Ganganda greida

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Mondsichel

Ganganda greiða (nord., auch gangandi greiði, „die hinwandelnde Wegzehrung“, „die herumlaufende Labung“) wird der Heilige Gral, von dem ein alles überstrahlendes glänzendes Licht ausgeht, in der nordischen Parzivalsage genannt, die in einer Pergamenthandschrift vom Ende des 14. oder vom Beginn des 15. Jahrhunderts und in drei Papierabschriften überliefert ist[1] und auf dem Roman de Perceval (um 1190) von Chrétien de Troyes beruht.

„Von Jünglingen bedient, gelangt er in eine prächtig ausgestattete Halle, wo er einen ehrwürdigen Greis sitzen sieht, der sich entschuldigt, daß er in Folge seiner Krankheit dem Gaste nicht entgegen gegangen. Ein dem Greise von einer Verwandten geschicktes Schwert macht dieser Parzival zum Geschenk. Sodann erscheint ein Jüngling, der einen blutenden Spieß trägt, nach dessen Bedeutung Parzival, der Warnung des Gormanz eingedenk, nicht zu fragen wagt. Dann kommen zwei schöne Jünglinge herein, die in ihren Händen Leuchter von lauterem Golde tragen, und ihnen folgt eine schöne Jungfrau, die etwas in den Händen trägt, þvi likast sem textus vœri, auf nordisch gangandi greiði genannt, wovon ein so glänzendes Licht scheint, daß es alles Andere überstrahlt. Ihr folgt noch eine andere Jungfrau. Auch da wagt Parzival nicht nach der Bedeutung zu fragen. Nach der Abendmalzeit schlägt man ihm ein Bett auf und er schläft bis zum Tag, wo er sich mit Erstaunen allein findet. Nachdem er eine Strecke geritten, trifft er eine klagende Frau, die ihren todten Gatten im Arm hält[2].“

Eugen Kölbing: Die nordische Parzivalsage und ihre Quelle, S. 9[3]

Die „hinwandelnde Wegzehrung“ offenbart nach Rudolf Steiner die kosmische Bedeutung des Heiligen Grals, auf dem der Name Parzivals eingeschrieben steht.

„Wo also ist der Gral, der heute so gefunden werden muß, daß darauf steht der Name des Parzival, wo ist er zu finden? Nun, Sie sehen, im Verlaufe meiner Forschung hat sich mir ergeben, daß er in der Sternenschrift gesucht werden muß — zunächst der Name -. Und dann ergab es sich mir eines Tages, den ich als einen für mich besonders bedeutsamen ansehen muß, wo die goldglänzende Schüssel in ihrer Realität zu finden ist; zunächst so, daß wir durch sie — da, wo sie sich durch ihr Sternenschriftsymbolum ausdrückt — geführt werden auf das Geheimnis des Gral. Und da sah ich denn in der Sternenschrift dasjenige, was jeder sehen kann — nur findet er zunächst nicht das Geheimnis der Sache. Denn eines Tages erglänzte mir, als ich mit innerem Schauen verfolgte die goldglänzende Mondsichel, wenn sie am Himmel so erscheint, daß der dunkle Mond darin wie eine große Scheibe schwach sichtbar ist, so daß man schaut äußerlich-physisch den goldglänzenden Mond — Ganganda greida, die hinwandelnde Wegzehrung — und darin die große Hostie, die dunkle Scheibe, das, was man nicht sieht vom Monde, wenn man nur oberflächlich hinschaut, was man sieht, wenn man genauer hinschaut. Denn dann sieht man die dunkle Scheibe, und in wunderbaren Lettern der okkulten Schrift auf der Mondessichel — den Namen Parzival! Das, meine lieben Freunde, war zunächst die Sternenschrift. Denn in der Tat, im richtigen Licht gesehen, ergibt dieses Lesen der Sternenschrift für unser Herz und unseren Sinn etwas — wenn vielleicht auch noch nicht alles — von dem Parzival-Geheimnis, von dem Geheimnis des heiligen Gral.“ (Lit.:GA 149, S. 91f)

