Jungfräuliche Geburt

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Rudolf Steiner: Mutter und Kind / Neues Leben, Aquarell (1924)

Als Jungfrauengeburt, nicht zu verwechseln mit dem 1854 von Papst Pius IX. verkündeten römisch-katholischen Dogma von der unbefleckten Empfängnis Marias, wird in der christlichen Theologie die Empfängnis Jesu durch den Heiligen Geist und seine Geburt durch die Jungfrau Maria bezeichnet. Nach den Lehren der römisch-katholischen und orthodoxen Kirchen bestehe darüber hinaus eine immerwährende Jungfräulichkeit Marias.

Dass diese Jungfräulichkeit aber nicht als äußeres Mirakel im leiblichen Sinn missverstanden werden darf, betont sehr eindringlich das apokryphe Philippusevangelium:

Einige sagten: „Maria ist vom heiligen Geist schwanger geworden.“ Sie sind im Irrtum. Sie wissen nicht, was sie sagen. Wann ist je eine Frau von einer Frau schwanger geworden? Maria ist die Jungfrau, die keine Macht befleckte. Sie ist ein großes Heiligtum für die Hebräer, das sind die Apostel und die Apostelschüler. Diese Jungfrau, die keine Macht befleckte, die Mächte befleckten sich selbst. Und der Herr hätte nicht gesagt: „Mein Vater, der im Himmel ist“, wenn er nicht noch einen anderen Vater gehabt hätte, sondern er hätte einfach gesagt: „Mein Vater!“

Philippusevangelium: Spruch 17

Als jungfräuliche Geburt wird im esoterischen Sinn das bezeichnet, was im Menschen nicht aus der Vererbungslinie, sondern unmittelbar aus dem Geistigen stammt. Diese Art der jungfräulichen Geburt ist erst seit jener Zeit möglich, in der der Christus auf Erden erschienen ist. Bis dahin beruhte die Grundlage aller menschlichen Fähigkeiten auf der Vererbung.

"Wenn Sie sich heute auf den Gebieten der Naturwissenschaft umsehen und sehen, wie diese durch die eingeschränkten Fähigkeiten des menschlichen Gedankens in die Geheimnisse des Menschendaseins eindringen will, so können Sie dargestellt finden, daß das Zusammenwirken des männlichen und weiblichen Fruchtkeims den ganzen Menschen zustande bringe. Das ist gerade ein Grundbestreben der modernen Naturwissenschaft, daß sie darstellen will, wie aus dem Zusammenwirken des männlichen und des weiblichen Keims der ganze Mensch wird. Sorgfältig sucht die Mikroskopie in den Substanzen festzustellen, was von den Eigenschaften aus dem männlichen und was aus dem weiblichen Keim herrühren kann, und sie ist befriedigt, wenn sie beweisen zu können glaubt, wie der Mensch wird aus einer Zusammenwirkung von männlichem und weiblichem Keim. Aber die Naturwissenschaft wird durch sich selber gedrängt werden, anzuerkennen, daß nur ein Teil der menschlichen Wesenheit durch das Zusammenwirken von männlichem und weiblichem Keim bestimmt wird und daß es für den heutigen Menschen in dem gegenwärtigen Entwickelungszyklus in der Tat so ist, daß man, selbst wenn man noch so genau weiß, was von dem einen und was von dem anderen Keim kommt, in der Regel nicht den ganzen Menschen erklärt hat.

Es gibt in jedem Menschen etwas, was nicht durch den Keim angeregt wird, sondern was sozusagen jungfräulicher Geburt ist, was sich von ganz anderen Gebieten her in die Keimung ergießt. Es verbindet sich mit dem Keime des Menschen etwas, was nicht von Vater und Mutter abstammt und was doch zu ihm gehört, was doch für ihn bestimmt ist, was sich hineinergießt in sein Ich und was veredelt werden kann, wenn es das Christus-Prinzip aufnimmt. Dasjenige ist im Menschen jungfräulich geboren, was sich im Laufe der Menschheitsentwickelung mit dem Christus verbindet. Und das hängt zusammen - das wird einmal die Naturwissenschaft mit ihren eigenen Mitteln erkennen - mit jenem bedeutsamen Übergänge, der sich in der Zeit des Christus Jesus abgespielt hat. Vorher konnte nichts in des Menschen Innern sein, was nicht auf dem Wege des Keimes in die Menschen gekommen ist. Es geschieht wirklich etwas zur Veränderung der Ich-Entwickelung im Laufe der Zeit. Die Menschheit ist seit jener Zeit anders geworden; nur muß sie das, was ihr seit jener Zeit zu den Bestandteilen des bloßen Keimes hinzugefügt wird, nach und nach entwickeln und veredeln durch die Aufnahme des Christus-Prinzips...

