Epoché

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Epoché (griech. ἐποχή „Zurückhaltung“, von ἐπέχω „anhalten, zurückhalten“) bezeichnet in der Philosophie der antiken Skepsis eine Enthaltung im Urteil, die sich aus der Einsicht in die Ungewissheit allen Wissens herleitet.

In der Moderne gewinnt der Begriff bei Edmund Husserl Bedeutung. Als Methode kennzeichnet Epoché bei Husserl die phänomenologische Reduktion, durch die zunächst den vorgefassten Urteilen über die äußere Welt die Geltung entzogen wird, um anschließend – unter Beiseitelassung der tatsächlichen Existenz (d.h. Beiseitelassung wie ein Gegenstand objektiv an sich ist oder sein könnte) – zu Erkenntnissen über das Wesen des betrachteten Gegenstandes (wie er sich dem Bewußtsein originär, unmittelbar, zeigt) zu gelangen.

Husserl wollte Philosophie als strenge Wissenschaft betreiben und suchte nach einem ersten sicheren Anfang des Erkennens. Die Epoché bzw. die phänomenologische Reduktion ist ein Versuch, die Voraussetzungslosigkeit des Erkennens herzustellen. Der späte Husserl hat mit seinem Konzept der Lebenswelt diese strenge Anforderung eines ersten sicheren Anfangs im subjektiven Bewußtsein allerdings wieder verlassen, bzw. was ihm als ein sicherer Anfang im subjektiven Bewußtsein gilt, unterliegt mit der Berücksichtigung lebensweltlichen Daseins einer Modifikation.

Die erkenntnistheoretische Epoché ist vergleichbar mit dem Ansatz, den Rudolf Steiner in seiner 'Philosophie der Freiheit' verfolgt: Für das sichere Erkennen, das die Wirklichkeit konstituiert, soll ein erster Anfang gefunden werden. Rudolf Steiner sieht diesen sicheren Anfang im Denken, das zugleich Wahrnehmung ist. In solchem Anfang ist noch nicht einmal die Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt gegeben[1]. Subjekt und Objekt sind schon Unterscheidungen, die Wirklichkeit konstituieren. Die phänomenologische Reduktion zielt auch darauf, zu solch einem Anfang zu kommen, aus dem sich dann die Wirklichkeit wissenschaftlich, d.h. überprüft, wieder aufbauen läßt.

Husserl hatte zunächst eine Epoché versucht, die noch hinter die Intentionalität zurückgeht (sog. sensualistische Reduktion), gibt das später aber auf und setzt die Intentionalität des Bewußtseins als ein Gegebenes voraus, von dem auszugehen ist. Dieses spätere methodische Vorgehen Husserls, das die Intentionalität, d.h. den Gegenstandsbezug des Bewußtseins bestehten läßt, wird transzendentale Reduktion genannt.

Die Epoché kommt beim Rückgang hinter die Intentionalität zweifellos in einen Zustand, wo nicht mehr von Bewußtsein im Sinne der Intentionalität, die besagt, daß Bewußtsein immer Bewußtsein von etwas ist, gesprochen werden kann. Wenn man die Intentionalität so versteht, daß mit ihr auch schon die Differenzierung zwischen Subjekt und Objekt gegeben ist, könnte man annehmen, daß dieser vorintentionale Zustand mit dem identisch ist, was Steiner in der 'Philosophie der Freiheit' das Denken nennt, das vor der Unterscheidung von Subjekt und Objekt liegt, und in einem ersten Anheben zu dieser Unterscheidung kommt, mit der zugleich dann das reflexive Bewußtsein entsteht, das sich des Unterschiedes von dem, dessen es sich bewußt ist, bewußt ist = Selbstbewußtsein.

Nach der Auffassung Steiners kann man zu so einem ersten Anfang nicht schlußfolgernd kommen, sondern nur in der Nachfolge eines Aufzeigens. Entweder ist der phänomenologisch die Epoché vollziehende selbst dazu in der Lage, oder er läßt sich durch andere, die diesen Weg bereits gegangen sind, mittels Sprache anleiten. Dies ist auch die phänomenologische Position: Der erste Anfang muß über die Wahrnehmung gefunden werden, und da die begrifflichen Vorurteile zurückzunehmen sind, ist der Weg zu einem ersten Anfang der eines Zeigens.

Literatur

  • Hans P. Sturm: Urteilsenthaltung oder Weisheitsliebe zwischen Welterklärung und Lebenskunst. Alber, Freiburg 2001, ISBN 3-495-48046-3.
  • Christian Rother: Die Unvollständigkeit der Reduktion. Metaphorik bei Husserl und bei Merleau-Ponty. In: Martin Asiáin u. a. (Hrsg.): Der Grund, die Not und die Freude des Bewußtseins. Beiträge zum Internationalen Symposion in Venedig zu Ehren von Wolfgang Marx. Königshausen & Neumann, Würzburg 2002, S. 75-87, ISBN 3-8260-2224-6.
  • Reijo Wilenius u.a.: Erkenntnistheorie als Erkenntnispraxis, Beiheft 6/Juni 1993, Zeitschrift "Die Drei", Verlag Freies Geistesleben (Zwei Aufsätze beschäftigen sich mit dem Thema der Voraussetzungslosigkeit der Anthroposophie)
  • Herbert Witzenmann: Die Voraussetzungslosigkeit der Anthroposophie. Eine Einführung in die Geisteswissenschaft Rudolf Steiners, Verlag Freies Geistesleben (1986), ISBN 3772508510

Einzelnachweise

  1. (Lit.: GA 4, S. 60): "Nun darf aber nicht übersehen werden, daß wir uns nur mit Hilfe des Denkens als Subjekt bestimmen und uns den Objekten entgegensetzen können. Deshalb darf das Denken niemals als eine bloß subjektive Tätigkeit aufgefaßt werden. Das Denken ist jenseits von Subjekt und Objekt. Es bildet diese beiden Begriffe ebenso wie alle anderen. Wenn wir als denkendes Subjekt also den Begriff auf ein Objekt beziehen, so dürfen wir diese Beziehung nicht als etwas bloß Subjektives auffassen. Nicht das Subjekt ist es, welches die Beziehung herbeiführt, sondern das Denken. Das Subjekt denkt nicht deshalb, weil es Subjekt ist; sondern es erscheint sich als ein Subjekt, weil es zu denken vermag. Die Tätigkeit, die der Mensch als denkendes Wesen ausübt, ist also keine bloß subjektive, sondern eine solche, die weder subjektiv noch objektiv ist, eine über diese beiden Begriffe hinausgehende. Ich darf niemals sagen, daß mein individuelles Subjekt denkt; dieses lebt vielmehr selbst von des Denkens Gnaden. Das Denken ist somit ein Element, das mich über mein Selbst hinausführt und mit den Objekten verbindet. Aber es trennt mich zugleich von ihnen, indem es mich ihnen als Subjekt gegenüberstellt."
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