Naraka (Mythologie)

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Naraka – in der Mitte der Totengott Yama, zu seiner Linken der Schreiber Yamaduta und im Umfeld Darstellungen der verschiedenen Höllenstrafen, zu denen auch das Ziehen der Zähne gehört (um 1895)
Höllendarstellung auf einer japanischen Schriftrolle mit der Abbildung des ausschließlich Frauen vorbehaltenen Blutteichs (jigoku)

Naraka (Sanskrit: नरक) oder Narakaloka ist das Sanskritwort für die Unterwelt. Der Begriff findet sich in allen vier indischen Religionen (Hinduismus, Jainismus, Buddhismus und Sikhismus). Naraka ist ein Ort der Leiden und körperlichen Qualen und entspricht somit in etwa dem Begriff ‚Hölle‘. Naraka und der Gegenbegriff Svarga bezeichnen jedoch keinen endgültigen Zustand, sondern nur eine Übergangsphase der Seele vor ihrer erneuten Wiedergeburt.

Hinduismus

In den Veden, Upanishaden, Puranas und anderen hinduistischen Texten bezeichnet Naraka den Ort, wohin die Seelen vor einer neuen Wiedergeburt zwecks Tilgung ihrer Sünden gelangen. In der Bhagavad Gita wird der Begriff Naraka mehrfach erwähnt. Es ist ein Ort der Dunkelheit und des seelischen und körperlichen Leidens. Einige Schulen des Hinduismus begreifen Naraka als rein metaphorisch und lehnen die tatsächliche Existenz der Hölle ab; andere unterteilen die Hölle in mehrere Bereiche oder Ebenen. Herr der Unterwelt ist der Totengott Yama und so wird oft der Begriff Yama loka als Äquivalent zu Naraka verwendet; Yamas Assistent Chitragupta schreibt alle Taten der Lebewesen in einem Buch auf und weist ihnen entsprechend einen Platz in der Hölle (naraka) oder im Himmel (svarga) zu. Manche Autoren sind allerdings der Ansicht, dass auch kleinere Übeltaten mit einem zeitweiligen Aufenthalt in der Hölle bestraft werden können – so verbringen gemäß Mahabharata selbst die Helden der Geschichte, die fünf Pandava-Brüder, die ansonsten Aufrichtigkeit und Tugendhaftigkeit verkörpern, eine gewisse Zeit in der Unterwelt. Innerhalb des Hinduismus wird die Zeit des Aufenthaltes in der Hölle – außer von dem Hindu-Philosophen Madhva, welcher davon ausgeht, dass die Schuld vollkommen Ungerechter untilgbar sei – nicht als ewige Verdammnis, sondern als vorübergehender Prozess angesehen.[1]

Yama hat weitere Diener, die Yamadutas, die damit beschäftigt sind, sündige Seelen einzufangen und in die Unterwelt/Hölle zu schleppen. Allein die Vaishnavas bleiben verschont und werden von ihnen ins Paradies (vaikuntha oder goloka) geleitet.

Buddhismus

In vieler Hinsicht stimmen die buddhistischen Konzepte und Auffassungen von Naraka mit den hinduistischen überein. Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass die buddhistische Weltsicht und somit auch die Unterwelt keinen Gott kennt, der Strafen festsetzt und die Seelen sortiert, sondern allein das unerbittliche Gesetz des Karma bestimmt über ihr Schicksal. Die tiefste Ebene der buddhistischen Hölle wird Avici genannt. Die buddhistisch beeinflusste Höllenvorstellung der chinesischen Mythologie wird als Diyu bezeichnet. Die neuzeitlichen buddhistischen Höllenvorstellungen Ost- und Südostasiens sind jedoch bis zu einem gewissen Maß von christlich-westlichem oder auch von islamischem Gedankengut (jehenna) durchsetzt worden.

Jainismus

Die jainistischen Vorstellungen der ‚Hölle‘ unterscheiden sich nicht wesentlich vom buddhistischen Konzept. Die Unterwelt ist in sieben Bereiche (prabhas) abgestuft.

Indonesien und Malaysia

Mit dem leicht abgewandelten Begriff Neraka werden in Indonesien und Malaysia die islamischen Vorstellungen von ‚Hölle‘ bezeichnet.

Theosophie und Anthroposophie

Aus anthroposophischer Sicht entsteht aus Avici (auch Avitchi), der untersten Region von Naraka, die sog. achte Sphäre, die einmal als Schlacke der Erdentwicklung zurückbleiben wird. So wie in gewissem Sinn unser heutiger Mond die zurückgelassene Schlacke des alten Mondendaseins ist, in dem sich all jene Kräfte verdichteten, die die weitere reguläre Entwicklung zum gegenwärtigen Erdendasein nicht mehr mitmachen konnten, so wird ähnlich auch von unserer Erdenentwicklung eine Schlacke zurückbleiben, die aus der fortschreitenden Entwicklung herausfällt, und genau das bereitet sich heute schon in Form der achten Sphäre vor, die von den ahrimanischen Mächten durchdrungen ist.

