Sophistes

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Der Anfang des Sophistes in der ältesten erhaltenen mittelalterlichen Handschrift, dem 895 geschriebenen Codex Clarkianus (Oxford, Bodleian Library, Clarke 39)

Der Sophistes (altgriechisch Σοφιστής Sophistḗs, latinisiert Sophista, deutsch auch Der Sophist) ist ein in Dialogform verfasstes Spätwerk des griechischen Philosophen Platon. Darin wird ein fiktives, literarisch gestaltetes Gespräch wiedergegeben. Die Hauptgesprächspartner sind ein nicht namentlich genannter „Fremder“ aus Elea und der junge Mathematiker Theaitetos. Nebenrollen spielen Platons Lehrer Sokrates und der Mathematiker Theodoros von Kyrene.

Allgemeines

Die beiden Diskutanten stellen sich die Aufgabe, den Begriff „Sophist“ zu bestimmen. Der Sophist, ein Lehrer der Überzeugungskunst, soll genau charakterisiert werden, damit dieser Beruf seinem Wesen nach erfasst und von allen anderen Tätigkeiten abgegrenzt werden kann. Zunächst wird anhand eines einfacheren Beispiels, des Anglers, die Technik der Begriffsbestimmung eingeübt. Der an Sachkenntnis weit überlegene Fremde lenkt das Gespräch. Beim Definieren kommt die Methode der Dihairesis zur Anwendung: Ein allgemeiner Begriff wird so lange in Unterbegriffe unterteilt, bis die genaue Definition des untersuchten Begriffs gefunden ist. Auf diesem Weg erarbeiten die Gesprächspartner schließlich die Definition des Sophisten.

Platon verfolgte dabei eine polemische Absicht. Er war ein scharfer Kritiker der Sophistik, einer umstrittenen Bildungsbewegung, die in seiner Heimatstadt Athen großes Aufsehen erregte. Für Platon waren die Sophisten Scharlatane, die unseriös argumentierten, mit der Logik ein frivoles Spiel trieben und ein nicht vorhandenes Wissen vortäuschten. Daher ließ er den Fremden und Theaitetos zum Ergebnis kommen, dass es sich um eine bestimmte Art von Schwindlern handle.

Die Thematik des Täuschens bietet den Dialogteilnehmern Anlass zu einer Untersuchung des Verhältnisses von Sein und Nichtsein. Wenn Sein und Nichtsein schroff getrennt sind und Nichtseiendes nicht existiert, kann es keine Falschheit und keine Erklärung für Täuschungen geben. Somit muss zwischen Sein und Nichtsein eine Beziehung bestehen, die falschen Schein ermöglicht; das Nichtseiende muss real sein und zusammen mit dem Seienden gegeben sein. Die Untersuchung dieser Frage führt zu allgemeinen Folgerungen auf dem Gebiet der Ontologie, der Lehre vom Sein oder vom Seienden als solchem.

In der modernen Forschung wird der Sophistes als erste Erarbeitung einer differenzierten Ontologie in der Geschichte der abendländischen Philosophie gewürdigt. Zum ersten Mal wurde hier die Frage „Was ist das Sein?“ untersucht. Durch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Seinsverständnis des Vorsokratikers Parmenides gelangte Platon zu Ergebnissen, die ihm eine konsistente Deutung des komplexen Geflechts von Seiendem und Nichtseiendem, Einheit und Vielheit ermöglichten. Zugleich formulierte er folgenreiche Thesen auf logischem und sprachphilosophischem Gebiet. Für die spätere Entwicklung der Kategorienlehre war seine Einführung von fünf obersten Gattungen wegweisend. Noch in der Moderne hat seine Untersuchung der Seinsfrage den philosophischen Diskurs erheblich beeinflusst.

Zu vielen weiteren Themen siehe auch

Ausgaben und Übersetzungen

Ausgaben (teilweise mit Übersetzung)

  • Gunther Eigler (Hrsg.): Platon: Werke in acht Bänden. Bd. 6, 4. Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2005, ISBN 3-534-19095-5, S. 219–401 (Abdruck der kritischen Ausgabe von Auguste Diès, 3. Auflage, Paris 1955, mit der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher, 2., verbesserte Auflage, Berlin 1824)
  • Helmut Meinhardt (Hrsg.): Platon: Der Sophist. Reclam, Stuttgart 1990, ISBN 3-15-006339-6 (unkritische Edition mit Übersetzung und Kommentar)
  • Donald B. Robinson, William S. M. Nicoll (Hrsg.): Sophistes. In: Elizabeth A. Duke u. a. (Hrsg.): Platonis opera, Bd. 1, Oxford University Press, Oxford 1995, ISBN 0-19-814569-1, S. 383–471 (maßgebliche kritische Edition)
  • Reiner Wiehl (Hrsg.): Platon: Der Sophist. Meiner, Hamburg 1967 (Abdruck der kritischen Ausgabe von John Burnet, Oxford 1900, ohne den kritischen Apparat, mit der Übersetzung von Otto Apelt, 2., durchgesehene Auflage, Leipzig 1922, von Wiehl neu bearbeitet und mit Anmerkungen versehen)
  • Ursula Wolf (Hrsg.): Platon: Sophistes. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-518-27004-2 (Abdruck der Ausgabe von Auguste Diès, 6. Auflage, Paris 1985, ohne den kritischen Apparat, mit der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher, 2., verbesserte Auflage, Berlin 1824, bearbeitet, und einem ausführlichen Kommentar von Christian Iber)

