Tempelreinigung

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Alexander Andrejewitsch Iwanow: Die Reinigung des Tempels (1824)
Modell des herodianischen Tempels in Jerusalem. Der Tempelmarkt mit den Wechslertischen und Verkaufsständen war vermutlich in den von Herodes errichteten Erweiterungsbauten auf der Südseite (auf dem Bild links) des Tempelbergs untergebracht, entweder im Untergeschoss der Königshalle, durch das einer der Hauptaufgänge in den Tempel führte, oder in den an die Halle angrenzenden Bereichen des äußeren Vorhofs.[1]
Jean Jouvenet: Les marchands chassés du Temple (1706)

Die Tempelreinigung oder Tempelaustreibung, bei der der Christus die Händler und Geldwechsler aus dem Jerusalemer Tempel vertrieb, weil dieser als „Haus des Gebets“ dem Gottesdienst vorbehalten bleiben sollte, wird in allen vier Evangelien geschildert (Matthäus 21,12ff EU; Markus 11,15ff EU; Lukas 19,45ff EU; Johannes 2,13–16 EU), allerdings mit unterschiedlicher zeitlicher Einordnung. Während sie im Johannesevangelium schon sehr früh erwähnt wird, verlegen sie die Synoptiker erst an den Beginn der Karwoche.

Johannesevangelium

Im Johannesevangelium wird von der Tempelaustreibung schon im 2. Kapitel direkt nach der Hochzeit von Kana berichtet und steht damit noch ganz am Anfang des irdischen Wirkens Christi. Hier wird auch deutlich, dass der Chrisus in Wahrheit den Tempel seines Leibes gemeint und bereits seine Auferstehung vorherverkündet hatte.

„13 Das Paschafest der Juden war nahe und Jesus zog nach Jerusalem hinauf. 14 Im Tempel fand er die Verkäufer von Rindern, Schafen und Tauben und die Geldwechsler, die dort saßen. 15 Er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, dazu die Schafe und Rinder; das Geld der Wechsler schüttete er aus und ihre Tische stieß er um. 16 Zu den Taubenhändlern sagte er: Schafft das hier weg, macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle! 17 Seine Jünger erinnerten sich an das Wort der Schrift: Der Eifer für dein Haus verzehrt mich. 18 Da stellten ihn die Juden zur Rede: Welches Zeichen lässt du uns sehen als Beweis, dass du dies tun darfst? 19 Jesus antwortete ihnen: Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten. 20 Da sagten die Juden: Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten? 21 Er aber meinte den Tempel seines Leibes. 22 Als er von den Toten auferstanden war, erinnerten sich seine Jünger, dass er dies gesagt hatte, und sie glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesprochen hatte.“

Johannesevangelium: 2,13-22 EU

Rudolf Steiner erhellt den Hintergrund:

„Der Schreiber des Johannes-Evangeliums erzählt uns, wie er gegenüber denen, die dem Egoismus huldigen und den Tempel schänden, indem sie alles mögliche darin verkaufen, als der Tempelreiniger auftritt. Dadurch gewinnt er die Möglichkeit zu sagen, jetzt habe er den astralischen Leib so mächtig gemacht, daß er imstande wäre, wenn der physische Leib verfiele, ihn in drei Tagen wiederum aufzubauen.“ (Lit.:GA 112, S. 193)

Der Astralleib des Christus war mittlerweile schon so mächtig geworden, dass er sich frei außerhalb des physischen und ätherischen Leibes bewegen konnte. Dadurch war es ihm möglich, den Eingeweihten Nikodemus „bei Nacht“, d.h. außerhalb des Leibes, zu besuchen. Der Ausdruck „bei Nacht“ wird deshalb gewählt, weil sich das Ich und der Astralleib Nachts im Schlaf (teilweise) außerhalb des Leibes befinden, allerdings unbewusst. Der Christus konnte sich aber in seinem Astralleib bewusst und willentlich frei außerhalb seines Leibes bewegen.

„Das deutet an, daß jetzt diese Hülle, welche ihm hingeopfert worden ist, die Macht hat, diesen physischen Leib so zu dirigieren, daß sie Herr ist in diesem physischen Leibe. Dann aber kann auch dieser Leib, der nun so frei geworden ist, sich unabhängig von den Gesetzen der physischen Welt überallhin bewegen, dann kann dieser Leib, ungeachtet der sonstigen Gesetze der Raumeswelt, Ereignisse in der geistigen Welt herbeiführen und dirigieren. Tut er das? Ja. Das wird uns angedeutet in dem Kapitel, das da folgt auf das Kapitel über die Tempelreinigung.

«Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern, mit Namen Nikodemus, ein Oberster unter den Juden; der kam zu Jesu bei der Nacht und sprach zu ihm...» (Joh 3,1-2 EU)

Warum steht hier «bei der Nacht»? Es ist natürlich die denkbar trivialste Erklärung, wenn gesagt wird, daß sich der Jude nur gefürchtet hat, bei hellichtem Tage zu Jesus zu kommen, und sich bei Nacht durch das Fenster eingeschlichen hat. Solche Erklärung kann natürlich jeder geben. «Bei der Nacht» heißt hier nichts anderes, als daß dieses Zusammentreffen zwischen dem Christus und dem Nikodemus geschah in der astralen Welt, in der geistigen Welt, und nicht in der Umgebung, in der man bei dem gewöhnlichen Tagesbewußtsein ist. Das heißt: Der Christus konnte jetzt verhandeln mit dem Nikodemus außerhalb des physischen Leibes, «bei der Nacht», wenn der physische Leib nicht dabei ist, wenn der astralische Leib außerhalb des physischen Leibes und des Ätherleibes ist.“ (S. 194)

Matthäus- und Lukasevangelium

Nach Matthäus und Lukas geschah die Tempelreinigung unmittelbar nach dem triumphalen Einzug des Christus nach Jerusalem, also noch am Palmsonntag.

„45 Dann ging er in den Tempel und begann, die Händler hinauszutreiben. 46 Er sagte zu ihnen: In der Schrift steht: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht. 47 Er lehrte täglich im Tempel. Die Hohenpriester, die Schriftgelehrten und die übrigen Führer des Volkes aber suchten ihn umzubringen. 48 Sie wussten jedoch nicht, wie sie es machen sollten, denn das ganze Volk hing an ihm und hörte ihn gern.“

Lukasevangelium: 45-48 EU

„10 Als er in Jerusalem einzog, geriet die ganze Stadt in Aufregung, und man fragte: Wer ist das? 11 Die Leute sagten: Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa. 12 Jesus ging in den Tempel und trieb alle Händler und Käufer aus dem Tempel hinaus; er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um 13 und sagte: In der Schrift steht: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber macht daraus eine Räuberhöhle. 14 Im Tempel kamen Lahme und Blinde zu ihm und er heilte sie. 15 Als nun die Hohenpriester und die Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder im Tempel rufen hörten: Hosanna dem Sohn Davids!, da wurden sie ärgerlich 16 und sagten zu ihm: Hörst du, was sie rufen? Jesus antwortete ihnen: Ja, ich höre es. Habt ihr nie gelesen: Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob ? 17 Und er ließ sie stehen und ging aus der Stadt hinaus nach Betanien; dort übernachtete er.“

Matthäusevangelium: 21,10-17 EU

Erst am Morgen des folgenden Tages erfolgte nach Matthäus die Verfluchung des Feigenbaums:

„18 Als er am Morgen in die Stadt zurückkehrte, hatte er Hunger. 19 Da sah er am Weg einen Feigenbaum und ging auf ihn zu, fand aber nur Blätter daran. Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll keine Frucht mehr an dir wachsen. Und der Feigenbaum verdorrte auf der Stelle.“

Matthäusevangelium: 21,18-19 EU

Markusevangelium

Im Markusevangelium findet die Tempelaustreibung erst am Karmontag statt und wird von der Schilderung der Verfluchung des Feigenbaums umrahmt:

„12 Als sie am nächsten Tag Betanien verließen, hatte er Hunger. 13 Da sah er von weitem einen Feigenbaum mit Blättern und ging hin, um nach Früchten zu suchen. Aber er fand an dem Baum nichts als Blätter; denn es war nicht die Zeit der Feigenernte. 14 Da sagte er zu ihm: In Ewigkeit soll niemand mehr eine Frucht von dir essen. Und seine Jünger hörten es. 15 Dann kamen sie nach Jerusalem. Jesus ging in den Tempel und begann, die Händler und Käufer aus dem Tempel hinauszutreiben; er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenhändler um3 16 und ließ nicht zu, dass jemand irgendetwas durch den Tempelbezirk trug. 17 Er belehrte sie und sagte: Heißt es nicht in der Schrift: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes für alle Völker sein? Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht. 18 Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten hörten davon und suchten nach einer Möglichkeit, ihn umzubringen. Denn sie fürchteten ihn, weil alle Leute von seiner Lehre sehr beeindruckt waren. 19 Als es Abend wurde, verließ Jesus mit seinen Jüngern die Stadt. 20 Als sie am nächsten Morgen an dem Feigenbaum vorbeikamen, sahen sie, dass er bis zu den Wurzeln verdorrt war. 21 Da erinnerte sich Petrus und sagte zu Jesus: Rabbi, sieh doch, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt. 22 Jesus sagte zu ihnen: Ihr müsst Glauben an Gott haben.“

Markusevangelium: 11,12-22 EU

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Das Johannes-Evangelium im Verhältnis zu den drei anderen Evangelien, GA 112 (1984), ISBN 3-7274-1120-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
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Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
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Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
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Weblinks

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Einzelnachweise

  1. Shimon Gibson: Die sieben letzten Tage Jesu. Die archäologischen Tatsachen. München 2010, S. 66; dgl. Martin Stowasser: Jesu Konfrontation mit dem Tempelbetrieb von Jerusalem – ein Konflikt zwischen Religion und Ökonomie? Berlin 2007, S. 42.