Intelligenz

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Intelligenz (lat. intelligentia „Einsicht, Erkenntnisvermögen“, intellegere „verstehen“; abgeleitet von inter „zwischen“ und legere „lesen, wählen“; hebr. שָׂכַל sakal) bezeichnet heute im weitesten Sinne die kognitiven Fähigkeiten, Zusammenhänge zu erkennen, zu abstrahieren, optimale Strategien zur Problemlösung zu finden und aus den gewonnenen Erfahrungen zu lernen. Im einzelnen befähigt uns der Intellekt vor allem zum räumlichen Vorstellungsvermögen, zum Zählen und Rechnen, zum Sprachverständnis und zur Wortflüssigkeit und Gewandtheit im eigenen sprachlichen Ausdruck, zum individuellen Gedächtnis als wesentlicher Grundlage unseres Ich-Bewusstseins, zur raschen und aufmerksamkeitsgelenkten Wahrnehmung und insbesondere zum logischen Denken. Das Eigendenken, das eigenständige, nicht auf Offenbarung bzw. Inspiration gegründete menschliche Denken, wie es bereits von Aristoteles angestrebt und dann zunächst vom Arabismus aufgegriffen wurde, entfaltete sich in Europa erst richtig, als die kosmische Intelligenz Michael entsank und im 8. Jahrhundert n. Chr. in der Erdenregion ankam (Lit.:GA 240, S. 184).

Die höchste Form und Quelle aller Intelligenz ist die kosmische Intelligenz, die Rudolf Steiner knapp so charakterisiert:

„Intelligenz sind die gegenseitigen Verhaltensmaßregeln der höheren Hierarchien. Was die tun, wie sie sich zueinander verhalten, wie sie zueinander sind, das ist kosmische Intelligenz.“ (Lit.:GA 237, S. 168)

Insofern sich diese kosmische Intelligenz in der gesamten Natur widerspiegelt, ist auch diese insofern als intelligent anzusehen, als sie sich entsprechend der von der kosmischen Intelligenz repräsentierten Ordnung gestaltet und verhält, bis hinab in den anorganischen Bereich, unabhängig davon, ob damit Bewusstsein und Einsicht verbunden ist oder nicht. In diesem Sinn können auch vom Menschen entworfene tote bewusstlose Maschinen als „intelligent“ bezeichnet werden.

„Klar, Intelligenz ist ein vage definierter Begriff, deren Gipfel im allgemeinen Verständnis Genies wie Einstein oder Bach markieren und nicht Schneckenhäuser. Für Andy Adamatzky hat der Mensch jedoch nicht das Vorrecht auf Intelligenz. Seine Forschung wirft vielmehr die Frage auf, ob nicht sogar ein Schleimpilz intelligent ist, der ohne auch nur einen einzigen Irrweg einzuschlagen den direkten Weg durch ein Labyrinth zu einer Futterquelle findet. »Jede Form der Selbstorganisation, die Information verarbeitet, ist Intelligenz«, sekundiert ein Kollege Adamatzkys, der japanische Forscher Toshiyuki Nakagaki. Auch Information verarbeitende Maschinen, Computer also, wirken oft intelligent, was sich der Forschungszweig der »Künstlichen Intelligenz« zum Gegenstand gemacht hat.“ (Lit.: Meier, S. 5 [1])

Was den Unterschied zwischen tierischer und menschlicher Intelligenz betrifft, schreibt Peter Heusser:

