Gemeinwohl

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Das Gemeinwohl (griech. koiné symphéron; lat. salus publica, bonum commune, bonum generalis; eng. common good; franz. bien public) ist auf das Wohl einer sozialen Gemeinschaft gerichtet und steht damit in einem gewissen Gegensatz zu Einzel- oder Gruppeninteressen.

Offen bleibt bei der Bestimmung des Gemeinwohls zunächst, welchen Umfang die ins Auge gefasste Gemeinschaft hat, die von zwei Personen bis zur ganzen Menschheit, ja bis zur Welt insgesamt inklusive aller Naturreiche reichen kann, weiters wie das angestrebte Wohl konkret beschaffen sein sollte und auf welchem Wege es zu verwirklichen wäre. Nach Platons «Politeia» könnten nur Philosophen diese Fragen klären und sollten deshalb die Geschicke des Staates lenken. Aristoteles bezog das Gemeinwohl auf die Polis, deren Ziel es sei, das Glück ihrer Bürger zu fördern. Die Stoiker dehnten den Begriff im Prinzip bereits auf die ganze Menschheit aus und fassten das Gemeinwohl als das für alle Menschen Gute auf. Thomas von Aquin sah das bonum commune in dem, „was für alle Geschöpfe gut ist und wonach alle naturgemäß streben[1], also letztlich in Gott als dem eigentlich Guten. Im Utilitarismus wird das Gemeinwohl hingegen als „das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl der Privatpersonen“.[2]. Grundsätzlich schwanken die Definitionen des Gemeinwohls zwischen mehr luziferischen und mehr ahrimanischen Idealen, die nur heilsam sein können, wenn sie ins rechte Gleichgewicht gebracht werden.

Für ein Freies Geistesleben im Sinne der von Rudolf Steiner entwickelten sozialen Dreigliederung ist die freie schöpferische Entfaltung des Individuums unerlässlich für ein geistgemäßes Gemeinwohl. Schon vor seiner eigentlichen anthroposophischen Tätigkeit hat Rudolf Steiner folgendes soziologische Grundgesetz formuliert, nach dem alle kulturelle Entwicklung auf die freie Entfaltung des Individuums zielt:

„Die Menschheit strebt im Anfange der Kulturzustände nach Entstehung sozialer Verbände; dem Interesse dieser Verbände wird zunächst das Interesse des Individuums geopfert; die weitere Entwicklung führt zur Befreiung des Individuums von dem Interesse der Verbände und zur freien Entfaltung der Bedürfnisse und Kräfte des Einzelnen.“ (Lit.:GA 31, S. 255f)

Dass das reine Streben nach Glück ein ahrimanisches Ideal ist und die Menschen letztlich ichlos machen würde, hat Rudolf Steiner nachdrücklich betont:

„Denn wenn auf der Erde nur das Glück begründet werden soll, so könnte niemals das Ich auf der Erde leben. Wenn das Gute nur dadurch begründet werden sollte, daß Glück über die Erde ausgebreitet werden sollte, so würde folgendes nämlich eintreten, das zeigt schon die Erfahrung der alten Atlantis: Auch in der Mitte der Atlantischen Kultur waren große Impulse gegeben, die im weiteren Verlaufe zu einem Glücke geführt hätten. Die Menschen hatten, was sie zuerst als Antrieb des Guten empfunden haben, in seiner Form, in seinen Wirkungen gesehen als ein gewisses Glück. Da gibt sich der Mensch dem Glücke hin, da geht der Mensch in Glück auf. Und die Erde mußte in bezug auf die atlantische Kultur gewissermaßen hinweggefegt werden, weil die Menschen nur zurückbehalten hatten das Glück von dem Guten. In der nachatlantischen Zeit will nun Ahriman direkt eine Glückskultur begründen. Das würde heißen: auspressen die Zitrone, weg mit ihr! - Die Iche würden nicht mehr leben können, wenn nur eine Glückskultur begründet werden sollte. Glück und Gutes, Glück und Tugend sind keine Begriffe, die füreinander gesetzt werden können.“ (Lit.:GA 171, S. 112f)

Siehe auch

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Gesammelte Aufsätze zur Kultur- und Zeitgeschichte 1887 – 1901, GA 31 (1989), ISBN 3-7274-0310-1 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Innere Entwicklungsimpulse der Menschheit. Goethe und die Krisis des neunzehnten Jahrhunderts, GA 171 (1984), ISBN 3-7274-1710-2 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Literaturangaben zum Werk Rudolf Steiners folgen, wenn nicht anders angegeben, der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA), Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz
Email: verlag@steinerverlag.com URL: www.steinerverlag.com. Freie Werkausgaben gibt es auf fvn-rs.net, archive.org und im Rudolf Steiner Online Archiv.
Eine textkritische Ausgabe grundlegender Schriften Rudolf Steiners bietet die Kritische Ausgabe (SKA) (Hrsg. Christian Clement): steinerkritischeausgabe.com
Die Rudolf Steiner Ausgaben basieren auf Klartextnachschriften, die dem gesprochenen Wort Rudolf Steiners so nah wie möglich kommen.
Hilfreiche Werkzeuge zur Orientierung in Steiners Gesamtwerk sind Christian Karls kostenlos online verfügbares Handbuch zum Werk Rudolf Steiners und
Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
Ausführliche bibliografische Informationen mit Volltextsuche in allen derzeit verfügbaren Online-Ausgaben bietet die Steinerdatenbank.de.

Einzelnachweise

  1. Nach Oswald Schwemmer, Gemeinwohl, in: Mittelstraß (Hrsg.), Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, 2. Aufl., Bd. 3. Metzler, Stuttgart, Weimar 2008 und Gessmann, Martin (Hg.): Philosophisches Wörterbuch. - 23. Auflage. - Kröner, Stuttgart, 2009: Bonum commune.
  2. Gessmann, Martin (Hg.): Philosophisches Wörterbuch. - 23. Auflage. - Kröner, Stuttgart, 2009: Bonum commune.