Protagoras (Platon)

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Der Anfang des Protagoras in der ältesten erhaltenen mittelalterlichen Handschrift, dem 895 geschriebenen Codex Clarkianus (Oxford, Bodleian Library, Clarke 39)

Der Protagoras (altgriech. Πρωταγόρας Prōtagóras) ist ein in Dialogform verfasstes Werk des griechischen Philosophen Platon. Wiedergegeben wird ein fiktives Gespräch von Platons Lehrer Sokrates mit dem Sophisten Protagoras, der als Lehrmeister nach Athen gekommen ist. Protagoras behauptet, die Fähigkeit zu erfolgreichem Auftreten vermitteln zu können. Nebenfiguren des Dialogs sind der reiche Kallias als Gastgeber des Protagoras, der Sophist Hippias von Elis, der Rhetoriklehrer Prodikos von Keos, die vornehmen, später als Politiker einflussreichen Athener Alkibiades und Kritias sowie ein junger Bekannter des Sokrates namens Hippokrates. Die Diskussion dreht sich vor allem um Kernthemen der platonischen Ethik: die Handlungstheorie und die Frage, ob die aretḗ (Vortrefflichkeit, Tüchtigkeit, Tugend) ein lehrbares Wissen ist.

Allgemeines

Der Dialog ist in eine Rahmenhandlung eingebettet: Sokrates erzählt, wie er Protagoras aufgesucht und in ein Streitgespräch verwickelt hat. Den Anlass und Hintergrund bildete die Absicht des Hippokrates, ein zahlender Schüler des Sophisten zu werden. Davon hielt Sokrates nichts. Als scharfer Gegner der Sophistik versuchte er in der Debatte die Faszination, die vom Ruhm des Protagoras ausging, zu zerstören. Damit wollte er den zuhörenden Hippokrates von seinem Vorhaben abbringen.

Vor einer großen Schar von Zuhörern erläuterte Protagoras den Sinn und das Ziel des sophistischen Unterrichts: Man werde dadurch allgemein ein besserer Mensch und erlange insbesondere politische Durchsetzungsfähigkeit. Der Behauptung, sophistische Schulung bringe tugendhafte Menschen und tüchtige Staatsbürger hervor, trat Sokrates mit dem Argument entgegen, in der Praxis gebe es in Athen keinen erfolgreichen Unterricht solcher Art. Außerdem stritten die beiden Kontrahenten über die Frage, ob die verschiedenen Tugenden eigenständige Qualitäten sind, die separat auftreten können, oder nur Aspekte eines einheitlichen Phänomens Tugend, das als Ganzheit vorhanden ist oder fehlt.

Ein Hauptanliegen des Sokrates war die Darlegung und Begründung seiner Handlungstheorie. Er überzeugte die Anwesenden von seiner These, ausnahmslos alle menschlichen Handlungen seien vom Streben nach etwas Gutem geleitet. Niemand wolle Schlechtes bewirken. Daher gebe es kein vorsätzlich unrechtes Verhalten, sondern nur irregeleitete gute Absichten. Das ethisch Verwerfliche sei immer auf Unwissenheit zurückzuführen.

Der Protagoras zählt zu Platons frühen Schriften und gilt als literarisches Meisterwerk. Im neueren philosophischen Diskurs findet besonders die Problematik der im Dialog grundsätzlich bestrittenen „Willensschwäche“ (akrasía) viel Beachtung. Dabei geht es um ein Handeln gegen ein Urteil des Handelnden, dem zufolge ein anderes Verhalten möglich ist und besser wäre. Untersucht wird die Problematik einer Entscheidung, bei der man das Ergebnis eigener Überlegungen missachtet, obwohl man annimmt, dass dies zu überwiegend schädlichen Konsequenzen führen wird.

Zu vielen weiteren Themen siehe auch

Ausgaben und Übersetzungen

Ausgaben (mit Übersetzung)

  • Gunther Eigler (Hrsg.): Platon: Werke in acht Bänden. Band 1, 4. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, ISBN 3-534-19095-5, S. 83–217 (Abdruck der kritischen Ausgabe von Maurice Croiset, 5. Auflage, Paris 1955, mit der deutschen Übersetzung von Friedrich Schleiermacher, 2., verbesserte Auflage, Berlin 1817)
  • Karl Bayer, Gertrud Bayer (Hrsg.): Platon: Protagoras. Anfänge politischer Bildung. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2008, ISBN 978-3-538-03514-0 (unkritische Ausgabe mit Übersetzung)
  • Hans-Wolfgang Krautz (Hrsg.): Platon: Protagoras. 2., ergänzte Auflage, Reclam, Stuttgart 2000, ISBN 978-3-15-001708-1 (unkritische Ausgabe mit Übersetzung und knappem Kommentar)
  • Ramón Serrano Cantarín, Mercedes Díaz de Cerio Díez (Hrsg.): Platón: Protágoras. Consejo Superior de Investigaciones Científicas, Madrid 2005, ISBN 84-00-08352-0 (kritische Edition mit spanischer Übersetzung)

