Massenerhaltungssatz

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Michail Lomonossow
Antoine Laurent de Lavoisier und seine Frau Marie, Gemälde von Jacques-Louis David (1788)
Albert Einstein, 1921, Fotografie von Ferdinand Schmutzer

Der Massenerhaltungssatz, der besagt, dass bei chemischen Reaktionen in einem abgeschlossenen System die Summe der Masse aller beteiligten Stoffe erhalten bleibt, wurde erstmals 1748 von dem russischen Naturforscher, Dichter und Sprachreformer Michail Wassiljewitsch Lomonossow (1711-1765) postuliert und 1789 von dem französischen Chemiker Antoine Laurent de Lavoisier (1743-1795) ausformuliert und experimentell im Rahmen der ihm möglichen Messgenauigkeit bestätigt. Er ist daher auch als Lomonossow-Lavoisier-Gesetz bezeichnet.

Tatsächlich gilt der Massenerhaltungssatz zwar mit hoher Näherung, aber doch nicht völlig exakt. Bei allen chemischen Reaktionen wird nämlich Energie abgegeben oder verbraucht und diese Energie entspricht nach der von Albert Einstein 1905 im Rahmen seiner speziellen Relativitätstheorie postulierten und mittlerweile empirisch gut bestätigten Äquivalenz von Masse und Energie gemäß der bekannten Formel LaTeX: E=m\,c^{2} [1] einer Masseänderung von LaTeX: \Delta m \mathord=\Delta E/c^2, die allerdings bei chemischen Reaktionen praktisch vernachlässigbar klein ist. Dazu ein Beispiel: Steinkohle hat einen maximalen Heizwert von ca. 32,7 MJ/kg; verbrennt man 1 kg Steinkohle, wozu etwa 2,664 kg Sauerstoff nötig sind, so ergibt sich aus der dabei freigesetzten Wärmeenergie ein winziger Massendefekt von nur etwa 3,64•10-10 kg = 0,364 μg (Mikrogramm = Millionstel Gramm).

Wesesentlich größere Massenanteile werden bei Kernreaktionen in Energie umgewandelt. Beispielsweise erzeugt unsere Sonne durch Kernfusion pro Sekunde aus 564 Millionen Tonnen Wasserstoff 560 Millionen Tonnen Helium; der Massendefekt von 4 Millionen Tonnen entspricht einer Energiemenge von etwa 3,6•1026 J, die pro Sekunde freigesetzt wird.

Durch die Arbeiten Einsteins wurde der Massenerhaltungssatz in den umfassenderen Energieerhaltungssatz integriert, der aus physikalischer Sicht als theoretisch und empirisch unumstößlich gilt. Rudolf Steiner hat allerdings nachdrücklich vor einer Fehlinterpretation dieses Energieerhaltungssatzes gewarnt, wonach Energie weder erzeugt noch vernichtet werden könne. Erhalten bliebe, übereinstimmend mit der physikalischen Sicht, sehr wohl die Maßzahl der Energie, nicht aber ihre konkrete wesenhafte Erscheinungsform. Durch die Tätigkeit des Geistes, beginnend mit dem reinen Denken, wird beständig Energie und auch Materie vollständig vernichtet - und in gleichem Maß schöpferisch neu erzeugt. Nur so sei auch die Freiheit des Menschen denkbar.

„Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, da der Mensch im schattenhaften Verstande lebt und eigentlich auch sein ganzes Seelendasein als ein Schattenhaftes erlebt, seit dieser Zeit war der Mensch ganz angewiesen auf die äußere Natur. Und so kam er allmählich dazu, die äußeren Erscheinungen der Natur experimentell nicht nur so zu untersuchen, wie sie Goethe, der noch zugleich von antikem Geiste durchseelt war, untersuchte, sondern hinter den Phänomenen etwas zu suchen, was im Grunde genommen auch nur eine Art Phänomen ist, was aber da nicht hineinversetzt werden darf. Der Mensch kam zum Atomismus. Der Mensch kam dazu, hinter der Sinneswelt noch eine andere, unsichtbare Sinneswelt, kleinere Wesen, dämonische Wesen, die Atome zu denken. Statt zu einer geistigen Welt überzugehen, ging er zu einem Duplikat der sinnlichen Welt, wiederum zu einer sinnlichen, aber fiktiven Welt über, und dadurch erstarrte sein Erkenntnisvermögen für die äußere Sinneswelt. Und dieses brachte im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr etwas hervor, was schon immer gespukt hat, was aber eben aus diesem völligen Erstarren des Erkenntnisvermögens für die äußere Sinneswelt im 19. Jahrhundert erst mit vollem Radikalismus hervortrat, und das war die Ausspintisierung des Gesetzes von der Erhaltung der Energie, von der Erhaltung der Kraft. Man sagte: Im Weltenall entstehen nicht neue Kräfte, sondern die alten wandeln sich bloß um; die Summe der Kräfte bleibt konstant. Wenn wir irgendeinen Augenblick ins Auge fassen, gewissermaßen herausschneiden aus dem Weltgeschehen, dann war bis zu diesem Augenblick eine gewisse Summe von Energien da; im nächsten Augenblick haben sich diese Energien etwas anders gruppiert, sie sind anders durcheinandergefahren, aber die Energien sind dieselben; sie haben sich nur gewandelt. Die Summe der Energien des Kosmos bleibt dieselbe. - Man konnte zwei Dinge nicht mehr unterscheiden. Man hat ein völliges Recht gehabt, zu sprechen davon, daß Maß, Zahl und Gewicht in den Energien dieselben bleiben. Aber das verwechselt man mit den Energien selber. Nun, wenn diese Energienlehre, dieses Gesetz von der Konstanz der Energie, das heute die ganze Naturwissenschaft beherrscht, richtig wäre, dann gäbe es keine Freiheit, dann wäre jede Idee von Freiheit eine bloße Illusion. Daher wurde auch für die Anhänger des Gesetzes von der Konstanz der Energie die Freiheit immer mehr eine Illusion.“ (Lit.:GA 325, S. 158f)

Außerhalb des menschlichen Organismus sind die Gesetze von der „Erhaltung des Stoffes“ und von der „Erhaltung der Kraft“ (Energie) weitgehend gültig, nicht aber im Inneren des Menschen. Im Menschen verschwinden beständig Materie und Energie und erstehen in einer durch die moralischen Ideale qualitativ bereicherten und erneuerter Form wieder auf.

„Anthroposophie lehrt uns gerade im menschlichen Organismus erkennen, daß nicht nur Materie vorhanden ist und sich umwandelt, lehrt uns nicht nur Metamorphosen der Materie erkennen. Außerhalb des menschlichen Organismus, in der übrigen Natur, da gilt das Gesetz der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, im Menschen selber aber lehrt uns Anthroposophie ein vollständiges Verschwinden der Materie und ein Wiederauferstehen von neuer Materie aus dem bloßen Raume. Und anthroposophische Geisteswissenschaft darf, wenn ich einen trivialen Vergleich gebrauchen darf, darauf hinweisen, daß es mit der gewöhnlichen Vorstellung von Stoff und Kraft im menschlichen Organismus so ist, wie wenn jemand etwa sagen würde, er habe abgezählt, wieviele Banknoten man in eine Bank trage und wieviele man wieder heraustrage, und wenn man genug große Zeiträume ins Auge fasse, so seien es gleich viele. So verfährt man auch bei dem Studium des Gesetzes von der Erhaltung des Stoffes und der Kraft: Man sieht, daß ebensoviel Energien in den Stoff hineingehen wie herausgehen. Aber wie man nicht annehmen darf, daß in der Bank die Banknoten als solche umgewandelt werden, sondern vielmehr dort selbständige Arbeit geleistet werden muß - die Banknoten können sogar umgeprägt werden und es können ganz neue herauskommen —, so ist es auch im menschlichen Organismus: Es findet Stoff- und Kraftvernichtung, Stoff- und Kraftschöpfung statt.

Das ist etwas, was nicht in leichtsinniger Weise phantasiert wird, sondern was durchaus innerhalb strenger anthroposophischer Forschung erkannt wird. Nun gilt zwar dasjenige, was für die Außenwelt das Gesetz der Erhaltung des Stoffes und der Kraft ist, allerdings für die mittlere Entwickelungsetappe; wenn wir aber an das Erdenende gehen und mit einer gewissen Berechtigung den Wärmetod annehmen dürfen, dann sehen wir nicht einen großen Friedhof, sondern wir sehen, daß alles das, was der Mensch ausgebildet hat an sittlich-ethischen Idealen, an göttlich-geistigen Überzeugungen, sich in ihm wirklich vereinigen kann mit dem neu entstehenden Stofflichen, und daß folglich man es zu tun hat mit einem realen Keim der Fortbildung. Es wird durch das, was gerade im Menschen entsteht, der Tod des äußeren Stoffes überwunden.“ (Lit.:GA 79, S. 211f)

Literatur

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Einzelnachweise

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