„Unter Intelligenz kann man umfassend ein mentales Vermögen verstehen, sich nach logisch intelligiblen Gesetzmäßigkeiten zu verhalten. Aus dieser Perspektive spielt es zunächst keine Rolle, ob dieses Verhalten bewusst ist oder nicht bzw. ob diese Gesetzmäßigkeiten eingesehen werden oder nicht. So sind die Bauleistungen von Bibern, Schwalben und Wespen oder die Fliegerakrobatik von Möwen intelligent, indem dabei nach statischen bzw. aerodynamischen Gesetzmäßigkeiten verfahren wird, allerdings ohne dass bei den Tieren von logischer Einsicht in diese Gesetze die Rede sein könnte. Ähnlich ist es beim vorwissenschaftlichen menschlichen Hausbau wie z.B. bei den Iglus von Eskimos oder bei der Kunst des Bumerang-Werfens der australischen Aborigines. «Intelligent» kann also der weitgehend unbewusste Instinkt sein, intelligent ist auch das schon deutlicher ins Bewusstsein tretende Gefühl (siehe z.B. Daniel Golemans «Emotionale Intelligenz»; Goleman, 1996), intelligent können auch mehr oder weniger bewusste spontane oder erlernte Handlungen sein, ohne dass sie auf intellektuelle Einsicht in den logischen Gehalt der dabei angevvandten Intelligenz beruhen müssten, so z.B. beim erwähnten Instrumentengebrauch Yon Tieren aufgrund mentaler Repräsentation von Antezedenz-Konsequenz-Folgen oder beim Bumerang-Werfen. All diesen Arten des Verhaltens ist Intelligenz inhärent, aber nicht bewusst. Das gilt im Grunde genommen auch schon für rein organische oder auch anorganische Geschehnisse wie z.B. die Morphogenese von Pflanzen oder die Bildung von Kristallen nach mathematisch-geometrischen Gesetzmäßigkeiten. Erst das entwickelte menschliche Denken kann sich all diese dem Anorganischen, Organischen und Mentalen zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten bewusst machen, indem es diese in sich zur Erscheinung bringt, eine mentale Leistung, die das Tier offenbar nicht vermag.

Was aber unterscheidet diese Denkleistung des Menschen von derjenigen des Tieres? Ihre Geistigkeit, ihre Aktivität, ihre Voll- und Selbstbewussteit und ihre Objektivität und Universalität. Geistig ist diese Tätigkeit, indem sie in nichts anderem als der vollbewussten Durchdringung des rein ideellen, d. h. geistigen Inhalts der entsprechenden Gesetze besteht. Aktiv, selbst- und vollbewusst ist sie, weil dieses denkende Durchdringen von Gesetzen ausschließlich durch eine voll- und selbstbewusste aktive Denkleistung des entsprechenden Individuums möglich ist. Und objektiv und universell ist sie, weil sie die universellen, allgemeinen und objektiven Gesetze durchdringt, die von allen individuellen, besonderen Fällen, für die diese Gesetze Geltung haben, absehen und lediglich deren Allgemeines beinhalten, welches überdies für alle Denker in gleicher Weise gilt.“ (Lit.: Heusser, S. 216f.)

So hatte auch schon Rudolf Steiner in seiner «Philosophie der Freiheit» argumentiert:

„Unser Denken ist nicht individuell wie unser Empfinden und Fühlen. Es ist universell. Es erhält ein individuelles Gepräge in jedem einzelnen Menschen nur dadurch, daß es auf sein individuelles Fühlen und Empfinden bezogen ist. Durch diese besonderen Färbungen des universellen Denkens unterscheiden sich die einzelnen Menschen voneinander. Ein Dreieck hat nur einen einzigen Begriff. Für den Inhalt dieses Begriffes ist es gleichgültig, ob ihn der menschliche Bewußtseinsträger A oder B faßt. Er wird aber von jedem der zwei Bewußtseinsträger in individueller Weise erfaßt werden.“ (Lit.:GA 4, S. 90)

Die sinnliche Intelligenz des Menschen ist ein durch das physische Gehirn zurückgeworfenes, flüchtiges irdisches mentales Schattenbild der kosmischen Intelligenz. Durch ihren reinen Bildcharakter, aus dem die geistige Wirklichkeit ausgelöscht ist, bildet sie eine wesentliche Grundlage für die Entwicklung der menschlichen Freiheit.

Zu einer wirklichen Erkenntnis führt der auf den Intellekt gegründete Intellektualismus nicht; dazu ist der Intellekt auch gar nicht da, wie Rudolf Steiner nachdrücklich betont:

