Innerer Sinn

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Ein innerer Sinn oder Gemeinsinn (griech. ϰοινὴ αἴσθησις koiné aísthesis; lat. sensus communis) wurde erstmals von Aristoteles in seiner Schrift «Über die Seele» (griech. Περὶ Ψυχῆς Peri psychēs; lat. De anima) beschrieben[1] als das Mensch und Tier gemeinsame Vermögen, die Wahrnehmungen der verschiedenen Sinne voneinander zu unterscheiden (z.B. das Weiße von dem Süßen), zu einem Ganzen zusammenzufassen und das ihnen Gemeinsame zu erkennen, wozu Aristoteles vor allem Bewegung, Zahl, Gestalt und Größe rechnet. Dazu ist kein einzelner der fünf „fleischlichen“ Sinne für sich fähig. Es bedarf also noch eines gemeinsamen inneren Sinns, eines Gemeinsinns, der das zu leisten vermag. Aristoteles wollte damit erklären, wie sich die Wahrnehmungen der klassischen fünf Sinne[2] zum Gesamtbild eines realen, bewegten, veränderlichen Gegenstands vereinigen, der dann vom Menschen - nicht vom Tier - durch das Denken erfasst werden kann. Zugleich ist ihm der innere Gemeinsein eine Stütze für das Selbstbewusstsein, denn durch ihn nehmen wir zugleich wahr, dass wir wahrnehmen. Wie diese mentalen Leistungen mit der neuronalen Struktur und Funktion des Gehirns zusammenhängt wird in den Neurowissenschaften als das sog. Bindungsproblem diskutiert.

„Eine jede Empfindung ist die Empfindung eines unterliegenden sinnlichen Gegenstandes. Sie ist in ihrem Sinnesorgane, in so fern es ihr Sinnesorgan ist, und unterscheidet die Verschiedenheiten des unterliegenden sinnlichen Objekts; wie z.B. das Gesicht das Weiße und Schwarze; der Geschmack das Süße und Bittere, und die übrigen Sinne ihre Gegenstände ebenfalls unterscheiden.

Da wir aber das Weiße, das Süße und jedes einzelne Empfindbare mit Einzelnen anderer Sinne vergleichen, und durch etwas ihren Unterschied empfinden, so folgt notwendig, dass es durch Empfindung geschehen müsse, weil es lauter empfindbare Gegenstände sind.

Daher wird es offenbar, dass das Fleisch nicht das letzte Sinnesorgan sein könne. Denn es müsste notwendig obige Unterschiede durch's Fühlen unterscheiden. Es kann also wohl nicht geschehen, dass von einander getrennten Sinnen beurteilt werden könnte, dass das Süße und Weiße von einander unterschieden sind; sondern es müssen einem und demselben Sinn alle beide Empfindungen bekannt sein.“

Aristoteles: Über die Seele III, 2[1]

Nach Rudolf Steiner handelt es sich dabei bereits um eine synthetische Leistung des Denkens, die allerdings bei uns vertrauten Gegenständen so rasch abläuft, dass wir sie gar nicht bemerken, weil wir sogleich eine bereits in uns vorhandene Vorstellung darüber stülpen, die wir vielleicht schon in der Kindheit erworben haben. Nur bei völlig unbekannten Objekten wird uns bewusst, wie das das Denken nach einem geeigneten Begriff suchen muss, der sich mit der Wahrnehmung so vereinigen kann, dass wir das Objekt als konkrete Wirklichkeit erfahren.

Bezüglich des inneren Sinns weist Rudolf Steiner auf ein anderes vertrautes Phänomen hin: Mit den Wahrnehmungen der verschiedenen Sinne schwingen oft auch ganz andere Sinnesqualitäten mit, die zwar nicht äußerlich sinnlich wahrgenommen, aber doch deutlich gefühlt werden können, sodass wir zurecht von warmen und kalten Farben, hellen oder dunklen bzw. hohen oder tiefen Tönen usw. sprechen. In diesen Bereich gehören auch die sinnlich-sittlichen Wirkungen der Farben, von denen Goethe in seiner Farbenlehre gesprochen hat, oder das Phänomen der Synästhesie.

„Jeder einzelne Sinn nimmt ein gewisses Gebiet der Außenwelt wahr: der Gesichtssinn Farben und Licht, der Gehörsinn die Töne und so weiter. Wir stehen gleichsam durch diese Tore unseres Wesens, die wir als Sinne bezeichnen, in Beziehung zu der Umwelt, wir öffnen uns der Umwelt, aber wir nähern uns durch jeden einzelnen Sinn einem ganz bestimmten Gebiete der Umwelt.

