Homosexualität

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Homosexualität (von griech. ὁμός homόs „gleich“ und lat. sexus „Geschlecht“) ist die sexuelle Orientierung, bei der die Romantik und das sexuelle Begehren auf Personen des gleichen Geschlechts gerichtet ist. Der Begriff wurde 1868 zugleich mit dem Begriff Heterosexualität von dem österreichisch-ungarischen Schriftsteller Karl Maria Kertbeny eingeführt. Die Abneigung oder Feindseligkeit gegenüber homosexuellen Personen oder Handlungen wird als Homophobie (von griech. ὁμός homós „gleich“ und φόβος phóbosAngst, Phobie“) bezeichnet.

Zitate von Rudolf Steiner

Die Äußerungen Rudolf Steiners zum Thema Homosexualität sind, vor allem im Verhältnis zu der Vielzahl von Äusserungen zu anderen Themen, sehr spärlich. In einer Zeit, in der Homosexualität noch ein Tabuthema war, hat er sich darüber weitgehend ausgeschwiegen. Er entwickelte allerdings bereits 1894 in seiner «Philosophie der Freiheit» Gesichtspunkte, die damals, in den Anfängen der Frauenrechtsbewegung, vor allem der Stellung der Frau in der Gesellschaft gewidmet waren, aber heute in einem erweiterten Rahmen gelesen werden können. Sein Ansatz verfolgte schon damals eine strikt an der Selbstbestimmung ausgerichtete Ethik, die sich auf die individuelle moralische Intuition des Menschen gründet.

„Wenn wir nach dem Grunde fragen, warum dies und jenes an dem Menschen so oder so ist, so werden wir aus dem Einzelwesen hinaus auf die Gattung verwiesen. Diese erklärt es uns, warum etwas an ihm in der von uns beobachteten Form auftritt.

Von diesem Gattungsmäßigen macht sich aber der Mensch frei. Denn das menschlich Gattungsmäßige ist, vom Menschen richtig erlebt, nichts seine Freiheit Einschränkendes, und soll es auch nicht durch künstliche Veranstaltungen sein. Der Mensch entwickelt Eigenschaften und Funktionen an sich, deren Bestimmungsgrund wir nur in ihm selbst suchen können. Das Gattungsmäßige dient ihm dabei nur als Mittel, um seine besondere Wesenheit in ihm auszudrücken. Er gebraucht die ihm von der Natur mitgegebenen Eigentümlichkeiten als Grundlage und gibt ihm die seinem eigenen Wesen gemäße Form. Wir suchen nun vergebens den Grund für eine Äußerung dieses Wesens in den Gesetzen der Gattung. Wir haben es mit einem Individuum zu tun, das nur durch sich selbst erklärt werden kann. Ist ein Mensch bis zu dieser Loslösung von dem Gattungsmäßigen durchgedrungen, und wir wollen alles, was an ihm ist, auch dann noch aus dem Charakter der Gattung erklären, so haben wir für das Individuelle kein Organ.

Es ist unmöglich, einen Menschen ganz zu verstehen, wenn man seiner Beurteilung einen Gattungsbegriff zugrunde legt. Am hartnäckigsten im Beurteilen nach der Gattung ist man da, wo es sich um das Geschlecht des Menschen handelt. Der Mann sieht im Weibe, das Weib in dem Manne fast immer zuviel von dem allgemeinen Charakter des anderen Geschlechtes und zu wenig von dem Individuellen.“ (Lit.:GA 4, S. 237f)

Geschlechtliche Determination und Selbstbestimmung

„Was die Frau ihrer Natur nach wollen kann, das überlasse man der Frau zu beurteilen. Wenn es wahr ist, daß die Frauen nur zu dem Berufe taugen, der ihnen jetzt zukommt, dann werden sie aus sich selbst heraus kaum einen anderen erreichen. Sie müssen es aber selbst entscheiden können, was ihrer Natur gemäß ist. Wer eine Erschütterung unserer sozialen Zustände davon befürchtet, daß die Frauen nicht als Gattungsmenschen, sondern als Individuen genommen werden, dem muß entgegnet werden, daß soziale Zustände, innerhalb welcher die Hälfte der Menschheit ein menschenunwürdiges Dasein hat, eben der Verbesserung gar sehr bedürftig sind.

Wer die Menschen nach Gattungscharakteren beurteilt, der kommt eben gerade bis zu der Grenze, über welcher sie anfangen, Wesen zu sein, deren Betätigung auf freier Selbstbestimmung beruht. Was unterhalb dieser Grenze liegt, das kann natürlich Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung sein. Die Rassen-, Stammes-, Volks- und Geschlechtseigentümlichkeiten sind der Inhalt besonderer Wissenschaften. Nur Menschen, die allein als Exemplare der Gattung leben wollten, könnten sich mit einem allgemeinen Bilde decken, das durch solche wissenschaftliche Betrachtung zustande kommt. Aber alle diese Wissenschaften können nicht vordringen bis zu dem besonderen Inhalt des einzelnen Individuums. Da, wo das Gebiet der Freiheit (des Denkens und Handelns) beginnt, hört das Bestimmen des Individuums nach Gesetzen der Gattung auf [...]

Wie der einzelne zu denken hat, läßt sich nicht aus irgendeinem Gattungsbegriffe ableiten. Dafür ist einzig und allein das Individuum maßgebend. Ebensowenig ist aus allgemeinen Menschencharakteren zu bestimmen, welche konkrete Ziele das Individuum seinem Wollen vorsetzen will. Wer das einzelne Individuum verstehen will, muß bis in dessen besondere Wesenheit dringen, und nicht bei typischen Eigentümlichkeiten stehen bleiben. In diesem Sinne ist jeder einzelne Mensch ein Problem [...]

