Unio mystica

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Die Unio mystica oder Henosis (griech. ἕνωσις), die Einswerdung mit Gott, ist das höchste Strebensziel der Mystiker. Es ist erreicht, wenn der Geistesschüler die Erkenntnisstufe der Intuition errungen hat. Die mittelalterlichen Mystikerinnen bezeichneten diese Vereinigung mit Gott bzw. dem Christus als Mystische Hochzeit, wobei sie die geläuterte jungfräuliche menschliche Seele als die Braut Christi ansahen. Es handelte sich dabei um einen rein seelischen Vorgang. Eine höhere Stufe stellt die «Chymische Hochzeit» dar, bei der die Verwandlung des Menschenwesens den Charakter eines realen Naturvorgangs annimmt, wie es die wahren Alchemisten erstrebten. Dadurch sollte nicht nur für die einzelne strebende Seele etwas geleistet werden, sondern für die ganze Welt. Sie versenkten sich nicht ins eigene Innere, sondern in das Geistige der Natur, um dann mit den so gewonnenen Erkenntniskräften das Geistwesen des Menschen zu schauen.

„In der Kreuzzugszeit, der Zeit des 12., 13., 14., 15., ja 16. Jahrhunderts gab es insbesondere Frauennaturen, welche ihr Gemüt in eine solche Mystik brachten, daß sie dieses innere Erlebnis, das ihnen die Mystik brachte, wie eine Hochzeit empfanden mit dem Geistigen, sei es mit dem Christus, oder sonst etwas. Mystische Hochzeiten feierten zahlreiche asketische Nonnen und so weiter. Ich will mich heute nicht über das Wesen dieser innerlichen mystischen Vereinigungen ergehen; aber es war eben ein innerhalb des Gemüts Verlaufendes, das dann nur mit Worten ausgesprochen werden konnte, das gewissermaßen innerhalb der Vorstellungen, der Empfindungen und noch des Wortes, in das die Empfindungen gekleidet werden können, verlief. Dem setzte dann aus gewissen Vorstellungen und geisteswissenschaftlichen Zusammenhängen heraus Valentin Andreae seine «Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz» entgegen. Diese chymische Hochzeit, wir würden heute sagen chemische Hochzeit, sie ist auch ein menschliches Erlebnis. Aber wenn Sie sie durchlesen, diese Chymische Hochzeit des Christian Rosenkreutz, so werden Sie sehen, daß es sich da nicht bloß um ein Gemütserlebnis handelt, sondern um etwas, was den ganzen Menschen ergreift, nicht bloß sich in Worten ausspricht; was nicht bloß hereingestellt ist wie ein Gemütserlebnis in die Welt, sondern wie ein realer Vorgang, ein Naturvorgang, wo der Mensch mit sich etwas macht, das wie ein Naturvorgang wird. Also etwas, was mehr von Wirklichkeit durchtränkt ist, meint Valentin Andreae mit seiner «Chymischen Hochzeit des Christian Rosenkreutz», als eine bloß mystische Hochzeit etwa der Mechthild von Magdeburg, die eine Mystikerin war. Durch die mystische Hochzeit der Nonnen wurde nur etwas getan für die Subjektivität des Menschen; durch die chymische Hochzeit gab sich der Mensch der Welt hin, durch ihn sollte etwas für die ganze Welt geleistet werden, so wie durch die Naturvorgänge etwas für die ganze Welt geleistet wird. Dies ist nun wiederum im eminent christlichen Sinne gedacht. Begriffe wollten die Menschen, die realer dachten - sei es nun selbst in dem einseitigen Sinne der alten Alchimisten -, Begriffe wollten sie, durch die sie die Wirklichkeit in richtiger Art meistern könnten, durch die sie in die Wirklichkeit richtiger eingreifen könnten, solche Begriffe, die nun wirklich etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben.“ (Lit.:GA 175, S. 82f)

„Echte Alchimie macht sich unabhängig von der sinnlichen Wahrnehmung, um das außerhalb des Menschen vorhandene geistig Wesenhafte der Welt zu schauen, das von der Sinneswahrnehmung verdeckt wird. Der Mystiker muß vor seinem Eintreten in das Menschen-Innere seine Seele in eine solche Verfassung bringen, daß sie ihr Bewußtsein gegenüber dem erhöhten Gegendruck, den sie durch das innigere Zusammensein mit dem Leibe erfährt, nicht dem Herabdämmern oder Auslöschen aussetzt. Der Alchimist bedarf vor seinem Betreten der hinter dem Sinnesgebiet liegenden Geistwelt einer Erkräftigung seines Seelenwesens, damit dieses sich nicht an die Wesen und Vorgänge dieser Welt verliert. Die Forschungswege des Mystikers und des Alchimisten liegen nach entgegengesetzten Richtungen. Der Mystiker geht unmittelbar in das eigene Geistwesen des Menschen hinein. Sein Ziel ist, was die Mystische Hochzeit genannt werden kann, die Vereinigung der bewußten Seele mit der eigenen geistigen Wesenheit. Der Alchimist will das Geistgebiet der Natur durchwandeln, um nach der erfolgten Wanderung mit den in diesem Gebiet erworbenen Erkenntniskräflen das Geistwesen des Menschen zu schauen. Sein Ziel ist die «Chymische Hochzeit», die Vereinigung mit dem Geistgebiet der Natur. Nach dieser Vereinigung erst will er die Anschauung der Menschenwesenheit erleben.“ (Lit.:GA 35, S. 341)

