Tinktur

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Durch die alchemistischen Prozeduren des Opus Magnum sollte der grüne Löwe, die ungeläuterte prima materia, in den roten Löwen, den Stein der Weisen, verwandelt werden.

Als Tinktur (von lat. tingo, „färben“) wird in der Pharmazie ein alkoholischer Auszug aus pflanzlichen oder tierischen Rohstoffen bezeichnet. Veraltet steht der Begriff „Tingierung“ auch für Färben bzw. Farbe.

Alchemie

Die Alchemisten nannten den durch das Opus Magnum hergestellten „Stein der Weisen“, den Roten Leu, auch Große Tinktur oder Rote Tinktur. Der Ausgangsstoff für den ganzen Prozess, der über vier grundlegende Stufen verläuft, die mit den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer korrespondieren, die durch die Aufnahme der quinta essentia, der Ätherkräfte, schrittweise vergeistigt werden sollen, ist die prima materia, der noch ungeläuterte Stoff, der oft auch als Jungfernerde oder grüner Löwe oder grüner Drache bezeichnet wird. Um welchen konkreten Stoff es sich dabei handelt, wird meist nicht gesagt. Die Schwärzung (lat. nigredo, griech. melanosis) dieses Urstoffes durch Putrefaktion (lat. putrefactioFäulnis, Verwesung, Gärung“) bildete den ersten Schritt des Großen Werkes. Als Symbol steht dafür der Rabe. Durch die fortgesetzte Läuterung des Stoffes wurde zunächst die Weißung (lat. albedo, griech. leukosis), bei der sich symbolisch der Rabe zur weißen Taube verwandelt, und dann die Gelbung (lat. citrinitas, griech. xanthosis) erreicht. Misslang die Gelbung, so stellte sich die vielfarbige cauda pavonis, der sog. Pfauenschwanz, ein. Die letzte und höchste Stufe war die Rötung (lat. rubedo, griech. iosis). Der Stoff rötet sich und wütet als roter Drache gegen sich selbst, bis er sich in Blut verwandelt, was anzeigt, dass der Verwandlungsprozess gelungen ist. Der so gewonnene Stein der Weisen ist nach der Beschreibung des Paracelsus leuchtend rubinfarbig, durchsichtig und sehr schwer. Darstellungen aus dem späteren Mittelalter lassen vielfach die Stufe der Gelbung aus, so dass man es dann nur mehr mit der Trias von nigredo, albedo und rubedo zu tun hat, denen die alchemistischen Farben Schwarz, Weiß und Rot entsprechen. In der Praxis verlief das alchemistische Magisterium zumeist über weit mehr als vier Stufen, da vorbereitende Arbeiten und auch gewisse Zwischenschritte notwendig waren.

Goethe deutet das Scheitern dieses Prozesses im ersten Teil seiner Faust-Dichtung an:

Da ward ein roter Leu, ein kühner Freier,
Im lauen Bad der Lilie vermählt,
Und beide dann mit offnem Flammenfeuer
Aus einem Brautgemach ins andere gequält.
Erschien darauf mit bunten Farben
Die junge Königin im Glas,
Hier war die Arzenei, die Patienten starben,
Und niemand fragte: wer genas?
               Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil (Vor dem Tor)

Siehe auch

Literatur