Nur in dem Grade, in dem der Mensch sich in der gekennzeichneten Weise frei gemacht hat vom Gattungsmäßigen, kommt er als freier Geist innerhalb eines menschlichen Gemeinwesens in Betracht. Kein Mensch ist vollständig Gattung, keiner ganz Individualität. Aber eine größere oder geringere Sphäre seines Wesens löst jeder Mensch allmählich ab, ebenso von dem Gattungsmäßigen des animalischen Lebens, wie von den ihn beherrschenden Geboten menschlicher Autoritäten.“ (Lit.:GA 4, S. 239ff)

Unmittelbar zur Homosexualität finden sich in der Rudolf Steiner Gesamtausgabe nur folgende Äußerungen:

„Es ist doch in dieser Beziehung richtig, was Moriz Benedikt, der Kriminalpsychologe und sonst übrigens ausgezeichnete Arzt, einmal gesagt hat mit Bezug auf alle Redereien über jugendliche Perversitäten, auch mit Bezug auf Homosexualität, überhaupt in bezug auf alles dasjenige, was geredet wird und so geredet wird, als ob es wiederum beobachtet werden soll - über alles das hat Moriz Benedikt, es ist ein Jahrzehnt her, gesagt: Vor 30 Jahren haben wir jungen Ärzte über dieses Kapitel nicht so viel gewußt wie heute die jungen Pensionatmädels.“ (Lit.:GA 302a, S. 86)

„Ich mache Sie da zum Beispiel aufmerksam, wie gemein, widerlich gemein die moderne Zeit so etwas auffaßt wie das Verhältnis des Sokrates zu seinen Schülern. Man redet da von einer Art Homosexualität, während das auf eine Seite der Seelenkräfte hinweist, wo nicht nur durch das Wort, sondern durch das Beisammensein des Sokrates mit seinen Schülern etwas bewirkt wurde. Die Anwesenheit des Menschen bedeutete ihnen etwas. Es ist eine ekelhafte Verleumdung der Dinge, wenn heute auf diese Sachen im Griechentum die Begriffe der Homosexualität angewendet werden.“ (Lit.:GA 342, S. 140)

Von der gleichgeschlechtlichen Liebe - oder: Homosexualität und Anthroposophie

Der Pädagoge Christoph Kranich hat wesentliche Gesichtspunkte zusammengetragen, um Homosexualität aus anthroposophischer Perspektive zu verstehen.

Homosexualität und Liebe

Christoph Kranich betont insbesondere, dass bei der Sexualität - und damit auch bei der Homosexualität - nicht nur der physische Geschlechtsakt in Betracht kommt, sondern auch Empfindung und Liebe. Sind diese weiteren Dimensionen der geschlechtlichen Liebe wenig vorhanden, tritt das eigentlich Menschliche der Geschlechtsliebe in den Hintergrund. Das gilt für heterosexuelle und homosexuelle Beziehungen gleichermaßen.

„Im Fremdwörter-Duden lese ich unter dem Stichwort Homosexualität: "Sich auf das eigene Geschlecht richtendes Geschlechtsempfinden, gleichgeschlechtliche Liebe". Diese Definition sollte verwundern: Homosexualität wird hier erklärt mit den Worten "Empfinden" und "Liebe". Ein solches ganzheitliches Verständnis ist im Alltag nicht üblich: Mit dem Wort Sexualität wird meist nur die "körperliche Liebe", der "Sexualakt" oder "Geschlechtsverkehr" bezeichnet. Zwar sprechen viele Menschen auch von Homosexualität, als sei sie nur der körperliche Teil: Der seelische wird dann "Homoerotik", der geistige "Homophilie" genannt. Solche Bemühungen, zwischenmenschliche Beziehungen in einzelne Teile zu zerlegen, sind aber oft nur Versuche, den körperlichen Aspekt der Sexualität auszuklammern oder abzuwerten. Deshalb benutze ich das Wort Homosexualität, wie der Duden, für die leiblich-seelisch-geistige Ganzheit gleichgeschlechtlicher Beziehung -- wörtlich: Gleich-Geschlechtlichkeit. Die Leser müssen bei diesem Begriff immer neu daran denken, daß mehr als ein körperlicher "Sexualakt" gemeint ist: Empfinden und Liebe.

Ein Homosexueller wird man demzufolge nicht dadurch, daß man einmal oder mehrmals mit Menschen gleichen Geschlechts körperliche Sexualität hatte. Entscheidender ist, ob das Empfinden auf das andere oder auf das gleiche Geschlecht gerichtet ist. Allerdings gibt es nicht nur Menschen, die ausschließlich das gleiche, und andere, die ausschließlich das andere Geschlecht lieben, sondern ein Kontinuum geschlechtlicher Orientierung. Die moderne Sexualwissenschaft geht davon aus, daß im Menschen ursprünglich beide Orientierungs-Richtungen angelegt sind, aber meist nur eine davon (in der Regel die heterosexuelle) später ausgelebt wird. Der amerikanische Sexualforscher Alfred Kinsey kommt zu dem Schluß, daß mehr als ein Drittel der Menschen homosexuelle Erlebnisse haben oder hatten. Zahlenangaben dafür, wie viele Menschen überwiegend oder ausschließlich homosexuell empfunden, reichen von 4 bis zu 10% der Bevölkerung. Die Begriffe Homosexueller und Heterosexueller müssen also unscharf bleiben; die Grenze zwischen ihnen ist fließend. Außerdem kann die geschlechtliche Orientierung während des Lebens wechseln oder sich verschieben: Etliche Menschen entdecken ihre homosexuellen Anteile erst nach vielen glücklichen Ehejahren als Familienvater oder -mutter. Wer von "Homosexuellen" und "Heterosexuellen" spricht, kann also bestenfalls zur Zeit überwiegend Homosexuelle bzw. Heterosexuelle meinen.

Ein weiterer Begriff, der häufig benutzt wird ist schwul. Ursprünglich aus "schwül" entstanden und ein Schimpfwort, wurde er von selbstbewußten Homosexuellen (Schwulen) gewendet in ein Bekenntnis zu offen gelebter und politisch-kämpferisch verstandener Homosexualität. Wegen seines verächtlichmachenden Beigeschmacks wird er von Nicht-dazu-Gehörenden gerne vermieden; da er aber kurz, kein Fremdwort sowie allgemein bekannt ist, benutzte ich ihn positiv für offen gelebte Homosexualität und vor allem, wenn es um deren soziale Auswirkungen geht.“ (Lit.: Christoph Kranich: Von der gleichgeschlechtlichen Liebe - oder: Homosexualität und Anthroposophie html)

Homosexualität als Chance

Kranich begreift Homosexualität auch als Chance, gerade weil sie vom biologischen Zweck der Fortpflanzung abgekoppelt ist. Was so der rein biologischen Funktion enthoben ist, könne gerade deshalb als geistige, künstlerische und soziale Fruchtbarkeit um so wirksamer werden. Hier zeigt sich die besondere Eigenschaft des Menschen, dass er mehr als ein bloßes Naturwesen, sondern darüber hinaus auch ein frei schaffendes Kulturwesen ist. Das gilt ganz besonders auch für Gestaltung des sozialen Zusammenlebens der Menschen. Der nicht selten gehörte Vorwurf, dass Homosexualität „unnatürlich“ sei, geht so gesehen bezüglich des Menschen ins Leere.