Dadurch, daß das stattgefunden hat, was ich jetzt geschildert habe, ist mit den Fähigkeiten des Menschen seit dem Erscheinen des Christus auf der Erde eine große Veränderung vorgegangen. Vorher hat der Mensch nur jene Fähigkeiten benutzen können, die ihm aus dem väterlichen und mütterlichen Keime zugeflossen sind; denn nur diese sind so, daß sie sich in dem Menschen ausgestalten. Wenn wir zwischen Geburt und Tod stehen, entwickeln wir das an Fähigkeiten, was wir aus dem physischen Leibe, Ätherleibe und Astralleibe sind. Vor der Zeit des Christus Jesus waren die Werkzeuge, die der Mensch für sich verwendete, allein zu präparieren aus dem bloßen Keim; nachher kam das hinzu, was jungfräulicher Geburt ist, was gar nicht durch den Keim angeregt ist. Das kann natürlich sehr verdorben werden, wenn der Mensch der bloßen materiellen Anschauung hingegeben ist. Wenn er sich aber der Wärme hingibt, die von dem Christus-Prinzip ausgeht, dann kann es veredelt werden, und er bringt es dann in die folgenden Inkarnationen in einer immer höheren und höheren Art hinein.

Was aber jetzt gesagt worden ist, das setzt voraus, daß wir verstehen, daß in allen jenen Verkündigungen, welche der Christus-Verkündigung vorausgingen, etwas steckte, was an die Fähigkeiten gebunden war, die aus der Abstammung herrührten, welche der Mensch mit dem Keim empfing; und es setzt weiter voraus, daß wir uns bewußt werden müssen, daß der Christus Jesus zu den Fähigkeiten sprechen mußte, die nichts mit dem Keime aus der Erde zu tun haben, sondern die sich verbinden mit dem Keim aus den göttlichen Welten heraus. Alle die, welche vor dem Christus Jesus auftraten, konnten sich, um zu den Menschen zu sprechen, nur jener Fähigkeiten bedienen, die ihnen in ihrer irdischen Wesenheit durch die Keimanlagen übertragen worden sind. Alle die Propheten und Verkünder, so hoch sie waren, selbst wenn sie als Bodhisattvas herunterstiegen, sie mußten sich, um zu verkündigen, der Fähigkeiten bedienen, die durch den Keim gegangen sind. Der Christus Jesus aber sprach zu demjenigen im Menschen, was nicht durch den Keim geht, sondern was aus dem Reiche des Göttlichen ist. Darauf weist er im Sinne des Lukas-Evangeliums hin, wenn er zu seinen Jüngern über das Wesen Johannes des Täufers spricht:

«Ich sage euch, einen größeren Propheten als Johannes gibt es nicht unter denen, die vom Weibe geboren sind»

das heißt, die in ihrer Wesenheit, wie sie vor uns stehen, erklärt werden dadurch, daß diese Wesenheit durch die physische Geburt aus dem männlichen und weiblichen Keim entstanden ist. Aber er sagt weiter:

«Der kleinste Teil desjenigen, was nicht aus dem Weibe geboren ist, der sich mit dem Menschen aus dem Reich Gottes verbindet, ist größer als Johannes» Lukas 7,28 EU.

So Tiefes verbirgt sich hinter solchen Worten. Wenn die Menschen einmal die Bibel studieren werden, durchleuchtet von dem Wesen der Geisteswissenschaft, dann werden sie sehen, daß in ihr physiologische Wahrheiten enthalten sind, die größer sind als alles, was neues, stümperhaftes physiologisches Denken zutage fördern kann. In einem solchen Worte wie dem eben angeführten liegt der Antrieb zur Erkenntnis einer der größten physiologischen Wahrheiten. So tief ist die Bibel, wenn wir sie in Wahrheit auffassen." (Lit.: GA 114, S. 208ff)

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Das Lukas-Evangelium, GA 114 (2001) pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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