Händigkeit

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Die dominante rechte Hand führt den Schreibstift und wird beim Schreiben von der nichtdominanten linken Hand unterstützt, die das Blatt festhät (Studie von Erasmus von Rotterdam, etwa 1523)

Als Händigkeit oder Chiralität (von griech. χειρ ch[e]ir „Hand“) bezeichnet man die bevorzugte Verwendung einer bestimmten Hand, namentlich für Tätigkeiten die viel Kraft, Schnelligkeit und feinmotorische Geschicklichkeit erfordern. Weltweit und unabhängig von der jeweiligen Kultur überwiegt die Rechtshändigkeit deutlich. Der Anteil an Linkshändern liegt nach statistischen Untersuchungen nur bei etwa 10 bis 15%[1], wobei aber der Grad der Händigkeit für verschiedene Tätigkeiten oft unterschiedlich ausgeprägt ist. Beidhänder setzen beide Hände weitgehend gleichwertig ein.

Neurologische Untersuchungen zeigen, dass die Händigkeit mit einer Dominanz der jeweil gegenüberliegenden Gehirnhälfte verbunden ist, in der dann auch die Sprachzentren ausgebildet werden (→ Lateralisation des Gehirns). Die Dominanz der linken Hemisphäre bei der Sprachproduktion lässt sich bei rund 95 % der Rechtshänder und 70 % der Linkshänder nachweisen[2]. Neurologische Asymmetrien finden sich bereits bei Weichtieren und Krebstieren[3]. Auch viele höhere Säugetiere, insbesondere Ratten, Katzen und Affen, bevorzugen namentlich bei der Nahrungsbeschaffung die linke oder rechte Vorderpfote, wobei aber „Rechts-“ und „Linkspföter“ etwa gleichstark vertreten sind[4]. Überraschenderweise ist das auch bei vielen Beuteltieren der Fall, bei denen das Gehirn über keinen Hirnbalken verfügt, der die beiden Gehirnhälften verbindet.

Die Ursachen, warum ein Mensch Linkshänder oder Rechtshänder ist, werden schon seit der Antike diskutiert. Platon ging davon aus, dass die Händigkeit nicht angeboren sei, sondern erst durch die Erziehung erworben werde und empfahl daher, die Geschicklichkeit beider Hände zu üben[5]. Aristoteles meinte hingegen, dass die Händigkeit angeboren sei[6]. Die Frage ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Vererbung als auch Erziehung bzw. Nachahmung scheinen gleichermaßen eine Rolle zu spielen. So haben etwa linkshändige Eltern häufiger auch linkshändige Kinder. Andersseits können eineiige Zwillinge oft auch eine unterschiedliche Händigkeit entwickeln.[7] Vermutlich besteht auch ein Zusammenhang mit der asymmetrischen Verteilung der Organe im menschlichen Organismus. So liegen etwa hochaktive Stoffwechselorgane wie die Leber in der Regel in der rechten Körperhälfte.

Strittig ist auch noch immer, ob Kinder, die Linkshänder sind, frühzeitig umgeschult werden sollten. Zur Zeit überwiegt die Ansicht, dass man das unterlassen sollte. Rudolf Steiner empfahl in der Regel bezüglich des Schreibens die Umschulung, die allerdings sehr behutsam und mit aufmerksamer Beobachtung erfolgen müsse.

„Bei einem Linkshänder ist es schon notwendig, daß man versucht, möglichst viel dazu zu tun, ihn in einen Rechtshänder umzuwandeln. Nur wenn man sieht in der Praxis, daß es gar nicht gelingt, muß man natürlich mit der Linkshändigkeit fortarbeiten. Aber das einzig wünschenswerte ist, solche Linkshänder in Rechtshänder umzuwandeln; und das wird im wesentlichen ganz besonders mit Bezug auf das Schreiben, das zeichnende Schreiben meistens gelingen. Es ist im allgemeinen natürlich notwendig, daß man ein solches Kind, das man versucht, vom Linkshändigen zum Rechtshändigen überzuführen, sehr stark beobachtet; beobachtet namentlich, wie sehr leicht in einem gewissen Stadium, wenn man eine Zeitlang Anstrengungen gemacht hat, um die Linkshändigkeit in Rechtshändigkeit überzuführen, da gewisse Ideenflüchtigkeiten eintreten; daß das Kind auch unter Umständen wegen zu schnellen Denkens sich fortwährend im Denken ins Stolpern bringt, und dergleichen. Das muß man sorgfältig beachten und dann gerade die Kinder aufmerksam machen auf solche Dinge, weil es viel wesentlicher ist für die Entwickelung des ganzen Menschen, wie dieser Zusammenhang ist zwischen Arm- und Handentwickelung und Sprachzentrumentwickelung, als man gewöhnlich denkt; und vieles andere hat darauf einen Einfluß, ob ein Kind links- oder rechtshändig ist.“ (Lit.:GA 309, S. 90)