Nun zeigt uns schon unsere gewöhnliche Sprache, daß wir in unserem Inneren etwas tragen wie ein Prinzip, das diese verschiedenen Gebiete, denen sich unsere Sinne neigen, zusammenfaßt. Wir sprechen zum Beispiel von warmen und kalten Farben, wenn wir auch empfinden, daß das für unsere Verhältnisse zunächst nur vergleichsweise ist, daß wir doch durch den Gefühlssinn Kälte und Wärme und durch den Gesichtssinn Farben, Hell und Dunkel wahrnehmen. Wir sprechen also von warmen und kalten Farben, das heißt, wir wenden aus einer gewissen inneren Verwandtschaft, die wir fühlen, das, was der eine Sinn wahrnimmt, auf den anderen an. So drükken wir uns aus, weil in unserem Inneren verschmilzt eine gewisse Gesichtswahrnehmung mit dem, was wir durch unseren Wärmesinn wahrnehmen. Feiner empfindende Menschen, sensitive Menschen können bei gewissen Tönen innerlich regsam fühlen wiederum gewisse Farbenvorstellungen, so daß sie sprechen können von gewissen Tönen, die in ihnen die Farbenvorstellung des Rot, andere, die in ihnen die Farbenvorstellung des Blau hervorrufen. In unserem Inneren lebt also etwas, was die einzelnen Sinnesbezirke zusammenfaßt, was aus den einzelnen Sinnesbezirken ein Ganzes für die Seele bildet.

Man kann, wenn man sensitiv ist, noch weiter gehen. Es gibt Menschen, die zum Beispiel, wenn sie eine Stadt betreten, so empfinden, daß sie sagen: Diese Stadt macht auf mich den Eindruck einer gelben Stadt, - oder wenn sie eine andere Stadt betreten: Diese macht auf mich den Eindruck einer roten Stadt, eine andere macht den Eindruck einer weißen, einer blauen Stadt. - Wir übertragen eine ganze Summe dessen, was auf uns wirkt, in unserem Inneren auf eine Farbenvorstellung, wir fassen die einzelnen Sinneseindrücke in unserem Inneren mit einem Gesamtsinn zusammen, der sich nicht auf ein einzelnes Sinnesgebiet richtet, sondern der in unserem Inneren lebt und uns wie mit einem einheitlichen Sinn erfüllt, indem wir die einzelnen Sinneseindrücke hineinverarbeiten. Den inneren Sinn können wir das nennen. Wir können das um so mehr den inneren Sinn nennen, als alles das, was wir sonst nur innerlich erleben an Leid und Freude, an Leidenschaften und Affekten, wir auch wiederum zusammenbringen können mit dem, was uns dieser innere Sinn gibt. Bestimmte Leidenschaften können wir als dunkle, kalte Leidenschaften bezeichnen, andere als warme, lichtvolle, helle Leidenschaften.

Wir können auch sagen: Also unser Inneres wirkt wiederum zurück auf das, was den inneren Sinn bildet, - Gegenüber den vielen Sinnen, welche wir den einzelnen Gebieten der Außenwelt zuwenden, können wir von einem solchen uns die Seele erfüllenden Sinn sprechen, von dem wir wissen, daß er nicht mit einem einzelnen Sinnesorgan zusammenhängt, sondern unsere ganze menschliche Wesenheit in Anspruch nimmt als sein Werkzeug. Diesen inneren Sinn mit Manas zu bezeichnen, ist ganz im Sinne der Sankhyaphilosophie. Das, was substantiell formt diesen inneren Sinn, ist das, was schon als ein späteres Formprodukt heraus sich entwickelt aus Ahamkara im Sinne der Sankhyaphilosophie. So daß wir sagen können: erst die Urflut, dann Buddhi, dann Ahamkara, dann Manas, was wir antreffen in uns als unseren inneren Sinn. Wenn wir diesen inneren Sinn betrachten wollen, dann machen wir uns das heute dadurch klar, daß wir die einzelnen Sinne nehmen und sozusagen nachsehen, wie wir eine Vorstellung dadurch gewinnen können, daß die Wahrnehmungen der einzelnen Sinne sich zusammenfügen im inneren Sinn.“ (Lit.:GA 142, S. 34ff)

Von besonderer Bedeutung ist der innere Sinn, der die verschiedenen Sinneessphären zusammenführt, für das Ästhetisches Empfinden:

