Physikalismus

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Als Physikalismus (eng. physicalism) wird die in der Philosophie und Wissenschaftstheorie heute häufig vertretene monistische metaphysische These bezeichnet, wonach das gesamte Weltgeschehen, auch Leben und Bewusstsein, auf rein physikalischen Prinzipien beruhe und aus diesen letztlich vollständig erklärbar sei. Der Begriff wurde in den 1930er Jahren vornehmlich im Wiener Kreis durch Otto Neurath und Rudolf Carnap geprägt.[1][2]

„Das System von Gesetzen, aus denen einzelne Ereignisse oder Prozesse abgeleitet werden, mit anderen Worten, die vereinheitlichte Wissenschaft, kann vollständig oder teilweise geändert werden, wenn die erhaltenen Ergebnisse durch Erfahrung oder Beobachtung widerlegt werden. Jedes Phänomen wird mittels Ton, Licht etc. getestet, aber Klang und Licht spielen in der abschließenden wissenschaftlichen Präsentation keine Rolle. In den Formeln der Wissenschaft, mit deren Hilfe die Menschen einander erfolgreich verstehen, werden nur logisch-mathematische Zeichen verwendet. Es ist sinnlos zu sagen: „Ich sehe das gleiche Rot wie mein Freund.“ Wie mein Freund das Symbol „rot“ mit anderen Zeichen kombiniert, verdeutlicht mir die Struktur seines Ausdruckssystems. Mehr kann nicht von der Wissenschaft gemacht werden. Zeichen können auf ein „nahe“ hinweisen, auf ein „zwischen“ und „so viel“, aber nicht mehr. Was überhaupt wissenschaftlich ausdrückbar ist, ist an grundlegenden Beziehungen nicht reicher als die Symbole auf einem Morseband, das der Telegraphist liest, wie sie von seinem Apparat erklingen. In gewissem Sinn ist die Einheitswissenschaft Physik in ihrem weitesten Umfang, eine Gewebe von Gesetzen, die räumlich-zeitliche Verknüpfungen ausdrücken - nennen wir es: Physikalismus.“

Otto Neurath: Physicalism: The Philosophy of the Viennese Circle., S. 620[3]

Der Physikalismus ist zwar nicht deckungsgleich, aber doch eng verschwistert mit dem Materialismus. Während sich der Materialismus auf das Wechselspiel materieller Objekte beschränkt, erfasst der Physikalismus alles, was sich physikalisch erklären lässt. So ist etwa das Licht keine materielle Entität, wird aber in der Physik als elektromagnetische Welle beschrieben. Jegliche eigenständige seelische oder geistige Wirklichkeit wird damit in das Reich der Illusionen verwiesen und zu einem bloßen Epiphänomen des physikalisch-chemischen Geschehens erklärt.

In Konsequenz bedeutet das für sämtliche Naturwissenschaften, dass zumeist nur eine reduktionistisch-physikalistische Betrachtungsweise als wissenschaftlich vertretbar angesehen wird, die sich ausschließlich auf physisch konstatierbare Tatsachen und eine weitgehend materialistisch-mechanistische Erklärungsweise beschränkt. Dieser Ansatz ist allerdings gerade in der modernen Physik, namentlich in der Quantenphysik, die die Grenzen des materialistisch-mechanistischen Weltbildes längst gesprengt hat, mehr als problematisch geworden. Darauf haben u.a. Hans-Peter Dürr, Daniel Dahm und Rudolf zur Lippe in ihrem 2005 veröffentlichten und vielbeachteten Potsdamer Manifest 2005 nachdrücklich hingewiesen.

„Die Einsichten der modernen Physik, der ‚Quantenphysik’, legen eine Weltdeutung nahe, die grundsätzlich aus dem materialistisch-mechanischen Weltbild herausführt. Anstelle der bisher angenommenen Welt, einer mechanistischen, dinglichen (objektivierbaren), zeitlich determinierten ‚Realität’ entpuppt sich die eigentliche Wirklichkeit (eine Welt, die wirkt) im Grunde als ‚Potenzialität’, ein nicht-auftrennbares, immaterielles, zeitlich wesentlich indeterminiertes und genuin kreatives Beziehungsgefüge, das nur gewichtete Kann-Möglichkeiten, differenziertes Vermögen (Potenzial) für eine materiell-energetische Realisierung festlegt. Die im Grunde offene, kreative, immaterielle Allverbundenheit der Wirklichkeit, erlaubt die unbelebte und auch die belebte Welt als nur verschiedene – nämlich statisch stabile bzw. offene, statisch instabile, aber dynamisch stabilisierte – Artikulationen eines ‚prä-lebendigen’ Kosmos aufzufassen.“

Potsdamer Manifest 2005

Vereinzelt wird auch (z.B. von Donald Davidson) ein nichtreduktiver Physikalismus vertreten, der zwar ebenfalls davon ausgeht, dass physische Entitäten (Elementarteilchen) die einzige substantielle Grundlage der Welt bilden, dass aber in komplexen Systemen emergente Eigenschaften in Erscheinung treten, die sich nicht vollständig auf physikalische Gesetze reduzieren lassen.

Literatur

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Otto Neurath: Radical Physicalism and the Real World. In: Otto Neurath: Philosophical Papers. 1913–1946 (= Vienna Circle Collection. Bd. 16). Reidel, Dordrecht u. a. 1983, ISBN 90-277-1483-5, S. 100–114, doi:10.1007/978-94-009-6995-7_8
  2. Otto Neurath: Sociology in the Framework of Physicalism. In: Otto Neurath: Philosophical Papers. 1913–1946 (= Vienna Circle Collection. Bd. 16). Reidel, Dordrecht u. a. 1983, ISBN 90-277-1483-5, S. 58–90, doi:10.1007/978-94-009-6995-7_6
  3. „The system of laws from which single events or processes are deduced, in other words unified science, can be wholly or partially modified whenever the results obtained are contradicted by experience or observation. Every phenomenon is tested by means of sound, light, etc., but sound and light play no part in the final scientific presentation. In the formulas of science, with the aid of which human beings succeed in understanding one another, only logical-mathematical signs are utilized. It is senseless to say: "I see the same red as my friend." How my friend combines the symbol "red" with other signs clarifies for me the structure of his system of expression. More cannot be done by science. Signs can indicate a "near," a "between" and a "so much," but no more. What is at all scientifically expressible is no richer in fundamental relations than the symbols on a Morse tape which the telegrapher reads as they are sounded by his apparatus. In a sense unified science is physics in its largest aspect, a tissue of laws expressing space-time linkages — let us call it: Physicalism.“
    Otto Neurath: Physicalism: The Philosophy of the Viennese Circle. In: The Monist, Volume 41, Issue 4, 1 October 1931, Pages 618–623, doi:10.5840/monist19314147 pdf