Übersetzungen

  • Otto Apelt (Übersetzer): Platons Dialog Protagoras. In: Otto Apelt (Hrsg.): Platon: Sämtliche Dialoge, Bd. 1, Meiner, Hamburg 2004, ISBN 3-7873-1156-4 (Nachdruck der 2., durchgesehenen Auflage, Leipzig 1922)
  • Bernd Manuwald (Übersetzer): Platon: Protagoras. Übersetzung und Kommentar (= Platon: Werke, hrsg. von Ernst Heitsch und Carl Werner Müller, Bd. VI 2). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, ISBN 3-525-30421-8
  • Rudolf Rufener (Übersetzer): Platon: Protagoras. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2005, ISBN 3-7608-4114-7 (mit Einführung von Thomas Alexander Szlezák)
  • Franz Susemihl (Übersetzer): Protagoras. In: Erich Loewenthal (Hrsg.): Platon: Sämtliche Werke in drei Bänden. Band 1, unveränderter Nachdruck der 8., durchgesehenen Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2004, ISBN 3-534-17918-8, S. 55–128

Siehe auch

Literatur

Übersichtsdarstellungen

  • Michael Erler: Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Die Philosophie der Antike, hrsg. von Hellmut Flashar, Band 2/2). Schwabe, Basel 2007, ISBN 978-3-7965-2237-6, S. 184–192, 611–615.
  • Frédérique Ildefonse: Protagoras. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques. Band 5, Teil 1, CNRS Éditions, Paris 2012, ISBN 978-2-271-07335-8, S. 759–771.
  • Franz von Kutschera: Platons Philosophie, Band 1: Die frühen Dialoge. Mentis, Paderborn 2002, ISBN 3-89785-264-0, S. 137–152.

Kommentare

  • Patrick Coby: Socrates and the Sophistic Enlightenment. A Commentary on Plato’s Protagoras. Bucknell University Press, Lewisburg 1987, ISBN 0-8387-5109-1.
  • Nicholas Denyer (Hrsg.): Plato: Protagoras. Cambridge University Press, Cambridge 2008, ISBN 978-0-521-54969-1 (griechischer Text mit ausführlichem Kommentar)
  • Larry Goldberg: A Commentary on Plato’s Protagoras. Peter Lang, New York 1983, ISBN 0-8204-0022-X.
  • Laurence Lampert: How Philosophy Became Socratic. A Study of Plato’s Protagoras, Charmides, and Republic. University of Chicago Press, Chicago 2010, ISBN 978-0-226-47096-2, S. 17–144 (Darstellung aus der Sicht der Schule von Leo Strauss)
  • Bernd Manuwald: Platon: Protagoras. Übersetzung und Kommentar (= Platon: Werke, hrsg. von Ernst Heitsch und Carl Werner Müller, Band VI 2). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1999, ISBN 3-525-30421-8.
  • Bernd Manuwald: Platon: Protagoras. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 3-525-30605-9 (überarbeitete und aktualisierte, aber stark gekürzte Fassung von Manuwalds 1999 erschienenem Kommentar als „Studienausgabe“)
  • Christopher C. W. Taylor: Plato: Protagoras. Translated with Notes. 2., überarbeitete Auflage. Clarendon Press, Oxford 1991, ISBN 0-19-823934-3.

Untersuchungen

  • Oded Balaban: Plato and Protagoras. Truth and Relativism in Ancient Greek Philosophy. Lexington Books, Lanham 1999, ISBN 0-7391-0075-0.
  • Thomas Buchheim: Maß haben und Maß sein. Überlegungen zum platonischen ‚Protagoras’. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 38, 1984, S. 629–637.
  • Gustav Grossmann: Platon und Protagoras. In: Zeitschrift für philosophische Forschung 32, 1978, S. 510–525.
  • Joachim Stiller: Protagoras - Eine Besprechung des Protagoras PDF

Aufsatzsammlungen

  • Giovanni Casertano (Hrsg.): Il Protagora di Platone: struttura e problematiche. 2 Bände, Loffredo, Napoli 2004, ISBN 88-7564-032-7.
  • Aleš Havlíček, Filip Karfík (Hrsg.): Plato’s Protagoras. Proceedings of the Third Symposium Platonicum Pragense. Oikoumene, Prag 2003, ISBN 80-7298-092-0

Weblinks

  • Protagoras, griechischer Text nach der Ausgabe von John Burnet, 1903
  • Protagoras, deutsche Übersetzung nach Friedrich Schleiermacher, bearbeitet
  • Protagoras, deutsche Übersetzung nach Franz Susemihl, 1856


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