Wahrnehmungstäuschung

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Den Sinnen hast du dann zu trauen,
Kein Falsches lassen sie dich schauen
Wenn dein Verstand dich wach erhält.
Mit frischem Blick bemerke freudig,
Und wandle, sicher wie geschmeidig,
Durch Auen reichbegabter Welt.

Eine Wahrnehmungstäuschung liegt vor, wenn die subjektive Wahrnehmung nicht mit der objektiv gegeben, äußeren, physikalisch konstatierbaren Realität übereinstimmt. Wie schon Goethe bemerkte und auch von Rudolf Steiner bekräftigt wird, handelt es sich dabei nicht eigentlich um eine Sinnestäuschung, sondern vielmehr um eine falsche Beurteilung des sinnlich Erfahrenen aufgrund einer nicht der äußeren Realität angemessenen Verarbeitung der Sinnesdaten. Eine echte Sinnestäuschung liegt nur vor, wenn das Sinnesorgan selbst geschädigt ist.

„In bezug auf Erkenntnis kann man von Wahrheit und Irrtum sprechen. Entsteht nun der Irrtum bereits im Gebiet der Sinne, oder erst da, wo durch Urteil, Gedächtnis usw. Vorstellungen gebildet werden über die Aussagen der Sinne? Man hat ein Recht, von Sinnestäuschungen zu sprechen. Wenn durch eine Unregelmäßigkeit im Ohr oder im Auge ein Schall oder ein Lichteindruck anders erscheinen, als sie bei normaler Bildung der betreffenden Organe sich darstellen, so liegt z. B. Sinnestäuschung vor. Ist es deshalb unberechtigt, was Goethe gesagt hat: «Den Sinnen darfst du kühn vertrauen, kein Falsches lassen sie dich schauen, wenn dein Verstand dich wach erhält»? Goethes Satz erweist sich sofort als berechtigt, wenn man folgendes bedenkt. Ein Irrtum, welcher durch Verstand oder Gedächtnis herbeigeführt wird, ist von anderer Art als eine Sinnestäuschung. Die letztere kann nämlich durch den gesunden Verstand korrigiert werden. Wenn jemandem durch einen Fehler seines Auges sich ein vor ihm stehender Baum als Mensch darstellt, so wird er erst dann im Irrtum sein, wenn er den Augenfehler nicht korrigiert und etwa in dem vorgetäuschten Menschen einen Feind erblickt, gegen den er sich zur Wehr setzt. Nicht so ist es mit einem Irrtum des Verstandes, denn da ist es dieser Verstand selbst, der irrt, und welcher daher nicht zu gleicher Zeit seine eigenen Fehler korrigieren kann. - Zu wirklichen Irrtümern werden die Täuschungen der Sinne erst durch den Verstand. Diese Unterscheidung ist keine Pedanterie, sondern eine Notwendigkeit.“ (Lit.:GA 45, S. 20f)

Auch wenn man das Fehlurteil mit wachem Verstand durchschaut, lässt sich allerdings die erlebte Wahrnehmungstäuschung oft nicht aufheben, da die Verarbeitung der Sinnesdaten in einem Bereich erfolgt, der unserem Bewusstsein kaum zugänglich ist. In Wahrheit handelt es sich also in diesem Fall um eine fälschliche Vorstellungsbildung, die sich zwar nicht oder kaum willkürlich beeinflussen, dennoch aber mit dem Verstand duchschauen lässt. Wahrnehmungstäuschungen können alle äußeren Sinne betreffen; am verbreitetsten sind optische, akustische, haptische und thermische Täuschungen.

Eng verwandt mit den Wahrnehmungstäuschungen im engeren Sinn, denen wir uns nicht entziehen können, selbst wenn wir sie durchschauen, sind die Illusionen. Auch sie beruhen auf einer verfälschten wirklichen Wahrnehmung und unterscheiden sich dadurch etwa von Halluzinationen, denen keine augenblicklich gegebene äußere Wahrnehmung zugrunde liegt. Illusionen können sehr leicht entstehen, wenn unsere Urteilsfähigkeit durch mangelnde Sinnesdaten verunsichert wird. So kann etwa in der Dämmerung der Schatten eines Gegenstandes leicht als hingekauerte Gestalt verkannt werden. Illusionen können sich pathologisch bis zum Wahn steigern. Sie beruhen nach Rudolf Steiner auf einer fehlerhaften Gedächtnisbildung. Es werden dadurch Kräfte freigesetzt, die eigentlich erst in der nächsten irdischen Inkarnation wirksam werden sollten. Was wir in einer Inkarnation erleben und an Taten verrichten, prägt sich nämlich dem Gedächtnis ein, dessen organische Grundlage nach Steiner vor allem an der Oberfläche der inneren Organe zu suchen ist. Wenn es sich dabei beispielsweise um die Erinnerung sehr abstrakter Gedanken handelt, so ist daran außerordentlich stark die Lungenoberfläche beteiligt. Diese Erinnerungen werden normalerweise in der Schädelformung der zukünftigen Inkarnation sichtbar. Werden diese formenden Kräfte allerdings schon in der gegenwärtigen Inkarnation freigesetzt, führen sie zu wahnhaften Illusionen, was man bei schweren Lungenerkrankungen oft bemerken kann.

"Wenn man nun dieses in der Lunge Aufgespeicherte nicht in der richtigen Weise beherrscht, dann wird es so ausgepreßt, wie ich gestern sagte, daß ein Schwamm ausgepreßt wird, und dann entstehen aus dem, was eigentlich erst in der nächsten Inkarnation kopfformend herauskommen sollte, vorzugsweise solche abnormen Erscheinungen, die man gewöhnlich als Zwangsgedanken bezeichnet oder auch in irgendeiner Weise als Illusionen. Es ist ein interessantes Kapitel einer höheren Physiologie, bei Lungenkranken zu studieren, welche merkwürdigen Vorstellungen da auftreten im Hochstadium der Lungenkrankheiten. Das hängt zusammen mit dem, was ich eben jetzt auseinandergesetzt habe, mit diesem Herauspressen der Gedanken. Die Gedanken, die da herausgepreßt werden, sind deshalb Zwangsgedanken, weil sie schon die formende Kraft in sich haben. Die Gedanken, die wir jetzt normal im Bewußtsein haben sollen, die dürfen nur Bilder sein, die dürfen nicht eine formende Kraft in sich haben, dürfen uns nicht zwingen. Durch die lange Zeit zwischen Tod und neuer Geburt, da zwingen sie, da sind sie Kausalitäten, da wirken sie dann formend. Jetzt dürfen sie uns nicht überwältigen, sie dürfen nur beim Übergang von einem Leben ins andere ihre Kraft ausüben." (Lit.: GA 205, S. 102f)

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
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