Basilides (Gnostiker)

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Basilides (griech. Bασιλίδης) eigentlich Basileides (* ca. 85 in Syrien (?); † ca. 145) war ein Gnostiker in Alexandria.

Leben und Lehre

Basilides war wahrscheinlich Schüler des Menander, Hauptvertreter der ägyptischen (alexandrinischen) Gnosis und wurde von Christen der Häresiarch (Herrscher der Irrlehrer) genannt. Er lehrte um 130–140 n. Chr. in Alexandria. Nach den acta archelei hatte er vor seiner Ankunft in Alexandria in Persien gewirkt. Er war ein fruchtbarer Schriftsteller; zu seinen Werken zählen ein Psalmenbuch, mehrere Oden, ein Bibelkommentar in 24 Bänden – genannt Exegetica – und eine Lehrschrift, die (wohl fälschlich) „Evangelium“ genannt wurde. Fast nichts davon ist erhalten.

Von seiner Lehre kennen wir nur Bruchstücke in den „Stromateis“ des Clemens von Alexandria sowie zwei Darstellungen, von Irenäus von Lyon und von Hippolytus – also nur aus entstellenden Gegenschriften. Irenäus etwa formuliert: „Basileides dehnt seine Lehre ins Unendliche aus, um den Schein größerer Tiefe und Glaubwürdigkeit zu erwecken.[1] Er verarbeitete verschiedene christlich-jüdische, persische und neuplatonische Überlieferungen zu einem Weltbild von sittlichem Ernst und eindrucksvoller Geschlossenheit. Hippolyt meint: „Seine Lehre ist die des Aristoteles, des Stagiriten, nicht die Christi.[2] Eusebius von Cäsarea berichtet in seiner «Kirchengeschichte» von einem gewissen Agrippa Kastor, der die älteste Schrift gegen Basilides verfasst habe, die aber verloren ist.

„Von jenem Menander, den wir bereits weiter oben1 als Nachfolger Simons bezeichnet haben, ging eine doppelzüngige, zweiköpfige, schlangenartige Kraft aus, welche Satorninus aus Antiochien und Basilides aus Alexandrien als Häupter zweier verschiedenartiger Häresien aufstellte. Der eine von ihnen gründete in Syrien, der andere in Ägypten gottlose Ketzerschulen. Wie Irenäus[3] mitteilt, trug Satorninus in den meisten Punkten die gleiche falsche Lehre wie Menander vor und dehnte Basilides, tiefe Geheimnisse versprechend, mit Hilfe von selbst erdichteten Wundergeschichten seine gottlosen ketzerischen Erfindungen ins Unendliche aus. Von den zahlreichen Kirchenmännern, die zu jener Zeit für die Wahrheit kämpften und mit Vernunftgründen für die apostolische und kirchliche Lehre eintraten, gaben nunmehr einige in ihren Schriften den späteren Generationen auch Heilmittel gegen diese erwähnten Irrlehren in die Hand. Von diesen ist die treffliche „Widerlegung des Basilides“, von Agrippa Kastor, einem damals hochgeschätzten Schriftsteller, verfaßt[4], auf uns gekommen; dieselbe läßt erkennen, wie schlimm der Betrug jenes Mannes gewesen war. Kastor deckt die Geheimnisse des Basilides auf und teilt hierbei mit, derselbe habe 24 Bücher über das Evangelium geschrieben[5] und sich selbst Propheten wie Barkabbas und Barkoph und noch einige andere, die gar nicht existiert hätten, erdichtet und ihnen, um auf leicht erregbare Leute Eindruck zu machen, barbarische Namen beigelegt. Auch habe er gelehrt, es sei kein (moralischer) Unterschied zwischen denen, die den Götzen geopfertes Fleisch genießen, und denen, die in Zeiten der Verfolgung leichtsinnig ihren Glauben verleugnen, und habe nach Art der Pythagoreer seinen Anhängern ein fünfjähriges Schweigen auferlegt. Der erwähnte Schriftsteller zählte noch andere ähnliche Lehren des Basilides auf und stellte den Irrtum der genannten Häresie meisterhaft ans Licht.“