„Vielen Menschen ist der wichtigste Einwand gegen gleichgeschlechtliche Lebens- und Liebensformen ihre biologische Unfruchtbarkeit. Dem halte ich entgegen: Gerade die biologische Unfruchtbarkeit ist die Chance homosexueller Beziehungen! Was hier mangelt, kann als geistige, künstlerische und soziale Fruchtbarkeit um so wirksamer werden. Genauso wie kinderlose heterosexuelle Paare können Homosexuelle andere Formen der Selbstverwirklichung und Wirksamkeit für ihre Mitwelt finden -- vielleicht ein "geistiges Kind", ein "künstlerisches Kind", ein "soziales Kind". Ähnliches gilt auch für Menschen, die durch andere Abweichungen von gesellschaftlichen Normen unter besonderen, feindlichen Bedingungen leben müssen: Kranke, Behinderte, Farbige, Ausländer... Sie alle müssen ihr Anderssein entweder so weit wie möglich aufgeben, verbergen oder verleugnen oder aber selbstbewußt gegen die Umwelt verteidigen -- und das erfordert gesteigerte Wachheit und verstärkte Ich-Kräfte. Die Chancen sind natürlich keine Automatismen. Sie werden uns durch ein solches Anderssein angeboten, werden aber nur wirksam, wenn wir sie ergreifen. Sonst überwiegen die einschränkenden, feindlichen, diskriminierenden und krankmachenden Bedingungen, und wir werden zu jammernden und klagenden Außenseitern.

Die in unserer Gesellschaft noch vorherrschende Ablehnung alles Homosexuellen, die nahezu jeder, der irgendwann in sich solche Anteile entdeckt und zu leben versucht, erfahren muß, macht sensibler auch für alle anderen Arten von Unterdrückung und Diskriminierung, macht offener für alles Von-der-Norm-Abweichende, macht skeptischer gegenüber den eingefahrenen Wegen, auf denen die meisten Menschen so selbstverständlich und widerspruchslos entlanggeschoben werden...

Gleichgeschlechtlich Liebende haben die Möglichkeit, neue und eigene Formen des mitmenschlichen Zusammenlebens zu suchen und zu erproben: Die tragenden Institutionen des heterosexuellen sozialen Lebens, wie zum Beispiel die Ehe, passen nicht. Wenn sie versuchen, sie trotzdem zu übernehmen, beispielsweise, indem sie "wie Mann und Frau" und mit derselben dort üblichen Rollenverteilung zusammenleben, wird das leicht zum lächerlichen Zerrbild. Was auch für heterosexuell lebende Menschen gilt, trifft für Homosexuelle ganz besonders zu: Das Zusammenleben muß unabhängig von durch Eltern und Familie vorgelebten Traditionen neu gegriffen und gestaltet werden. Homosexuelle müssen, sehr viel stärker als etwa unverheiratet zusammenlebende heterosexuelle Paare, ihre Lebensweise immer von neuem gegenüber Umwelt, Nachbarn, Familie, Arbeitskollegen rechtfertigen und begründen (oder verstecken!). Dabei kann man viel Zeit und Kraft verlieren -- und auch im schlimmsten Fall zerbrechen --, aber die Anstrengung kann auch neue Kräfte freisetzen und kreativ genutzt werden. Wo Muster und Schablonen fehlen, ist Raum, Neues zu erfinden und zu erproben.“ (Lit.: Kranich, ebd.)

Mann und Frau oder Weiblich-Männlich

„Für unser Thema ist es sehr wichtig, zu unterscheiden zwischen den Begriffspaaren weiblich-männlich und Mann-Frau. Sie sind keineswegs identisch. Allgemein bekannt ist die Tatsache, daß im Körper des Mannes auch "weibliche" Sexualhormone vorkommen. Sie werden in ihrer Wirkung nur überlagert von den männlichen - trotzdem nennen wir das Wesen, der physischen Erscheinung nach, Mann, und nicht etwa "Dreiviertelmann". Ähnliches gilt für die anderen Merkmale, die für die Entscheidung, ob Mann oder Frau, wichtig sind: Nicht das reine Auftreten, sondern ihr Überwiegen zählt. Nicht selten ist die Entscheidung auf den ersten Blick gar nicht so leicht -- und die Natur produziert ja auch manchmal echte Zwischenstufen ("Zwitter").

Die eigentliche Polarität ist also die des Weiblichen und Männlichen mit ihren verschiedenen Merkmalen, jedes Individuum befindet sich irgendwo in diesem vieldimensionalen Feld, und je nachdem, ob die weiblichen oder die männlichen Eigenschaften vorherrschen, sagen wir "Frau" oder "Mann".

Noch verwirrender wird das alles, wenn wir nun noch die gegengeschlechtlichen Ätherkräfte hinzudenken sollen - der Mann hat einen weiblichen Ätherleib! Was uns also beim Mann seelisch-geistig oft als "typisch männlich" auffällt -- zum Beispiel sein intellektuelleres, abstrakteres, schärferes, aber auch ungeistigeres Denken --, entsteht möglicherweise gerade durch weibliche Ätherkräfte...?

Hiermit soll nur gezeigt werden, daß Mann und männlich bzw. Frau und weiblich nicht dasselbe ist. Das hat für unser Thema Homosexualität eine wichtige Konsequenz: Müssen sich im täglichen Leben nun Mann und Frau ergänzen (zum Beispiel in der Ehe) --, oder will das Männliche zum Weiblichen? --, und sind dazu Mann und Frau nötig --? Solche Fragen, jenseits aller muffigen Moral und Konvention, aufzugreifen und zu erhellen, könnte ein interessantes Feld für anthroposophisch-phänomenologische Forschungen sein.“ (Lit.: Kranich, ebd.)

Zum Umgang mit Homosexualität in der Schule und im weiteren Leben

Die Ärztin und langjährige Leiterin der medizinischen Sektion am Goetheanum, Michaela Glöckler, hat in einem Interview mit der Zeitschrift Erziehungskunst einige Fragen berührt, die im Schulrahmen im Umgang mit Homosexualität auftauchen können.

Zum Umgang mit Vorurteilen

„Da gibt es zunächst die Ansicht, Homosexualität sei abwegig und abnorm und »nicht gesund«. Dann gibt es das Vorurteil, Homosexuelle neigten triebhaft zur Verführung Minderjähriger und seien deshalb eine Gefahr im Um gang mit Jugendlichen. Und schließlich gibt es das Vorurteil der Promiskuität, die Homosexualität gleichsetzt mit raschem Partnerwechsel und schnellem anonymen Sex.

