Visualisierung

Aus AnthroWiki
Wechseln zu: Navigation, Suche
Farbenkreis, Zeichnung von Johann Wolfgang von Goethe.

Visualisierung ist eine grundlegende und in spirituellen Zusammenhängen weit verbreitete Meditationstechnik. Meist wird dabei von einer einfachen, oft symbolhaften sinnlichen Vorlage ausgegangen, die dann willentlich mit hoher Konzentration als Vorstellungsbild in rein innerlicher Anschauung festgehalten wird. Erfolgreich wird die Meditation allerdings nur sein, wenn sie durch eine entsprechend gepflegte geistige Gesinnung lange vorbereitet wurde. Durch fortgesetzte Übung transformiert sich die innere Vorstellung dann gegebenenfalls plötzlich und unwillkürlich selbsttätig zur echten Imagination, mit der das reale Erleben der geistigen Welt beginnt.

Meditationsobjekte

Rosenkreuz mit 7 roten Rosen

Gut geeignete Meditationsobjekte sind oft einfache geometrische Formen wie Kreuz, Dreieck, Quadrat, Kreis, Pentagramm, Hexagramm usw. Auch reine Farbmeditationen sind möglich, beispielsweise mit Goethes Farbenkreis oder auch durch Versenkung in einzelne Farbqualitäten oder Farbkombinationen (Lit.: GA 291, S. 96ff).

Ein in abendländischen okkulten Schulen oft verwendetes Meditationssymbol ist der Caduceus, der Merkurstab mit den beiden Schlangen. Er ist nach Rudolf Steiner ein gutes Hilfsmittel, um während der Meditation das Eindringen ahrimanischer Wesen in in das Bewusstsein zu verhindern (Lit.: GA 266a, S. 465).

Das Rosenkreuz, ein Kreuz aus schwarzem, toten Holz, aus dem sieben rote Rosen hervorblühen, ist das zentrale Meditationsobjekt für den Rosenkreuzer-Schulungsweg. Bei fortgesetzter Meditation über das Symbol des Rosenkreuzes verwandeln sich die Farben in die Gegenfarben. Das schwarze Holz erhellt sich zum Weißen, das von innerlicher Liebe strahlende Rot der Rosen wandelt sich zum Grün des nach außen wirkenden Lebens (Lit.: GA 013, S. 229ff).

Echt sind dabei nach Rudolf Steiner nur solche Symbole, bei denen wir zunächst Leid empfinden, wenn wir uns in der Meditation in sie versenken:

„Wenn wir Symbole erleben, so sind nicht die echt und aus der geistigen Welt stammend, die uns freudig machen, die wir freudig erleben, sondern nur die, bei denen wir Leid empfinden. Und mit uns herumtragen müssen wir sie, bis wir ihren Sinn erfaßt haben. Im Leiden muß das Geistige aus ihnen in uns geboren werden.“ (Lit.:GA 266b, S. 97)

Im Hinduismus und Buddhismus werden häufig Mandalas (skrt., n., मण्डल, Kreis) zur Meditation verwendet. Mandalas sind kreisförmige oder quadratische symbolisches Gebilde mit einem bestimmenden Zentrum. Es kann sowohl abstrakte Formen und Ornamente als auch Darstellungen verschiedener Buddhas, aber auch von Tieren und anderem enthalten, ebenso wie alle möglichen Symbole aus Religion, Esoterik oder Psychologie. Auch natürliche Motive können als Mandala dienen. Die sogenannten Yantras sind demgegenüber rein geometrische Formen, die von den typischen "Mauern" umgeben sind und bestimmte Aspekte des Göttlichen repräsentieren. Yantras können vielfach auch als visueller Ausdruck eines Mantra betrachtet werden: Das Mantra stellt einen Aspekt des Göttlichen in Form eines Lautes dar, das Yantra dagegen in Form einer geometrischen Figur.

Im Daoismus, der seine Wurzeln im Schamanismus und letztlich auf der alten Atlantis hat, ist die Visualisierung der fünf Elemente[1] und der mystischen Tiere gebräuchlich.

