Pharisäer

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Die Pharisäer (hebräisch die Abgesonderten) waren eine theologische Ausrichtung im antiken Judentum und werden oft auch als Schriftgelehrte bezeichnet. Sie bestanden während der Zeit des zweiten jüdischen Tempels (ca. 530 v.Chr. - 70 n.Chr.) und wurden danach als rabbinisches Judentum die einzige bedeutende überlebende jüdische Strömung.

Im Neuen Testament werden Vertreter der Pharisäer als Heuchler kritisiert; dieses Prädikat ist in vielen Ländern mit christlicher Tradition umgangssprachlich für den Selbstgerechten oder Heuchler übernommen worden. Die Hintergründe dieser Kritik sind im Abschnitt "Pharisäer und Christentum" weiter unten ausgeführt. In Anlehnung daran gilt in der - vor allem schleswig-holsteinischen und österreichischen - Gastronomie ein Kaffee mit hochprozentigem Rum und Sahnehäubchen als Pharisäer. Siehe dazu Pharisäer.

Die Pharisäer sind mehr vom ahrimanischen Einfluss geprägt, während die Sadduzäer stärker unter luziferischem Einfluss stehen:

„Und im Grunde genommen ist das pharisäische Element innerhalb der althebräischen Entwickelung, mit seinem Gegensatz zum sadduzäischen Element, nichts anderes als der Gegensatz des Ahrimanischen und Luziferischen.“ (Lit.:GA 187, S. 29f)

Übersicht

Aus der antihellenistischen jüdischen Bewegung der Chassidim ("die Frommen"), die während des Seleukidenherrschers Antiochos IV. Epiphanes (175 v. Chr. - 164 v. Chr.) entstanden war, gingen diverse jüdische Gruppierungen hervor. Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung nennt der Geschichtsschreiber Flavius Josephus neben den Pharisäern noch die Sadduzäer, die Essener und Widerstandsgruppen (Zeloten, Sikarier). Spätere religiöse Bewegungen waren das Christentum sowie die Therapeutae in Ägypten. Keine dieser Gruppen repräsentierte zu ihrer Zeit die Mehrheit der Juden; die meisten Juden verstanden sich allgemein als Juden, ohne einer speziellen Gruppierung anzugehören. Gleichwohl beschreiben die Positionen dies.

Während ihres Bestehens definierten sich die Pharisäer in erster Linie als Opposition zu den Sadduzäern. Die Sadduzäer repräsentierten die konservative, priesterlich-aristokratische Oberschicht, die Pharisäer fanden ihre Anhänger in der breiten Masse des Volkes. Konflikte bestanden in der Auffassung vom Verhältnis zwischen Arm und Reich sowie der Akzeptanz oder der Ablehnung einer Hellenisierung der jüdischen Gesellschaft. Religiöse Unterschiede betrafen die Beurteilung des Tempels, der nach pharisäischer Ansicht den mosaischen Gesetzen und Propheten nachgeordnet war.

Die Position und Glaubenssätze der Pharisäer entwickelten sich im Laufe ihres Bestehens, und lassen sich daher am besten anhand ihrer geschichtlichen Entwicklung nachvollziehen. Schriftliche Überlieferungen existieren nur aus der späteren Zeit; insbesondere die Hillel der Ältere und Schammai aus dem 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung sind durch ihre Kommentare bekannt.

Ausgangspunkt vorrabbinisches Judentum

Die "Israelitische Religion" hatte seit der Errichtung seines ersten Tempels Jerusalem als Zentrum. Eine Priesterschaft verrichtete den Tempel- und Opferdienst, wie es überall im Orient üblich war. Die Priesterschaft war eng mit der Monarchie verflochten, indem der Hohepriester den König zum Amtsantritt weihte. Gleichzeitig erhielt die Priesterschaft ihre Legitimation und Unterstützung vom König, der im Auftrag Gottes die Israeliten politisch leitete. Propheten standen außerhalb dieser festgelegten Struktur, und traten als moralische Kritiker des Establishments auf.

Der Opferdienst war zentraler Gottesdienst, er war geregelt nach den Vorschriften der heiligen Schriften (die spätere Thora, die 5 Bücher Mose), die einen historischen Bezug gaben, ethische und kultische Vorschriften kodifzierten.