Eusebius von Cäsarea: Kirchengeschichte IV,7 [6]

Die Lehre des Basilides ist emanatistisch mit eindeutiger dualistischer Grundlage. Basilides ging von der Existenz der beiden alten Prinzipien Licht und Finsternis aus. Als diese einander gewahr wurden, wendete sich das Licht ab, das Dunkel jedoch gewann die Herrschaft über die Reflexe des Lichtes, Farben und Schatten; so konnte diese unsere unvollkommene Welt entstehen. Dieser Schöpfungsmythos ist eine Weiterentwicklung der persischen Ahura-Mazda-Ahriman-Kosmologie. Basilides allerdings arbeitete neuplatonische Elemente ein, insbesondere den Dualismus zwischen Geist und Materie, Seele und Leib.

Laut Irenäus emanierten zuerst aus der obersten Gottheit, dem „ungewordenen Vater“, (nach der Zahl der Planeten) sieben göttliche Kräfte, davon vier intellektuelle:

  1. der Geist (Nous),
  2. der ihn offenbarende Logos,
  3. die Denkkraft (Phronesis) und
  4. Weisheit (Sophia),
  5. dann die Macht,
  6. die sittliche Vollkommenheit und
  7. der innere Friede

Sie machen das erste Geisterreich aus. Von diesem sind in allmählich abnehmender Klarheit 364 weitere Geisterreiche, jedes zu sieben „Äonen“, hervorgegangen. Die gesamten Geisterreiche werden zusammengefasst in dem Geheimwort Abraxas oder Abrasax, das den Zahlenwert 365 hat[6].

„Ihr Fürst heißt Abraxas; der Zahlenwert der Buchstaben dieses Namens beträgt 365.“

Irenäus: Gegen die Häretiker I,24,7 [7]

Die sieben Äonen des untersten Himmelskreises sind die Weltschöpfer. Die ursprüngliche Mischung des Göttlichen mit materiellen Elementen und dadurch auch das Böse war eine Folge dieser Schöpfung, die Scheidung dieser Elemente die Aufgabe der Erlösung.

"Man wollte mit allen Fasern festhalten an einem Geistigen, das nicht erfaßt wird von dem Intellektualismus. Das ist ungefähr der Seelenkampf, den Basilides ausgefochten hat, der Gnostiker, der sich halten wollte an dasjenige, was sich im Jahreslaufe offenbaren will. Er sagte sich: Wenn der Mensch sich ganz überläßt seinem fortfließenden Intellekt, so trennt er sich von dem göttlich-geistigen Kosmos; er muß sich halten an dasjenige, was in der Umgebung liegt, die durch den göttlich-geistigen Kosmos zustandegekommen ist; er muß sich halten an das, was im Weltenkreislauf das ehrwürdige Bild des kosmischen Schaffens hat, also des Wirkens des Göttlichen im Materiellen; er muß sich halten an das Jahr." (Lit.: GA 343a, S. 269)

Darum sandte der „ungewordene Vater“ seinen Erstgeborenen, den Nous, der sich mit Jesus, dem vollkommensten Menschen, vereinigte, sich aber nicht selbst kreuzigen ließ, sondern den Simon von Kyrene substituierte und ins Pleroma zurückkehrte. Man muss daher nicht an den Gekreuzigten, vielmehr an Nous, den ewigen Geist, glauben, der nur scheinbar den Kreuzestod gestorben ist. (Doketismus)

