Wunder

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Als Wunder (griech. θαῦμα thauma) wird heute gewöhnlich ein Ereignis angesehen, das nicht rational naturgesetzlich erklärbar scheint und darum Verwunderung und Erstaunen erregt.

Wunder heben die naturgesetzliche Ordnung nicht auf

"Es ist ein Aberglaube, anzunehmen, daß in dem gewöhnlichen Gang der Ereignisse dasjenige, was man als den gesetzmäßigen Zusammenhang erkannt hat, durch ein Wunder durchbrochen werden könne. Warum? Soviel muß geschehen nach notwendigen Regeln, als Vergangenes in den Ereignissen ist. Und würden die Götter in einem Zusammenhang dasjenige durchbrechen, was gesetzmäßig drinnen ist, so würden die Götter lügen; sie würden ableugnen das, was sie vor Zeiten festgestellt haben. Und so wenig wir ein Vergangenes anders machen können durch eine spätere Behauptung, ebensowenig können wir das Stück Vergangenheit, das als Notwendiges in den Dingen drinnen ist, ändern. Und nur das können wir an den Dingen nicht ändern, was an den Dingen Vergangenheit ist. Der Notwendigkeitsbegriff muß mit dem Vergangenheitsbegriff zusammenwachsen." (Lit.: GA 163, S. 69f)

Es kann also keine Rede davon sein, dass „Wunder“, wie außergewöhnlich sie auch erscheinen mögen, die naturgesetzliche Ordnung durchbrechen. Sie sind keine übernatürlichen Ereignisse. Allerdings beschränkt sich die Natur aus geisteswissenschaftlicher Sicht nicht allein auf die physische Welt. Es gibt auch höhere Weltebenen, die die physische Welt durchdringen und auf sie einwirken, nämlich die Ätherwelt, die Astralwelt und die geistige Welt im engeren Sinn. Einwirkungen aus diesen Welten sind ein fester Bestandteil des Naturgeschehens. Sie heben die physikalischen Gesetze nicht auf, erweitern sie aber um höhere Gesetzmäßigkeiten. Wäre die physische Welt vollkommen deterministisch und dadurch vollkommen in sich abgeschlossen, wäre ein solches Hereinwirken höherer Daseinsebenen unmöglich. Die Quantentheorie hat aber gezeigt, dass das physikalische Geschehen auf fundamentaler Ebene grundsätzlich nicht deterministisch ist. Dadurch wird der Ausblick auf höhere Weltebenen eröffnet. Was aus physischer Perspektive als bloßer Zufall erscheint, kann im Hinblick auf diese höhere Ordnung verständlich und systematisch wissenschaftlich erforschbar werden. Bei der bloßen Zufälligkeit des Geschehens stehen zu bleiben, ist wissenschaftlich ebenso unfruchtbar wie der Hinweis auf ein unmittelbares, nicht weiter hinterfragbares Eingreifen Gottes, wie es die Kreationisten postulieren. So erscheint etwa das Phänomen des Lebens aus anthroposophischer Sicht nur verständlich, wenn man auch ganz konkret die Gesetzmäßigkeiten der Ätherwelt einbezieht, wie es Goethe mit seiner Anschauung der Urpflanze und mit dem Entwurf der Metamorphosenlehre anfänglich versucht hat. Trieb und Empfindung erfordern darüber hinaus die Einbeziehung der Astralwelt und der Mensch kann nur im Hinblick auf die höheren geistigen Welten verstanden werden. Die wissenschaftlich geforderte Einheitlichkeit der Naturerklärung wird dabei nicht verletzt, wenn man die Gesetzmäßigkeiten der niederen Weltebenen als spezifische Einschränkung bzw. als Grenzfälle der Naturordnung der jeweils höheren Ebene verstehen lernt. So erscheinen etwa die physikalischen Gesetze, die die Welt der toten Materie bestimmen, als Grenzfall der Lebensgesetze der Ätherwelt, diese wiederum als Einschränkung der astralen Gesetzmäßigkeiten usw. Da wir als Menschen an all diesen Welten Anteil haben, sind sie auch unserer Erkenntnis grundsätzlich zugänglich. Der heute wissenschaftlich postulierte Reduktionismus, der alles Weltgeschehen auf rein physikalische Prozesse einengen will, erweist sich dabei als letztlich irrationales, historisch-soziologisch bedingtes Forschungshindernis.

"Ein Wunder ist nichts anderes als das Eingreifen einer höheren Welt in die unsere. Es ist einfach ein naturgemäßer Vorgang." (Lit.: GA 93a, S. 145)

"Wenn wir unseren Blick hinauswenden zum Gang von Sonne und Mond, wenn wir die sich bewegenden Wolken sehen, wenn wir die sich bewegende Luft im Winde wahrnehmen, dann sehen wir nicht mehr so etwas, wie der alte Grieche gesehen hat, was gleichsam Handbewegungen, äußere Gesten von göttlichgeistigen Wesenheiten sind, sondern wir sehen etwas, was wir nach äußeren, abstrakten, rein mathematisch-mechanischen Gesetzen betrachten. Solch eine Natur, die nach rein äußeren, mathematisch-mechanischen Gesetzen betrachtet wird, die nicht bloß die äußere Physiognomie des göttlich-geistigen Handelns darstellt, kannte der alte Grieche nicht. Wir werden hören, wie der Begriff Natur, so wie ihn der heutige moderne Mensch hat, erst entstanden ist.

