Müdigkeit

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Müdigkeit empfindet der Mensch primär aus dem seelisch-geistigen Bedürfnis nach Schlaf. Sie hat damit tiefere Ursachen als die physiologische Ermüdung des Organismus durch die Tätigkeit des Zentralnervensystems und der willkürlichen Skelettmuskulatur, die im Wachzustand stets mit Abbauprozessen verbunden ist. Die Ermüdung von Tier und Mensch resultiert aus seiner bewussten Tätigkeit, durch die er sich mit der Außenwelt durch seine Organe in Verbindung setzt. Die Tag und Nacht ablaufenden unbewussten Lebensprozesse erzeugen keine Ermüdung.

Ermüdung des physisch-ätherischen Leibes

„Wann ermüdet das Tier oder der Mensch? Wenn eine Arbeit nicht durch den Organismus, nicht durch den Lebensprozeß veranlaßt wird, sondern wenn eine Arbeit von der Außenwelt selbst veranlaßt wird, das heißt aus der Welt, mit der ein Lebewesen durch seine Organe in Beziehung treten kann. Also wenn ein Lebewesen Arbeit auf Grundlage seines Bewußtseins ausführt, ermüdet das betreffende Organ. An sich liegt im Lebensprozeß nichts, was zu einer Ermüdung Veranlassung geben könnte.“ (Lit.:GA 60, S. 53)

Die tiefere Ursache liegt darin, dass der Astralleib und das Ich im Wachzustand abtötend auf den Ätherleib und den physischen Leib wirken.

„Der Astralleib und das Ich wirken tötend auf den Ätherleib und den physischen Leib. Dadurch entsteht die Ermüdung im menschlichen Körper. Das Einströmen der physischen Welt wirkt im menschlichen Organismus so wie ein Gift; es wirkt zerstörend.

Was geschieht nun in der Nacht? In der Nacht nehmen Ich und Astralleib die Kräfte der Geisteswelt auf und strömen diese in den Ätherleib und physischen Leib ein. Sie umgeben den physischen Leib mit Bildern, die gesundend auf ihn wirken. Wenn dem Menschen zum ersten Mal die geistige Welt aufgeht, so sieht er zuerst seinen eigenen physischen Leib. Dies Bild des physischen Leibes wirkt gesundend auf ihn. So wirken auch in der Nacht der Astralleib und das Ich kraftgebend, gesundend auf den Menschen durch wahre Bilder aus der geistigen Welt. Die strömen in die zerrissenen Nervenstränge und den zerstörten Organismus.

So fließen nachts aus der geistigen Welt solche Kräfte ein, die die Ermüdung fortschaffen aus dem Körper.

Die Ermüdung tritt hauptsächlich ein durch das Interesse an den Dingen. Betrachtet man etwas ohne das Interesse, so wird dadurch keine Ermüdung veranlaßt.[1] Sagen wir zum Beispiel, ein Mensch hat besonderes Wohlgefallen an einer guten Speise. Dadurch hat er ein Interesse an der Speise, weil sie seinen Gaumen reizt. Ganz anders wirkt es auf den Menschen, wenn er sich klar darüber ist, in welchem Zusammenhang er mit dem Kosmos steht, daß er jetzt auf einer Stufe steht, wo er einen physischen Körper hat und Nahrung braucht. Genießt er aus diesem Gefühl heraus die Speisen, so wirkt das ganz anders auf seinen Organismus, als wenn er sie nur aus Genußsucht sich verschafft. Der Mensch muß lernen, durch das Physische hindurch das Geistige zu erkennen; dann verliert er das Interesse für das Physische.“ (Lit.:GA 266a, S. 373ff)

Die Ermüdung geht vom Nerven-Sinnes-System und vom Gliedmaßensystem aus; das rhythmische System ermüdet nicht.

„Wir müssen nur das Folgende verstehen: das rhythmische System, das allem Künstlerischen zugrunde liegt, das ermüdet nicht. Die Herztätigkeit, die Atmungstätigkeit gehen unermüdlich von der Geburt bis zum Tode fort. Ermüden kann der Mensch nur durch sein intellektuelles System und durch sein Willenssystem. Denken macht müde, Körperlich-sich-Bewegen macht müde. Da aber natürlich Denken und Körperlich-sich-Bewegen im Leben bei allem dabei sind, so macht im Leben alles müde. Aber beim Kinde ist darauf zu sehen, daß die Ermüdung im geringsten Maße auftritt.“ (Lit.:GA 307, S. 123)

Müdigkeit als Schlafbedürfinis des seelisch-geistigen Menschen

Müdigkeit kann hingegen auch dann eintreten, wenn keine nennenswerte Ermüdung des Organismus vorliegt. Sie entspringt aus dem unterbewussten Wunsch, sich von der sinnlichen Außenwelt abzuwenden und in die geistige Welt einzutauchen.

