Nomoi

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Platon (römische Kopie des griechischen Platonporträts des Silanion, Glyptothek München)

Die Nomoi (griech. Νόμοι Nómoi ['nɔmɔɪ̯], lat. Leges, deutsch Gesetze) sind ein in Dialogform verfasstes Spätwerk des griechischen Philosophen Platon. Das fiktive, literarisch gestaltete Gespräch über Staatstheorie ist Platons umfangreichste Schrift. An der Diskussion sind drei alte Männer beteiligt: der Kreter Kleinias, der Spartaner Megillos und ein Athener, dessen Name nicht genannt wird.

Allgemeines

Das Thema des Dialogs ist die Suche nach der bestmöglichen Staatsverfassung und deren Ausgestaltung im Detail. Zunächst werden Zielsetzung und Prinzipien einer umsichtigen Gesetzgebung besprochen und historische Beispiele herangezogen, dann wendet sich das Gespräch konkreten Einzelheiten der Beschaffenheit eines optimal eingerichteten Staates zu. Es wird erörtert, unter welchen Voraussetzungen ein solcher Staat entstehen könnte und wie das Zusammenleben seiner Bürger zu regeln wäre. Angestrebt wird diejenige Verfassung, die den Bürgern dauerhaft die günstigsten Lebensverhältnisse gewährleistet. Die aretḗ (Tüchtigkeit, Tugend) der Bürger ist das Staatsziel, dem alles untergeordnet wird.

Kleinias gehört einem Gremium seiner Heimatstadt Knossos an, das die Gründung einer neuen Siedlung auf Kreta vorbereitet. Dieses Projekt nehmen die drei Staatstheoretiker zum Anlass, auf einer Wanderung gemeinsam das Modell eines idealen Stadtstaats auszuarbeiten, wobei der Athener alle wesentlichen Ideen beisteuert. In ihrem Entwurf legen sie neben allgemeinen Grundsätzen auch eine Fülle von Einzelheiten fest. Sie konzipieren detaillierte Vorschriften, um dem neuen Gemeinwesen eine stabile Basis zu verschaffen. Eine Hauptaufgabe der Gesetzgebung sehen sie darin, sozialen Verfallserscheinungen und einem Niedergang der staatlichen Gemeinschaft vorzubeugen. Besondere Aufmerksamkeit widmen sie der Organisation einer sorgfältigen Erziehung der Jugend.

Grundlegend ist das Prinzip der Mäßigung, das verhängnisvollen Exzessen vorbeugen soll. Die Nachteile der einseitigen Regierungsformen – Alleinherrschaft und Demokratie – sind zu vermeiden. Daher empfiehlt sich eine ausgewogene Mischverfassung. Regieren soll eine durch Charakterstärke und Sachkompetenz qualifizierte Elite. Gerechtigkeit soll für Eintracht sorgen. Dem Staat kommt eine fürsorgliche, erzieherische Rolle zu, er schafft die optimalen Rahmenbedingungen für eine gelungene Lebensführung der Bürger. Das Streben nach Tugendhaftigkeit bleibt nicht dem Ermessen des Einzelnen überlassen, sondern wird als kollektive Aufgabe aufgefasst. Daher greift der Staat tief ins Privatleben ein. Ein wichtiger Aspekt ist der Einklang zwischen den Menschen und den Göttern, denn der harmonisch geordnete soziale Organismus soll in die umfassende Harmonie des Kosmos eingebettet sein.

In diesem konservativen, ganz auf Stabilität ausgerichteten Modell kommt die höchste Autorität im Staat den Gesetzen zu. Für die strikte Einhaltung der Bestimmungen hat ein aufwändiges System von Kontrollen und Strafen zu sorgen.

In der Neuzeit hat der Dialog wie schon in der Antike ein zwiespältiges Echo gefunden. Moderne Kritik richtet sich vor allem gegen „autoritäre“ Züge des Gesetzeswerks; das Mandat des Staates zur moralischen Erziehung der Bürger auch mit Zwangsmitteln erregt Befremden.