Wie immer bei Vorurteilen stützt man sich auf etwas, was man einmal gehört hat, jedoch nie einer gründlichen Prüfung unterzog. Daher gilt es, zunächst einmal zu verstehen, warum es zu diesen Vorurteilen gekommen ist, welche Erfahrungen die Menschen tatsächlich im Umgang mit homosexuellen Mitmenschen gemacht haben. Schließlich muß man dann versuchen, der Einzelsituation gerecht zu werden.“ (Lit.: Interview mit Michaela Glöckler: Zum Umgang mit Homosexualität in der Schule pdf)

Homosexualität und Karma

Michaela Glöckler sieht Homosexualität vor allem als ein karmisches Phänomen, das eben deshalb auch nicht als „krankhaft“ und deshalb „behandlungsbedürftig“ angesehen werden dürfe. Es sei wichtig, heute nicht pathologisierende Ansätze zu vertreten, die den Weg ebnen für die Anerkennung der Homosexualität als möglicher Lebensform, die keiner medizinischer Behandlung bedarf.

„Ich halte die Homosexualität in erster Linie für ein »karmisches« Phänomen, dessen tiefere Ursachen nicht innerhalb des gegenwärtigen Erdendaseins, sondern in größeren Zusammenhängen zu suchen sind. Die Gründe, die man innerhalb des jetzigen Lebens finden kann, sind meiner Überzeugung nach nur Anlässe, die eine tiefere, schicksalsmäßige Neigung zur Erscheinung bringt. Welche der vordergründigen Anlässe letztlich davon gesellschaftlich die größte Akzeptanz finden, ist allerdings eine wichtige Frage. Bisher haben überwiegend die Ansichten gegolten, die die Homosexualität als krankhaft darstellen und damit im Grunde genommen auch als behandlungsbedürftig. So ist es jetzt nur zu verständlich, daß man nach Erklärungsmodellen sucht, die nicht pathologisierende Ansätze vertreten und den Weg ebnen für die Anerkennung der Homosexualität als möglicher Lebensform, die keiner medizinischer Behandlung bedarf.“ (Lit.: Glöckler, ebd.)

Homosexualität und Therapie

„Aus dem bisher Gesagten geht schon hervor, daß es nur möglich und sinnvoll ist, einen Homosexuellen zu behandeln, wenn er dies ausdrücklich wünscht. Dies ist jedoch nur sehr selten der Fall. Meist geht es bei einer Behandlung gerade darum, das nötige Selbstbewußtsein zu entwickeln, zu der eigenen geschlechtlichen Identität zu stehen und sie leben zu lernen. Das Leiden bezieht sich häufig nicht auf die Homosexualität, sondern auf die sozialen Widerstände, sie zu leben.“ (Lit.: Glöckler, ebd.)

Homosexualität und sexuelle Entwicklung

„Als spielerischer Versuch tritt jedoch die homosexuelle Neigung im Pubertätsalter – mehr oder weniger bewußt – beinahe bei allen Jungen und Mädchen vorübergehend auf, bis die Identifizierung mit dem eigenen Geschlecht vollzogen und die geschlechtliche Orientierung im Sinne der Hetero- oder Homosexualität ausgebildet ist. Allerdings gilt diese sexuelle Spielphase ebenso für die heterosexuelle Beziehung. So zeigt sich erst nach dieser Phase, bei wem die homosexuelle Neigung auf Dauer beherrschend ist. Für solche Menschen ist sie der »Normalzustand«, und es kann sich dabei um geistig wie ethisch hochstehende, ja sogar überragende Menschen handeln, in deren Persönlichkeit nichts Krankhaftes zu finden ist.

Auch gehört zu dieser Fragestellung die Berücksichtigung der Tatsache, daß sich die sexuelle Orientierung eines Menschen im Laufe seines Lebens ändern kann. Da gibt es nicht nur die Situation, daß ein homosexuell veranlagter Mensch später doch eine heterosexuelle Verbindung eingeht und eine Familie gründet, sondern auch das Umgekehrte: Nach 10 oder 15 Jahren Ehe mit einem oder mehreren Kindern kommt es zur Trennung, und einer der beiden Partner lebt später – oder es war schon mit ein Grund, der zur Trennung beigetragen hat – in einer homosexuellen Verbindung weiter.

Menschliche Beziehungen sind in erster Linie Schicksalskonstellationen und nicht primär einer rein konstitutionellen Betrachtung zugänglich. Vielmehr muß beides – Konstitution und Schicksal – in seiner gegenseitigen Beeinflussung oder auch Wechselwirkung gesehen werden. Goethe hat es so treffend formuliert, daß der Mensch nicht wie das Tier von seinen Organen (Werkzeugen) belehrt wird, sondern seine Organe belehren muß. Der Mensch ist zu einem viel freieren Umgang mit seinem Organismus veranlagt als das Tier. Dadurch kann er die verschiedenartigsten Erfahrungen machen. Lernt er durch seine Erfahrungen, menschlicher zu werden: wahrhaftiger, liebevoller, freier, so gesundet er im Laufe seines Lebens immer mehr. Ich glaube nicht, daß die Krankheitstheorie in bezug auf die Homosexualität etwas Positives zum Umgang mit ihr beitragen kann. Sie hat vielmehr im Lauf der Geschichte viel Leid bewirkt.“ (Lit.: Glöckler, ebd.)

Was kann es für Homosexuelle bedeuten, einer Minderheit anzugehören?

„Was bedeutet es aber, in dem Bewußtsein zu leben, einer Minderheit anzugehören? In der großen Gesellschaft nicht angepaßt zu sein, sondern um Anerkennung seiner eigenen Lebensform ringen zu müssen? Das Positive einer solchen Schicksalssituation ist ganz sicher immer, daß dadurch das Bewußtsein von der eigenen Persönlichkeit, das Stehen zu sich, so wie man ist, eine Stärkung erfährt. Wie leicht ist es doch demgegenüber, »normal« und angepaßt im großen Strom der Zeitgenossenschaft mitzuschwimmen. Wohingegen einer Minderheit anzugehören immer bedeutet, daß man auffällt, anstößt, sich rechtfertigen, bekennen muß und – um akzeptiert zu werden – in der Regel mehr leisten muß als andere. Nicht nur, wenn die Auseinandersetzung gelingt, sondern auch im Falle des wiederholten oder gar dauerhaften Scheiterns kann sich dies jedoch als ausgesprochen förderlich auf die Entwicklung im Gang der wiederholten Erdenleben auswirken. Auch gehört viel Mut und wirkliche Liebe dazu, eine Liebesbeziehung zu leben und durchzutragen, der die gesellschaftliche Anerkennung versagt bleibt oder wo diese zumindest erschwert ist.

Neben dem Sinn für den Homosexuellen selbst kann aber auch eine Aufgabe für die anderen gesehen werden: Die Mitmenschen können einen ebenso starken Anstoß erleben, der ihnen im günstigen Fall zu mehr Toleranz und Verständnis für das Anders-Sein der Betroffenen verhelfen kann.“ (Lit.: Glöckler, ebd.)