„Denken Sie sich, bei linkshändigen Kindern - wenige linkshändige Kinder hat man ja schon auch in der Schule - muß man sich sagen: Während bei allen anderen sehr künstlich ausgebildet ist die linke Schläfenwindung im Gehirn, ist bei diesen Linkshändigen in voller Bildung begriffen, bildet sich aus die rechte Schläfenwindung. Und unterrichte ich die Kinder im Schreiben, da verwende ich die rechte Hand. Diejenigen Kinder, die rechtshändig sind, die werden nur dasjenige verstärken in ihrer linken Stirnwindung, was sie schon angefangen haben auszubilden beim Sprechenlernen. Diejenigen Kinder aber, die linkshändig sind, die werden, wenn ich sie nun zwinge mit der rechten Hand zu schreiben, dasjenige wieder ruinieren, was sie in der rechten Schläfenwindung sich eingebildet haben durch die Sprache. Die ruinieren sich das wieder, und ich habe daher die Aufgabe, da es mit dem Schreiben doch nicht so sein soll, daß man die Linkshänder links schreiben läßt, ich habe zunächst die Aufgabe, bei denjenigen Kindern, welche linkshändig sind, langsam und allmählich dasjenige, was sie mit der linken Hand tun, in die rechte Hand herüberzuleiten, damit sie zuerst lernen, mit der anderen Hand so etwas zu arbeiten, und sie dann erst viel langsamer als die anderen Kinder ins Schreiben hineinkommen. Das macht nichts, wenn die etwas später schreiben lernen.

Wenn ich einfach Kinder, die linkshändig sind, so schnell schreiben lernen lasse wie diejenigen, die rechtshändig sind, so mache ich diese Kinder dümmer, weil ich ihnen wiederum dasjenige ruiniere, was sie in der rechten Gehirnhälfte ausgebildet haben. Also ich muß beachten, daß ich die Kinder, die linkshändig sind, in einer anderen Weise im Schreiben unterrichte als diejenigen Kinder, die rechtshändig sind. Sie werden dadurch eben für das spätere Leben nicht dümmer, sondern gescheiter, wenn ich langsam hineinleite die Linkshändigkeit in die Rechtshändigkeit, und nicht durch Schreiben mit der rechten Hand einfach das ganze Gehirn konfus mache.“ (Lit.:GA 347, S. 19f)

„Wenn ausgesprochene Linkshänder da sind, dann müßte man sich entscheiden. Das kann man beobachten. Man muß die linke Hand beobachten. Bei wirklichen Linkshändern erscheinen die Hände wie vertauscht; die linke Hand schaut wie eine rechte aus. Die linke Hand hat dann mehr Linien als die rechte.

Das könnte man vom Auge aus bekämpfen. Kinder, die richtige Linkshänder sind, läßt man ihren rechten Arm oben mit beiden Augen anschauen und läßt die Augenachsenkreuzung dann den Arm ganz hinunterwandern, daß sie bis zurrechten Hand langt, und dann wieder herauf. Dann läßt man den Arm ausstrecken. Dies dreimal wiederholen.“ (Lit.:GA 300c, S. 110)

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
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Einzelnachweise

  1. Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin e. V.: Leitlinie Händigkeit - Bedeutung und Untersuchung (Stand 11/2014)
  2. Artikel „Asymmetrie des Gehirns“, in: Lexikon der Neurowissenschaften, Heidelberg, Spektrum Akademischer Verlag, 2001, ISBN 3-8274-0453-3 Band 1, S. 114
  3. J. F. Stein und C. J. Stoodley: Neuroscience. An Introduction. John Wiley & Sons, Chichester 2006, ISBN 1-86156-389-2, S. 432
  4. J. F. Stein und C. J. Stoodley: Neuroscience. An Introduction. John Wiley & Sons, Chichester 2006, ISBN 1-86156-389-2, S. 428 und 433.
  5. Platon, Nomoi, Buch 7, 788a–795d.
  6. Aristoteles, Magna Moralia, Buch 1, 1194.b.32.
  7. I.C. McManus & M.P. Bryden (1992). The genetics of handedness, cerebral dominance and lateralization. In: I.Rapin & S. J. Segalowitz (Eds.), Handbook of Neuropsychology, Volume 6, Section 10: Child neuropsychology (Part 1) (pp. 115-144). Amsterdam: Elsevier