Aktualismus (Geologie)

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Der Aktualismus (von lat. actualis „tätig, wirkend, wirklich“), auch Aktualitätsprinzip genannt, ist ein Grundprinzip der gegenwärtigen wissenschaftlichen Geologie und besagt, dass man aus der nach dem Einfachheitsprinzip postulierten Gleichförmigkeit der geologischen Prozesse auf die Entwicklung in der Vergangenheit schließen könne. Darüber hinaus wird auch eine Gleichförmigkeit der Gesetze angenommen, wonach die Naturgesetze zu jeder Zeit und an jedem Ort dieselben gewesen seien.

Erste Ansätze zum Aktualismus finden sich bereits bei Georg Christian Füchsel (1722-1773) und Georges-Louis Leclerc de Buffon (1707-1788). Klar ausformuliert wurde der Aktualismus dann erstmals 1785 von dem schottischen Geologen James Hutton (1726–1797) in seinem Werk Theory of the Earth. Auch die Plutonismus-Theorie, wonach die wesentlichen Gestaltungskräfte der Erde vom dem „Zentralfeuer“ im Erdinnern stammen sollten, wurde hauptsächlich von ihm entwickelt. Hutton stand damit im schroffen Gegensatz zur Neptunismus-Theorie des deutschen Geologen Abraham Gottlob Werner (1749–1817), der den Ursprung der Gesteinsentstehung – ausgehend von einem hypothetischen „Urmeer“ – im Wasser sah.

Charles Lyell (1797-1875) entwickelte in seinem Hauptwerk Principles of Geology (1830) Huttons Ideen zum Aktualismus weiter, vermengte sie aber geschickt und wissenschaftlich nicht ganz sauber mit seiner Vorstellung des Gradualismus, wonach geologische Veränderungen weitgehend stetig und gleichförmig ablaufen. Er drängte damit den damals noch vorherrschenden Katastrophismus zurück, der die Umgestaltung der Erde vornehmlich auf eine Folge von Naturkatastrophen zurückführte. Lyells Arbeiten beeinflussten Charles Darwin (1809-1882) nachhaltig bei der Entwicklung seiner Evolutionstheorie. Rudolf Steiner hat die Arbeiten Lyells und Darwins nachdrücklich gewürdigt und sich entschieden gegen ein falsch verstandenen Kreationismus gewendet, wonach die natürliche Entwicklung durch unmittelbare und nicht weiter hinterfragbare wundersame Eingriffe Gottes bedingt sei.

„Einen neuen Charakter hat Lyell dem Denken über die Bildung der Erde gegeben. Vor ihm beherrschten dieses Denken Vorstellungen, die uns heute kindlich vorkommen. Wir sehen nicht ein, warum die gewaltigen Gebirgsbildungen durch andere Kräfte hervorgebracht sein sollen, als diejenigen sind, die heute noch herrschen. Lyell sah, daß im Laufe nachweisbarer Zeiträume das fließende Wasser die Steinmassen von den Gebirgen loslöst und sie an anderer Stelle wieder absetzt. Es verschwinden dadurch Bildungen an einem Orte und andere entstehen an einem andern wieder. Das geht langsam vor sich. Aber man denke sich solche Wirkungen durch unermeßliche Zeiträume fortgesetzt, so wird man sich vorstellen können, daß durch diese noch heute herrschenden Kräfte die ganze Erdoberfläche diejenige Gestalt angenommen hat, die sie gegenwärtig hat. Dazu kommen die Umgestaltungen, welche heute die Erdoberfläche durch schwimmende Eisberge, durch wandelnde Gletscher, die Schutt und Gerolle mit sich führen, erhält. Man denke ferner an Erdbeben und an vulkanische Erscheinungen, die den Boden heben und senken, man denke an den Wind, der Dünen aufwirft, und an das langsame allmähliche Verwittern der Gesteine. Alles, was zur Bildung der Erde bis jetzt geschehen ist, kann so geschehen sein, daß im Laufe langer Zeiträume jene genannten Wirkungen vorhanden waren. Wir zweifeln heute nicht, daß sich die Sache so verhält. Aber vor Lyell dachten die Menschen anders. Sie glaubten, daß die mächtigen Gebirgsbildungen durch augenblicklich wirksame, außerordentliche Kräfte bewirkt worden seien. Wenn eine Gestalt der Erdoberfläche reif war, zugrunde zu gehen, so griff die Schöpferkraft von neuem ein, um unserem Planeten ein neues Antlitz zu geben; so dachten unsere Vorfahren. Wir erkennen, wenn wir die Erdrinde untersuchen, daß eine Anzahl von Erdepochen da war und wieder untergegangen ist. Die untergegangenen Erdepochen finden wir als übereinandergetürmte Schichten der Erdrinde. In jeder Schicht entdecken wir versteinerte Tier- und Pflanzenformen. Unsere Vorfahren nahmen an, daß immer und immer wieder die Schöpferkraft das Leben einer Epoche habe zugrunde gehen lassen und ein neues an die Stelle gesetzt habe. Lyell zeigte, daß dies nicht der Fall ist. Durch allmähliches Wirken der Kräfte, die heute noch tätig sind, hat sich eine Epoche aus der andern entwickelt; und in jeder folgenden Epoche lebten diejenigen Lebewesen, die sich aus der vorigen erhalten haben und die sich den neuen Lebensbedingungen anpassen konnten. Die Geschöpfe der jüngeren Erdperioden sind die Nachkommen derjenigen, die in älteren gelebt haben.

