Reue

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Reue ist ein, oft sehr emotional durchsetztes, schmerzliches Gefühl der Unzufriedenheit, des Bedauerns und der Abscheu, das entstehen kann, wenn man etwas Falsches, Unrechtes, moralisch Verwerfliches, Sündhaftes getan hat. Verbindet sich damit nicht die klare, nüchterne und präzise Erkenntnis der eigenen Unvollkommenheit und der tätige Wille zur Besserung und möglichsten Wiedergutmachung, gleitet die Reue sehr leicht in das bloß dumpfe egoistische Bedauern über den eigenen Unwert ab.

"Die Reue über die Sünden hat sehr häufig eine außerordentlich egoistische Färbung, und man sollte die Menschen anweisen, diese egoistische Neigung aus der Reue herauszubringen. Worin besteht denn oftmals das Gefühl der Reue? Es besteht darin, daß man ein besserer Mensch gewesen sein möchte, als man gewesen ist. In diesem «Man möchte ein besserer Mensch sein, als man eigentlich gewesen ist» liegt etwas, das im Grunde genommen einer von Christus durchdrungenen Moral widerspricht. Man muß im Grunde genommen seine Sünden auf sich nehmen und man muß sich nicht für einen besseren Menschen halten wollen, als man wirklich gewesen ist. Die Reue hat nur dann einen Sinn, wenn sie nach einer vorurteilsfreien Erkenntnis der Unvollkommenheiten strebt, wenn man geneigt ist, sich die ganze Schwere der Unvollkommenheiten vorzuhalten, und wenn aus dieser Vollerkenntnis der Vorsatz hervorgeht — der dann aber ein zur Tat führender Vorsatz ist -, diese Unvollkommenheit abzulegen. Also in dem Wirken der Seele für sich in die Zukunft hinein muß das Wesentliche liegen. Reue ist die Absicht, durch eine genaue Erkenntnis der Unvollkommenheiten dazu zu kommen, diese Unvollkommenheiten abzulegen." (Lit.: GA 343a, S. 535)

Im Gegensatz dazu bedeutet die Buße (griech. μετάνοια metanoia, von νοεῖν noein, „denken“ und μετά meta, „um“ oder „nach“, wörtlich also etwa: „Umkehr des Denkens“; hebr. שׁוּב Schub „Umkehr, Rückkehr“) eine echte Umkehr oder Rückwendung zu Gott, von dem sich der Mensch durch die Sünde entfernt hat. An dem klaren Bewusstsein der eigenen Unvollkommenheit erwacht das Gewissen:

"Die Sprache hat ein feines Gefühl für die Sache: wenn die schlechte Handlung vorbei ist, «regt sich das Gewissen». Warum regt sich das Gewissen? Weil jetzt erst die schlechte Tat zum Wissen erhoben wird. Sie geht hinauf ins Wissen." (Lit.: GA 166, S. 88)

Strafen für begangene Verfehlungen sind nur sinnvoll, wenn sie derart das Bewusstsein wecken und den Willen zur Besserung entzünden.

"Nun hat man über die Gründe, warum gestraft werden soll, viele Theorien aufgestellt. Die einzig mögliche findet man nur, wenn man weiß, daß es sich darum handelt, mit der Strafe die Kräfte der Seele so anzuspannen, daß das Bewußtsein sich erweitert über Kreise, über die es sich vorher nicht erstreckt hat. Und dies ist auch die Aufgabe der Reue. Die Reue soll gerade darinnen bestehen, die Tat so anzuschauen, daß sie durch ihre Gewalt ins Bewußtsein heraufgehoben wird, so daß das Bewußtsein nun den Zusammenhang so überschaut, daß es das nächste Mal nicht wiederum ausgeschaltet werden kann." (Lit.: GA 166, S. 88)

Reue und geistige Entwicklung

Alle esoterischen Übungen auf dem geistigen Schulungsweg sollen täglich von einer abendlichen Rückschau auf den abgelaufenen Tag begleitet sein, wobei alles, bis in die kleinsten Details, rückläufig, d.h. entgegen dem äußeren Zeitverlauf betrachtet werden sollte - und zwar möglichst objektiv und ohne Reue, denn Reue entspränge hier nur dem subtilen Egoismus, vor sich selbst besser erscheinen zu wollen, als man tatsächlich ist.

"Jeden Tag ist eine Rückschau zu üben auf die Erlebnisse der Persönlichkeit an dem Tage. Man hält sich selbst die wichtigsten Erfahrungen vor, die man während des Tages gemacht hat, und die Art, wie man sich innerhalb ihrer benommen hat. Das alles geschieht unter dem Gesichtspunkte, daß man vom Leben lernen wolle. Wie kann ich eine Sache, die ich heute getan habe, besser machen? Solche Fragen legt man sich vor. Man macht sich dadurch nicht stumpf gegen Lust und Leid. Im Gegenteil. Man wird feiner empfindlich. Aber man bleibt nicht haften an der Sorge und Reue über das, was man getan hat, sondern man verwandelt diese in den Vorsatz, in der Zukunft alles besser zu machen. Man wird sein eigener Baumeister. Wie dieser sich nicht hinstellt und reuevoll an einem Hause, das er gebaut hat, jammert, daß es nicht besser ist, sondern die Erfahrungen, die er an dem weniger guten macht, bewertet zu einem nächsten ev. Bau, so der Mensch gegenüber sich selbst. In Reue und Sorge geht unsere Persönlichkeit unter; durch Lernen steigt sie aufwärts. Reue und Sorge nützen zu nichts; die Zeit, die wir für sie verschwenden, sollen wir für Aufwärtsentwickelung verwenden. Das Ganze braucht nicht mehr als 3 - 4 Minuten in Anspruch zu nehmen." (Lit.: GA 267, S. 436)

Wenn der Tote nach seinem Eintritt in das Totenreich und nach einer Zeit der Läuterung aus den Fluten der Lethe den Trunk des Vergessens trinkt, wird er von der leidvollen Erinnerung an seine Sünden, im vorangegangenen Erdenleben befreit und kann danach unbelastet in das Elysium, d.h. in die eigentliche geistige Welt, das Devachan, eingehen.

Ebenso muss auch der Eingeweihte auf einer gewissen Stufe seiner geistigen Entwicklung den Trunk des Vergessens zu sich nehmen, damit er bewusst in die geistige Welt eintreten kann.

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Notwendigkeit und Freiheit im Weltengeschehen und im menschlichen Handeln, GA 166 (1982), ISBN 3-7274-1660-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Seelenübungen, GA 267 (2001), ISBN 3-7274-2670-5 html
  3. Rudolf Steiner: Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken, II, GA 343 (1993), ISBN 3-7274-3430-9 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  4. Rudolf Steiner: Vorträge und Kurse über christlich-religiöses Wirken, II. Dokumentarische Ergänzungen GA 343pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
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