"Ja, zu den alten Menschen haben die Naturerscheinungen so gesprochen, daß sie ihnen Geistiges offenbart haben. Aus jeder Quelle, aus jeder Wolke, aus jeder Pflanze hat Geistiges gesprochen. Die Menschen haben dadurch, daß sie in ihrer Art die Naturerscheinungen und Naturwesen kennenlernten, das Geistige kennengelernt. Das ist nun nicht mehr der Fall. Ein Zwischenzustand ist nur der Zustand des Intellektualismus. Denn dieser Intellektualismus, was hat er denn als seine tiefste Eigentümlichkeit? Daß man mit ihm, mit der reinen Intellektualität, überhaupt nichts erkennen kann. Der Intellekt ist nämlich gar nicht zum Erkennen da. Das ist der große Irrtum, dem sich der Mensch hingeben kann, daß der Intellekt zum Erkennen da sei. Erkennen werden die Menschen erst wiederum, wenn sie eingehen auf dasjenige, was der geisteswissenschaftlichen Forschung zugrunde liegt, was zum mindesten durch Imagination vermittelt wird. Erkennen werden die Menschen erst wiederum, wenn sie sich sagen: In alten Zeiten haben aus den Naturerscheinungen geistig-göttliche Wesenheiten gesprochen. Für den Intellekt sprechen sie nicht. Für die höheren, für die übersinnlichen Erkenntnisse werden zwar nicht die Naturerscheinungen unmittelbar sprechen, denn die Natur wirkt als solche stumm, aber es werden zu dem Menschen Wesenheiten sprechen, die ihm in Imaginationen erscheinen werden, die ihn inspirieren werden, mit denen er intuitiv vereinigt wird, und die er wiederum wird auf die Naturerscheinungen beziehen können. - So kann man sagen: In alten Zeiten ist dem Menschen durch die Natur das Geistige erschienen. In unserem Zwischenzustande hat der Mensch den Intellekt. Die Natur bleibt geistlos. Der Mensch wird sich hinaufschwingen zu einem Zustande, wo er wieder erkennen kann, wo ihm zwar die Natur nicht mehr vom Göttlich- Geistigen sprechen wird, wo er aber das Göttlich-Geistige in übersinnlicher Erkenntnis ergreifen wird, und wo er dadurch wiederum dieses Geistige auf die Natur wird beziehen können." (Lit.: GA 200, S. 86f)

Es gibt allerdings - vor allem für unsere gegenwärtige Kulturepoche und für die zukünftigen Kulturepochen - noch eine andere Bedeutung der Intelligenz, die gewissermaßen ihre Kehrseite darstellt:

„Wir werden als Menschheit einlaufen in eine Entwicklung der Intelligenz so, dass die Intelligenz wird die Neigung haben, nur das Falsche, den Irrtum, die Täuschung zu begreifen, und auszudenken nur das Böse.

Das wussten ja die Geheimschüler und wussten namentlich die Eingeweihten seit einer gewissen Zeit, dass die menschliche Intelligenz entgegengeht ihrer Entwicklung nach dem Bösen hin, dass es immer mehr und mehr unmöglich wird, durch die bloße Intelligenz das Gute zu erkennen. Die Menschheit ist heute in diesem Übergange. Wir können sagen: Gerade noch gelingt es den Menschen, wenn sie ihre Intelligenz anstrengen und nicht ganz besonders wilde Instinkte tragen, nach dem Lichte des Guten etwas hinzuschauen. Aber diese menschliche Intelligenz wird immer mehr und mehr die Neigung bekommen, das Böse auszudenken und das Böse dem Menschen einzufügen im Moralischen, das Böse in der Erkenntnis, den Irrtum.

Das war einer der Gründe, warum die Eingeweihten sich die Männer der Sorge nannten, weil in der Tat, wenn man in dieser Einseitigkeit, wie ich es jetzt auseinandergesetzt habe, die Entwicklung der Menschheit betrachtet, so macht sie Sorge; Sorge gerade wegen der Entwicklung der Intelligenz. Es ist schließlich gar nicht umsonst, dass die Intelligenz dem gegenwärtigen Menschen so viel Stolz und Hochmut einflößen kann.“ (Lit.: GA 296, S. 89).

"Es wäre natürlich eine völlig falsche Spekulation, zu glauben, daß man etwa die Intelligenz unterdrücken soll. Die Intelligenz darf nicht unterdrückt werden, aber es gehört für den Einsichtigen in der Zukunft ein gewisser Mut dazu, der Intelligenz sich hinzugeben, weil die Intelligenz die Versuchung bringt zum Bösen und zum Irrtum und weil wir in der Durchdringung der Intelligenz mit dem Christus-Prinzip finden müssen die Möglichkeit, diese Intelligenz umzuwandeln. Ganz und gar ahrimanisch würde die Intelligenz der Menschen, wenn das Christus-Prinzip die Seelen der Menschen nicht durchdränge.