Von unendlicher Fruchtbarkeit war dieser Gedanke für Darwin. Er hat erkannt, daß im Laufe der Zeiten sich die tierischen Arten verändern können. Daß die Tierarten nicht jede für sich geschaffen sind, sondern daß sie miteinander verwandt sind, daß sie auseinander hervorgegangen sind. Nimmt man diese Erkenntnis mit Lyells Gedanken zusammen, so wird klar, daß alles Leben auf der Erde, das vergangene und das zukünftige, eine große natürliche Einheit bildet. Die Vorgänge, die wir heute mit Augen sehen und mk unseren Geisteskräften verstehen, haben immer stattgefunden. Keine anderen waren je da. Was heute geschieht, geht ohne Wunder und ohne überirdische Einwirkungen vor sich. Darwin und Lyell haben gezeigt, daß es so wunderlos immer auf der Erde zugegangen ist. Dadurch sind sie die Schöpfer einer ganz neuen Weltanschauung, eines ganz neuen Empfindens, einer neuen Lebensführung.“ (Lit.:GA 30, S. 361f)

Ebenso entschieden hat Rudolf Steiner aber auch gefordert, die geistigen Hintergründe des Naturgeschehens durch eine konkrete, nicht-spekulative empirische Geistesforschung zu enthüllen. Wesentliche Ansätze dazu finden sich schon bei Goethe, auf den Steiner wiederholt Bezug nahm. Goethe fasste nach seiner entwickelnden Methode die Gesteinsbildung und Gesteinsmetamorphose in einem anderen und tieferen Sinn auf als die nur auf das Physische blickende zeitgenössische Geologie. Er suchte die allen Gesteinsbildungen zugrunde liegende Idee, die ideele Urform, aus der sich die einzelnen Gesteinsarten ideell entwickeln und dadurch in ihrem inneren Zusammenhang verstehen lassen.

„Sein Streben ging dahin, sich zu einer solchen Anschauung emporzuarbeiten, daß ihm das, was er getrennt sah, im inneren, notwendigen Zusammenhang erscheine. Seine Methode war «die entwickelnde, entfaltende, keineswegs die zusammenstellende, ordnende». Ihm genügte es nicht, da den Granit, dort den Porphyr usw. zu sehen, und sie einfach nach äußerlichen Merkmalen aneinanderzureihen, er strebte nach einem Gesetze, das aller Gesteinsbildung zugrunde lag und das er sich nur im Geiste vorzuhalten brauchte, um zu verstehen, wie da Granit, dort Porphyr entstehen mußte. Er ging von dem Unterscheidenden auf das Gemeinsame zurück. Am 12. Juni 1784 schrieb er an Frau v. Stein: «Der einfache Faden, den ich mir gesponnen habe, führt mich durch alle diese unterirdischen Labyrinthe gar schön durch und gibt mir Übersicht selbst in der Verwirrung.» [WA 6, 297 u. 298] Er sucht das gemeinsame Prinzip, das je nach den verschiedenen Umständen, unter denen es zur Geltung kommt, einmal diese, das andere Mal jene Gesteinsart hervorbringt. Nichts in der Erfahrung ist ihm ein Festes, bei dem man stehenbleiben könne; nur das Prinzip, das allem zugrunde liegt, ist ein solches. Er ist daher auch immer bestrebt, die Übergänge von Gestein zu Gestein zu finden. Aus ihnen ist ja die Absicht, die Entstehungstendenz viel besser zu erkennen, als aus dem in bestimmter Weise ausgebildeten Produkt, wo ja die Natur nur in einseitiger Weise ihr Wesen offenbart, ja gar oft bei «ihren Spezifikationen sich in eine Sackgasse verirrt».

