Anaximander

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Mutmaßliche Darstellung Anaximanders aus der Schule von Athen des Raffael, 1510/1511, Stanzen des Raffael im Vatikan

Anaximander (altgriech. Ἀναξίμανδρος Anaximandros; * um 610 v. Chr. in Milet; † nach 547 v. Chr. in Milet) war ein vorsokratischer griechischer Philosoph. Er gehört neben Thales und Anaximenes zu den wichtigsten Vertretern jenes philosophischen Aufbruchs, der mit Sammelbegriffen wie ionische Aufklärung[1] und milesische Naturphilosophie[2] bezeichnet wird.

Einordnung von Person und Bedeutung

Apollodor von Athen zufolge lebte Anaximander um 610 – 546 v. Chr. in Milet. Es ist wahrscheinlich, dass er Thales gekannt und mit ihm in enger Gedankengemeinschaft gelebt hat, jedenfalls gilt er als Nachfolger und Schüler des Thales.

Ihn beschäftigte dasselbe Grundproblem wie Thales, nämlich die Frage nach dem Ursprung allen Seins, nach der Arché (ἀρχή). Dafür hielt er jedoch nicht das Wasser, sondern das stofflich unbestimmte Ápeiron (ἄπειρον): das hinsichtlich seiner Größe „Unbegrenzte“ bzw. „Unermessliche“.[3] Von Anaximanders Philosophie ist in eigenen Worten nur ein einziges Fragment überliefert. Dabei handelt es sich um den ersten erhaltenen griechischen Text in Prosaform.[4] Der Großteil der philosophischen Anschauungen Anaximanders ist der zwei Jahrhunderte späteren Überlieferung des Aristoteles zu entnehmen und mit einigen Unsicherheiten behaftet.

Als bedeutender Astronom und Astrophysiker entwarf er als erster eine rein physikalische Kosmogonie. Er gründete seine Überlegungen zur Entstehung des Weltganzen ausschließlich auf Beobachtung und rationales Denken. Von ihm ging die Bezeichnung der Welt als Kosmos (κόσμος) und ihre Erfassung als ein planvoll geordnetes Ganzes aus. Anaximander zeichnete ebenfalls als erster nicht nur eine geographische Karte mit der damals bekannten Verteilung von Land und Meer, sondern er konstruierte auch eine Sphäre, einen Himmelsglobus. Die Karte ist heute verschollen, wurde aber später durch Hekataios ausgewertet, aus dessen Werk eine halbwegs konkrete Darstellung der damaligen Weltsicht überliefert ist.

"Freier von dem Innenleben, mehr dem Elemente des Gedankens selbst hingegeben, erscheint Anaximander. Er sieht den Ursprung der Dinge in einer Art Weltenäther, einem unbestimmten, gestaltlosen Urwesen, das keine Grenzen hat. Man nehme den Zeus des Pherekydes, entkleide ihn alles dessen, was ihm noch von Bildhaftigkeit eigen ist, und man hat das Urwesen des Anaximander: den zum Gedanken gewordenen Zeus. In Anaximander tritt eine Persönlichkeit auf, in welcher aus der Seelenstimmung heraus, die in den vorgenannten Denkern noch ihre Temperamentsschattierung hat, das Gedankenleben geboren wird. Eine solche Persönlichkeit fühlt sich als Seele mit dem Gedankenleben vereint und dadurch nicht mit der Natur so verwachsen wie die Seele, welche den Gedanken noch nicht als selbständig erlebt. Sie fühlt sich mit einer Weltenordnung verbunden, welche über den Naturvorgängen liegt. Wenn Anaximander davon spricht, daß die Menschen als Fische zuerst im Feuchten gelebt haben und dann sich durch Landtierformen hindurchentwickelt haben, so bedeutet das für ihn, daß der Geistkeim, als welchen sich der Mensch durch den Gedanken erkennt, nur wie durch Vorstufen durch die anderen Formen hindurchgegangen ist, um sich zuletzt die Gestalt zu geben, welche ihm von vornherein angemessen ist." (Lit.: GA 018, S. 56)

Ursprung und Ordnungsprinzip des Weltganzen

Die Grundsubstanz alles Gewordenen nach Anaximander, das Apeiron, wird unterschiedlich gedeutet: als räumlich und zeitlich unbegrenzten Urstoff[5], als unendlich hinsichtlich Masse oder Teilbarkeit, als unbestimmt oder grenzenlos u.a.m.[6] Der Begriff des Unermesslichen spiegelt wohl am ehesten die Offenheit der Deutungsmöglichkeiten des Apeiron. Nach Aristoteles hat Anaximander es als ein den Göttern der Volksreligion vergleichbares unsterbliches und unzerstörbares Wesen betrachtet.[7]