Sie wissen ja, wie vieles da ist, in der Entwickelung der Menschheit ersichtlich ist, besonders in der Gegenwart, von dem, was für den Einsichtsvollen schon zeigt, daß die Dinge sich so ankündigen, wie ich sie eben charakterisiert habe. Man denke nur, was das dritte von den Entwickelungsgliedern, die durch den Materialismus der Menschheit drohen, über die Menschen heute schon bringt. Sehen Sie, wenn Sie bedenken, mit wie viel Grausamkeiten die heutige Kulturentwickelung durchsetzt ist, die sich kaum vergleichen lassen mit den Grausamkeiten barbarischer Zeitalter, dann werden Sie kaum zweifeln können, daß sich die Morgenröte für den Abstieg der Intelligenz deutlich ankündigt. Man sollte nicht in oberflächlicher Weise die sogenannten Kulturerscheinungen unseres Zeitalters betrachten, man sollte wahrhaftig nicht daran zweifeln, daß die Menschen der Gegenwart sich aufraffen müssen zu einem wirklichen Erfassen des Christus-Impulses, wenn sie einer heilsamen Entwickelung entgegengehen wollen. Es ist zweierlei heute schon stark zu bemerken: Menschen, die sehr intelligent sind und die einen deutlichen Hang zum Bösen haben; und es ist auf der anderen Seite zu bemerken, wie viele Menschen unbewußt diesen Hang zum Bösen dadurch unterdrücken, nicht bekämpfen, daß sie ihre Intelligenz schlafen lassen. Schläfrigkeit der Seele oder aber bei wachen Seelen ein starker Hang zum Bösen und zum Irrtum, das ist in der Gegenwart durchaus zu bemerken." (Lit.: GA 296, S. 93f)

Durch den ahrimanischen Einfluss droht das Denken immer stärker an das physische Gehirn gebunden, d.h. immer mehr materialisiert zu werden, wodurch der Mensch zu einem bloßen Denkautomaten herabsinken und sein unsterblich Geistig-Seelisches verlieren würde.

"Nun hat Ahriman sich die Intellektualität in einer Zeit angeeignet, als er sie nicht in sich verinnerlichen konnte. Sie blieb eine Kraft in seinem Wesen, die mit Herz und Seele nichts zu tun hat. Als kalt-frostiger, seelenloser kosmischer Impuls strömt von Ahriman die Intellektualität aus. Und die Menschen, die von diesem Impuls ergriffen werden, entwickeln eine Logik, die in erbarmungs- und liebeloser Art für sich selbst zu sprechen scheint - in Wahrheit spricht eben Ahriman in ihr -, bei der sich nichts zeigt, was rechtes, inneres, herzlich-seelisches Verbundensein des Menschen ist mit dem, was er denkt, spricht, tut." (Lit.: GA 26, S. 115)

"Man hat heute die Meinung, wenn man von Materialismus spricht, daß der Materialismus eine falsche Weltanschauung ist, daß er abzulehnen ist, weil er nicht richtig ist. So einfach verhält sich die Sache nicht. Der Mensch ist ein seelisch-geistiges Wesen, er ist ein leiblich-physisches Wesen. Aber das Leiblich-Physische ist ein getreues Abbild des Seelisch-Geistigen, insofern wir leben zwischen Geburt und Tod. Und wenn die Menschen so verphilistert sind in den materialistischen Gedanken, wie das geworden ist im Laufe des 19. Jahrhundertsund bis in die Gegenwart hinein, dann wird immer mehr das Leiblich- Physische ein Abdruck dieses Seelisch-Geistigen, das selbst in den materialistischen Impulsen lebt. Dann ist es nicht etwas Falsches, wenn man sagt, das Gehirn denkt, dann wird es richtig. Es werden durch das Fest-darin-Stecken im Materialismus nicht bloß Menschen erzeugt, die schlecht denken über das Leibliche, Seelische und Geistige, sondern es werden materiell denkende und materiell fühlende Menschen erzeugt. Das heißt, der Materialismus bewirkt, daß der Mensch ein Denkautomat wird, daß der Mensch ein Wesen wird, das als physisches Wesen denkt, fühlt und will. Und es ist nicht bloß die Aufgabe der Anthroposophie, an die Stelle einer falschen Weltanschauung eine richtige zu setzen — das ist eine theoretische Forderung —, das Wesen der Anthroposophie heute besteht darin, daß angestrebt wird nicht nur eine andere Idee, sondern eine Tat: das Geistig-Seelische wieder herauszureißen aus dem Leiblich-Physischen, den Menschen heraufzuheben in die Sphäre des Geistig-Seelischen, damit er nicht ein Denk-, Fühl- und Empfindungsautomat sei. Die Menschheit steht heute in der Gefahr — einiges soll auch morgen im Zweigvortrag angedeutet werden —, das Seelisch-Geistige zu verlieren." (Lit.: GA 300a, S. 163f)