„Dasjenige, was hier als die goldglänzende Sichel entsteht, entsteht ja dadurch, daß die physischen Sonnenstrahlen auf den Mond auftreffen. Weil die Sonne von hierher scheint, beleuchtet sie den Mond auf dieser Seite, und der beleuchtete Teil erscheint als die goldglänzende Schale. In ihr ruht die dunkle Hostie: physisch, der unbeleuchtete Teil, der dunkel bleibende Teil, wohin die Sonnenstrahlen nicht dringen können; geistig noch etwas anderes. Wenn die Sonnenstrahlen auf den einen Teil des Mondes auffallen und goldglänzend zurückgeworfen werden, so geht trotzdem etwas durch die physische Materie durch. Das, was durchgeht, ist das in den Sonnenstrahlen lebende Geistige. Die geistige Kraft der Sonne wird nicht so wie die physische Kraft der Sonne aufgehalten und strahlt zurück. Sie geht durch, und indem sie durch die Kraft des Mondes aufgehalten wird, sehen wir gerade in dem, was hier in der Goldschale ruht, in Wirklichkeit die geistige Kraft der Sonne. So daß wir sagen können: In dem dunklen Teile des Mondes, den wir da sehen, schauen wir die geistige Kraft der Sonne. In dem goldglänzenden Teil, in dem Schalenteil, sehen wir die physische Kraft der Sonne, die als Strahlenkraft zurückgeworfen wird. Der Geist der Sonne ruht in der Schale der physischen Kraft der Sonne, wenn wir die Sonne also ansehen. So daß der Sonnengeist in Wahrheit ruht in der Mondenschale. Und jetzt nehmen wir alles zusammen, was wir über diesen Sonnengeist und seine Beziehung zum Christus jemals gesprochen haben, und es wird uns das als ein wichtiges Symbolum erscheinen, was der Mond physisch tut. Dadurch, daß er die Sonnenstrahlen zurückwirft und so die goldglänzende Schale hervorbringt, erscheint er uns als der Träger des Sonnengeistes: dieser ist drinnen in Form der hostienartigen Scheibe.

Und nun erinnern wir uns daran, daß in der Parzivalsage betont wird, daß an jedem Karfreitag, also zum Osterfeste, vom Himmel herunterkommt die Hostie, in den Gral versenkt wird, erneuert wird, wie eine Verjüngungsnahrung in den Gral versenkt wird am Osterfest, wo von neuem auch Parzival durch den Klausner hingewiesen wird zum Gral, durch den Einsiedler, _ am Osterfest, dessen Bedeutung für den Gral auch durch Wagners Parzival der Menschheit wiederum nahegelegt worden ist.

Nun erinnern wir uns, daß in Gemäßheit einer alten Tradition, einer jener Traditionen, welche zu dem gehören, was ich gestern angedeutet habe: zu dem in den Untergründen der Seele vor sich gehenden Fortwirken des Christus-Impulses, — daß in Gemäßheit dieser Tradition die Festsetzung des Osterfestes geschieht. Auf welchen Tag ist denn das Osterfest festgesetzt? Wenn die Frühlingssonne, also die in ihrer Kraft zunehmende Sonne — unser Symbolum für den Christus — ihren Tag, ihren Sonntag hat nach dem Frühlingsvollmond. Wie steht denn nun der Frühlingsvollmond am Himmel zum Osterfest? Wie muß er immer am Himmel stehen zum Osterfest? Nun, er muß beginnen, zum mindesten ein wenig, wenn er Vollmond war, Sichel zu werden. Etwas muß sichtbar werden von diesem dunklen Teile, etwas von dem Sonnengeiste, der seine Frühlingskraft bekommen hat, muß drinnen sein. Das heißt: nach einer alten Tradition muß am Osterfest dieses Bild des heiligen Gral am Himmel erscheinen. So muß es sein. Es kann also jeder das Bild des heiligen Gral am Osterfest schauen. Dazu ist das Osterfest nach einer uralten Tradition in entsprechender Weise eingesetzt.“ (S. 94ff)

Symbolisch findet dieser Zusammenhang seinen Ausdruck in der Hostie, die beim Messopfer gereicht wird:

„[...] die Transsubstantiation, die Wandlung, besteht darin, daß symbolisch dargestellt wird jenes Bewußtsein, das sich im Menschen entwickelt, wenn in ihm gefühlt wird die göttliche Substanz, wenn er in seiner eigenen Seele erfühlt die göttliche Substanz. Für den Christen ist diese Wandlung nichts anderes als der Ausdruck des paulinischen Wortes: Nicht ich, sondern der Christus in mir. - Er opfert sich nicht nur, er wird sich bewußt, daß das Übersinnliche in ihm selber lebt. Das ist dasjenige, was im Bilde der Transsubstantiation einem entgegentritt. Und es bleibt immer eine schöne, eine bedeutsame Begleiterscheinung der Transsubstantiation, daß, während das Sanktissimum erhoben wird, über den Kelch hinaufgehoben wird, die Gläubigen eigentlich ihre Augen zu schließen haben, also in sich zu kehren haben das Bewußtsein, so daß sie miterleben die Transsubstantiation nicht durch äußerliches Anschauen, sondern im innersten Bewußtsein. Es ist ja auch bedeutsam, daß das Sanktissimum eigentlich besteht aus dem Brot und dem Brothalter, der mondförmige Gestalt hat, so daß in der Tat im Sakraments-Symbolum, das ja das Sanktissimum umhüllt (siehe Zeichnung S. 100), Sonne und Mond im Bilde vorhanden sind, was ja deutlich darauf hinweist, daß in den Zeiten, in denen das Meßopfer ausgestaltet worden ist in seiner Urform, ein Bewußtsein vorhanden war von dem Zusammenhange des Christus mit der Sonne und des Jahve mit dem Monde.

Zeichnung aus GA 342, S. 100

Dasjenige, was die Welt empfangen hat in dem Christentum und was sich auferbaut hat auf der Mondreligion des Jahve, das drückt sich in diesem Aufsitzen der Hostie auf der Mondform durchaus aus, und es ist wirklich ein Symbolum für das Zusammenfließen des Sterblichen im Menschen mit dem Unsterblichen.“ (Lit.:GA 342, S. 99f)

In der vom zurückgeworfenen Sonnenlicht erleuchteten Mondsichel, erscheint für den okkulten Blick zugleich ein Bild Luzifers.

„Von der Sonne erscheint uns Eigenlicht, von dem Monde nicht, und das zurückgeworfene Licht, das uns vom Monde zustrahlt und von dem Luzifer der Träger ist, Luzifer, Phosphoros kündigt uns an, daß dieses Licht ausgeschlossen ist von dem Mond. Das, was Luzifer ist, kann nur dadurch in einem Bild, in einer Maja vom Monde herein erscheinen, daß Sonnenlicht zurückgestrahlt wird. Wenn also zum Beispiel die Mondsichel Sonnenlicht zurückstrahlt, so ist zunächst auf dem Mond selber nichts von luziferischen Geistern der Weisheit, sondern das, was von der Sonne herströmt von den luziferischen Geistern der Weisheit, das wird als Licht zurückgeworfen. Richtet man nun den okkulten Blick nach dem Mond hinauf, dann verschwindet das, was der physische Bück sieht, dann verschwindet die leuchtende Mondsichel, denn die ist nur für physische Augen da; aber an der Stelle, wo die Mondsichel ist, da zeigt sich dem okkulten Blick das reale Wesen, das dem Lichtschein im Kosmos zugrunde liegt, zeigt sich das Bild des Luzifer, allerdings wie ein Spiegelbild. Denken Sie sich also das Bild des Luzifer für den okkulten Blick an die Stelle der Mondsichel gesetzt, dann müssen Sie sagen: Dieser Mond verdankt seine Entstehung dem Umstand, daß normale Geister der Weisheit Verzicht geleistet haben auf ihren Wohnplatz auf der Sonne, aufgeschlagen haben ihren Wohnplatz auf dieser Kolonie und dort bändigen, was von den luziferischen Geistern ausstrahlt. Daher zeigt sich für den okkulten Blick der Geist der Weisheit hier oberhalb der Mondsichel, bändigend das luziferische Prinzip. Wie ein guter Geist der Weisheit, der da bändigt das luziferische Prinzip unter sich, so zeigt der okkulte Tatbestand sich symbolisch vor der Imagination.

Die Okkultisten haben daher eine Gestalt hingestellt, die man gewöhnlich auffaßt als einen Erzboten des höheren Geistes der Weisheit, der Luzifer bezähmt, und an Stelle der Mondsichel ist hingestellt der Luzifer, der gefesselt, der gebändigt wird. Das ist ein okkultes Bild. Sie finden auch unter unseren okkulten Bildern eines, das darstellt, wie der Erzbote bändigt Luzifer.“ (Lit.:GA 136, S. 196f)

Literatur

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Einzelnachweise

  1. Eugen Kölbing: Die nordische Parzivalsage und ihre Quelle, Carl Gerold's Sohn, Wien 1869, S. 1
  2. In der Gralserzählung von Wolfram von Eschenbach heißen sie Sigune und Schionatulander.
  3. Kölbing, S. 9