Das alte "Judentum" um den ersten Tempel endete mit Eroberung durch die Babylonier und die Zerstörung des Tempels im Jahre 586 v. Chr. Viele Juden, insbesondere aus der Oberschicht, wurden ins Exil nach Babylon verbannt.

Zweiter Tempel

Mit der Eroberung Babylons durch die Perser endete das babylonische Exil, und der Tempel in Jerusalem wurde wieder aufgebaut (Fertigstellung um 515 v. Chr.). Die Wiederherstellung der jüdischen Monarchie war von den Persern nicht vorgesehen, so dass die Priesterschaft die alleinige Führungsrolle innehatte. Aus der religiösen und politischen Elite entstand die Partei der Sadduzäer, deren Status jedoch nicht unumstritten blieb. Andere Gruppierungen entstanden, welche die Einsetzung der Elite durch die Perser als illegitim ansahen. Eine dieser Gruppen waren die Vorgänger der Pharisäer, die ihre frühen Mitglieder in Schriftgelehrten und Weisen hatte. Diese entwickelten sich zu den allgemein anerkannten Fachleuten in Fragen der Auslegung der Thora. Diese Weisen, später als Rabbi tituliert, entwickelten die "mündliche Tradition", die später als Kommentar neben die Thora gestellt wurde.

Die Feldzüge Alexanders des Großen beendeten 332 v. Chr. die persische Herrschaft und leiteten die hellenistische Zeit Israels ein. Nach dem Zerfall des Reichs Alexanders befand sich Judäa seit dem Ende des 2. vorchristlichen Jahrhunderts unter dem Einfluss der Seleukiden in Babylon. Unter deren Herrscher Antiochos IV. Epiphanes wurde eine Hellenisierung Judäas mit Unterstützung der Sadduzäer eingeleitet. Die Plünderung des Tempels mit der Anweisung, dort griechischen Göttern Opfer darzubringen, führte zum jüdischen Makkabäeraufstand unter Mattathias und seinem Sohn Judas Makkabäus. Der Aufstand war erfolgreich, und Judas Makkabäus' Bruder Jonathan begründete 152 v. Chr. das priesterliche Herrscherhaus der Hasmonäer. Die Pharisäer organisierten sich nun in Opposition zu den Hasmonäern.

Der Konflikt entzündete sich an der Forderung der Pharisäer, der Hasmonäer Alexander Jannai (102-76 v. Chr.) müsse sich zwischen dem Amt des Hohepriesters und dem des Königs entscheiden. Der folgende Bürgerkrieg wurde schnell und blutig niedergeschlagen; der König rief allerdings auf seinem Totenbett zum Ausgleich zwischen beiden Parteien auf. Auf Alexander folgte seine Frau, Salome Alexandra (75-67 v. Chr), deren Bruder, Schimon ben Schetach ein führender Pharisäer war. Nach ihrem Tod wandte sich ihr älterer Sohn, Johannes Hyrkanos II., an die Pharisäer, der jüngere, Aristobulus, an die Sadduzäer um Unterstützung.

Dieser Konflikt führte wieder zum Bürgerkrieg, der erst mit der Eroberung Jerusalems durch den römischen General Pompejus endete. Hiermit begann die römische Zeit Israels. Pompejus schaffte die Monarchie ab, setzte Hyrkanos als Hohepriester ein und verlieh ihm den Titel "Ethnarch"; 57 v. Chr. verlor er jedoch alle politische Macht an den römischen Prokonsul in Syrien. Dieser setzte zwei Brüder, Phasael über Judäa und Herodes über Galiläa, als Militärverwalter ein.

Im Jahre 40 v. Chr. gelang es Antigonos, dem Sohn Aristobulus', Hyrkanos abzusetzen und sich selbst zum Hohepriester und König zu erklären. Herodes floh nach Rom, wo er seine Anerkennung als König erreichte. Dies beendete die Dynastie der Hasmonäer. Nach Herodes Tod regierten seine Söhne als Tetrarch über Galiläa und als Ethnarch über Judäa (inklusive Samaria und Idumäa). Nach dem Jahre 6 regierte indirekt ein römischer Prefekt oder Procurator; ein von Rom eingesetzter Hohepriester versah die Regierungsgeschäfte.