Übergang von der Visualisierung zur eigentlichen Imagination

Damit sich die eigentliche Imagination entfalten kann, muss sich das Bewusstsein vom leiblichen Werkzeug lösen. Kräfte, die sonst durch den Leib aufgebraucht werden, müssen ins Seelische gewendet werden. Die Imagination wird dann als innere Seelenbewegung, gleichsam als Seelengeste erlebt.

„Kein Mensch weiß, wie seine Bewegungen, wie alles, was da wirkt, daß er ein handelnder Mensch sein kann in der physischen Außenwelt, wie das zustande kommt und welche Kraft da wirkt. Das merkt erst der Geistesforscher, wenn er zur sogenannten imaginativen Erkenntnis kommt. Da macht man sich zunächst Bilder, die dadurch wirken, daß sie stärkere Kräfte aus der Seele heraus schöpfen, als sie sonst im gewöhnlichen Leben angewendet werden. Woher kommt denn diese Kraft, die die Bilder des imaginativen Erlebens in der Seele entfesselt? Sie kommt dorther, wo die Kräfte wirken, die uns zu einem handelnden Menschen in der Welt machen, die uns unsere Hände und Füße bewegen lassen. Weil das der Fall ist, kommt man nur zur Imagination, wenn man in Ruhe verbleiben kann, wenn man den Willen seines Leibes zum Stillstand bringen kann, ihn beherrschen kann. Dann merkt man, wie diese Kraft, die sonst die Muskeln bewegt, heraufströmt in das Seelisch-Geistige und die imaginativen Bilder erbildet. Man vollbringt also eine Umlagerung der Kräfte. Da unten in den Tiefen des Leiblichen ist also etwas von unserem ureigensten Wesen, von dem wir im gewöhnlichen Leben nichts spüren. Dadurch, daß wir das Körperliche ausschalten, dringt der Geist, der sonst in unseren Handlungen zum Ausdruck kommt, herauf in die Seele und erfüllt diese mit dem, was sie sonst für das Körperliche verwenden muß. Der Geistesforscher weiß, daß er dasjenige dem Leibe entrücken muß, was sonst der Leib konsumiert. Für die imaginative Erkenntnis muß also das Leibliche ausgeschaltet werden.“ (Lit.:GA 150, S. 92f)

Genau zu beachten ist dabei, dass das imaginativ „Geschaute“ durchaus unsichtbar, das „Gehörte“ völlig unhörbar ist, da es sich eben nicht um eine sinnliche, sondern um eine durch die eigene geistige Tätigkeit aktiv und bewusst hervorgebrachte, aber inhaltlich vollkommen durch sich selbst bestimmte, rein übersinnliche Wahrnehmung handelt. Da aber beim irdisch verkörperten Menschen die Leibestätigkeit und insbesondere die Sinnessphäre auch heute noch immer leise mitschwingt, ist es dennoch ganz natürlich und sachgemäß, das imaginativ Erlebte in sinnlichen Ausdrücken zu beschreiben. Man darf aber die in sinnliche Begriffe gefasste Beschreibung oder die Veranschaulichung durch entsprechende Zeichnungen nicht mit dem tatsächlich imaginativ „Geschauten“ verwechseln:

„Man wird nun finden, daß diejenigen Menschen, welche übersinnliche Beobachtungen machen können, dasjenige, was sie schauen, so beschreiben, daß sie sich der Ausdrücke bedienen, welche den sinnlichen Empfindungen entlehnt sind. So kann man den elementarischen Leib eines Wesens der Sinnenwelt, oder ein rein elementarisches Wesen so beschrieben finden, daß gesagt wird, es offenbare sich als in sich geschlossener, mannigfaltig gefärbter Lichtleib. Es blitze in Farben auf, glimmere oder leuchte und lasse bemerken, daß diese Farben- oder Lichterscheinung seine Lebensäußerung sei. Wovon der Beobachter da eigentlich spricht, ist durchaus unsichtbar, und er ist sich dessen bewußt, daß mit dem, was er wahrnimmt, das Licht- oder Farbenbild nichts anderes zu tun hat, als etwa die Schrift, in welcher eine Tatsache mitgeteilt wird, mit dieser Tatsache selbst. Dennoch hat man nicht etwa bloß ein Übersinnliches in willkürlicher Art durch sinnliche Empfindungsvorstellungen ausgedrückt; sondern man hat während der Beobachtung das Erlebnis wirklich gemacht, das einem Sinneseindruck ähnlich ist. Es kommt dies davon her, daß im übersinnlichen Erleben die Befreiung von dem sinnlichen Leibe keine vollkommene ist. Dieser lebt mit dem elementarischen Leibe doch noch mit und bringt das übersinnliche Erlebnis in eine sinnliche Form. Die Beschreibung, die man so gibt von einer elementarischen Wesenheit, ist dann tatsächlich so gehalten, daß sie sich wie eine visionäre, oder phantastische Zusammenstellung von Sinneseindrücken zeigt. Wenn die Beschreibung so gegeben wird, dann ist sie trotzdem die wahre Wiedergabe des Erlebten. Denn man hat geschaut, was man schildert. Der Fehler, der gemacht werden kann, liegt nicht darin, daß man das Bild als solches schildert. Es liegt ein Fehler erst dann vor, wenn man das Bild für die Wirklichkeit hält, und nicht dasjenige, auf was das Bild, als auf die ihm entsprechende Wirklichkeit, hindeutet.