Mit dem einzigen erhaltenen Anaximander-Fragment liegt der erste schriftlich gefasste und überlieferte Satz der griechischen Philosophie überhaupt vor. Allerdings ist die diesbezügliche Forschung uneins, in welchem Umfang das Überlieferungsgut tatsächlich authentisch auf Anaximander zurückgeht.[8] Die Kernaussage lautet:

„(Woraus aber für das Seiende das Entstehen ist, dahinein erfolgt auch ihr Vergehen) gemäß der Notwendigkeit; denn sie schaffen einander Ausgleich und zahlen Buße für ihre Ungerechtigkeit nach der Ordnung der Zeit.[9]

Die gleichsam gesetzmäßige wechselseitige Ablösung gegenstrebiger Wirkkräfte oder Substanzen in einem kontinuierlichen und ausgeglichenen Prozess dürfte für die beständige Ordnung des Kosmos stehen: ein dem Wechsel und der Veränderung ausgesetztes und doch in sich stabiles System. Uneinig ist die Forschung darüber, ob auch das Apeiron an diesem Geschehen beteiligt ist oder ob es sich um einen rein innerweltlichen Ausgleichsprozess handelt, sodass die Wirkung des Apeiron sich allein auf die Phase der Weltentstehung beschränkte. Im anderen Fall kämen auch Vorstellungen von einer Mehrzahl neben- oder nacheinander existierender Welten in Betracht.[10] Robinson erwägt, dass Anaximander sich das Universum als einen ewigen Prozess gedacht haben könnte, „in dem eine unendliche Anzahl galaktischer Systeme aus dem Apeiron geboren und wieder in es aufgenommen wird. Damit hätte er auf brillante Weise die Weltsicht der Atomisten Demokrit und Leukipp vorweggenommen, die für gewöhnlich als deren eigene Leistung betrachtet wird.“[11]

Kosmos und Erde

Kosmologie

Anaximander meinte, bei der Entstehung des heutigen, geordneten Universums habe sich aus dem Ewigen ein Wärme- und Kältezeugendes abgesondert, und daraus sei eine Feuerkugel um die die Erde umgebende Luft gewachsen, wie um einen Baum die Rinde.

Die Gestirne entstehen laut Anaximander durch die geplatzte Feuerkugel, indem das abgespaltene Feuer von Luft eingeschlossen wird. An ihnen befänden sich gewisse röhrenartige Durchgänge als Ausblasestellen; sie seien dort als Gestirne sichtbar. In gleicher Weise entstünden auch die Finsternisse, nämlich durch Verriegelung der Ausblasestellen.

Das Meer sei ein Überrest des ursprünglich Feuchten. „Ursprünglich war die ganze Oberfläche der Erde feucht gewesen. Wie sie aber dann von der Sonne ausgetrocknet wurde, verdunstete allmählich der eine Teil. Es entstanden dadurch die Winde und die Wenden von Sonne und Mond, aus dem übrigen Teil hingegen das Meer. Daher würde es durch Austrocknung immer weniger Wasser haben, und schließlich würde es allmählich ganz trocken werden“ (Aristoteles über Anaximander). Aus einem Teil dieses Feuchten, das durch die Sonne verdampfe, entstünden die Winde, indem die feinsten Ausdünstungen der Luft sich ausschieden und, wenn sie sich sammelten, in Bewegung gerieten. Auch die Sonnen- und Mondwenden geschähen, weil diese eben, jener Dämpfe und Ausdünstungen wegen, ihre Wenden vollführten, indem sie sich solchen Orten zuwendeten, wo ihnen die Zufuhr dieser Ausdünstung gewährleistet sei.

Anaximanders Weltbild

Die Erde sei das, was vom ursprünglich Feuchten an den hohlen Stellen der Erde übrig geblieben sei. Anaximander meinte, die Erde sei schwebend, von nichts überwältigt und in Beharrung ruhend infolge ihres gleichen Abstandes von allen Himmelskreisen. Ihre Gestalt sei rund, gewölbt und ähnele in der Art eines steinernen Säulensegments einem Zylinder. Wir stünden auf der einen ihrer Grundflächen; die andere sei dieser entgegengesetzt. Regengüsse bildeten sich aus der Ausdünstung, welche infolge der Sonnenstrahlung aus der Erde hervorgerufen werde. Blitze entstünden, indem der Wind sich in die Wolken hineinstürze und sie auseinander schlage.