„Der Zusammenhang von Schlaf und Ermüdung wird zumeist nicht in einer durch die Tatsachen geforderten Weise angesehen. Man denkt, der Schlaf trete ein infolge der Ermüdung. Daß diese Vorstellung viel zu einfach ist, kann jedes Einschlafen eines oft gar nicht ermüdeten Menschen beim Anhören einer ihn nicht interessierenden Rede oder bei ähnlicher Gelegenheit zeigen. Wer behaupten will, bei solcher Veranlassung ermüde eben der Mensch, der erklärt doch nach einer Methode, welcher der rechte Erkenntnisernst mangelt. Unbefangene Beobachtung muß denn doch darauf kommen, daß Wachen und Schlafen verschiedene Verhältnisse der Seele zum Leibe darstellen, die im regelmäßigen Lebensverlaufe in rhythmischer Folge wie linker und rechter Pendelausschlag auftreten müssen. Es ergibt sich bei solch unbefangener Beobachtung, daß das Erfülltsein der Seele mit den Eindrücken der Außenwelt in dieser die Begierde erweckt, nach diesem Zustand in einen andern einzutreten, indem sie im Genuß der eigenen Leiblichkeit aufgeht. Es wechseln zwei Seelenzustände: Hingegebensein an die Außeneindrücke und Hingegebensein an die eigene Leiblichkeit. In dem ersten Zustande wird unbewußt die Begierde nach dem zweiten erzeugt, der selbst dann im Unbewußten verläuft. Der Ausdruck der Begierde nach dem Genusse der eigenen Leiblichkeit ist die Ermüdung. Man muß also eigendich sagen: man fühle sich ermüdet, weil man schlafen will, nicht man wolle schlafen, weil man sich ermüdet fühle.“ (Lit.:GA 13, S. 435f)

Im Schlaf trennen sich das Ich und der Astralleib weitgehend von dem im Bett ruhenden, vom Ätherleib durchdrungenen physischen Leib. Damit ist auch ein Wechsel zwischen zwei völlig unterschiedlichen Bewusstseinsarten verbunden, dem der Mensch normalerweise im täglichen Schlaf-Wach-Rhythmus folgt. Der Tiefschlaf ist auch von bewussten Erlebnissen durchdrungen, an die sich der Mensch allerdings ohne entsprechende geistige Schulung morgens nicht mehr erinnern kann, da zur regulären Gedächtnisbildung der Ätherleib und der physische Leib notwendig sind.

„Es ist eine durchaus irrtümliche Anschauung, wenn man glaubt: Nun ja, der Mensch erlebt während des Wachens vieles, aber während des Schlafens erlebt er nichts. - Was der Mensch während des Wachens erlebt, das sind Vorgänge, die sich zum großen Teil zwischen ihm und der Welt, der äußeren, der physischen Welt abspielen. Unsere Befriedigungen über das, was sich da abspielt, die begleiten wie innere Träume des Gemütes - wir wissen ja, daß das Gefühlsmäßige nur die Bewußtseinsintensität des Traumes hat -, wie traumhaft begleiten diese innerlichen Ereignisse das, was wir eigentlich deutlich an unserem Verhältnis zur äußeren physischen Welt haben. Aber wenn wir in dem Zustande sind zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, dann geschieht durchaus in unserem Ich und in unserem astralischen Leibe viel Innerliches: Das willensmäßige Ich wird gestaltet, der gefühlsdurchtränkte astralische Leib wird tingiert mit den Kräften der äußeren geistigen und seelischen Welt. Und das alles sind nun auch Geschehnisse, sind Tatsächliches, das nun den physischen und den Ätherleib durchtränkt, durchdringt, durchzieht, durchströmt. Und je nachdem wir da durchtränkt und durchströmt werden, verhalten wir uns wiederum in der physischen Welt. Für das Innerliche tun wir mehr während des Schlafes als während des Wachens. Es hängt allerdings das, was wir während des Schlafes tun, von dem Wachen ab. Aber ich möchte sagen: Die ganze Tragweite des Schlafes, die hauptsächlichste Tragweite des Schlafes liegt im Grunde genommen nicht nur im physischen Erleben, sondern in der moralischen Struktur der menschlichen Wesenheit.

Ich habe ja bei verschiedenen Anlässen darauf hingewiesen, wie ein äußerliches Denken gerade über die Beziehung des menschlichen physischen und ätherischen Organismus zum Einschlafen falsch denkt. Gewöhnlich wird ja die Sache - ich wiederhole nur, was ich öfter und ausführlich dargelegt hatte - so dargestellt, daß man sagt: Der Mensch ermüdet durch die Anstrengung seiner Glieder, durch die Arbeit, und er muß dann schlafen, weil dadurch die Ermüdung wieder ausgeglichen wird. Schon eine Besinnung darüber, daß man ja nicht immer durch die Ermüdung einschläft, könnte hier ein richtiges Denken zutage fördern. Man braucht sich nur daran zu erinnern, daß ein recht ausgeruhter Rentier zum Beispiel sich einen Vortrag anhört, zu dem er, weil sich das so gehört, vielleicht einmal geht, und nach den ersten fünf Minuten ist er gewöhnlich eingeschlafen — aus Ermüdung kaum!