Chancen für die Gesellschaft

„Was ein Homosexueller in die Gesellschaft einbringen kann, hängt in erster Linie von dem ab, was er als Persönlichkeit darstellt, für welche Ziele er lebt und wofür er seine Arbeitskraft einsetzt. Was nun das Geschlechtsleben anbetrifft, so denke ich, daß dieses nicht nur beim Heterosexuellen, sondern auch beim Homosexuellen seine individuelle Angelegenheit sein sollte. Über das Geschlechtsleben viel zu reden oder sich öffentlich beim Liebesspiel zur Schau zu stellen, erlebe ich nicht als Attribut des Erwachsenseins, sondern allenfalls als spätpubertäres Verhalten. Hingegen strahlen alle menschlichen Beziehungen, die von gegenseitiger Achtung, von Liebe und Zärtlichkeit geprägt sind – mit oder ohne sexuelle Grundlage – positiv in den sozialen Umkreis aus. Wo Menschen sich verbinden, entstehen Kräfte, die auch anderen zugute kommen. Und so kann eine stabile Beziehung unter homosexuellen Männern oder Frauen in ähnlicher Weise ein offenes Haus für andere oder ein Ausstrahlungspunkt für wichtige Aktivitäten sein, wie die eheliche Beziehung zwischen Mann und Frau oder ein intaktes Familienleben es sind. Letztlich kommt es doch immer darauf an, ob eine menschliche Beziehung produktiv und damit wertvoll für den Umkreis ist. Und da gibt es unter Menschen ja nicht nur die Möglichkeit, physische Kinder zu zeugen, sondern auch seelische und geistige.

Wenn ich heute sehe, wie wenige Kinder noch aus sogenannten intakten Familien kommen und wie selten es Mann und Frau gelingt, ihre Geschlechtlichkeit so in das soziale Miteinanderleben zu integrieren, daß dauerhafte Lebensgemeinschaften entstehen können, so wundert es mich oft, woher sich eigentlich die Arroganz und das Sich-Besser-Vorkommen speist, die so oft von seiten der Vertreter heterosexueller Lebensformen denjenigen der Homosexuellen gegenüber demonstriert werden. Ganz sicher ist jedoch die Tatsache, daß die Homosexualität eine Herausforderung für die Gesellschaft darstellt, um aktive Toleranz und Verständnis für das »anders sein« zu entwickeln.“ (Lit.: Glöckler, ebd.)

Homosexualität in der Waldorfschule

Innerhalb der Waldorfschulen zeigt sich die gesellschaftliche Entwicklung im Umgang mit Genderfragen sehr deutlich. Hier ist in den letzten Jahrzehnten viel passiert. Immer noch reicht das Spektrum der Zugänge zum Thema von konservativen, am Bild der klassischen Familie ausgerichteten bis zu liberalen, mit der allgemein gesellschaftlichen Entwicklung mitgehenden Lernbewegungen. Ein eigenständig waldorfpädagogischer Zugang zum Thema lässt sich vielleicht am ehesten in Richtung einer am Einzelindividuum ausgerichteten, eine bildhafte und inclusive Sprache gebrauchenden Praxis ausmachen. Es sind seit Jahren eigenständige Ansätze zu einer waldorfpädagogischen "Beziehungskunde" in Entwicklung.

„Handlungsmöglichkeiten gibt es viele. Sie beginnen bei der Frage wie ich in »meiner Klasse« mit dem Thema umgehe, wie sprachlich sensibel ich mich verhalte, ob ich schwul / lesbisch als Schimpfwort mit derselben Selbstverständlichkeit zurückweise, wie ich das bei rassistischen oder anti-religiösen Äußerungen tue. Wähle ich im Unterricht meine Beispiele ausschließlich heterosexuell oder gibt es auch Beispiele gleichgeschlechtlich Liebender? Wähle ich meine Ansprache an die Schüler und Schülerinnen so, dass ich sie ausschließlich heterosexuell oder cisident (Übereinstimmung von primären biologischen Geschlechtsmerkmalen mit der gefühlten Geschlechtsidentität) verorte oder versuche ich, neutrale, alle sexuellen und geschlechtlichen Identitäten einschließende Formulierungen zu wählen? Was in der Klasse gilt, sollte auch im Kollegium gelten. Gerade in größeren Kollegien gehören schwule Kollegen, lesbische Kolleginnen, manchmal auch transidente oder intersexuelle Kolleginnen selbstverständlich dazu.

Aber sind sie auch genauso sichtbar wie die heterosexuellen und cisidenten Kollegen und Kolleginnen? Gibt es eine Kultur des Willkommens für jegliche Form sexueller und geschlechtlicher Identität?“ (Lit.: Joachim Schulte: Vielfalt sichtbar machen! html)

Ursachen der Homosexualität

Der in den Niederlanden bekannte Arzt Bernard Lievegoed hat den Versuch unternommen, sich dem schwierigen Kapitel der möglichen Ursachen von Homosexualität anthroposophisch zu nähern.

„Homosexualität (...) hat ihre Wurzel in der Entwicklungsgeschichte des physischen Leibes. In den ersten Wochen der Embryonalzeit wird die sogenannte "Urniere" angelegt, aus welcher sich sowohl die männlichen, als auch die weiblichen Organe entwickeln können. Anfänglich ist es auch tatsächlich so, daß sich beide Möglichkeiten zugleich entwickeln, ab einem bestimmten Moment jedoch, zwischen dem 20. und dem 30. Tag, entwickelt sich dann nur noch die eine Möglichkeit, und die andere wird zurückgehalten. Die Reste dieser anderen Möglichkeit sind dann während unseres ganzen Lebens in unausgebildeter Form weiterhin in uns vorhanden. Der Ätherleib als die formbildende, aktivierende Kraft bringt das Wachstum zustande, und wo dies der Fall ist, hat sich der Ätherleib völlig mit der Physis verbunden. Überall dort aber, wo sich eine potentielle Möglichkeit, die im Ätherleib vorhanden ist, nicht im Physischen auslebt, besteht diese Ätherstruktur als solche dennoch weiter. So kommt es, daß jeder Mann einen weiblichen Ätherleib besitzt und jede Frau einen männlichen Ätherleib. Das besagt: Dem physischen Leibe nach ist man ein Mann oder eine Frau, vom Ätherischen aber ist das jeweils andere Geschlecht potentiell anwesend. Nun hängt vieles davon ab, ob man sich seelisch mehr auf den physischen Aspekt seiner Verkörperung orientiert oder ob man nicht ganz bis dahin 'hinuntersteigt' und sich mehr im eigenen Ätherleib erlebt. Die Homosexualität ist ein Problem der menschlichen Seele in ihrem Verhältnis zum physischen und ätherischen Leibe. Viele Homosexuelle fühlen sich erhaben über andere Menschen, da sie sich (meist unbewußt) als etwas weniger 'irdisch' erleben. Auf der anderen Seite bedeutet die Tatsache, daß man nicht ganz in seine physische Inkarnation herabsteigt, eine Verarmung hinsichtlich der Entwicklungsmöglichkeiten des betreffenden Lebens. Doch gerade die Wahl solcher Inkarnationsbedingungen und der damit zusammenhängenden fehlenden Kräfte hat einen tiefen karmischen Hintergrund, den man nur dann zu beurteilen vermag, wenn man in verantwortlicher Weise das Karma eines anderen Menschen durchschauen kann. Solange dies nicht möglich ist, enthalte man sich aller Spekulationen und vor allem allgemeiner Äußerungen über mutmaßliche karmische Hintergründe.“ (Lit.: Bernard Lievegoed: Der Mensch an der Schwelle, S. 29f)