Tafel 9

"Zu allerletzt verfließt der geistige Blick; wenn wir empfinden, gewahr werden, wie der geistige Blick verfließt, dann reden wir von dem unbekannten Gott, von dem Gott, der in keine Worte und Begriffe zu fassen ist, von dem ersten Äon, und aus diesem unbekannten Gotte manifestiert sich, offenbart sich heraus — dieser Begriff der Manifestation, der später die Dinge verunziert, ist bei Basilides noch gar nicht in der gleichen Weise zu verstehen, wie wir heute «Manifestation» verstehen, man sollte nicht sagen «es manifestiert sich», sondern «es gestaltet sich heraus», ganz individuell sich gestaltend -, aus dem unbekannten Gotte gestaltet sich dasjenige heraus, was der Nous ist, der auch bei Anaxagoras auftritt, gewissermaßen die erste Schöpfung des unbekannten Gottes. Das ist das erste Prinzip, das im Menschen sein Abbild hat, wenn der Mensch sich seinem Verstand, aber jetzt nicht dem [intellektuellen] Verstand, sondern dem Ihnen in diesen Tagen charakterisierten lebendigen Verstand hingegeben hat, den die Menschen noch hatten innerhalb der griechischen Philosophie [bis Plato], und den in abgeschwächter Form Aristoteles noch hatte.

Das, was als das nächste herauskommt, ist der Logos, indem man vom Nous mehr nach unten geht. Im Menschen spricht sich das aus, indem er Lautendes und Tönendes empfindet. Dann waren in der Halsgegend Abbilder zu finden von fünf anderen Prinzipien, die wir jetzt nicht im einzelnen zu charakterisieren brauchen. Damit haben wir dasjenige, was man nannte den ersten heiligen Tag des Jahres, der dem Menschen, wenn er ihn im Kosmos lesend erfaßt, das gibt, was ihn zum Verständnis des menschlichen Kopfes, der menschlichen Kopforganisation führt.

Außer diesen Prinzipien finden sich in der menschlichen Organisation noch andere Prinzipien, insgesamt 364, das gibt dann 364 + 1 = 365, was äußerlich symbolisch sich schon in den 365 Tagen des Jahres ausdrückt." (Lit.: GA 343a, S. 270)

"Wenn ich Ihnen ein charakteristisches Merkmal der Gnosis angeben soll in bezug auf das innere menschliche Erleben, so ist es dieses, daß der Gnostiker alles Streben hatte, bis zum Höchsten hinauf mit der Erkenntnis zu dringen, so daß sich sein Blick über den Logos hinauf zu dem Nous erhob. Der Gnostiker sagte: In Christus und im Mysterium von Golgatha erschien der Nous menschlich verkörpert; nicht der Logos, der Nous erschien menschlich verkörpert. Das hat aber, meine lieben Freunde, wenn man es lebendig erfaßt, eine ganz bestimmte Folge für unser inneres Seelenleben. Wenn man die Dinge so abstrakt hinstellt, wie sie heute im intellektualistischen Zeitalter vielfach vor die Leute hingestellt werden, nun ja, dann hört man, die Menschen der älteren Zeiten hätten nicht von dem Logos gesprochen, der in Jesus Fleisch geworden ist, sondern von dem Nous, der in Jesus Fleisch geworden ist. Damit ist die Sache dann aus, wenn man einen solchen Begriff hingepfahlt hat. Derjenige aber, der im lebendigen Erleben des Begrifflichen geistig drinnensteht, der kann nicht anders, indem er einen solchen Seeleninhalt faßt, als sich plastisch gestaltet das vorzustellen, was fleischgewordener Nous ist. Fleischgewordener Nous aber kann nicht sprechen, das kann nicht der Christus sein, kann nicht durch Tod und durch Auferstehung gehen. Der Christus der Gnostiker, der eigentlich der Nous ist, konnte nur so weit kommen, daß er sich im Menschen verkörperte, er konnte aber nicht bis zum Sterben und zur Auferstehung kommen." (Lit.: GA 343a, S. 271f)

In dieser von der Finsternis geschaffenen Welt gibt es kein völlig sündenfreies Wesen; selbst Jesus ist nicht frei von Sünde und muss getauft werden. Aus diesem Grunde war für seine Anhänger, die Basilidianer, das Fest der Jordan-Taufe des Retters die wichtigste Festlichkeit des Jahres (etwa 6. Januar)[7].