Theorie der Menschwerdung und der Seele

Die Entstehung der Menschheit führte Anaximander auf andere Lebewesen zurück. Ihm war aufgefallen, dass der Mensch im Vergleich zu anderen Arten im Frühstadium seiner Entwicklung sehr lange Zeit benötigt, bis er für die Selbstversorgung und das Überleben aus eigenen Kräften sorgen kann. Deshalb nahm er an, dass die ersten Menschen aus Tieren hervorgegangen waren, und zwar aus Fischen oder fischähnlichen Lebewesen. Denn den Ursprung des Lebendigen suchte er im Wasser; das Leben war für ihn eine Spontanentstehung aus dem feuchten Milieu: „Anaximander sagt, die ersten Lebewesen seien im Feuchten entstanden und von stachligen Rinden umgeben gewesen. Im weiteren Verlauf ihrer Lebenszeit seien sie auf das trockene Land gegangen und hätten, nachdem die sie umgebende Rinde aufgeplatzt sei, ihr Leben noch für kurze Zeit auf andere Weise verbracht.“[12]

Die Seele hielt Anaximander für luftartig. Der Vorstellung von der Seele als Aër mag die Verbindung mit dem Leben bzw. dem Ein- und Ausatmen zugrunde gelegen haben. Unklar ist, ob er zwischen der Atemseele des Menschen und der anderer Lebewesen unterschied.

Wie sich Anaximanders Auffassung von Apeiron und Kosmos zu seiner Vorstellung von der Seele verhielt, ob es zwischen ihnen überhaupt eine Beziehung gab, ist ungewiss. Da Anaximander die Seele für luftartig hielt, vermuten manche, dass er der Seele Unsterblichkeit zusprach. Ob er an eine Beseelung des Kosmos, ferner an eine Allbeseelung, ähnlich wie sie sich Thales vermutlich vorgestellt hatte, und darüber hinaus an die Unsterblichkeit individueller Seelen dachte, bleibt dahingestellt.

Textausgaben

  • Hermann Diels (Hrsg.): Die Fragmente der Vorsokratiker. Band 1. Herausgegeben von Walther Kranz. 4. Auflage (Abdruck der 3. Auflage mit Nachträgen). Weidmann, Berlin 1922 (griechisch und deutsch)
  • Laura Gemelli Marciano (Hrsg.): Die Vorsokratiker. Band 1, Artemis & Winkler, Düsseldorf 2007, ISBN 978-3-7608-1735-4, S. 32–69 (griechische Quellentexte mit deutscher Übersetzung, Erläuterungen sowie Einführung zu Leben und Werk)

Literatur

Weblinks

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Textausgaben

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Einzelnachweise

  1. Robinson a.a.O., S. 38ff.
  2. Rapp, S. 27ff.
  3. Robinson a.a.O., S. 40
  4. Themistios Or. 36, 317 C (DK 12 A 7); dazu Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft, Nürnberg 1962, S. 223: „Mit ihm [dem Prosabuch] tritt etwas Neues auf in der griechischen Geistesgeschichte: das erste Prosabuch schrieb Anaximandros.“ (und ebd. Anm. 6 zur Priorität gegenüber Pherekydes mit Berufung auf von Fritz, RE 19 Sp. 2030f.)
  5. Rapp, S. 38ff.
  6. Rapp, S. 40.
  7. Phys. III, 203b 14; zit.n. Robinson a.a.O., S. 41.
  8. Die Wiedergabe durch Simplikios im 6. nachchristlichen Jahrhundert beruht ihrerseits auf einem verlorengegangenen Werk des Aristoteles-Schülers Theophrastos von Eresos.
  9. Zit.n. Rapp, S. 45 – in Parenthese ein in der Forschung strittiger Passus, den Rapp eher Aristoteles zurechnet; altgriechisch: (ἐξ ὧν δὲ ἡ γένεσίς ἐστι τοῖς οὖσι, καὶ τὴν φθορὰν εἰς ταῦτα γίνεσθαι) κατὰ τὸ χρεών· διδόναι γὰρ αὐτὰ δίκην καὶ τίσιν ἀλλήλοις τῆς ἀδικίας κατὰ τὴν τοῦ χρόνου τάξιν.
  10. Rapp, S. 46.
  11. Robinson a.a.O., S. 43.
  12. Fragment DK 12 A 30; zitiert nach Rapp, S. 51.
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