Versachlichung des Themas Homosexualität

Der bekannte Jugendpädagoge und Autor Henning Köhler äußert sich aus seiner Beraterpraxis mit einem deutlichen Appell zur Deeskalation im Umgang mit Homosexualität.

„Ich werde manchmal gefragt, was es aus der Anthroposophie heraus zur Homosexualität zu sagen gäbe. Da kommt sicher der eine oder andere geisteswissenschaftliche Aspekt in Betracht, besonders die von R. Steiner beschriebene präkonzeptionelle Wahl der Geschlechtszugehörigkeit für das bevorstehende Erdenleben. Während bei der heterosexuellen Orientierung mit der Geschlechtswahl zugleich seelisch die gegengeschlechtliche Präferenz als emotional-affektiver Richtungsimpuls angelegt und damit das im Bios der Tierwelt verankerte Grundmuster bestätigt wird, ist bei der Homo- oder Bisexualität diese Polarisierung (auf einen »männlichen Leib« gerichteter Inkarnationsimpuls versus auf einen »weiblichen Leib« gerichteter Grundstrom des Begehrens oder andersherum) nicht oder nicht eindeutig gegeben. In der Sphäre, die der Mensch mit dem Tierreich gemeinsam hat, findet aus vorgeburtlichen Impulsen heraus eine Modifikation des Grundmusters statt. Daraus läßt sich schließen, daß es karmische Motive gibt, die stärker sind als die biologische Norm und diese relativieren oder »umpolen«. Moralische Gesichtspunkte kommen hier überhaupt nicht in Betracht. (....) Unterstellt man bei jeder Art von ungewöhnlicher, d. h. nicht normentsprechender Veranlagung als Arbeitshypothese ein besonderes karmisches Interesse und damit einen tieferen Sinn, kommt man von moralischen Bewertungen und Defektzuschreibungen ab. Auch Bisexuelle werden ihre verborgenen Gründe dafür haben, daß sie nicht nur dem Grundmuster, sondern auch dem »umgepolten« Begehren folgen. Grundsätzlich muß ich gestehen als Heterosexueller, daß es mir widerstrebt, Homo- oder Bisexuelle zum Gegenstand wissenschaftlicher (und sei es geisteswissenschaftlicher) Erörterungen zu machen. Man steht dabei schnell mit einem Bein auf diskriminierendem Boden, vergleichbar mit der Unsitte, daß Männer über »das Wesen der Frau« dozieren. Überlassen wir die Erforschung des Phänomens Homo-/Bisexualität den Betroffenen. Man kann sich gut mit der einfachen Feststellung begnügen, daß es manches gibt im Leben, was eher selten vorkommt und trotzdem zum festen, »normalen« Grundbestand der Welterscheinungen gehört. Eine gelassene, selbstverständliche Haltung muß gewonnen werden. Alles sensationelle Aufbauschen des Themas ist unangebracht. Das betrifft umgekehrt auch die Idealisierung oder Heroisierung der Homosexualität. Was gibt es da zu verklären? Nichts. Es gibt aber auch nichts zu beargwöhnen oder gar in den Schmutz zu ziehen. Unter Homosexuellen werden nicht mehr und nicht weniger sexuelle Abwegigkeiten praktiziert (ich verstehe darunter die lieblose Be- und Ausnutzung, die Demütigung und den gewalttätigen Übergriff) als unter Heterosexuellen. Homosexuell zu sein ist weder ein Makel noch eine Auszeichnung. Von solcher Selbstverständlichkeit sind die meisten Menschen allerdings noch weit entfernt. Ein Zeichen für wirkliche gesellschaftliche Akzeptanz wäre es, endlich die gesetzlichen Grundlagen dafür zu schaffen, daß Homosexuelle heiraten können.

Und warum bestehen immer noch Bedenken gegen homosexuelle Lehrer und Erzieher? In meiner Sprechstunde tauchen manchmal Jugendliche auf, denen gerade erst klargeworden ist, daß sie »anders« sind. Einige von ihnen erlebten ihr blaues Wunder, als sie sich ihren Eltern gegenüber »outeten«, und darunter waren, nebenbei bemerkt, auch Elternhäuser »aus unseren Zusammenhängen«. Die Reaktion war Weltuntergangsstimmung! Da wurde unbesehen behauptet, eine ganz üble Verführung durch eine ganz und gar verkommene Person müsse stattgefunden haben. Man redete über die entscheidende Liebesbeziehung so, als habe ein böser Heroin-Dealer ein wehrloses Kind angefixt. Eine Psychotherapie müsse jetzt her. Ich spreche wohlgemerkt von Fällen, in denen eine außerordentlich beglückende sexuelle Erfahrung dem/der betreffenden Jugendlichen die Augen geöffnet hatte. Nun ist ja diese Selbsterkenntnis an sich schon ein schwerer Brocken, denn Homosexualität bedeutet, um es auf den Punkt zu bringen, daß man sich die Träume von Eheund Elternglück aller Voraussicht nach abschminken kann. Aber die bürgerliche Kleinfamilienidylle ist in unserer Kultur als Sehnsuchtsbild tief in die Seelen eingeprägt, auch wenn sie nach außen hin bekrittelt und bespöttelt wird (niemand wird leugnen: mit gutem Grund). Ich kann nur sagen: Man darf den Jugendlichen in dieser Situation das ohnehin Schwere nicht noch schwerer machen! Natürlich kann es vorkommen, daß eine Verführung eine homosexuelle Episode nach sich zieht, die irgendwann zuende ist, und das war's dann auch in den meisten Fällen. Viele Jugendliche sind sexuell ein wenig ambivalent. Es liegt fast immer zumindest eine leise homoerotische Tendenz vor, die vorübergehend in den Vordergrund treten kann. Aber es bedarf keines Therapeuten, um herauszufinden, welche sexuelle Präferenz sich letztlich durchsetzen wird. Man kann auf alle Fälle davon ausgehen, daß Jugendliche, die vor uns hintreten und ernst und deutlich erklären, sie seien schwul, ganz gut wissen, was sie sagen. Reaktionen des Entsetzens sind in dieser Situation schmerzhaft wie Peitschenhiebe. Unser Beistand ist gefragt, unser Verständnis, unsere Gelassenheit, sonst nichts.“ (Lit.: Henning Köhler: Wie kann Sexualität menschlich werden? pdf)