"Der Gnostiker wies weg dasjenige, was irgendwie einfließen wollte aus dem Intellektualistischen, und es ergibt sich ihm das Bild [des Christus nur] bis zur Abnahme des Kreuzes durch Simon von Kyrene. Das ist die eine Seite des menschlichen Kampfes, der dazumal entstanden ist unter dem Einfluß der großen Frage, die ich vor Sie hingestellt habe. Und was ging aus diesem Ringen hervor? Aus diesem Ringen ging die andere große Frage hervor, die jetzt für die christlichen Gnostiker eine Crux wurde. Meine lieben Freunde, indem die Gnostiker das 365. Göttliche als den Judengott ansahen, empfanden sie das Väterliche in dem Göttlichen gerade am Ende dieser Reihe. Wo die Juden ihren Gott verehrten, da empfanden sie das Väterliche, während sie dasjenige, was später als der Heilige Geist zum Vorschein kam, empfanden in dem anderen Pole, in dem Nous. Und daher gaben die Gnostiker auf eine bestimmte christliche Urfrage der ersten christlichen Jahrhunderte eine Antwort, die heute gar nicht mehr gewürdigt wird, sie gaben die Antwort: Der Christus ist ein viel höheres Geschöpf als der Vater, der Christus ist nicht wesensgleich dem Vater. Der Vater, der seinen äußersten, extremsten Ausdruck in dem Judengott fand, ist der Schöpfer der Welt, aber der Schöpfer der Welt war genötigt, aus seinen Untergründen eine Welt hervorgehen zu lassen, die ganz zur gleichen Zeit hervorbringt das Gute und das Böse, das Gute und das Schlechte, die zu gleicher Zeit hervorbringt Gesundheit und Krankheit, die zu gleicher Zeit hervorbringt das Heilige und das Teuflische. Dieser Welt, die nicht gemacht war aus Liebe, weil sie das Böse enthält, stellten die Gnostiker als das höhere Göttliche den Christus entgegen, der von oben herunter kam, der den Nous in sich trägt, der diese Welt erlösen kann, die der Schöpfer unerlöst lassen mußte." (Lit.: GA 343a, S. 272f)

Basilides Nachfolger war sein Sohn Isidoros. Die zahlreichen Anhänger des Basilides bildeten bis tief ins 4. Jahrhundert hinein in Unterägypten eine Art Geheimorden, bei dem magische Riten und die Kenntnis geheimer Worte eine große Rolle spielten. Sie modifizierten sein Religionssystem unter dem Einfluss stoischer Philosophie wesentlich und erregten durch ihre (von ihren Gegnern entstellte?) Lehre, dass die Geschichte Jesu nur Schein und die Anbetung der Heidengötter gleichgültig sei, bei ihren christlichen Zeitgenossen vielfach Anstoß.

Irenäus von Lyon

Irenäus von Lyon (Gegen die Häretiker, Buch 1 24, 1-7) berichtet über die Lehren des Basilides:

„Basilides dehnt seine Lehrmeinung ins Unendliche aus, um den Schein größerer Tiefe und Glaubwürdigkeit zu erwecken. Er lehrt folgendes: Von dem ungezeugten Vater ist zunächst der Nous gezeugt, von diesem der Logos, von dem Logos die Phronesis, von der Phronesis die Sophia und Dynamis, von der Sophia und Dynamis die Kräfte, Mächte und Engel, die er die ersten nennt, und von diesen ist der erste Himmel erschaffen. Von ihnen sind andere Engel abgeleitet und erschaffen, diese machten einen zweiten Himmel ähnlich dem ersten. Von diesen entstanden auf ähnliche Weise durch Ableitung wieder andere, als Abbilder der oberen, und diese machten einen dritten Himmel. Aus dem dritten Himmel entstand der vierte und so fort auf dieselbe Weise immer weitere Fürsten und Engel und 365 Himmel. Nach dieser Himmelszahl hat denn auch das Jahr ebenso viele Tage.“