Zu dieser Zeit wurde auch der Sanhedrin eingerichtet. Seine Mitglieder hatten die höchste jüdische Rechtsprechung inne, insbesondere in Bezug auf religiöse Fragestellungen. Die Zusammensetzung und der Aufgabenbereich des Sanhedrin variierte je nach römischer Politik. Während dieser Zeit waren Judäa und Galiläa tributpflichtige, halb-autonome Staaten. Ananaus ist der einzig bekannte Hohepriester aus der Partei der Sadduzäer jener Zeit; man geht aber davon aus, dass der Sanhedrin von Sadduzäern dominiert war; die Pharisäer waren zwar populärer, hielten aber keine politische Macht in Händen.

Im Jahre 66 n. Chr. eskalierte der Konflikt der Juden mit den römischen Besatzern. In Caesarea kamen nach Angaben von Josephus bei religionsbedingten Spannungen 20.000 Juden ums Leben. Die folgende Entweihung des Jerusalemer Tempels durch die Römer sowie die Forderung nach einem Schutzgeld erbitterte alle jüdischen Fraktionen und führte zum landesweiten Aufstand. Dieser wurde von den Römern zerschlagen und endete nach einer 6-monatigen Belagerung im September des Jahres 70 mit der Zerstörung Jerusalems und des Tempels. Alle in Jerusalem gefundenen Menschen wurden von den Siegern getötet; Josephus schätzte die Zahl der Opfer auf über eine Million Menschen. Der letzte Widerstand der Zeloten wurde im Jahre 73 bei der Festung Masada gebrochen.

Dieses Ereignis beendete die Periode des zweiten jüdischen Tempels.

Pharisäer und rabbinisches Judentum

Der Verlust des Tempels stellte die überlebenden Juden vor die Frage einer Neuorientierung. Die tempelorientierten Sadduzäer waren mit der Zerstörung Jerusalems untergegangen und die aufständischen Zeloten waren vernichtend geschlagen. Die Essener hatten sich schon lange abgesondert, und sich mit ihrer Lehre von der jüdischen Hauptrichtung entfernt. Auch die Christen, zu jener Zeit noch Teil oder Rand des jüdischen Glaubens, boten der Mehrheit der Juden keine Orientierung. Somit fiel den Pharisäern, die auch vorher in ihrer Lehre nicht ausschließlich auf den Tempel ausgerichtet waren, die Aufgabe zu, den Neuanfang zu leiten.

Sie lehrten und diskutierten folgende Komplexe im Rahmen der jüdischen religiösen Tradition der Tora und des Talmud:

  • Wie erfolgt die Aussöhnung mit Gott ohne den Tempel und seine Tempelopfer und die Priesterschaft?
  • Wie kann der Aufstand und seine Wirkungen verstanden und gedeutet werden?
  • Wie soll das jüdische Leben im römisch-hellenistischen Umfeld aussehen?
  • Wie kann die Zäsur zwischen Tempel-Vergangenheit und Diaspora-Zukunft verstanden und gedeutet werden?

Judäa wurde in der Folgezeit durch einen römischen Prokurator in Caesarea und einen jüdischen Patriarchen regiert. Zum ersten Patriarchen wurde der führende Pharisäer Yohanan ben Zakkai ernannt. Er stellte den Sanhedrin unter pharisäischer Kontrolle wieder her, und bereitete damit den Weg für eine pharisäische Dominanz, die den Übergang zum rabbinischen Judentum einleitete. Die wichtigsten Folgeperioden waren die der Tannaim und der Amoraim, während deren Mischna und Talmud verfasst wurden. Das jüdische Leben ohne den Tempel verlagerte sich zum Studium in der Synagoge; Almosen an Bedürftige lösten die Tempelopfer ab.

Als der römische Kaiser Hadrian im Jahre 132 Jerusalem als eine dem Jupiter geweihte Stadt wiederaufbauen wollte, kam es erneut zum Aufstand. Simon Bar Kochba konnte für kurze Zeit mit Unterstützung des Sanhedrin einen jüdischen Staat errichten. Von einigen Juden wurde er daraufhin als Messias angesehen. Nach seiner Niederlage im Jahr 135 wurden nach Aufzeichnungen in der Mischna die zehn führenden Mitglieder des Sanhedrin auf grausame Weise hingerichtet.

