Die Offenbarung Johannis – Eine astronomisch-historische Untersuchung

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Die Offenbarung Johannis – Eine astronomisch-historische Untersuchung ist der Titel der deutschen Ausgabe eines Buches des russischen Astronomen Nikolai Alexandrowitsch Morosow.

Das Werk im Überblick

Das im März 1907 veröffentlichte Werk hatte Morosow zwei Jahre zuvor während seiner Haftzeit verfasst. Auf Betreiben der orthodoxen Geistlichkeit wurde es im Jahr nach dem Erscheinen indiziert. Eine wörtliche Übersetzung des russischen Titels Откровение в грозе и буре. История возникновения Апокалипсиса lautet „Offenbarungen in Gewitter und Sturm. Geschichte der Entstehung der Apokalypse“.

In dieser Schrift stellt Morosow die These auf, dass die Offenbarung des Johannes die astronomische Konstellation beschreibt, die am Sonntag, dem 30. September 395 julianischen Datums über der Insel Patmos stand. Morosow vermutet, dass das Interesse des hochgebildeten Johannes Chrysostomus von Antiochia deshalb auf die Himmelsbeobachtung gerichtet war, weil er in Kenntnis des Saroszyklus an jenem Tag eine Sonnenfinsternis erwartete (diese ereignete sich tatsächlich – allerdings über Südamerika[1]). Diese These gilt jedoch heute als widerlegt, da die Offenbarung des Johannes bereits vor der Zeit des Johannes Chrysostomus nachweislich von den Kirchenvätern Hieronymus und Irenäus[2] erwähnt wurde.

Morosow hält fest:

1. Der Wochentag des Ereignisses ist angegeben:

  • Offb. 1,10: Am Sonntag bemächtigte sich meiner eine Begeisterung…

2. Die Beschreibung beziehe sich auf den Sternhimmel und beginne systematisch am Pol bei dem Thron genannten Sternbild (modern: Kleiner Bär):

  • Offb. 4,2: Und siehe, ein Thron stand im Himmel…

3. Sodann erwähne der Text die Milchstraße und die Tierkreiszeichen der Jahreszeiten: Löwe, Stier, Schütze und Adler (letzterer wird umgedeutet in das Sternbild Wassermann):

  • Offb. 4,6–7: Und vor dem Thron war es wie ein gläsernes Meer, gleich dem Kristall, und in der Mitte am Thron und um den Thron vier himmlische Gestalten, voller Augen vorn und hinten. Und die erste Gestalt war gleich einem Löwen, und die zweite Gestalt war gleich einem Stier, und die dritte Gestalt hatte ein Antlitz wie ein Mensch, und die vierte Gestalt war gleich einem fliegenden Adler.

4. Die vier Rosse der apokalyptischen Reiter sieht Morosow Metaphern für die Planeten Jupiter, Mars, Merkur und Saturn. Auf ihnen würden die Sternbilder Schütze, Perseus, Waage und Skorpion „reiten“:

  • Offb. 6,2: Und ich sah, und siehe, ein weißes Ross. Und der darauf saß, hatte einen Bogen.
  • Offb. 6,4: Und es kam heraus ein zweites Ross, das war feuerrot. Und dem, der darauf saß, wurde Macht gegeben, den Frieden von der Erde zu nehmen, daß sie sich untereinander umbrächten, und ihm wurde ein großes Schwert gegeben.
  • Offb. 6,5: Und ich sah, und siehe, ein dunkles Ross. Und der darauf saß, hatte eine Waage in seiner Hand.
  • Offb. 6,8: Und ich sah, und siehe, ein fahles Ross. Und der darauf saß, dessen Name war: Der Tod, und die Hölle folgte ihm nach.

5. Sonne und Mond seien direkt benannt. Das einzige weibliche Tierkreiszeichen ist die Jungfrau:

  • Offb.12,1: Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.