Ein Mensch, welcher niemals Farben wahrgenommen hat - ein Blindgeborener - wird, wenn er sich die entsprechende Fähigkeit erwirbt, elementarische Wesenheiten nicht so beschreiben, daß er sagt, sie blitzen als Farbenerscheinungen auf. Er wird sich derjenigen Empfindungsvorstellungen zum Ausdrucke bedienen, welche ihm gewohnt sind. Für die Menschen aber, welche sinnlich sehen können, ist eine Schilderung durchaus geeignet, welche sich etwa des Ausdruckes bedient, es blitzte eine Farbengestalt auf. Sie können dadurch sich die Empfindung von dem bilden, was der Beobachter der elementarischen Welt geschaut hat. Und das gilt nicht etwa nur für Mitteilungen, welche ein Hellsichtiger - es sei ein Mensch so genannt, der durch seinen elementarischen Leib beobachten kann - einem Nicht-Hellsichtigen macht, sondern auch für die Verständigung der Hellsichtigen untereinander. In der Sinnenwelt lebt der Mensch eben in seinem sinnlichen Leib, und dieser kleidet ihm die übersinnlichen Beobachtungen in Sinnesformen ein; daher ist innerhalb des menschlichen Erdenlebens der Ausdruck der übersinnlichen Beobachtungen durch die von ihnen erzeugten Sinnesbilder denn doch zunächst eine brauchbare Art der Mitteilung.

Es kommt darauf an, daß derjenige, welcher eine solche Mitteilung empfängt, in seiner Seele ein Erlebnis hat, welches zu der in Betracht kommenden Tatsache in dem richtigen Verhältnisse steht. Die sinnlichen Bilder werden nur mitgeteilt, damit durch sie etwas erlebt wird. So wie sie sich darbieten, können sie nicht in der Sinnenwelt vorkommen. Das ist eben ihre Eigentümlichkeit. Und deswegen rufen sie auch Erlebnisse hervor, die sich auf nichts Sinnliches beziehen.“ (Lit.:GA 16, S. 32ff)

„In meiner «Theosophie» finden Sie, daß man das Seelische in Form einer Art Aura sieht. Sie wird in Farben beschrieben. Grobklotzige Menschen, die nicht weiter eingehen auf die Sachen, sondern selbst Bücher schreiben, die glauben, daß der Seher die Aura schildert, sie beschreibt, indem er die Meinung hat, daß da wirklich so ein Nebeldunst vor ihm ist. Was der Seher vor sich hat, ist ein geistiges Erlebnis. Wenn er sagt, die Aura ist blau, so sagt er, er hat ein seelisch-geistiges Erlebnis, das so ist, als wenn er blau sehen würde. Er schildert überhaupt alles das, was er in der geistigen Welt erlebt und was analog ist dem, was in der sinnlichen Welt an den Farben erlebt werden kann.“ (Lit.:GA 271, S. 185)

Literatur

Steiner big.jpg
Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.

Einzelnachweise

  1. Mantak Chia : Fusion of the Five Elements: Meditations for Transforming Negative Emotions (Taschenbuch)