Genderfragen

„Hilfreich ist es, das Thema »Gender« alltagsnah zu begreifen. Der Begriff wird hier als Konzept interpretiert, der ermöglichen soll, Geschlecht und Rollenverständnis über die binäre Geschlechtereinteilung hinauszudenken und Kritik an statischen Auffassungen von Mann und Frau, Sexualität, Begehren und Verhalten zu üben. Der Begriff umfasst Chancengleichheit, Vielfalt, Anerkennung und gibt Raum für mehr als zwei Geschlechtsidentitäten. Im täglichen Leben begegnen uns selten, aber immer häufiger Menschen, die in ihrem Lebensentwurf die vorgegebene binäre Geschlechtereinteilung durchbrechen und dabei immer wieder an ihre Grenzen stoßen.“ (Lit.: Johanna Thomas: Wer bin ich, wer will ich sein, wer kann ich sein?. Erziehungskunst, Mai 2017)

„Christian Breme hat für Waldorfschulen das Fach "Beziehungskunde" entwickelt. Er widmet sich im "Goetheanum" Nr. 11/2014 diesen Phänomenen und dem Entstehen der Gender-Bewegung. Die sich verändernde Konstitution der Menschen – das lockerer gewordene Verhältnis der Seele zum Leib – identifiziert Breme als Auslöser für Unsicherheiten im Erleben der Geschlechtsidentität. Breme geht dabei von Rudolf Steiners Hinweis aus, dass jeder Mensch neben dem biologischen Geschlecht das gerade andere Geschlecht auf Ebene der Lebenskräfte (Ätherleib) habe: "So möchte ich als Hypothese formulieren", schreibt Breme, "dass viele "gender-fluid children" und sich als Transgender charakterisierende Menschen eben diese Zweigeschlechtlichkeit in sich stärker erleben als andere oder im Erleben ganz in die innere Erfahrung des zweiten Geschlechts (des Ätherleibs) eintauchen.

Die Ärztin Lore Deggeller ergänzt den Schwerpunkt mit einem Kommentar zur sexuellen Früherziehung. Darin kritisiert sie das zu frühe Ansprechen körperlicher Reize im Kindesalter. Sie verortet diese Ausrichtung im Gender-Mainstreaming.“ (Lit.: Sebastian Jüngel: Hinterfragte Geschlechtsidentität, Goetheanum, 14.03.2014)

„Aus den individuell diversen Verhältnissen, die sich aus der unterschiedlichen Relation der physischen und ätherischen Prägungen des Leibes ergeben, sowie aus der jeweils individuellen seelischen Beziehung zu diesen Prägungen auf unterschiedlichen Ebenen müssen prinzipiell unendliche Ausgestaltungen der individuellen Genderidentität im Spannungsfeld des Weiblichen und Männlichen angenommen werden. Diese Differenzierung kann auch als anthroposophische Begründung zu selbstbestimmter Entscheidung und damit zur Überwindung eines Geschlechterdeterminismus gesehen werden.

Gender und Sexualität werden gegenwärtig nicht als biologische Gegebenheiten, sondern als Entscheidung gesehen. Insofern sind zu den klassischen Kategorien der Hetero- und Homosexualität die Anerkennung der biologischen und psychologischen Intersexualität und in nicht kategorisierbarer Vielfalt Transgenderkonzepte getreten.

Da sie häufig in Spannung zu den Selbst- und Umgebungserwartungen realisiert werden und auch in der Entscheidungsfindung für die Betroffenen oft mit Unsicherheit und Krisen verbunden sind, werfen sie immer Fragen nach der Verstehbarkeit und Lebbarkeit auf. Auch wenn Steiners Begriffe an der klassischen Polarität von Weiblichkeit und Männlichkeit entwickelt wurden, bergen gerade die von der Konstitution der Wesensglieder abgeleiteten Differenzierungen, wenn man sie nicht bloß mit Frausein und Mannsein identifiziert, das Potenzial, differenzierte Genderkonzepte zu beschreiben und in ihrer Besonderheit zu verstehen.

Das moderne Genderbewusstsein resultiert aus dem Respekt vor der Individualität. Es ist eine Herausforderung an unser Differenzierungsvermögen sowie an unser Vermögen zu Selbstfindung und Selbstbestimmung. Es erweitert auch die oben erläuterte moderne Auffassung von Identitätsbildung. Denn hier handelt sich das Ich nicht nur in der Selbst-Welt-Beziehung ständig neu aus, sondern u.U. auch innerhalb mehrerer Schichten des eigenen Daseins. Inwiefern hier die anthroposophische Differenzierung von Wesensgliedern und Seelenmodi Orientierung geben kann, müsste weiter untersucht werden.“ (Lit.: M. Michael Zech: Genderbewusstsein, Erziehungskunst, Juni 2017)

Religionsgemeinschaften und Homosexualität

Zum Umgang der Christengemeinschaft mit homosexuellen Paaren

„Die 1922 mit Unterstützung von Rudolf Steiner gegründete „Christengemeinschaft“ gehört zu den unauffälligeren Impulsen der Anthroposophie. Sie widmet sich vorrangig der Pflege des religiös-kultischen Lebens und hält sich, anders als die großen Kirchen, in gesellschaftlichen Fragen eher zurück. Umso erstaunlicher, dass sie gerade beim Thema Homo-Ehe liberale Wege geht. Während sich hier insbesondere die katholische Kirche schwer tut, brauchen sich in den Gemeinden der Christengemeinschaft gleichgeschlechtlich liebende PriesterInnen nicht zu verstecken und werden homosexuelle Paare gesegnet.“ (Lit.: Christengemeinschaft und Homosexualität - Ein Interview)

Dennoch gilt die Ehe zwischen Mann und Frau als der Normalfall. Und nur für letztere ist das Trauungssakrament bestimmt.