Prinzipien und Werte

Das Wertesystem der Pharisäer entstand zuerst in Abgrenzung zu den Sadduzäern, und entwickelte sich dann durch interne Diskussionen weiter. Wichtige Fragestellungen betrafen das jüdische Leben ohne den Tempel, das Leben im Exil und die Auseinendersetzung mit dem Christentum. Diese Entwicklung führte zum rabbinischen Judentum.

Im Unterschied zu den anderen Ausrichtungen im antiken Judentum verpflichteten sie sich nicht nur dem im Tanach niedergeschriebenen Gesetz Mose, sondern befolgten auch die mündlich überlieferten "Vorschriften der Vorfahren" der älteren Gesetzeslehrer. Zur Begründung führten sie an, dass die in der Thora gegebenen Vorschriften ohne Erklärung unklar blieben; die parallel überlieferten, und etwa seit dem 2. vorchristlichen Jahrhundert gesammelten und später in der Mischna zusammengestellten Kommentare seien zum Verständnis und zur korrekten Ausführung der Vorschriften notwendig.

Nach Josephus glaubten die Sadduzäer, der Mensch habe einen freien Willen, die Essener an eine Prädestination des Menschen, während die Pharisäer einen freien Willen mit einem Vorherwissen Gottes lehrten. Die Pharisäer unterschieden sich weiter von den Sadduzäern darin, dass sie an eine Auferstehung der Toten glaubten. Josephus' Darstellung, an eine griechisch-römische Leserschaft gerichtet, ist wahrscheinlich unvollständig und diskutiert vorwiegend Fragestellungen, die auch der hellenistischen Philosophie relevant erschienen. Es gibt keine pharisäischen Dokumente aus der Zeit des zweiten Tempels; in späterer Zeit waren Fragen des jüdischen Gesetzes (Eheschließung, Shabbat, Reinheitsgebote) bedeutender als die von Josephus genannten Punkte. Auseinandersetzungen dieser Art prägen die innerjüdische Diskussion bis heute. Jüdische Schriften (Talmud, Mischna) behandeln so gut wie gar nicht theologische Fragestellungen, sondern befassen sich mit der Auslegung von Gesetzen.

Das ewige Leben verliert nach der Mischna nur, wer die Auferstehung der Toten, den göttlichen Ursprung der Thora oder die göttliche Fügung des menschlichen Schicksals leugnet (letzteres am Beispiel der Epikuräer). Um ein Leben zu retten, darf ebenfalls jedes Gesetz verletzt werden; eine Ausnahme findet sich im Traktat bSanhedrin 74a, der Götzendienst, Mord und Ehebruch absolut verbietet. Dagegen verlangt Jehuda haNasi, sowohl kleine als auch große religiöse Pflichten gleichermaßen einzuhalten; implizit werden alle Gesetze als gleichwichtig angesehen. Die Frage des Messias ist, in Abgrenzung zum Christentum, von untergeordneter Bedeutung.

Die Leistung der Pharisäer bestand darin, die Ausrichtung des Judentums auf den Tempel zu überwinden, indem sie den Alltag durch Einhaltung jüdischer Vorschriften heiligten. Die Loslösung von Tempeldienst und Priesterschaft bedeutete gleichzeitig eine Betonung des Einzelnen. Soziale Gerechtigkeit, eine Einheit aller Menschen sowie die Erwartung der Erlösung des Volkes Israel und aller Menschen wurden weitere Kernpunkte rabbinischer Lehre. Grundlage eines auf diese Ziele ausgerichteten Lebens stellte das "Halakha" (deutsch: Der Weg), eine aus den heiligen Schriften abgeleitete Gesetzessammlung, dar. Daraus folgte eine Hingabe zu Studium und Debatte sowie die Anwendung im Leben.

Diese Orientierung der Pharisäer zum täglichen Leben wird teilweise als extremer Legalismus ausgelegt; allerdings verlangten auch Sadduzäer und Essener eine rigorose Einhaltung der Gesetze, und reglementierten den Alltag. Pharisäische Besonderheiten waren etwa das rituelle Waschen vor jeder Mahlzeit. Dies stammt von der Vorschrift an die Priester, sich vor dem Tempeldienst zu reinigen. Die weitergehende Vorschrift beruht auf einer Ausweitung des Heiligen (hier das Essen). In anderen Situationen waren die Pharisäer dagegen weniger streng (etwa indem sie das Transportverbot des Shabbats beschränkten, wenn es um das Mitbringen von Speisen ging).