Eine der Nebenwirkungen der falsch angewandten Intelligenz ist auch, dass diese sich mit den dämonischen Kräften verbunden hat, welche die Katastrophen des 20. Jahrhunderts erst erklärbar machen.

"Wenn die Menschen auch den Geist verleugnen, sie werden den Geist nicht los. Der Geist ist unabänderlich mit der Menschheit verbunden. Nur, wenn die Menschen dem Genius eines Zeitalters absagen, dann tritt an sie heran der Dämon dieses Zeitalters. Und als der Intellekt so weit war am Beginne des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts, daß er ganz und gar nur dem Mechanismus des physischen Leibes folgte, selbst automatisch, mechanisch wurde und damit auf seine höchste Stufe kam, da benahm sich der Intellekt so, wie der Mensch sich benimmt, wenn er dem Genius absagt. Dann faßt ihn der Dämon des Zeitalters. Der Intellekt hatte sich getrennt von der Seele." (Lit.: GA 255, S. 166)

Die höchste Form der menschlichen Intelligenz ist das reine sinnlichkeitsfreie Denken. Sein Inhalt sind zunächst reine Begriffe ohne unmittelbaren Bezug zu sinnlichen Wahrnehmungen und die sich aus den Begriffen selbst ergebenden wechselseitigen gesetzmäßigen Beziehungen zueinander. Inhaltlich ist diese Form des Denkens völlig unabhängig von der Sinnes- und Gehirntätigkeit. Das reine Denken unterscheidet sich dadurch von der gewöhnlichen Verstandestätigkeit, durch die wir die sinnlichen Erfahrungen denkend zu durchdringen versuchen.

„Warum für meine Beobachtung der Donner auf den Blitz folgt, weiß ich nicht ohne weiteres; warum mein Denken den Begriff Donner mit dem des Blitzes verbindet, weiß ich unmittelbar aus den Inhalten der beiden Begriffe. Es kommt natürlich, gar nicht darauf an, ob ich die richtigen Begriffe von Blitz und Donner habe. Der Zusammenhang derer, die ich habe, ist mir klar, und zwar durch sie selbst.

Diese durchsichtige Klarheit in bezug auf den Denkprozeß ist ganz unabhängig von unserer Kenntnis der physiologischen Grundlagen des Denkens. Ich spreche hier von dem Denken, insoferne es sich aus der Beobachtung unserer geistigen Tätigkeit ergibt. Wie ein materieller Vorgang meines Gehirns einen andern veranlaßt oder beeinflußt, während ich eine Gedankenoperation ausführe, kommt dabei gar nicht in Betracht. Was ich am Denken beobachte, ist nicht: welcher Vorgang in meinem Gehirne den Begriff des Blitzes mit dem des Donners verbindet, sondern, was mich veranlaßt, die beiden Begriffe in ein bestimmtes Verhältnis zu bringen. Meine Beobachtung ergibt, daß mir für meine Gedankenverbindungen nichts vorliegt, nach dem ich mich richte, als der Inhalt meiner Gedanken; nicht nach den materiellen Vorgängen in meinem Gehirn richte ich mich. Für ein weniger materialistisches Zeitalter als das unsrige wäre diese Bemerkung natürlich vollständig überflüssig. Gegenwärtig aber, wo es Leute gibt, die glauben: wenn wir wissen, was Materie ist, werden wir auch wissen, wie die Materie denkt, muß doch gesagt werden, daß man vom Denken reden kann, ohne sogleich mit der Gehirnphysiologie in Kollision zu treten.“ (Lit.:GA 4, S. 44f)

Siehe auch

Literatur

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