gewissen noch sehr jugendlichen Lebensalter soll man, so meint Goethe, diese Gebärde verbinden mit dem Aneignen des Gefühles, der Ehrfurcht vor dem, was oben ist. Warum hat das eine gewisse Bedeutung? Das hat eine gewisse Bedeutung, weil, wenn der Mensch wirklich Ehrfurcht vor dem Geistigen empfindet, er gar nicht anders kann, als dieses Gefühl der Ehrfurcht vor dem Geistigen bekunden. Und wenn er selbst seine Hände hinten auf dem Rücken zusammenlegte als physische Hände, es würden die Ätherhände sich vorne kreuzen, und sein Blick, wenn er ihn auch noch so sehr nach abwärts wendete als physischen Blick, sein Blick würde sich mit den Ätheraugen nach oben wenden. Dies ist die natürliche Gebärde für Ätheraugen: nach oben gewendet, und für Ätherhände: nach vorne sich kreuzend, die der Ätherleib wirklich ausführt, wenn diese Ehrfurcht vor dem Geistigen vorhanden ist; es geht gar nicht anders, das ist eine Selbstverständlichkeit, daß der Ätherleib diese Gebärde annimmt. Im vierten nachatlantischen Zeitraum wußten dies die Leute, weil sie die Bewegungen des Ätherleibes an sich verspürten, und wenn man ihnen sagte, sie sollten das machen, dann sagte man ihnen nichts anderes, als: sie sollen rege machen in sich ein wenig die physische Gebärde, damit sie fühlen, wahrnehmen können die Äthergebärde.

So wollte Goethe ein Hineinwachsen in das geistige Leben. Er wußte, daß das eine Bedeutung hat: Diejenigen Gebärden, die mit den unmittelbaren Äußerungen der Seele verbunden sind, wirklich durchzuleben. Ebenso wollte er, daß der Mensch, wenn er die Ehrfurcht vor dem Leiblichen, vor allem Irdischen sich aneignet, die Hände hinten am Rücken kreuzt und den Blick nach unten wendet. Das sollte er sich an zweiter Stelle aneignen. Zum dritten verhält sich die Sache so: Die ausgebreiteten Hände mit dem nach links und rechts gewendeten Blicke sollten ihm die Ehrfurcht vor jeder gleichgearteten Seele beibringen. Und dann kann er sich dasjenige aneignen, was Ehrfurcht vor der eigenen Seele sein kann. Dieses unmittelbare Wissen davon, daß diese Gebärden, wenn sie richtig sind, nicht etwas Willkürliches sind, sondern daß sie zusammenhängen mit der geistigen Organisation des Menschen, ist seit dem vierzehnten Jahrhundert den Menschen weitgehend verloren gegangen. Was folgt daraus? Daraus folgt, daß man vorher den Menschen, denen man derartige und auch kompliziertere Gebärden beibrachte, nur das beibrachte, was sie leicht zu innerem Leben erwecken konnten. Nachher, also in unserer fünften nachatlantischen Zeit, handelt es sich darum, daß man solche einfachen Gebärden, wie sie Goethe will, gerade jugendlicheren Personen sehr gut beibringen könnte, wenn man den entsprechenden Unterricht gibt. Und das will auch Goethe.“ (Lit.:GA 167, S. 85ff)

In seinen Vorträgen über «Okkulte Physiologie» sagt Steiner ganz klar:

„Und es muß als eine Grundbedingung für unsere folgenden Betrachtungen angesehen werden, daß man Ehrfurcht habe vor dem, was die menschliche Wesenheit in Wahrheit bedeutet. Wie kann man denn davor wahrhafte Ehrfurcht haben? Auf keine andere Art, als daß man zunächst absieht von dem, wie der Mensch - ganz gleichgültig, ob wir selbst oder ein anderer - uns im alltäglichen Leben erscheint, und indem man sich aufschwingt zu der Anschauung: Dieser Mensch mit seiner gesamten Entwickelung ist nicht um seiner selbst willen da, er ist da zur Offenbarung des Geistes, der ganzen Welt des Göttlich-Geistigen, er ist eine Offenbarung der Weltengottheit, des Weltengeistes. Und für diejenigen, die erkennen, daß alles, was uns umgibt, Ausdruck ist für göttlich-geistige Kräfte, für die ist es auch möglich, diese Ehrfurcht zu empfinden, nicht nur für das Göttlich-Geistige selbst, sondern auch für die Offenbarungen dieses Göttlich-Geistigen. Und wenn wir davon sprechen, daß der Mensch nach immer vollkommenerer Selbsterkenntnis trachte, so sollen wir uns darüber klar sein, daß nicht bloß Neugierde, meinetwillen auch Wißbegierde, uns veranlassen soll, nach Selbsterkenntnis zu streben, sondern daß wir es als Pflicht empfinden müssen, die Erkenntnis der Offenbarungen des Weltengeistes durch den Menschen immer vollkommener und vollkommener zu gestalten. In diesem Sinne sind die Worte zu verstehen: Unwissend zu bleiben, wo Erkenntnis möglich ist, bedeutet eine Versündigung gegen die göttliche Bestimmung des Menschen. Denn der Weltengeist hat in uns die Kraft gelegt, wissend zu werden; und wenn wir nicht erkennend werden wollen, so lehnen wir es ab - was wir eigentlich nicht dürften -, eine Offenbarung des Weltengeistes zu sein, und stellen immer mehr und mehr nicht eine Offenbarung des Weltengeistes dar, sondern eine Karikatur, ein Zerrbild von ihm. Es ist unsere Pflicht, nach Erkenntnis zu streben, um immer mehr und mehr ein Bild des Weltengeistes zu werden. Erst wenn wir mit diesen Worten einen Sinn verbinden können, «ein Bild des Weltengeistes zu werden», erst wenn es uns bedeutungsvoll wird, in diesem Sinne zu sagen: Wir müssen erkennen, es ist unsere Pflicht zu erkennen —, erst dann können wir das vorhin geforderte Gefühl von Ehrfurcht gegenüber der Wesenheit des Menschen so recht empfinden. Und für den, der im okkulten Sinne das Leben des Menschen, das Wesen des Menschen betrachten will, für den ist diese Durchdringung mit Ehrfurcht vor der menschlichen Natur schon deshalb eine unbedingte Notwendigkeit, weil diese Durchdringung mit Ehrfurcht einzig und allein geeignet ist, unsere geistigen Augen und unsere geistigen Ohren, unser ganzes geistiges Schauvermögen wachzurufen, das heißt diejenigen Kräfte, die uns eindringen lassen in die geistigen Untergründe der menschlichen Natur. Wer als Seher, als Geistesforscher nicht im höchsten Grade Ehrfurcht haben könnte vor der menschlichen Natur, wer sich nicht durchdringen kann bis in die innersten Fibern seiner Seele mit dem Gefühl von Ehrfurcht gegenüber der Menschennatur, dem Abbild des Geistes, dem bliebe das Auge, wenn es noch so geöffnet ist für diese oder jene geistigen Geheimnisse der Welt, verschlossen für alles das, was sich auf die eigentlich tiefere Wesenheit des Menschen selber bezieht. Und es mag viele Hellseher geben, welche dieses oder jenes schauen können in dem geistigen Umkreis unseres Daseins: Wenn ihnen diese Ehrfurcht fehlt, dann fehlt ihnen das Vermögen, in die Tiefen der menschlichen Natur hineinzuschauen, und sie werden nichts Richtiges über das zu sagen wissen, was des Menschen Wesenheit ist.“ (Lit.:GA 128, S. 11ff)

Literatur

  1. Johannes Hartlapp, Stafan Höschele (Hrsg.): Geschichte – Gesellschaft – Gerechtigkeit. Festschrift für Baldur Pfeiffer. Verlag Frank & Timme 2007, ISBN 978-3865961495
  2. Rudolf Steiner: Metamorphosen des Seelenlebens – Pfade der Seelenerlebnisse. Erster Teil, GA 58 (1984), ISBN 3-7274-0585-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Eine okkulte Physiologie, GA 128 (1991), ISBN 3-7274-1281-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Gegenwärtiges und Vergangenes im Menschengeiste, GA 167 (1962), ISBN 3-7274-1670-X pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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