Irenäus: Gegen die Häretiker I,24,3 [8]

„Die örtliche Lage der 365 Himmel bestimmen sie ähnlich wie die Mathematiker. Ihre Lehrsätze haben sie übernommen und verwenden sie für die besondere Art ihrer Lehre. Ihr Fürst heißt Abraxas; der Zahlenwert der Buchstaben dieses Namens beträgt 365.“

Irenäus: Gegen die Häretiker I 24,7 [9]

„Den letzten Himmel, den wir sehen, erfüllen die Engel, welche alles, was in der Welt ist, gemacht haben. Sie haben die Erde und die Völker, die auf der Erde sind, unter sich verteilt. Ihr Anführer ist der Gott der Juden. Da dieser nun seinen Leuten, d. h. den Juden, die andern Völker unterwerfen wollte, erhoben sich die andern Fürsten gegen ihn und durchkreuzten seine Pläne. Deshalb sind auch die andern Völker seinem Volke feindlich gesonnen.

Wie aber der ungezeugte und unnennbare Vater ihre Verderbtheit sah, sandte er seinen eingeborenen Nous, der Christus genannt wird, um die, welche an ihn glauben würden, von der Herrschaft jener zu befreien, die die Welt gemacht haben. Er erschien auch ihren Völkern auf Erden als Mensch und vollendete die Kräfte. Aber er hat nicht gelitten, sondern ein gewisser Simon von Cyrene, den man zwang, für ihn das Kreuz zu tragen. Dieser wurde irrtümlich und unwissentlich gekreuzigt, nachdem er von ihm verwandelt war, so daß er für Jesus gehalten wurde. Jesus aber nahm die Gestalt des Simon an und lachte sie aus, indem er dabeistand. Er war ja die unkörperliche Kraft und der Nous des ungezeugten Vaters, deswegen konnte er sich nach Belieben verwandeln und stieg so wieder zu dem hinauf, der ihn gesandt hatte, indem er derer spottete, die ihn nicht halten konnten, und unsichtbar für alle war. Befreit also sind, die dies wissen, von den Schöpferfürsten der Welt. Nicht den Gekreuzigten darf man bekennen, sondern den, der anscheinend gekreuzigt wurde, Jesus hieß und vom Vater gesandt wurde, um durch diese Veranstaltung die Werke derer zu zerstören, die die Welt gemacht haben. Wer also noch den Gekreuzigten bekennt, der ist ein Sklave und unter der Gewalt jener, welche die Körperwelt gemacht haben; die andern aber sind ihrer Macht ledig, sie wissen, wie es der ungezeugte Vater geordnet hat.“

Irenäus: Gegen die Häretiker I 24,4 [10]

Die Erlösung betrifft nach Basilides nur die Seele, der Körper muss zerfallen. Von der Auferstehung des Leibes kann hier keine Rede sein.

Hippolytus von Rom

„Als nun nichts existierte, weder Stoff, noch Wesenheit, noch Wesenloses, noch Einfaches, noch Zusammengesetztes, noch Unfaßbares, noch Unfühlbares, weder Mensch, noch Engel, noch Gott, noch überhaupt etwas Benennbares, das man mit dem Gefühl oder dem Verstand wahrnimmt, als vielmehr alles absolut im eigentlichsten Sinne nicht vorhanden war, entschloß sich der nichtexistierende Gott, den Aristoteles „Gedanke des Gedankens“ nennt, Basilides und seine Schule aber den Nichtexistierenden, ohne Gedanken, ohne Empfindung, ohne Ratschluß, ohne Plan, ohne Leidenschaft, ohne Begierde die Welt zu schaffen. Wenn ich „er wollte“ sage, so sage ich es, meint Basilides, der Verständlichmachung wegen, er wollte ohne Wille, ohne Gedanke, ohne Gefühl; unter „die Welt“ verstehe ich nicht jene, die später durch die Ausdehnung und Scheidung entstand und auseinanderging, sondern den Weltsamen. Der Weltsamen enthielt alles in sich, wie das Senfkorn im kleinsten zusammengefaßt alles enthält: die Wurzeln, den Stamm, die Zweige, die unzähligen Blätter und die von der Pflanze hervorzubringenden Samen und alle weiter entstehenden Pflanzen und ihre Samen. So schuf der nichtexistierende Gott eine nichtexistierende Welt aus Nichtexistierendem, indem er ein Samenkorn hervorbrachte, das den Gesamtsamen der Welt in sich hatte.“