Zu vielen weiteren Themen siehe auch

Ausgaben und Übersetzungen

  • Gunther Eigler (Hrsg.): Platon: Werke in acht Bänden, Band 8, Teile 1 und 2, 4. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, ISBN 3-534-19095-5 (Abdruck der kritischen Ausgabe von Édouard des Places und Auguste Diès; Übersetzung von Klaus Schöpsdau).
  • Klaus Schöpsdau (Übersetzer): Platon: Nomoi (Gesetze). Übersetzung und Kommentar (= Ernst Heitsch u. a. (Hrsg.): Platon: Werke. Übersetzung und Kommentar, Band IX 2). 3 Teilbände, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1994–2011, ISBN 3-525-30433-1 (Teilband 1), ISBN 3-525-30434-X (Teilband 2), ISBN 3-525-30435-8 (Teilband 3).
  • Otto Apelt (Übersetzer): Platon: Gesetze. In: Otto Apelt (Hrsg.): Platon: Sämtliche Dialoge, Bd. 7, Meiner, Hamburg 2004, ISBN 3-7873-1156-4 (Übersetzung mit Einleitung und Erläuterungen; Nachdruck der Ausgabe Leipzig 1916).
  • Eduard Eyth (Übersetzer): Die Gesetze. In: Erich Loewenthal (Hrsg.): Platon: Sämtliche Werke in drei Bänden, Bd. 3, unveränderter Nachdruck der 8., durchgesehenen Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2004, ISBN 3-534-17918-8, S. 215–663.
  • Rudolf Rufener (Übersetzer): Platon: Die Gesetze (= Jubiläumsausgabe sämtlicher Werke, Bd. 7). Artemis, Zürich/München 1974, ISBN 3-7608-3640-2 (mit Einleitung von Olof Gigon).

Siehe auch

Literatur

Übersichtsdarstellungen

  • Luc Brisson: Lois. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Band 5, Teil 1, CNRS Éditions, Paris 2012, ISBN 978-2-271-07335-8, S. 821–828.
  • Michael Erler: Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, hrsg. von Hellmut Flashar, Band 2/2). Schwabe, Basel 2007, ISBN 978-3-7965-2237-6, S. 277–290, 659–662.
  • André Laks: The Laws. In: Christopher Rowe, Malcolm Schofield (Hrsg.): The Cambridge History of Greek and Roman Political Thought. Cambridge University Press, Cambridge 2000, ISBN 0-521-48136-8, S. 258–292.[1]

Monographien und Kommentare

  • Seth Benardete: Plato’s „Laws“. The Discovery of Being. The University of Chicago Press, Chicago 2000, ISBN 0-226-04271-5.
  • Helmut Mai: Platons Nachlass. Zur philosophischen Dimension der Nomoi. Alber, Freiburg/München 2014, ISBN 978-3-495-48682-5.
  • Glenn R. Morrow: Plato’s Cretan City. A Historical Interpretation of the Laws. 2. Auflage, Princeton University Press, Princeton 1993, ISBN 0-691-02484-7.
  • Marcel Piérart: Platon et la cité grecque. Théorie et réalité dans la Constitution des Lois. 2., erweiterte Auflage, Les Belles Lettres, Paris 2008, ISBN 978-2-251-18107-3 (behandelt insbesondere die historischen Vorbilder von Platons Konzept).
  • Ernst Sandvoss: Soteria. Philosophische Grundlagen der platonischen Gesetzgebung. Musterschmidt, Göttingen 1971.
  • Richard F. Stalley: An Introduction to Plato’s Laws. Basil Blackwell, Oxford 1983, ISBN 0-631-13399-2.
  • Peter M. Steiner: Platon: Nomoi X. Akademie Verlag, Berlin 1992, ISBN 3-05-002356-2 (griechischer Text nach der Ausgabe von Auguste Diès, Übersetzung und Kommentar).

Aufsatzsammlungen

  • Christopher Bobonich (Hrsg.): Plato’s Laws. A Critical Guide. Cambridge University Press, Cambridge 2010, ISBN 978-0-521-88463-1.
  • Christoph Horn (Hrsg.): Platon: Gesetze – Nomoi. Akademie Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-05-006022-4.
  • Francisco L. Lisi (Hrsg.): Plato’s Laws and its historical Significance. Selected Papers of the I International Congress on Ancient thought Salamanca, 1998. Academia Verlag, Sankt Augustin 2001, ISBN 3-89665-115-3.
  • Samuel Scolnicov, Luc Brisson (Hrsg.): Plato’s Laws: From Theory into Practice. Proceedings of the VI Symposium Platonicum. Selected Papers. Academia Verlag, Sankt Augustin 2003, ISBN 3-89665-261-3.
  • Barbara Zehnpfennig (Hrsg.): Die Herrschaft der Gesetze und die Herrschaft des Menschen – Platons „Nomoi“ (= Politisches Denken. Jahrbuch 2008). Duncker & Humblot, Berlin 2008, ISBN 978-3-428-12913-3.

Bibliographie

  • Trevor J. Saunders, Luc Brisson: Bibliography on Plato’s Laws. Academia Verlag, Sankt Augustin 2000, ISBN 3-89665-172-2.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Eine überarbeitete französische Fassung veröffentlichte Laks in seiner Monographie Médiation et coercition. Pour une lecture des Lois de Platon, Villeneuve d’Ascq 2005, S. 15–92.


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