Übersetzungen

  • Otto Apelt: Platon: Sophistes. In: Otto Apelt (Hrsg.): Platon: Sämtliche Dialoge, Bd. 6, Meiner, Hamburg 2004, ISBN 3-7873-1156-4 (mit Einleitung und Erläuterungen; Nachdruck der 2., durchgesehenen Auflage, Leipzig 1922)
  • Rudolf Rufener: Platon: Spätdialoge I (= Jubiläumsausgabe sämtlicher Werke, Bd. 5). Artemis, Zürich/München 1974, ISBN 3-7608-3640-2, S. 125–221 (mit Einleitung von Olof Gigon S. XXVI–XXXIV)
  • Friedrich Schleiermacher: Der Sophist. In: Erich Loewenthal (Hrsg.): Platon: Sämtliche Werke in drei Bänden, Bd. 2, unveränderter Nachdruck der 8., durchgesehenen Auflage, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2004, ISBN 3-534-17918-8, S. 663–740

Siehe auch

Literatur

Übersichtsdarstellungen

Kommentare

  • Seth Benardete: The Being of the Beautiful. Plato’s Theaetetus, Sophist, and Statesman. The University of Chicago Press, Chicago/London 1984, ISBN 0-226-67037-6
  • Christian Iber: Kommentar. In: Ursula Wolf (Hrsg.): Platon: Sophistes. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-518-27004-2, S. 179–496
  • Giancarlo Movia: Apparenze, essere e verità. Commentario storico-filosofico al „Sofista“ di Platone. Vita e Pensiero, Milano 1991, ISBN 88-343-0533-7 (Darstellung aus der Sicht der „Tübinger und Mailänder Schule“)
  • Lambert Marie de Rijk: Plato’s Sophist. A Philosophical Commentary. North-Holland Publishing Company, Amsterdam 1986, ISBN 0-444-85627-7
  • Gustav Adolf Seeck: Platons Sophistes. Ein kritischer Kommentar. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-62558-9 (Seeck geht nicht auf die wissenschaftlichen Kontroversen ein, sondern will nur das unmittelbare Verständnis des Wortlauts sicherstellen)

Untersuchungen

  • David Ambuel: Image and Paradigm in Plato’s Sophist. Parmenides Publishing, Las Vegas 2007, ISBN 978-1-930972-04-9
  • Paolo Crivelli: Plato’s Account of Falsehood. A Study of the Sophist. Cambridge University Press, Cambridge 2012, ISBN 978-0-521-19913-1 (Untersuchung aus der Perspektive der modernen Sprachphilosophie)
  • Andreas Eckl: Sprache und Logik bei Platon, Teil 2: Ideenlogik und Logik der grammatischen Form im Sophistes. Königshausen & Neumann, Würzburg 2011, ISBN 978-3-8260-4403-8
  • Christoph Hochholzer: Teile und Teilhabe. Eine Untersuchung über Platons „Sophistes“. De Gruyter, Berlin/Boston 2016, ISBN 978-3-11-045170-2
  • Peter Kolb: Platons Sophistes. Theorie des Logos und Dialektik. Königshausen & Neumann, Würzburg 1997, ISBN 3-8260-1294-1
  • Fabián Mié: Dialéctica, predicación y metafísica en Platón. Investigaciones sobre el Sofista y los diálogos tardíos. Ediciones del Copista, Córdoba 2004, ISBN 987-563-032-2 (Darstellung aus der Sicht der „Tübinger und Mailänder Schule“)
  • Noburu Notomi: The Unity of Plato’s Sophist. Between the Sophist and the Philosopher. Cambridge University Press, Cambridge 1999, ISBN 0-521-63259-5
  • Stanley Rosen: Plato’s Sophist. The Drama of Original and Image. Yale University Press, New Haven 1983, ISBN 0-300-02964-0
  • Paul Seligman: Being and Not-being. An Introduction to Plato’s Sophist. Nijhoff, Den Haag 1974, ISBN 90-247-1580-6

Aufsatzsammlungen

  • Pierre Aubenque (Hrsg.): Etudes sur le Sophiste de Platon. Bibliopolis, Neapel 1991, ISBN 88-7088-250-0
  • Beatriz Bossi, Thomas M. Robinson (Hrsg.): Plato’s Sophist Revisited. De Gruyter, Berlin 2013, ISBN 978-3-11-028695-3

Rezeption

  • Markus J. Brach: Heidegger – Platon. Vom Neukantianismus zur existentiellen Interpretation des „Sophistes“. Königshausen & Neumann, Würzburg 1996, ISBN 3-8260-1136-8

Weblinks

Originaltext und Übersetzungen

 Wikisource: Sophistes – Quellen und Volltexte
  • Sophistes, griechischer Text nach der Ausgabe von John Burnet, 1900
  • Sophistes, deutsche Übersetzung nach Friedrich Schleiermacher, bearbeitet (PDF-Datei)
  • Sophistes, deutsche Übersetzung von Friedrich Schleiermacher, 1807
  • Sophistes, deutsche Übersetzung von Friedrich Schleiermacher
  • Sophistes, deutsche Übersetzung nach Friedrich Schleiermacher

Literatur


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