Wenn man alle diese Dinge verfolgt, die sich rein der äußeren Erfahrung auf diesem Gebiete ergeben, dann kommt man eigentlich darauf, daß das gewöhnliche Denken hier Ursache und Wirkung verwechselt. In Wahrheit sind wir ermüdet, weil wir einschlafen wollen. Die Impulse des Einschlafens treten viel innerlicher auf als in der Sphäre der Ermüdung, als in der Sphäre des körperlichen Gegenteils. Wenn wir keine Lust haben an der Außenwelt, dann tritt in uns die Sehnsucht auf, uns aus dieser Außenwelt zurückzuziehen. Dann verläßt das Seelisch-Geistige das Leiblich-Physische, und dann ermüdet das Leiblich- Physische. Wir ermüden, weil wir einschlafen wollen, nicht: Wir schlafen ein, weil wir ermüdet sind. Davon kann sich jeder überzeugen, wenn er nur will.“ (Lit.:GA 208, S. 188f)

Bedeutung für die Pädagogik

„...für das schulmäßige Alter soll der ganze Unterricht und die Erziehung so orientiert werden, daß sie auf das Rhythmische, auf das Musikalische gehen, daß sie also vorzugsweise Atmungs- und Zirkulationssystem in Anspruch nehmen. Nun frage ich Sie: liegt im Atmungs-und im Zirkulationssystem, also im mittleren Menschen, der für das schulmäßige Alter vorzugsweise in Betracht kommt, liegt da der Quell der Ermüdung? Nein, Sie atmen durch das ganze Schlafen durch, Sie atmen von der Geburt bis zum Tode, Sie haben Ihre Zirkulation von der Geburt bis zum Tode. Das wird nie durch Ermüdung unterbrochen, denn es wäre schlimm, wenn das durch Ermüdung unterbrochen würde. Man appelliert also in einer wirklichen Erziehungskunst gerade an diejenigen Organe, die der Ermüdung gar nicht unterworfen sind, und damit wird diese Ermüdungsfrage durch eine auf Menschenerkenntnis beruhende Methodik überhaupt auf eine ganz andere Grundlage gestellt.

Wo liegen eigentlich die Quellen der Ermüdung für den Menschen? Sie liegen im Kopfsystem und im Gliedmaßensystem. Auf diese muß man hinschauen, wenn man die Ermüdung in ihrem Wesen kennenlernen will. Und sie ist ganz verschiedener Art, je nach dem Kopfsystem, je nach dem Gliedmaßensystem.

Dasjenige, was vom Kopf System aus in den ganzen Organismus hineinwirkt, wirkt so auf ihn, daß es die Ablagerung von Stoffwechselprodukten fördert, daß es den Menschen mit allerlei salzartigen Ablagerungen durchdringen will. Das ist etwas, was in das Atmungs- und Zirkulationssystem eingreift, was aber deshalb der Ermüdung unterworfen ist, weil es mit der Außenwelt in Beziehung steht, weil es in einer nichtrhythmischen, in einer nichtmusikalischen Weise von der Außenwelt abhängig ist; während der Atmungs- und Zirkulationsrhythmus so fest an die Organisation gebunden sind, daß sie ein Gleichgewicht für sich in ihren eigenen Gesetzen haben. Dasjenige, was für sich ein abgeschlossenes System ist, kann nicht ermüden, wenigstens nicht in erheblichem Maße. Man kann durch falsche Maßnahmen, die für das Kind oder auch für den Erwachsenen den Rhythmus zerstören, erkrankend wirken. Aber dessen muß man sich voll bewußt sein, daß dasjenige System, das für eine der Menschennatur entsprechende Erziehungskunst vor allen Dingen in Betracht kommt, überhaupt nicht ermüdet.

Das Gliedmaßen-Stoffwechselsystem ermüdet. Sie können das beobachten, wenn Sie eine Schlange anschauen, nachdem sie gefressen hat. Das Gliedmaßen-Stoffwechselsystem ermüdet, hat wenigstens den Quell der Ermüdung für den ganzen Menschen in sich. Es ermüdet auf andere Weise als das Kopfsystem. Das Kopfsystem wirkt Salze ablagernd, mineralische Einschläge im Organismus ablagernd. Das Gliedmaßen-Stoffwechselsystem wirkt so auf den Menschen, daß es ihn eigentlich durch Wärme fortwährend auflösen will. Es wirkt nach der entgegengesetzten Richtung, aber wiederum so, daß die Art, wie es wirkt, nicht vom inneren Rhythmus abhängt, sondern von dem, was ich in der Außenwelt mit meinen Gliedmaßen vornehme und was ich mit meinem inneren Stoffwechselsystem vornehme, indem ich esse und trinke. Das vollziehe ich ja auch oftmals in Unregelmäßigkeit, denn die wenigsten Menschen geben sich einem vollständigen Rhythmus in bezug auf Essen und Trinken hin. Da wirkt, ich möchte sagen, der polarische Gegensatz ermüdend auf den Menschen.“ (Lit.:GA 303, S. 200ff)

Literatur

Weblinks

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Einzelnachweise

  1. Gemeint ist hier das rein persönliche Interesse.