Gestaltung

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Gestaltung (von mhd. gestalt, ahd. gistalt, idg. *stel- „stehen, stellen, aufstellen, machen“) ist ganz allgemein ein schöpferischer Prozess, bei dem einer beliebigen Sache oder einem Geschehen eine veränderte Form verliehen wird. Dazu ist aber ein entsprechendes - im weitesten Sinn des Wortes genommenes - „handwerkliches“ Können unerläßlich. Beim künstlerischen Gestalten folgt die Umgestaltung bestimmten traditionellen oder heute zunehmend ganz individuell empfundenen ästhetischen Kritieren.

Grundsätzlich gibt es kein Ding, keinen Prozess und keinen Lebensbereich, der sich nicht gestalten ließe. Im Gestalten führt der Mensch, wie schon Goethe klar erkannte, die Gestaltungsprozesse, die in der ganzen Natur walten, auf höherer geistiger Ebene fort - und in diesem Sinn letztlich die ganze Erde umzugestalten, ist die eigentliche Erdenmission des Menschen. Eine fruchtbare geistgemäße Gestaltung schöpft dabei, wie Rudolf Steiner betont, aus der bewusst oder zumindest unbewusst erlebten Imagination.

„Und wenn innerhalb der anthroposophischen Erkenntnis in der menschlichen Seele aufsteigt in gesunder Weise dasjenige, was imaginative Erkenntnis genannt wird, dann steigt aus den Seelenuntergründen eben dasjenige herauf ins Bewußtsein, was gerade durch die äußere Wissenschaft unterdrückt und hintangehalten werden soll: Es steigt die lebendige menschliche Seelenwelt selber in das menschliche Bewußtsein herauf. Es steigt herauf in das menschliche Bewußtsein aus den Untergründen der menschlichen Organisation die lebendige Kraftsumme alles desjenigen, was als ätherischer menschlicher Leib den physischen menschlichen Leib als das größte Kunstwerk in die Welt hineinstellt, und demjenigen, der zur wirklichen Imagination aufrückt, begegnet auf seinem Wege durchaus dasjenige, was das künstlerische Erlebnis ist. Er dringt vor bis in diejenigen Regionen, aus denen dem Künstler gerade die unbewußten Anregungen kommen.

Ja, meine sehr verehrten Anwesenden, in die Regionen dringt der imaginativ Erkennende ein, in denen die Impulse liegen, die der Künstler zunächst nicht im Bewußtsein hat, die aber kraften und leben in seinem Inneren, die seine Bildgestaltung führen, die seine Hände führen, die ihn zum Bildner, zum Künstler machen, so daß er dasjenige, was er aus diesen Regionen als Anregungen empfängt, dem äußeren Material, dem äußeren Stoff einverleibt. Dasjenige, was der Künstler zunächst nicht zu wissen braucht, was er aber einverleibt aus seiner unbewußten Intuition heraus dem ihm von außen gegebenen Stoff, das tritt dem imaginativ Erkennenden vor das bewußte Seelenleben. Also gerade in diejenigen Regionen rückt der imaginativ Erkennende ein, aus denen das Leben des künstlerisch Schaffenden in Wirklichkeit quillt. Und wenn man dann wirklich berührt wird von dem, was in diesen Regionen zu finden ist, dann wird nicht Künstlertum, dann wird nicht produktive Kraft abgelähmt wie durch die Wissenschaft vom Toten, sondern dann wird dasjenige, was sonst im Dunkeln bleibt, durch ein helles Licht erst angeregt. Und man kann ja nicht sagen, daß, wenn der Mensch in einem dunklen Zimmer durch einen Sinn, durch den Sinn des Tastens, sich Vorstellungen verschafft hat von dem, was in dem Zimmer ist, diese Vorstellungen ihm abgelähmt werden dadurch, daß das Zimmer plötzlich erleuchtet wird. Wer die Bedeutung dieses Bildes einsieht, der wird allmählich zugeben lernen, daß durch anthroposophische Geist-Erkenntnis Künstlertum nicht ertötet wird, daß es im eminentesten Sinne angeregt wird. Denn wie wirkt diese imaginative, und später die inspirierte und die intuitive Erkenntnis? Sie führt ja den Künstler in dasjenige ein, was er dem Stoff einverleibt, und er steht dann so vor dieser Ästhetik, die der wissenschaftliche Geist der letzten Jahrhunderte hervorgebracht hat, daß er genau erkennt, wie dieser wissenschaftliche Geist mit all seiner Ästhetik im Grunde genommen nur geeignet ist, das äußere Material, in das der Künstler hineinarbeitet, wissenschaftlich zu ergründen.

Das äußere Material, dessen sich der Künstler bedient, das kann Gegenstand der gebräuchlichen Wissenschaft sein. Das Geistig-Lebendige, das er dem Stoff einverleibt, das tritt in der imaginativen Erkenntnis bewußt vor die menschliche Seele. Und man braucht dieses nicht nur zu betonen für das künstlerische Erlebnis im allgemeinen, man kann es durchaus für die einzelnen konkreten Künste sich vor das Geistesauge stellen.“ (Lit.:GA 77b, S. 35ff)

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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