Geist und Natur waren in jenen alten Zeiten also in völligem Einklang miteinander. Daher gab es für den alten Griechen auch das noch nicht mit denselben Empfindungswerten wie heute ausgestattet, was in der heutigen Zeit ein Wunder genannt wird. Wenn wir jetzt absehen von allen feineren Unterscheidungen, so können wir heute sagen, ein Wunder würde gesehen, wenn ein Vorgang in der Außenwelt wahrgenommen würde, der nicht nach den bereits bekannten oder mit ihnen verwandten Naturgesetzen erklärbar ist, sondern der voraussetzt, daß der Geist unmittelbar eingreift. Da wo der Mensch wahrnehmen würde ein unmittelbar Geistiges, was er nicht bloß nach rein äußerlichen, mathematisch-mechanischen Gesetzen begreifen und erklären kann, würde er von etwas Wunderbarem sprechen. In diesem Sinne konnte der alte Grieche nicht von etwas Wunderbarem sprechen. Denn ihm war klar, daß der Geist alles macht, was in der Natur geschieht, ob es nun die alltäglichen, in unsere Naturordnung sich einfügenden Ereignisse waren oder seltenere Naturzusammenhänge, das machte keinen Unterschied. Das eine war nur seltener, das andere war das Gewöhnliche, aber der Geist, das göttlich-geistige Schaffen und göttlich-geistige Wirken, griff ihm in alles Naturgeschehen ein. So sehen Sie, wie sich diese Begriffe geändert haben. Daher ist es auch etwas wesentlich unserer Gegenwart Angehöriges, daß das geistige Eingreifen in die äußeren Ereignisse des physischen Planes wie etwas Wunderbares empfunden wird, wie etwas, was herausfällt aus dem gewöhnlichen Gang der Ereignisse. Es ist nur unserer modernen Empfindung eigen, eine scharfe Grenze zu ziehen zwischen dem, was man von Naturgesetzen beherrscht glaubt, und dem, wo man ein unmittelbares Eingreifen der geistigen Welten anerkennen muß." (Lit.: GA 129, S. 54f)

"So weit ist die Wissenschaft erstarkt, in sich sicher und übereinstimmend in allen Zweigen und Richtungen, Schulen und Parteien, daß sie dem Wunder in jeder Art und Gestalt unbedingt und ohne weiteres die Türe weist. Sie erkennt nur das Eine Wunder aller Wunder an, daß es überhaupt eine Welt gibt und gerade diese, aber innerhalb des Kosmos verwirft sie schlechthin jeden wie immer formulierten Anspruch, daß die Durchbrechung seiner Ordnungen und Gesetze etwas Denkbares oder gar etwas Vorzüglicheres sei als deren unwandelbare Geltung. Das Wunder ist in ganz gleicher Weise für alle Natur-, Geschichts- und philosophischen Wissenschaften in eben dem, was es sein und bedeuten will, ein begriffliches Unding, ein direktes Attentat auf alle Vernunft und die elementarsten Grundlagen aller menschlichen Wissenschaften. Wissenschaft und Wunder stehen einander gegenüber wie Vernunft und Unvernunft.»

Als ich begann, um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert in öffentlichen Vorträgen gewisse anthroposophische Fragen zu berühren, da war noch ein letzter Nachklang von dieser Stimmung vorhanden. Und deshalb finden Sie - ich weiß nicht, ob jetzt viele hier versammelt sind, die noch diese ersten Vorträge verfolgt haben - in ziemlich vielen Vorträgen hingewiesen auf das Problem der wiederholten Erdenleben und das Problem von dem Schicksal des Menschen, das sich durch die wiederholten Erdenleben hindurchzieht. Sie finden bei diesem Problem stets darauf hingewiesen, immer am Schluß des Vortrages suchte ich darauf hinzuweisen, wie im Grunde genommen für jedes Leben - wenn man glaubt, daß die altaristotelische Vorstellung richtig sei: jedesmal, wenn ein Mensch geboren wird, werde eine neue Seele geschaffen, die eingepflanzt werde dem menschlichen Embryo - , für jedes einzelne Leben das Wunder statuiert sei, und daß lediglich dadurch im berechtigten Sinne der Wunderbegriff überwunden werde, daß man die wiederholten Erdenleben annehme, wodurch jedes einzelne Menschenleben ohne Wunder an die vorhergehenden Erdenleben angereiht werde." (Lit.: GA 198, S. 88)

Die Wunderheilungen Daskalos'

Eine Aussage Rudolf Steiners ist, daß die damaligen Wunder Jesu auch deshalb möglich waren, weil damals physischer Leib und Ähterleib noch nicht so stark miteinander verbunden waren wie heute[1]. Dem widerspricht aber, daß der Heiler Daskalos (1912 - 1995) ähnliche Wunder, wie z.B. Verlängerung eines zu kurz geratenen Beines[2], vollbracht haben soll. Manche von Daskalos Heilungen funktionierten aber nur, wenn er das Karma der betroffenen Person(en) übernahm. Daran wäre er laut einem Bericht von Markides ("Der Magus von Strovolos") auch fast einmal gestorben.

Siehe auch

Wunderheilung

Nachweise

  1. Quelle: Siehe Wunderheilung
  2. Heilung von Kinderlähmung, berichtet im dritten Band der Trilogie von Kyriacos C. Markides über Daskalos: Feuer des Herzens, S. 9f.

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Grundelemente der Esoterik, GA 93a (1987), ISBN 3-7274-0935-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Weltenwunder, Seelenprüfungen und Geistesoffenbarungen, GA 129 (1992), ISBN 3-7274-1290-9 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Zufall, Notwendigkeit und Vorsehung , GA 163 (1986), ISBN 3-7274-1630-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Heilfaktoren für den sozialen Organismus, GA 198 (1984), ISBN 3-7274-1980-6 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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