Als Hure wird schließlich der Planet Venus bezeichnet, das Symbol weiblicher Erotik, der sich mit dem roten Antares (wörtlich: Gegen-Mars) im Sternbild Skorpion vereint:

  • Offb. 17,3–5: Und ich sah eine Frau auf einem scharlachroten Tier sitzen, das war voll lästerlicher Namen und hatte sieben Häupter und zehn Hörner. Und die Frau war bekleidet mit Purpur und Scharlach und geschmückt mit Gold und Edelsteinen und Perlen und hatte einen goldenen Becher in der Hand, voll von Greuel und Unreinheit ihrer Hurerei.

Die Beschreibung im Text der Offenbarung gebe demzufolge exakt die Konstellation für das julianische Datum des 30. Septembers 395 wieder. Rektaszension und Deklination für den Standort Patmos um 15 Uhr Weltzeit an diesem Tag wurden mit Hilfe des Programms Your Sky[3] errechnet. (Die Rektaszension ist aufgrund der Präzession der Erde gegenüber den heutigen Werten verschoben):

Figur d. Offb. Zuordnung Sternbild ~Rektasz. Gestirn Rektaszension Deklination
1 Sonne Weib (Leib) Jungfrau 12h – 14h Sonne 12h 27m 56s -3° 02.9
2 Mond Weib, zu Füßen Jungfrau 12h – 14h Mond 12h 19m 00s -2° 50.5
3 Weißes Ross Bogenschütze Schütze 16h – 18h Jupiter 17h 56m 56s -24° 01.5
4 Fahles Ross Tod Skorpion 14h – 16h Saturn 14h 40m 40s -13° 45.5
5 Dunkles Ross Waage Waage 12h – 14h Merkur 13h 52m 38s -14° 54.5
6 Rotes Ross Schwertträger Perseus / Widder 00h – 02h Mars 00h 59m 38s +3° 31.2
7 Weib / Hure Rotes Tier Antares, Skorp. 14h 55m Venus 14h 54m 50s 18° 22.9

Da Sonne, Mond, sowie drei äußere und zwei innere Planeten 3.732.480 Konstellationen in den zwölf Sternbildern des Tierkreises bilden können (125 × 5 × 3), sei eine zufällige Übereinstimmung praktisch ausgeschlossen.

Hier setzt die Chronologiekritik an: Allgemein gilt unter Bezug auf Irenäus (Haer. V,30,3), dass die Offenbarung gegen Ende der Regierungszeit Domitians (81–96) geschaut worden ist. Demnach sei entweder die Offenbarung oder die Herrschaft des Domitian um etwa drei Jahrhunderte zu alt datiert.

Die Himmelskonstellation vom 30. September 395 um 15 Uhr UTC, gesehen von der Insel Patmos, mit Bezug zum 5. apokalyptischen Siegel, erstellt mit SkyChart 4.2.
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Kritik Rudolf Steiners

Das fünfte apokalyptische Siegel: Die Jungfrau mit der Sonne bekleidet, den Mond zu ihren Füßen. Nach den Angaben Rudolf Steiner gemalt von Clara Rettich.

Rudolf Steiner kannte die deutsche Übersetzung von Morosows Werk über die Apokalypse des Johannes. Tatsächlich habe sich Johannes geistig in die besondere Himmelskonstellation vom 30. September 395 versetzt, um sich von den Einflüssen seiner unmittelbaren Gegenwart zu befreien. Morosows Spekulationen, dass die Apokalypse erst von Johannes Chrysostomus im Jahre 395 verfasst worden sei, wies er aber zurück. In den Aufzeichnungen B[4] zu einer am 5. März 1911 in Hannover gehaltenen esoterischen Stunde heißt es dazu:

„Alles was wir erleben an Freuden und Leiden, ist wie ein Nebel um uns herum, der das Geistige verdeckt, dasselbe Geistige, das wir finden, wenn wir die äußere Decke durchstoßen. Damit sich die Menschheit wieder fortentwickelt zum Geistigen hin, gibt es von Zeit zu Zeit Menschen, welche weiter vorgeschritten sind, als es die augenblickliche Entwicklung zuläßt, und welche Mitteilungen zu machen haben über Zeiten, die weit hinaus in die Zukunft der Menschheitsentwicklung hineinreichen. Ein solcher war der Schreiber der Apokalypse, Johannes. Aber ehe er diese Offenbarung der zukünftigen Menschheitszustände schrieb, da sagte er sich: Bevor ich das kann, muß ich dazu gelangen, ganz aus meiner jetzigen Umgebung herauszukommen, in welcher ich beeinflußt werde von meinem eigenen Selbst, das in meinem Körper eingeschlossen ist, von mir selbst, der ich verbunden und gebunden bin an alles das, was mich ringsum umgibt. - Von alle dem muß ich mich frei machen. Wie auf einen Fels mußte er sich stellen, der ihm als feste Grundlage diente, auf dem er nicht wankte, auf dem er von nichts beeinflußt werden konnte, was um ihn und in ihm wogte und lebte. - Und er versetzte sich an den Abend des 30. September des Jahres 395 bei Sonnenuntergang auf die Insel Patmos. Als die Sonne am Horizonte beinah verschwunden war, als die Sterne und der Mond hervortraten, da stand am westlichen Himmel das Sternbild der Jungfrau, bestrahlt von der untergehenden Sonne, unter ihr, zu ihren Füßen der Mond. Dies Bild, die Jungfrau mit der strahlenden Sonne, zu ihren Füßen der Mond, ist wiedergegeben in dem einen Siegel. - So sind alle Siegel herausgeholt aus tief mystischen Zusammenhängen.

Johannes hatte also die äußere Decke in dieser Richtung hin durchstoßen, in der Richtung des Sternbildes der Jungfrau. So gibt es aber zwölf Richtungen, nach den zwölf Sternbildern, sieben davon sind gute; fünf davon sind mehr oder weniger gefährlich. So wie nun Johannes sich diese ganz bestimmten Punkte in der Zeit und dem Raum ausersah, um sich ganz von sich selbst und allem Zeitlichen, was ihn umgab, loszulösen, so muß der Rosenkreuzerschüler in sich einen festen Halt finden, sich einen festen Grund erringen [...]

In sich muß man einen festen Halt gewinnen, wie Johannes, als er die Apokalypse schreiben wollte und sich versetzte an den Abend des 30. Septembers 395 auf die Insel Patmos. Dies kann auch astronomisch nachgeprüft werden, diese Stellung der Gestirne - Sonne, Jungfrau, Mond - und es ist nachgeprüft worden. Und daraus zieht die materialistische Wissenschaft nun den Schluß: Also ist damals die Apokalypse geschrieben worden. Und dann heißt es, die Wissenschaft hat dies festgestellt. So stellt die Wissenschaft fest!“ (Lit.:GA 266b, S. 153ff)

Ausgaben

  • Откровение в грозе и буре. История возникновения Апокалипсиса. Byloje, Sankt Petersburg 1907
    • Nikolaus Morosow: Die Offenbarung Johannis. Eine astronomisch-historische Untersuchung. Mit einem Geleitwort von Arthur Drews. Spemann, Stuttgart 1912; Neuauflage: Edition Geheimes Wissen (2019), ISBN 978-3903241572

Literatur

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Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
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Einzelnachweise

  1. NASA Eclipse Web Site: Catalog of Solar Eclipses: 0301 to 0400 (letzte Aktualisierung: 6. September 2009)
  2. Irn. Adv.haer V 30,3 (engl., deutsch).
  3. Fourmilab (Website von John Walker): Your Sky (Eingaben: 395-09-30 15:30; 37N 27E; Opt. E, M, N, N)
  4. Die Aufzeichnung B liegt in der Handschrift von Nelly Lichtenberg vor. (Lit.:GA 266b, S. 485)


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