Sehr klar muss festgehalten werden, dass unser heutiger Mond keineswegs identisch mit der achten Sphäre ist, wie das in theosophischen Kreisen fälschlich behauptet wurde, sondern gerade das notwendige heilsame Gegengewicht zu der von ahrimanischen Kräften durchdrungenen 8. Sphäre bildet (Lit.: GA 254). Die Anlage dazu bildet sich heute bereits im Devachan und führt zum Zustand des Avici. Hier versammeln sich die Menschen, die ihre egoistische Selbstsucht nicht überwinden wollen. Avici bereitet gegenwärtig schon die achten Sphäre vor.

„Nun kann aber ein Wesen verwachsen mit dem, was eigentlich als Schlacke zurückbleiben soll. Es muß von der Erde etwas zurückbleiben, was später das sein soll, was heute der Mond ist. Das muß der Mensch überwinden. Aber der Mensch kann das gern haben, dann verbindet er sich damit. Ein Mensch, der tief verwoben ist mit dem bloß Sinnlichen, dem bloß Triebhaften, der verbindet sich immer mehr mit dem, was Schlacke werden soll. Das wird dann sein, wenn die Zahl 666 erfüllt sein wird, die Zahl des Tieres. Dann kommt der Moment, wo sich die Erde herausbewegen muß aus der fortlaufenden Evolution der Planeten. Wenn dann der Mensch sich zu sehr verwandt gemacht hat mit den sinnlichen Kräften, die heraus sollen, dann geht das, was damit verwandt ist und nicht den Anschluß gefunden hat, um zum nächsten Globus hinüberzugehen, mit der Schlacke mit und wird Bewohner dieser Schlacke, so wie jetzt solche Wesen Bewohner des heutigen Mondes sind.

Da haben wir den Begriff von der achten Sphäre. Der Mensch muß durch sieben Sphären hindurchgehen. Die sieben Planeten entsprechen den sieben Körpern:

Daneben gibt es eine achte Sphäre, wo alles dasjenige hingeht, was sich nicht dieser fortlaufenden Entwickelung anschließen kann. Das bildet sich in der Anlage auch schon im devachanischen Zustande. Wenn der Mensch das Leben auf der Erde nur dazu benützt, zu sammeln, was ihm allein dient, um nur eine Erhöhung seines eigenen egoistischen Selbstes zu erfahren, so führt das im Devachan in den Zustand des Avitchi. Der Mensch, der nicht aus der Sonderheit heraus kann, kommt nach Avitchi. Alle diese Avitchi-Menschen werden einmal Bewohner der achten Sphäre. Avitchi ist die Vorbereitung zur achten Sphäre. Die anderen Menschen werden Bewohner der fortlaufenden Evolutionskette. Die Religionen haben aus diesem Begriffe die «Hölle» formuliert.“ (Lit.:GA 93a, S. 112)

Die Mondenkräfte haben durchaus auch eine positive Bedeutung für die Erd- und Menschheitsentwicklung. Der untere Mensch sollte ein Abbild der höheren Hierarchien sein. Er sollte auf der Erde leben, um hier seinen Entwicklungsweg zu gehen, aber in einer ganz feinen ätherischen Leiblichkeit. Infolge des luziferischen Einschlags wurde der Leib bis zur sinnlichen Sichtbarkeit verdichtet - und zwar zum Heil der Menschen. Zu diesem Zweck wurde der Mond aus der Erde herausgezogen, und die achte Sphäre liefert jene Anziehungskräfte, die den Mond in einer bestimmten Nähe zur Erde festhalten. Das sind aber zugleich die Kräfte, die den Menschen vor einer zu frühen Vergeistigung durch Luzifer bewahren. In diesem Sinn ist die achte Sphäre das Gegengewicht zu Luzifer. Sie gibt dem Menschen mehr Schwere und Erdverbundenheit, sie bindet ihn an seinen unteren Organismus, an Fleisch und Blut - namentlich durch die Fortpflanzungskräfte, durch die sinnlich-irdische Liebe. Und so ist das Gebot Jahves: Seid fruchtbar und mehret euch! Bis zum Mysterium von Golgatha geht es um die Fleischwerdung des Geistes:

Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns (Joh 1,14)

Diese positive Bedeutung der Mondenkräfte unter Leitung Jahves und ihr Verhältnis zur achten Sphäre wurde als Folge der irrigen Darstellung von A.P. Sinnett in theosophischen Kreisen vielfach verkannt und ins Gegenteil verzerrt, woraus eine Ablehnung Jahves und in der Folge auch eine tendentiell achristliche Haltung resultierte, auf die Rudolf Steiner sehr deutlich hingewiesen hat. (Lit.: GA 254)

Literatur

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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.

Weblinks

Commons-logo.png Commons: Naraka - Weitere Bilder oder Audiodateien zum Thema

Einzelnachweise

  1. Helmuth von Glasenapp: Der Hinduismus. Religion und Gesellschaft im heutigen Indien, Hildesheim 1978, S. 248.
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