„Man unterschied auf der einen Seite die Natur, das Miterleben des Menschen mit dem Kosmos, was das Mittelalter Natura nannte, was das Altertum Proserpina nannte. Man personifizierte, unterschied dieses wiederum von der Urania, welche ebenso die Himmels Sphäre beherrscht, wie die Natur dasjenige beherrscht, was der Mensch miterlebt vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Und ein tiefes Geheimnis glaubten diese mittelalterlichen Menschen zu sehen, wenn sie sprachen von der Vermählung der Natur im Menschen mit dem Nus, mit dem Verstände, mit dem Intellekt im Menschen. Und in richtiger und unrichtiger Weise wurde von diesen Menschen versucht, zu erleben im Menschen die Vermählung der Natur mit dem Nus, mit dem Verstände oder Intellekt, als mystische Hochzeit, der gegenüberstand die alchimistische Hochzeit, so wie ich das in dem Aufsatze beschrieben habe, der der erste ist über den Christian Rosenkreutz.“ (Lit.:GA 180, S. 106)

Auf beiden Wegen drohen Gefahren durch die Widersacher. Der Mystiker kann leicht den Verführungen Luzifers verfallen, der Alchemist kann in die Fänge Ahrimans geraten.

„Der Leib ist so in die Welt eingegliedert, daß diese Eingliederung der kosmischen Harmonie entspricht. Lebt die Seele innerhalb der Sinneswahrnehmung und der gewöhnlichen Verstandestätigkeit, so ist sie gerade mit derjenigen Stärke an den Leib hingegeben, durch die dieser seine Harmonie mit dem Weltall auf sie übertragen kann. Hebt sich die Seele aus diesem Erleben nach der mystischen oder der alchimistischen Richtung heraus, so wird für sie nötig, Vorsorge zu treffen, damit sie die durch den Leib gewonnene Harmonie mit dem Weltall nicht verliere. Träfe sie diese Vorsorge nicht, so drohte ihr auf dem mystischen Wege der Verlust des geistigen Zusammenhanges mit dem Weltall; auf dem alchimistischen Pfade die Einbuße des Unterscheidungsvermögens für Wahrheit und Irrtum. Der Mystiker würde ohne diese Vorsorge durch den dichteren Zusammenhang mit dem Leib die Kraft des Selbstbewußtseins so verdichten, daß er von ihr überwältigt in dem Eigenleben nicht mehr das Weltleben miterfahren konnte. Dadurch würde er in den Bereich einer anderen geistigen Welt mit seinem Bewußtsein eintreten, als die dem Menschen entsprechende ist. (Ich habe in meinen geisteswissenschaftlichen Schriften diese Welt die luziferische genannt.) Der Alchimist käpae ohne nötige Vorsorge zu einer Entkräftung seines Unterscheidungsvermögens gegenüber Wahrheit und Täuschung. Im großen Zusammenhange des All ist die Täuschung eine Notwendigkeit. Der Mensch kann ihr auf seiner gegenwärtigen Entwicklungsstufe aber nicht verfallen, weil ihm das Gebiet der Sinneswahrnehmung Schutz gewährt. Wäre die Täuschung nicht im Hintergrunde des menschlichen Welt-Erlebens, so könnte der Mensch nicht die verschiedenen Stuf en seines Bewußtseins entwickeln. Denn die Täuschung ist die treibende Kraft dieser Bewußtseinsentwickelung. Auf der gegenwärtigen Stufe der menschlichen Bewußtseinsentwikkelung muß die Täuschung zwar zur Entstehung des Bewußtseins wirken; sie muß aber selbst im Unbewußten bleiben. Denn träte sie in das Bewußtsein ein, so würde sie die Wahrheit überwältigen. Sobald nun die Seele auf dem alchymistischen Wege in das hinter der Sinneswahrnehmung gelegene Geistgebiet eintritt, gerät sie in die Wirbel der Täuschung, innerhalb derer sie ihr Wesen nur in rechter Art bewahren kann, wenn sie aus dem Erleben in der Sinneswelt ein genügend großes Unterscheidungsvermögen für Wahrheit und Täuschung mitbringt. Sorgte sie für ein solches Unterscheidungsvermögen nicht, so würden sie die Wirbel der Täuschung in eine Welt verschlagen, in der sie sich selbst verlieren müßte. (Ich habe in meinen geisteswissenschaftlichen Schriften diese Welt die ahrimanische genannt.) - Der Mystiker hat nötig, bevor er seinen Weg antritt, die Seele in eine solche Verfassung zu bringen, daß das Eigenleben nicht überwältigt werden kann; der Alchimist muß den Sinn für die Wahrheit erkräftigen, damit er ihm nicht verlorengehe, auch wenn er nicht durch die Sinneswahrnehmung und den an diese gebundenen Verstand unterstützt wird.“ (Lit.:GA 35, S. 342f)

Siehe auch

Literatur

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