Hippolytus von Rom: Widerlegung aller Häresien VII 21 [11]

Aus den Samen erwächst eine dreifache Sohnschaft: der leichte Teil entschwebt sofort nach oben, der schwere Teil erhebt sich mit den Flügen des Heiligen Geistes und der dritte Teil bleibt erlösungsbedürftig zurück.

„Es war, so sagt Basilides, im Samen selbst eine dreifache Sohnschaft, dem nichtexistierenden Gott durchaus wesensgleich, aus dem Nichtexistierenden erzeugt. Ein Teil dieser dreifach geteilten Sohnschaft war ganz leicht, der andere schwer, der dritte reinigungsbedürftig. Im Augenblick, als die erste Hervorbringung des Samens durch den nichtexistierenden Gott stattfand, entfloh der ganz feine Teil, stieg eilends mit einer schöpferischen Schnelligkeit von unten nach oben „wie ein Flügel oder ein Gedanke“[8] und gelangte zum Nichtexistierenden; nach ihm strebt jedes Wesen wegen seiner überaus großen Schönheit und Anmut; aber jedes auf seine Weise. Das allzu Schwere bleibt aber noch im Samen und konnte, obwohl es Nachahmungstrieb hatte, nicht aufsteigen; diese Sohnschaft war viel zu wenig leicht im Gegensatz zu der, die durch sich selbst aufstieg, und blieb unten. Nun versah sich also die allzu schwere Sohnschaft mit solchen Flügeln, wie sie Plato, der Lehrer des Aristoteles, im Phaidros[9] der Seele gibt. Basilides nennt sie nicht Flügel, sondern Heiliger Geist; wenn die Sohnschaft ihn angetan hat, übt sie Wohltaten und erhält solche.“

Hippolytus von Rom: Widerlegung aller Häresien VII 22 [12]

Der Heilige Geist, der fortan den Duft der Sohnschaft in sich trägt, bildet die Grenze zwischen der oberen und der unteren Welt. Aus der Samenfülle entsteht nun der Archon, der Demiurg. Da er nicht allein sein wollte, erzeugte er einen Sohn, der besser und weiser war als er selbst, und setzte ihn zu seiner Rechten. Und dieser gab ihm die Kraft und die Gedanken, um die (ätherische) Schöpfung hervorzubringen, über der der Archon gemeinsam mit seinem Sohn in der «Achtheit» residiert.

„Es erfolgte also der erste und zweite Aufstieg der Sohnschaft, und der Heilige Geist blieb, wie gesagt, als Firmament zwischen der Oberwelt und der Welt zurück. — Das Sein wird nämlich von Basilides in zwei Haupt- und Grundteile geteilt; der eine heißt Welt, der andere Oberwelt; was aber zwischen der Welt und der Oberwelt liegt, heißt der dazwischen liegende Geist, der eben der Heilige Geist ist und der den zurückgebliebenen Duft der Sohnschaft in sich trägt. Da nun das Firmament existierte, das über dem Himmel sich befindet, ward vom kosmischen Samen und der Samenfülle des Haufens der große Archon[10] erzeugt und trat heraus, das Haupt der Welt, von unsagbarer Schönheit, Größe und Kraft... Und da er sich für den Herrn und Gebieter und weisen Baumeister hielt, wandte er sich der Weltschöpfung im einzelnen zu. Als erstes beschloß er, nicht allein zu sein, und erzeugte aus den unter ihm gelegenen Dingen einen Sohn, der weit besser und weiser als er selbst war. Das alles hatte der nichtexistierende Gott vorherbestimmt, als er die Samenfülle hervorbrachte. Beim Anblick des Sohnes faßte den großen Archon Bewunderung, Liebe und Erstaunen; so schön erschien ihm der Sohn; und er setzte ihn zu seiner Rechten[11]. Das ist die von den Basilidianern angeführte Achtzahl; dort hat der große Archon seinen Sitz. Der Demiurgos, der große Weise, hat also die ganze himmlische Schöpfung, d. i. die ätherische, erstellt; Kraft und Gedanken hierzu gab ihm sein Sohn, der viel weiser ist als der Demiurg selbst.“

