Sigune und Schionatulander

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Sigune und Schionatulander sind Gestalten aus den von Wolfram von Eschenbach verfassten Versepen Titurel (um 1220) und Parzival (um 1210).

Sigune ist die Tochter von Kyot und Schoysiane und damit eine Cousine Parzivals. In dem um 1190 verfassten Li Contes del Graal des Chrétien de Troyes, der Wolframs Hauptquelle war, wird sie ohne Namensnennung schlicht als Percevals „germaine cosine“ bezeichnet. Während sie in Chrétiens Erzählung nur ein einziges Mal mit Parzival zusammentrifft, gibt es bei Wolfram insgesamt vier Begegnungen.

In den beiden Titurel-Fragmenten Wolframs werden die Jugendjahre und die Liebesgeschichte von Sigune und Schionatulander geschildert. Das erste Fragment beginnt damit, dass Titurel die Gralsherrschaft an seinen Sohn Frimutel übergibt. Dieser hat zwei Töchter, nämlich Herzeloyde und Schoysiane. Als Schoysiane bei der Geburt ihrer Tochter Sigune stirbt, wird sie von Herzeloyde und ihrem Mann Gahmuret aufgenommen. Hier wächst Sigune gemeinsam mit Schionatulander auf, der ein Fürstensohn und Edelknappe Gahmurets ist. Die beiden verlieben sich ineinander, doch werden sie schmerzlich getrennt, als Schionatulander Gahmuret auf dessen Orientfahrt begleiten muss.

Zu Beginn des zweiten Titurel-Fragments lagern Sigune und Schionatulander auf einer Waldlichtung, als plötzlich ein Jagdhund aus dem Wald hervorbricht. Er wird von Schionatulander eingefangen. Auf seiner langen und mit herrlichen Edelsteinen besetzten Leine, dem sogenannten Brackenseil, steht sein Name, Gardeviaz, und die Liebesgeschichte seiner Herrin. Albrecht von Scharfenberg hat später in seinem Jüngeren Titurel, die Inschrift des Brackenseils in 54 siebenversigen Strophen zu einer umfangreichen Tugendlehre ausgebaut, die in die Allegorie der zwölf zum Kranz gewundenen «Blumen der Tugend» mündet. Noch ehe Sigune die Inschrift zu Ende lesen kann, entflieht der Hund samt der Leine. Sigune fordert nun von Schionatulander als Minnedienst, dass er ihr den Hund und die Leine zurückbringe. Schionatulander willigt ein - dann bricht das Fragment unvermittelt ab (Lit.: Titurel, Fragment II).

165. Si sprach "dâ stuont âventiur geschriben an der strangen:
sol ich die niht zende ûz lesen, mir ist unmær mîn lant ze Katelangen.
swaz mir iemen rîcheit möhte gebieten,
und obe ich wirdec wær ze nemen, dâ für wolt ich mich der schrifte nieten.

166. Daz spriche ich, werder friunt, dir noch niemen ze vâre.
ob wir beidiu junc solten leben zuo der zît unser künftigen jâre,
sô daz dîn dienst doch gerte mîner minne,
du muost mir daz seil ê erwerben, dâ Gardevîaz ane gebunden stuont hinne."

165. Sie sprach: „Da stand eine Aventiure geschrieben auf dem Seil.
Soll ich die nicht bis zu Ende lesen, ist mir gleichgültig mein ganzes Land Katelangen.
Was man mir auch an Reichtum möchte geben,
und selbst wenn ich würdig wäre, ihn anzunehmen, ich wollte lieber die Schrift haben.

166. Das spreche ich, werter Freund, dir noch niemand zur Gefahr.
Wenn wir beide jung sollten leben zu der Zeit unserer künftigen Jahre,
so du mit deinem Dienst meine Liebe doch weiter gewinnen willst,
musst du mir das Seil erwerben, an dem Gardeviaz hier angebunden stand.

Der weitere Verlauf der tragischen Liebesgeschichte lässt sich erst aus Wolframs «Parzival» erahnen. Auf seiner Suche nach dem Gral trifft Parzival auf Sigune (Pz. 138,9-142,2) , die ihren toten Geliebten Schionatulander auf ihrem Schoß hält. Parzival erfährt, dass sie seine Cousine ist. Sigune beklagt den Tod Schionatulanders und gibt sich selbst die Mitschuld dafür: „ein bracken seil gap im den pîn. in unser zweier dienste den tôt hât er bejagt“ (Pz. 141,16-18). Er sei in einer Tjost mit Orilius ums Leben gekommen, dem Bruder Lähelins, der Parzival aller seiner Erbländer beraubt hatte.