Während der Zeit des zweiten Tempels bestanden die Pharisäer nicht darauf, dass alle Juden ihrer Auslegung der Gesetze folgen sollten. Allerdings beanspruchte jede jüdische Richtung, die Wahrheit zu vertreten, und sprach sich gegen "Mischehen" aus. Zwischen den einzelnen Richtungen fanden Diskussionen um die korrekte Auslegung des Gesetzes statt. Nach der Zerstörung des Tempels endete die Unterteilung in verschiedene Richtungen; die Rabbiner vermieden den Ausdruck Pharisäer, der vielleicht auch keine Selbstbezeichnung gewesen war, und vermieden damit den Eindruck, dass sie selbst das Judentum nun dominierten. Die gelehrte Diskussion von Auslegungsfragen wurde wesentlicher Teil des rabbinischen Judentums; es erreichte seine Blütezeit im 4. und 5. Jahrhundert, als in Palästina und Babylon die zwei Hauptversionen des Talmuds entstanden.

Der Talmud bezeugt die inneren Auseinandersetzungen der späten Pharisäer exemplarisch an den Schulen um Hillel und Schammai. Die Meinungen dieser beiden Rabbis prägten die Debatten der folgenden Jahrhunderte. Der Talmud zeichnet die Sichtweise Schammais auf; allerdings setzte sich letztendlich die Hillels durch.

Die pharisäische Weisheitslehre findet sich in der Mischna (Pirke Avot) wieder. Ein bekanntes Beispiel ist eine Geschichte, die von Hillel dem Älteren überliefert ist. Herausgefordert, die Gesamtheit des jüdischen Gesetzes auf einem Bein stehend zu erklären, antwortete er: "Das, was Dir missfällt, tue auch deinem Nächsten nicht an. Das ist das ganze Gesetz; der Rest ist Kommentar. Geh und studiere es."

Pharisäer und Christentum

Die im "Neuen Testament" zusammengestellten christlichen Erzählungen entstanden zwischen der zweiten Hälfte des 1. und Mitte bis Ende des 2. Jahrhunderts. Hier erscheinen die Pharisäer z.T. als Gegner Jesu von Nazareth, aber v.a. als seine wichtigsten Diskussionspartner. Die in den Evangelien z.T. überbetonte, den Pharisäern zugeschriebene Äußerlichkeit religiöser Ausdrucksformen wurde als Heuchelei negativ pauschalisiert und ging durch die christlich-kirchliche Tradition des Antijudaismus in den deutschen heutigen Sprachgebrauch als Schimpfwort über.

Laut dem so genannten "Neuen Testament" habe die (antike) Pharisäerschaft die Einhaltung von Reinheitsgeboten überbetont, während der jüdische Jesus in den Lehren seiner jüdischen urchristlichen religiösen Strömung des Judentums, Gottes- und Nächstenliebe Vorrang gibt. In christlicher Sprache heißt das: "Die alte Einhaltung des Buchstabens des Gesetzes (sic!) dort wird hier der Einhaltung des neuen Sinns des Gesetzes (sic!) entgegengestellt.

  1. Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, werdet ihr nicht in das Reich der Himmel kommen. (Mat 5:20)

