Herzensbildung

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Herzensbildung beruht auf der Ausbildung einer reichen seelischen Innenwelt[1] in der sich das Ich als eigenständiges geistiges Wesen zu erkennen beginnt und allmählich zum souveränen Beherrscher seines Denkens, Fühlens und Wollens werden kann.

Die Herzensbildung konnte sich in dieser Form erst am Übergang vom Zeitalter der Verstandes- und Gemütsseele zu dem der Bewusstseinsseele, d.h. am Beginn der Neuzeit, ausbilden. Das Mittelalter kannte eine derartige individuelle Innerlichkeit noch nicht. Der Mensch war damals noch viel mehr von außen geprägt durch die soziale Rolle, in die ihn das Schicksal hineingestellt hatte, etwa als Adeliger, Geistlicher, Zunftmitglied, Bauer oder Leibeigener. Daran begann sich erst durch die allmählich zunehmende Städtegründung ab dem 11. Jahrhundert etwas zu ändern („Stadtluft macht frei“).

Wegbereiter für die Ausbildung einer reichen Innenwelt mit stark geistigem Einschlag waren die spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Mystiker. Martin Luther und die verschiedenen Reformationsbewegungen förderten die Loslösung von der kirchlichen Autorität. Einen entscheidenden Schritt zu einem gesteigerten Selbstbewusstsein brachte Descartescogito ergo sum“, das das Ich zunächst im Spiegelbild des Verstandes ins Zentrum rückte. Der Pietismus betonte die Herzensfrömmigkeit und kultivierte damit die Innenwelt.

Unter noch stärker Betonung des Ich-Bewusstseins entstand daraus etwa ab 1740 der Genie-Kult mit der ihm eigentümlichen Pflege der feinsten Empfindsamkeit, die zur Herzensergießung wird.[2] Im Mittelpunkt steht nun, am Übergang zur Goethezeit, die schöne Seele, die ganz aus ihrer gefühlvollen Innerlichkeit lebt. Der gefühlvolle Jüngling und das empfindsame Mädchen werden zum Ideal dieser Epoche, die ganz besonders von Friedrich Gottlieb Klopstock, Jung-Stilling und auch von Goethe und Schiller in ihren jungen Jahren geprägt wurde. Geradezu das Urbild der reinsten Herzenskräfte zeichnete Goethe in seiner «Iphigenie auf Tauris». Ein weiterer Markstein auf diesem Weg ist Goethes Bildungsroman «Wilhelm Meister». Im Mittelpunkt stehen hier die Entsagung - als Verzicht auf Niederes zugunsten eines Höheren - und die Ehrfurcht in ihrer dreifältigen bzw. vierfältigen Gestalt: Ehrfurcht vor den himmlischen Mächten über uns, vor den Naturwesen unter uns und vor dem was uns gleich ist, nämlich den anderen Menschen - und daraus resultierend: Ehrfurcht vor sich selbst!

„Diese drei Formen der Ehrfurcht entspringen der obersten Ehrfurcht, der Ehrfurcht vor sich selbst, und das meint, dem Göttlichen in seinem innersten Inneren.

So lehrte uns vor allem die Klassik, dass das Herz dann gebildet ist, wenn ihm sein Innerstes bewusst ist und er es pflegt, wenn das Göttliche in ihm wohnt und der Mensch auf die Stimme Gottes in ihm hört und ihr folgt. Mag diese Stimme auch individuell sein und in jedem Herzen anders sprechen, so ist sie doch die eine göttliche Stimme, die in jedem Individuum universal spricht. Herzensbildung setzt also voraus, dass es das Herz als Sitz des Göttlichen und einer universalen Humanität gibt. Und als Innenwelterweckung führt sie zum Existenzbewusstsein. Wenn ich als Mensch aber in meiner Freiheit weiß, wer ich bin und in dem Maße, in dem ich selbst werde, taucht parallel zum Existenzbewusstsein das Gottesbewusstsein in mir auf als ein Offenbarwerden Gottes ...“ (Lit.: Winfried Noack in: Hartlapp, S. 118)

In dem bildungspolitisch vor allem von Wilhelm von Humboldt propagierten idealistisch-humanistischen Bildungsideal, das sich bis in die 1960er-Jahre bewahren konnte, stand die Herzensbildung, d.h. die Ausbildung einer reichen seelischen Innenwelt und die Pflege künstlerischer Fähigkeiten im Vordergrund, die aber noch weitgehend von der Tradition der klassischen Bildung, d.h. durch den Blick auf die griechisch-lateinische Vergangenheit bestimmt war.

Mit dem Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg vollzog sich im Bildungswesen sehr rasch eine technisch-wirtschaftlich ausgerichtete „realistische Wende“ und ab Mitte der 1970er-Jahre eine bis heute vorherrschende „Alltagswende“. Die Bildung wird nun ganz darauf ausgerichtet alltägliche, lebenspraktische Probleme zu lösen bis hin zur detailierten Sexualerziehung. Der Blick ist vornehmlich auf die Außenwelt gerichtet, die Pflege einer reichen Innenwelt wird zunehmend vernachlässigt, mit teils dramatischen Folgen. Drogenmissbrauch und psychische Störungen nehmen stark zu, die soziale Beziehungsfähigkeit ist vielfach unterentwickelt. Das Ich verliert immer mehr die Fähigkeit, mit dem eigenen Ego fertig zu werden.

Die Zukunft erfordert eine neue, noch viel bewusstere Form der Herzensbildung, die sich weniger auf Traditionen, als vielmehr auf die individuelle moralische Intuition stützt, wie sie Rudolf Steiner wegweisend in seiner «Philosophie der Freiheit» beschrieben hat. Diese Entwicklung zu fördern, ist das Ziel der Waldorfpädagogik.

Durch entsprechende geistige Schulung kann auf dieser Grundlage ein neues Herzdenken entwickelt werden, das mit dem vollwachen Ich-Bewusstsein vereinbar ist, und so auf ganz bewusste und besonnene Weise den Einblick in rein geistige Zusammenhänge erlaubt, wodurch auch die sozialen Beziehungen entscheidend vertieft werden können. Es unterscheidet sich wesentlich von unserem gegenwärtigen Verstandesdenken, indem es kein diskursives, ableitendes Denken ist, sondern die Wahrheit mit einem Blick überschaut. Dieses neue Herzdenken entfaltet sich nicht in einer Kette logisch aneinander gefügter Begriffe, sondern in innerlich erlebten seelischen Sinnbildern, die mit einem Schlag die geistigen Zusammenhänge offenbaren.

Literatur

  1. Johannes Hartlapp, Stafan Höschele (Hrsg.): Geschichte – Gesellschaft – Gerechtigkeit. Festschrift für Baldur Pfeiffer. Verlag Frank & Timme 2007, ISBN 978-3865961495
  2. Rudolf Steiner: Die Philosophie der Freiheit, GA 4 (1995), ISBN 3-7274-0040-4; Tb 627, ISBN 978-3-7274-6271-9 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org

Einzelnachweise

  1. Winfried Noack in: Hartlapp, S. 116 [1]
  2. Winfried Noack in: Hartlapp, S. 117 [2]