Parzival trifft auf Sigune in der Linde, die den toten Schionatulander auf ihrem Schoß hält.
Wolfram von Eschenbach: Parzival (Band 1), S 185, Hagenau - Werkstatt Diebold Lauber, um 1443-1446

Rudolf Steiner hat darauf hingewiesen, dass dieses Pietà-Motiv von Sigune mit dem toten Schionatulander in ihrem Schoß von großer Bedeutung für die geistige Entwicklung Parzivals war. Parzival war in einem früheren Leben als der Jüngling zu Sais inkarniert, der verbotenerweise den Schleier der Isis gelüftet hatte. Damals hätte er nicht nach dem Geheimnis der Isis fragen sollen. Jetzt, in nachchristlicher Zeit, war es gerade seine Aufgabe, die entscheidende Frage nach dem Geheimnis des Grals zu stellen:

"Zu nichts anderem sollte seine Seele getrieben werden, als zu fragen dort, wo ihm die Bedeutsamkeit des Christus-Impulses entgegentreten konnte: am Heiligen Gral. Fragen sollte er! Fragen sollte er, nicht angestiftet durch das, was die Ritter glaubten in dem Christus verehren zu müssen, oder durch das, was die Theologen glaubten in dem Christus verehren zu müssen; sondern einzig und allein durch die jungfräuliche, aber im Sinne ihrer Zeitepoche lebende Seele sollte er angeregt werden, zu fragen, was der Heilige Gral enthüllen könnte, und was eben das Christus- Ereignis sein konnte. Er sollte fragen! Halten wir dieses Wort fest.

Ein anderer sollte nicht fragen. Er ist ja bekannt genug, der nicht fragen sollte: der Jüngling zu Sais sollte nicht fragen. Denn sein Verhängnis war es, daß er fragen mußte, daß er tat, was er nicht tun sollte, daß er haben wollte, daß das Bild der Isis enthüllt werden sollte. Der Parzival der vor dem Mysterium von Golgatha liegenden Zeit, das ist der Jüngling zu Sais. Aber in jener Zeit wurde ihm gesagt: Hüte dich, daß deiner Seele unvorbereitet enthüllt werden sollte, was hinter dem Schleier ist! - Der Jüngling zu Sais nach dem Mysterium von Golgatha ist Parzival. Und er sollte nicht besonders vorbereitet werden, er soll mit jungfräulicher Seele zum Heiligen Gral hingeführt werden. Er versäumt das Wichtigste, da er das nicht tut, was dem Jüngling zu Sais verwehrt war, da er nicht fragt, nicht sucht nach der Enthüllung des Geheimnisses für seine Seele. So ändern sich die Zeiten im Laufe der Menschheitsentwickelung!

Wir wissen es ja - zunächst müssen wir solche Dinge abstrakt andeuten, wir werden darüber aber noch ausführlicher sprechen können -, daß es sich handelt um das, was sich in der Isis enthüllen sollte. Wir stellen uns vor das Bild der alten Isis mit dem Horusknaben, das Geheimnis des Zusammenhanges zwischen Isis und Horus, dem Sohne der Isis und des Osiris. Aber das ist abstrakt gesprochen. Dahinter liegt natürlich ein großes Geheimnis. Der Jüngling zu Sais war nicht reif, um dieses Geheimnis zu erfahren. Als Parzival, nachdem er auf der Gralsburg nach den Wundern des Heiligen Grals zu fragen versäumt hatte, fortreitet, da gehört zu den ersten, die ihm begegnen, ein Weib, eine Braut, die da trauert um ihren eben gestorbenen Bräutigam, den sie im Schöße hält: Richtig das Bild der trauernden Mutter mit dem Sohne, das später so oftmals als Pietä-Motiv gedient hat! Das ist die erste Hinweisung darauf, was Parzival erfahren hätte, wenn er nach den Wundern des Heiligen Grals gefragt hätte. Er hätte in der neuen Form jenen Zusammenhang erfahren, der besteht zwischen Isis und Horus, zwischen der Mutter und dem Menschensohne. Und er hätte fragen sollen!

Daran sehen wir, wie tief uns solche Hinweise andeuten, was für ein Fortschritt in der Entwickelung der Menschheit geschieht: Was nicht geschehen darf in der Zeit vor dem Mysterium von Golgatha - nach dem Mysterium von Golgatha soll es geschehen, denn die Menschheit ist eben in der Zwischenzeit vorwärts geschritten. Die Seele der Menschheit ist gewissermaßen eine andere geworden." (Lit.: GA 148, S. 164ff)

Später trifft Parzival noch dreimal auf die klagende Sigune, die ihr ganzes weiteres Leben der Klage um ihren Toten Geliebten geweiht hatte. Zuletzt stirbt sie im tiefen Gebet um ihren toten Ritter versunken als Inkluse in einer verlassenen Klause. Parzival bestattet beide nebeneinander, um sie wenigstens im Tode miteinander zu vereinen.

Karmische Zusammenhänge

Aus Notizen Rudolf Steiners, die durch das Ehepaar Kirchner-Bockholt publiziert worden sind, geht hervor, dass es sich bei Sigune und Schionatulander um eine Reinkarnation von Aristoteles und Alexander dem Großen handeln muss. Darauf mögen sich wohl auch folgende Worte in den Karmavorträgen Rudolf Steiners beziehen, in denen er Schicksal von Aristoteles und Alexander in den späteren Zeiten weiter verfolgt:

"Da sie dann ihr Karma heruntertrug in das Erdenleben, ... , lebten sie eigentlich als unbeachtete, unbekannte, früh hinsterbende Persönlichkeiten in einem allerdings für die Anthroposophie wichtigen Winkel Europas, aber eben, ich möchte sagen, nur wie kurze Zeit durch ein Fenster hereinschauend in die abendländische Zivilisation, Eindrücke, Impulse mitnehmend, aber nicht irgendwie bedeutsame Impulse gebend. Das mußten sie sich aufsparen für später." (Lit.: GA 240, S. 227)

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
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Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
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