Der Streit entzündet sich letztlich am Vollmachtsanspruch Jesu hinsichtlich der Auslegung der Tora in Bezug auf seine Person als Messias (nicht als Gott!). Hierzu ist zu sagen, dass nach jüdischem Verständnis, die Gottes- wie Menschenliebe, nach dem sprichwörtlichen Motto: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", tradierte jüdische Ethik darstellte, die dem Juden Jesus zwangsläufig als solche bekannt gewesen war. Die Kirche benutzt die Begriffe Pharisäer, Schriftgelehrte, alt und neu, um zu suggerieren, Jesus habe die Nächstenliebe quasi erfunden und das Judentum habe nur die alten Gesetze und die kaltherzige, blinde, "heuchlerische" Gesetzestreue und ihren "alttestamentlichen" (sic!) rachsüchtigen (sic!) Gott. Ja heilige Begriffe, wie Tora, die hebräisch soviel wie Lehre, Unterweisung bedeuten und nur selten mit "Gesetz" übersetzt werden können, sind in christliche Propaganda-Schimpfwörter, wie z. B. auch "Gesetzesreligion", eingegangen und die Gleichsetzung von Tora mit Gesetz wird heutig noch überwiegend von christlichen Theologen vorgenommen, überaschender Weise häufiger von protestantischen denn von katholischen. Zudem ist die pauschale Aburteilung ganzer Gruppen oder religiösen Strömungen innerhalb der Gesamtheit und sogar eines Volkes der propagandistischen Ausrichtung des so genannten "Neuen Testaments" eigen, wie die Andeutung, das jüdische Volk habe die Hinrichtung durch Kreuzigung des Jesus gewollt und schuldhaft herbeigeführt, weiter belegt. Ursachen hat dies in der Abspaltung des Urchristentums von der jerusalemer jüdischen Gemeinde und der damit erfolgten Sekten-Neugründung des Christentums im Zusammenhang mit der damit ermöglichten chr. Verfügungsgewalt über die Gelder der heidenchristlichen Gemeinden, die immer stärker wuchsen, und nicht mehr an die jüdische "Zentrale" abgeführt werden mussten. Zudem wurde das Judentum, und damit auch die Urchristen oder Jesusanhänger, die damals noch eine jüdische religiöse Strömung darstellten, von der römischen Weltmacht verfolgt und unterdrückt. Das Christentum näherte sich daher dem Römischen Reich an: das Jüdische Volk ist Schuld am Tode Jesu, nicht der grausame Römer Pontius Pilatus; Gott lässt seinen Sohn Jesus durch eine Menschenfrau gebären, wie bei den römisch-griechischen Halbgöttern, z. B. Perseus, Herkules.

Aufgrund der Entstehung des "Neuen Testaments" nach dem Bruch zwischen Judentum und Christentum vermuten nichtjüdische Kritiker eine verzerrte Darstellung der Pharisäer, die zur Zeit der Entstehung jener Schriften zur dominanten jüdischen Richtung geworden waren. Sie weisen darauf hin, dass Jesus pharisäische Positionen der Schule des Hillel (Nächstenliebe) oder der des Schammai (zur Ehescheidung) vertrat. Seine Auffassung von einem Leben nach dem Tod ist ebenfalls bei den Pharisäern zu finden. Auch die Anrede Rabbuni (=Meister, Lehrmeister) weist Jesus als in der pharisäischen Tradition stehend aus. Die überlieferten Auseinandersetzungen wären danach eher als talmud-typische Diskussionen der jüdischen Streitkultur zu sehen, die spätere Schreiber als tiefere Konflikte verstanden hätten oder propagandistisch gedeutet hätten.

Andere Kritiker der neutestamentlichen Darstellung sehen die Darstellung der Pharisäer als Karikatur. Jesu Erklärung, dass einem geheilten Mann nun die Sünden vergeben seien, folgt der pharisäischen Auffassung jener Zeit; eine Verurteilung Jesu als Gotteslästerer aufgrund seiner Erklärung widerspricht dem historischen Bild der Pharisäer. Auch Jesu Heilung am Sabbath, im neuen Testament von Pharisäern verurteilt, verletzt keine der bekannten rabbinischen Vorschriften (siehe dazu auch "Mishneh Torah des RaMBaM" (Schabath 2-3). Ebenso erscheint die Ablehnung der Pharisäer gegenüber Jesu Botschaft an die gesellschaftlichen Randgruppen (Bettler, Steuereintreiber) im Widerspruch zur rabbinischen Tradition, die ebenfalls eine Vergebung für alle lehrt. Ein genauerer Vergleich zeigt, dass viele der Lehren Jesu im Einklang mit denen der Pharisäer stehen.

Grund für eine negative Darstellung der Pharisäer mag die Wendung der christlichen Mission von den Juden zu Nichtjuden gewesen sein. Hier war eine negative Darstellung der Juden, seit etwa dem Jahre 70 durch die Pharisäer repräsentiert, vorteilhaft. Das Christentum verstand sich in der legitimen Fortsetzung des Judentums, und wertete die nichtkonvertierten Anhänger ( also Juden, die Juden blieben ) deswegen ab.

Siehe auch

Literatur

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Weblinks

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