Hippolytus von Rom: Widerlegung aller Häresien VII 23 [13]

Wie die Entelechie den Körper, so leitet der Sohn den Archon. Nachdem alles Ätherisch bis hinab zur Mondsphäre von dem Sohn geordnet worden war, steigt aus der Samenfülle ein weiterer Archon auf, geringer als der erste, aber größer als alles, was unter ihm lag - mit Ausnahme des dritten der oben erwähnten drei Söhne, der hier zurückgeblieben war. Auch er schuf sich einen Sohn, der klüger und weiser war als er selbst. Der Wohnort ist die «Siebenzahl» und in diesem Raum befindet sich auch die «Samenfülle»[12] und in dieser die dritte Sohnschaft, „die zum Wohltatenspenden und Wohltatenempfangen im Samen zurückgelassen worden war“[13].

„Der Archon der Siebenzahl ist's, der zu Moses sprach: „Ich bin der Gott Abrahams und Isaaks und Jakobs, und den Namen Gottes habe ich ihnen nicht kund getan“[14] — so soll nach ihnen geschrieben stehen —, d. h. (den Namen) des unaussprechlichen Gottes, der Achtzahl, des Archon. Alle Propheten vor dem Erlöser haben ihre Offenbarung von jenem.“

Hippolytus von Rom: Widerlegung aller Häresien VII 25 [14]

Literatur

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Weblinks

Einzelnachweise

  1. Irenäus von Lyon: Gegen die Häretiker I,24,3 [1]
  2. Hippolytus von Rom: Widerlegung aller Häresien VII, 14 [2]
  3. Gegen die Häres. I 24, 1. 3
  4. Diese älteste Schrift gegen Basilides ist verloren. Für die Beurteilung der literarischen Tätigkeit des Basilides kommen vor allem noch die meist bei Klemens von Alex. erhaltenen Fragmente seiner Schrift in Betracht.
  5. Dieselben sind verlorengegangen. Klemens von Alex. betitelt sie Ἐξηγητικά und bringt mehrere Zitate in Strom. IV 12, 81 ff. Vgl. Zahn, „Gesch. des neutestamentl. Kanons“ I (1888—1889) S. 763—774: „Basilides und die kirchliche Bibel“ ; H. Windisch, „Das Evangelium des Basilides“, in Zeitschrift f. d. neutestamentl. Wiss. 7 (1906) S. 236—246.
  6. Das Wort Abrasax (und ebenso Abraxas) ist eine Folge von sieben griechischen Buchstaben, die für die Wochentage stehen und in der Numerologie zusammen den Zahlenwert 365 ergeben. Mit α = 1, β = 2, ρ = 100, σ = 200 und ξ = 60 ergibt sich nämlich aus griech. αβρασαξ: α + β + ρ + α + σ + α + ξ = 1 + 2 + 100 + 1 + 200 + 1 + 60 = 365
    Abraxas prägte auch das Zauberwort Abara-kadabara, heute eher als „Abrakadabra“ bekannt.
  7. Clemens von Alexandrien: Stromateis I (XXI) 146,1 [3]
  8. Od. 7, 36
  9. Phaidros 246 A ff.
  10. Herrscher
  11. vgl. Ps 109,1 EU
  12. Hippolytus von Rom: Widerlegung aller Häresien VII 24 [4]
  13. VII 25 [5]
  14. Ex 6,2-3 EU
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