Es ist ein Irrtum, wenn man diese Methode Goethes damit widerlegt zu haben glaubt, daß man darauf hinweist, die heutige Geologie kenne ein solches Übergehen eines Gesteines in ein anderes nicht. Goethe hat ja nie behauptet, daß Granit tatsächlich in etwas anderes übergehe. Was einmal Granit ist, ist fertiges, abgeschlossenes Produkt und hat nicht mehr die innere Triebkraft, aus sich selbst heraus ein anderes zu werden. Was aber Goethe suchte, das fehlt der heutigen Geologie eben, das ist die Idee, das Prinzip, das den Granit konstituiert, bevor er Granit geworden ist, und diese Idee ist dieselbe, die auch allen anderen Bildungen zugrunde liegt. Wenn also Goethe von einem Übergehen eines Gesteins in ein anderes spricht, so meint er damit nicht ein tatsächliches Umwandeln, sondern eine Entwicklung der objektiven Idee, die sich zu den einzelnen Gebilden ausgestaltet, jetzt diese Form festhält und Granit wird, dann wieder eine andere Möglichkeit aus sich herausbildet und Schiefer wird usw. Nicht eine wüste Metamorphosenlehre, sondern konkreter Idealismus ist Goethes Ansicht auch auf diesem Gebiete. Zur vollen Geltung mit allem, was in ihr liegt, kann aber jenes gesteinsbildende Prinzip nur im ganzen Erdkörper kommen. Daher wird die Bildungsgeschichte des Erdkörpers für Goethe die Hauptsache, und jedes Einzelne hat sich derselben einzureihen. Es kommt ihm darauf an, welche Stelle ein Gestein im Erdganzen einnimmt; das Einzelne interessiert ihn nur mehr als Teil des Ganzen. Es erscheint ihm schließlich dasjenige mineralogisch-geologische System als das richtige, das die Vorgänge in der Erde nachschafft, das zeigt, warum an dieser Stelle gerade das, an jener das andere entstehen mußte. Das Vorkommen wird ihm ausschlaggebend. Er tadelt es daher an Werners Lehre, die er sonst so hoch verehrt, daß sie die Mineralien nicht nach dem Vorkommen, das uns über ihr Entstehen Aufschluß gibt, als vielmehr nach zufälligen äußeren Kennzeichen anordnet. Das vollkommene System macht nicht der Forscher, sondern das hat die Natur selbst gemacht.“ (Lit.:GA 1, S. 244ff)

„Goethe ist, wenn man das von den Gegenwärtigen arg mißbrauchte Wort noch anwenden will: Naturalist, Er wollte die Natur in ihrer Reinheit erkennen und in seinen Werken wiedergeben. Alles, was zur Naturerklärung zu Dingen Zuflucht nahm, die nicht in der Natur selbst zu finden sind, war seiner Vorstellungsart zuwider. Jenseitige, transzendente, göttliche Gewalten lehnte er in jeder Form ab. Ein Gott, der nur von außen wirkt, nicht die Welt im Innersten bewegt, geht ihn nichts an. Jede Art von Offenbarung und Metaphysik war ihm ein Greuel. Wer den Blick unbefangen auf die wirklichen, die natürlichen Dinge richtet, dem müssen sie aus sich selbst ihre tiefsten Geheimnisse enthüllen. Aber er war nicht so wie unsere modernen Tatsachenfanatiker, die nur die Oberfläche der Dinge sehen können und «natürlich nur dasjenige nennen, was sich mit Augen sehen, mit Händen greifen und mit der Waage wägen läßt». Diese oberflächliche Wirklichkeit ist ihm nur die eine Seite, die Außenseite der Natur. Er will tiefer in das Getriebe sehen; er sucht die höhere Natur in der Natur.“ (Lit.:GA 29, S. 136)

Der heute in der Geologie vertretene dynamische Aktualismus gibt nur einseitig ein Bild der toten anorganischen Vorgänge, wie sie gegenwärtig vorherrschen, und wäre entsprechend, wie Dankmar Bosse im Anschluss an Goethe und Steiner betont, durch einen organisch erweiterten Aktualismus zu ergänzen, der auch die Lebensprozesse der Erdensphäre berücksichtigt und dann „zu einem menschlichen Aktualismus führen kann, bei dem Menschenerkenntnis und Welterkenntnis einander beleuchten würden.“ (Lit.: Bosse 2002, S. 33) Darüber hinaus wären auch die Ergebnisse der übersinnlichen Forschung einzubeziehen.

Literatur

  1. Dankmar Bosse: Die gemeinsame Evolution von Erde und Mensch: Entwurf einer Geologie und Paläontologie der lebendigen Erde, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgat 2002, ISBN 978-3772515934
  2. Rudolf Steiner: Gesammelte Aufsätze zur Dramaturgie 1889 – 1900, GA 29 (2004), ISBN 3-7274-0290-3 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org English: rsarchive.org
  3. Rudolf Steiner: Methodische Grundlagen der Anthroposophie, GA 30 (1989), ISBN 3-7274-0300-4 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org English: rsarchive.org
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