„Wie die Planeten einer den andern bedecken und in ihrem gegenseitigen Verhältnis eine Bedeutung haben, während die Sternbilder ruhig bleiben, so werden die Sinnesbezirke, wenn sie gleichsam ins planetarische Menschenleben übergehen, beweglich, lebendig werden, sie werden zueinander Beziehungen erlangen, und daher kommt es, daß das künstlerische Wahrnehmen niemals so auf besondere Sinnesbezirke geht wie das gewöhnliche irdische Wahrnehmen. Es treten auch die einzelnen Sinne in gewisse Beziehungen zueinander. Nehmen wir irgendeinen Fall, zum Beispiel die Malerei. Für eine von der wirklichen Geisteswissenschaft ausgehende Betrachtung stellt sich folgendes heraus: Für die gewöhnliche Sinnesbeobachtung hat man es zu tun für das Sehen und für den Wärmesinn, für den Geschmackssinn und für den Geruchssinn mit abgesonderten Sinnesbezirken. Da trennt man diese Bezirke. In der Malerei findet eine merkwürdige Symbiose, ein merkwürdiges Zusammengehen dieser Sinnesbezirke statt, nur nicht in den groben Organen, sondern in der Verbreiterung der Organe, wie ich es angedeutet habe in vorhergehenden Vorträgen.

Der Maler oder der die Malerei Genießende sieht nicht bloß den Inhalt der Farbe an, das Rot oder das Blau oder das Violett, sondern er schmeckt die Farbe in Wirklichkeit, nur nicht mit dem groben Organ, sonst müßte er mit der Zunge dran lecken; das tut er ja nicht. Aber mit alledem, was zusammenhängt mit der Sphäre der Zunge, geht etwas vor, was in feiner Weise ähnlich ist dem Geschmacksprozeß. Also wenn Sie einfach einen grünen Papagei anschauen durch den sinnlichen Auffassungsprozeß, so sehen Sie mit Ihren Augen die Grünheit der Farbe. Wenn Sie aber eine Malerei genießen, so geht ein feiner imaginativer Vorgang vor in dem, was hinter Ihrer Zunge liegt und noch zum Geschmackssinn der Zunge gehört, und nimmt teil an dem Sehprozeß. Es sind ähnlich feine Vorgänge wie sonst, wenn Sie schmekken und die Nahrungsmittel verspeisen. Nicht das, was auf der Zunge vorgeht, sondern was sich erst an die Zunge anschließt, feinere physiologische Prozesse, die gehen zugleich mit dem Sehprozeß vor sich, so daß der Maler die Farbe im tieferen seelischen Sinne wirklich schmeckt. Und die Nuancierung der Farbe, die riecht er, aber nicht mit der Nase, sondern mit dem, was bei jedem Riechen seelischer, tiefer in dem Organismus vorgeht. So finden solche Zusammenlagerungen der Sinnesbezirke statt, indem die Sinnesbezirke mehr in Lebensvorgänge, in Bezirke für Lebensvorgänge übergehen.

Wenn wir eine Beschreibung lesen, durch die wir nur unterrichtet werden sollen, wie etwas aussieht oder was mit etwas geschieht, da lassen wir unseren Sprachsinn wirken, den Wortsinn, durch dessen Vermittelung wir informiert werden über dies oder jenes. Wenn wir ein Gedicht anhören, und hören es ebenso an, wie wir etwas anhören, was uns bloß informieren soll, da verstehen wir das Gedicht nicht. Das Gedicht lebt sich zwar so aus, daß wir es durch den Sprachsinn wahrnehmen, aber wenn bloß der Sprachsinn auf das Gedicht gerichtet ist, da verstehen wir es nicht. Es muß außer dem Sprachsinn auf das Gedicht noch gerichtet sein der durchseelte Gleichgewichtssinn und der durchseelte Bewegungssinn; aber eben durchseelt. Da entstehen also wiederum Zusammenlagerungen, Zusammenwirkungen der Sinnesorgane, indem der ganze Sinnesbereich in den Lebensbereich übergeht. Und begleitet muß das alles werden von beseelten, in Seelisches verwandelten Lebensprozessen, die nur nicht so wirken wie die gewöhnlichen Lebensprozesse der physischen Welt.“ (Lit.:GA 170, S. 150ff)

Literatur

  1. Rudolf Steiner: Die Bhagavad Gita und die Paulusbriefe, GA 142 (1982), ISBN 3-7274-1420-0 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
  2. Rudolf Steiner: Das Rätsel des Menschen. Die geistigen Hintergründe der menschlichen Geschichte, GA 170 (1992), ISBN 3-7274-1700-5 pdf pdf(2) html mobi epub archive.org rsarchive.org
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Urs Schwendeners Nachschlagewerk Anthroposophie unter weitestgehender Verwendung des Originalwortlautes Rudolf Steiners.
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Weblinks

Anmerkungen

  1. De anima III, 2
  2. Rudolf Steiner hat die Sinneslehre wesenlich weiterentwickelt und nennt insgesamt zwölf Sinne.