Die katholische Kirche zur Homosexualität

„Eine nicht geringe Anzahl von Männern und Frauen haben tiefsitzende homosexuelle Tendenzen. Diese Neigung, die objektiv ungeordnet ist, stellt für die meisten von ihnen eine Prüfung dar. Ihnen ist mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen. Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen und, wenn sie Christen sind, die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Verfasstheit erwachsen können, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu vereinen.

Homosexuelle Menschen sind zur Keuschheit gerufen. Durch die Tugenden der Selbstbeherrschung, die zur inneren Freiheit erziehen, können und sollen sie sich - vielleicht auch mit Hilfe einer selbstlosen Freundschaft -, durch das Gebet und die sakramentale Gnade Schritt um Schritt, aber entschieden der christlichen Vollkommenheit annähern.“ (Lit.: Katechismus der Katholischen Kirche, 1997, Nr. 2358, 2359)

Homophobe Tendenzen in der anthroposophischen Bewegung

In der anthroposophischen Bewegung sind auch homophobe Äusserungen zu finden. Diese zeigen allerdings eine begrenzte meinungsbildende Reichweite innerhalb der institutionellen Anthroposophie. Verwirrend kann wirken, dass bei diesen Äusserungen häufig blosse Vermutungen als geisteswissenschaftliche Erkenntnisse präsentiert werden. Kritisch über den Umgang einzelner Anthroposophen und Waldorfpädagogen mit der Sexualität insgesamt äußert sich Valentin Hacken. Er nimmt dabei insbesonder auch das bekannte, aber mittlerweile vergriffene Buch »Sexualkunde in der Waldorfpädagogik« aufs Korn:

„Das wird die Autoren des Buchs »Sexualkunde in der Waldorfpädagogik« nicht beruhigen, denn dort gilt Pornographie ohnehin als Teufelswerk. Sexuelle Vielfalt sucht man hier vergebens, lediglich Homosexualität findet sich als »brennende Frage aus der Praxis« und kann laut Michaela Glöckler ihre Ursache u.a. in gewaltvollen sexuellen Erlebnissen der vergangenen Inkarnationen haben. Statt Gender-Mainstreaming, das nach Rollenbildern und Stereotypen fragen würde, lässt sich lernen, dass die Frau sich für das tiefe, intellektuelle Nachdenken weniger eignet als der Mann und ein leistungsorientiertes Bildungssystem männlich ist.“ (Lit.: Valentin Hacken: Die Sexualkunde gehört entrümpelt. Eine Polemik. Erziehungskunst Mai 2014)

Harald Högler sieht die Homosexualität als Auswirkung eines ungesunden Seelenlebens in einer vorangegangenen Inkarnation. In seinem Werk "An den europäischen Menschen" schreibt er:

„Etwas wo sich vorangegangenes ungesundes Seelenleben ebenfalls bis in die physische Leiblichkeit hinein ausgewirkt hat, ist die Homosexualität. Sie ist ein Ergebnis des ungerechtfertigten Eindringens ins Geistige, des lediglich Naschens an der geistigen Welt, wie Rudolf Steiner es ausdrückt. Doch die Ursache der jetzigen Veranlagung liegt im vorangegangenen Erdenleben. Dass heute das Sakrament der Ehe nicht mehr vom Sakrileg unterschieden werden soll, das ist bald für alle Lebensbereiche symptomatisch und zeigt die Notwendigkeit der Geisterkenntnis für Europa.“ (Lit.: Harald Högler: An den europäischen Menschen, S. 32)

Der bulgarischer Anthroposoph Dimitar Mangurov spricht sich über die seines Erachtens wahren Ursachen der Homosexualität wie folgt aus:

„Wir wissen, dass der Mann einen weiblichen Ätherleib hat und die Frau – einen männlichen. Wenn der Mann einen männlichen physischen Leib und einen weiblichen Ätherleib hat, kommt es zur Harmonisierung zum Gleichgewicht der beiden und dann ist der Astralleib, in dem das Bewusstsein sich entwickelt, neutral. Dort wohnt die Seele. Sie und der Astralleib besitzen kein Geschlecht, aber äußerlich ist der Mensch in einem bestimmten Geschlecht individualisiert. Wenn man aber Transvestiten, Homosexuelle usw. betrachtet, sind die Dinge bei ihnen anders gelagert. Ein Transvestit wird beispielsweise als Mann geboren. aber sein Ätherleib ist weiblich, das ist obligatorisch und keine Frage der persönlichen Wünsche oder dergleichen. Warum beginnt dieser Mann, sich als eine Frau zu benehmen? Weil es wegen des Missbrauchs der Sexualität in früheren Leben zu einer Infektion des Astralleibes kam. Wenn man den Astralleib infiziert, wird diese Infektion durch das Karma in das gegenwärtige Leben auf den Ätherleib übertragen, von dort gelangt sie in den physischen Leib und der Mann wird instinktiv vom weiblichen Prinzip angezogen. Der Ursprung dieses Instinkts sind nicht die Gene des physischen Körpers, sondern die astralische Infektion aus dem vorherigen Leben. Als Ergebnis fühlt sich dieser Mann körperlich als eine Frau, sein Ätherleib ist weiblich, somit haben wir zwei Frauen, es fehlt die Harmonie im Astralleib und die Seele quält sich. Solche Menschen, die zwei Frauen in sich vereinen, sind tief unglücklich, denn sie wissen nicht, was sie sind. Sie sagen: Ich möchte mich auf diese Weise ausleben, ich habe das „demokratische“ Recht darauf. Nein, Mann, du bist durcheinander, denn dein Astralleib ist infiziert, was an dem endlosen Missbrauch der Sexualität liegt. Können Sie sich vorstellen, was später aus dem gigantischen Sexualitätsmissbrauch, der im 20. Jahrhundert massenhaft begann, als die Asuras sich in die Entwicklung einmischten! Früher hatte Giacomo Casanova einige Dutzend Frauen und den Ruhm eines legendären Liebhabers, heutzutage kann jede prominente Persönlichkeit Hunderte, ja sogar Tausende sexuelle Errungenschaften aufzählen. Es soll sogar Liebesdienerinnen geben, die an einem Sex-Marathon mit Tausenden von Männern innerhalb von wenigen Tagen teilnehmen. Das wird ein gigantisches Karma und furchtbare zukünftige Infektionen nach sich ziehen und nachdem solche Menschen reinkarniert sein werden, werden sie den ungezügelten Sex und die anderen Entartungen des gesunden Menschenverstandes propagieren. Solche Menschen werden zum idealen Werkzeug Ahrimans, Luzifers und der Asuras!“ (Lit.: Dimitar Mangurov: Die Geheimnisse von Golgatha, Vortrag am 28.09.2014 in Varna)

Siehe auch

Literatur

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Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
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Weblinks